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diary entries of Franz Ferdinand

Agra — Bhartpur, 14. Februar 1893

Für den heutigen Tag war eine von dem englischen Residenten Colonel Martelli im Gebiet des Maharadschas von Bhartpur arrangierte Jagd auf Wasserwild angesetzt. Ich hoffte hiebei, gewissermaßen nur aus Versehen, auch ein bis zwei Nilgaus zu schießen, deren Tötung im Reich des Maharadschas wegen ihrer angeblichen Ähnlichkeit mit den heiligen Kühen streng verpönt ist und, wie man mir sagte, bloß dem „zufälligerweise“ treffenden Schützen nachgesehen werden könnte.

Schon die ungefähr anderthalbstündige Eisenbahnfahrt von Agra westlich nach Bhartpur bietet abwechslungsreiche Bilder, welche die Jagdlust und die Spannung auf die Ergebnisse des Tages steigern. An einem kleinen Teich, den wir passieren, sehen wir Pelikane, dreierlei Arten von Störchen, darunter den mächtigen Riesenstorch (Xenorhynchus asiaticus), die schönen Antigone-Kraniche, Gänse. Enten und zahlreiches anderes Wasserwild. In ein Dschungel flüchtet ein Rudel Nilgaus, „Blauer Stiere“ (Portax pictus), die ich hier zum ersten Mal sehe: es sind große Tiere, in der Form zwischen Elch, Hirsch und Rind; das Haupt ist klein, mit kurzen, gebogenen, schwarzen Hörnern; der Hals mächtig, mit langem Bart; die Schulterpartie und die Croupe wie beim Elch; die Läufe sind stark und sehnig; die Stiere sind grau, an den Extremitäten schwarz; die Kühe und Kälber rehbraun. Weiterhin wurden der Bahn entlang auch Wildschweine sichtbar.

In der Station Bhartpur empfing mich der Maharadscha Sri Bridschindra Seiwadsch Dscheswant Dschangh Balladur, ein kleiner, äußerst finster und unwirsch aussehender Landesvater, der jedes Wort wie im Ton des Zornes ausstieß. Er soll seinen Untertanen ein keineswegs gnädiger und gütiger Herrscher und in seinem reiferen Alter nicht sehr skrupulös in der Wahl seiner Vergnügungen sein. Er beherrscht einen nominell sich noch der Unabhängigkeit erfreuenden Staat; doch hat er, wie andere im Bannkreis englischer Macht stehende Fürsten, einen Residenten an seiner Seite, der ihm die Last des Regiments tragen hilft. Der Fürst von Bhartpur stammt von einem Dschat namens Tschuraman, der Aurengzeb bekämpft und den Glanz jener Dynastie begründet hat, welche von Bhartpur aus in den Jahren 1760 bis 1765 Agra okkupierte, seit 1826 aber jeder selbständigen auswärtigen Politik dauernd entsagen und der britischen Suprematie sich beugen musste. Die volkreichen Geschlechter der Dschats sind, wie manche der Radschput-Stämme im Zwischenstromland des Ganges und der Dschamna, indo-skytischen, das ist arisch-zentral-asiatischen Ursprunges und bekennen sich fast ausschließlich zum Islam.

Umgeben von einer berittenen Leibwache, fuhren wir in einer Prachtkarosse durch die Stadt, die festungsähnlich von einer sehr starken, turmbekränzten Umwallungsmauer und von breiten Wassergräben eingeschlossen ist. Bastionen und mächtige, fortifikatorisch gut gebaute Tore erhöhen die Widerstandskraft der Festungsstadt.

Die Engländer haben Bhartpur erst nach schweren Kämpfen und mit dem Aufwand aller Mittel europäischer Kriegskunst in die Hand bekommen. Die Belagerung dieses Bollwerkes des Dschatfürsten Randschit Sindhia durch britische Truppen unter dem Eroberer Hindustans, General Lake, in den Jahren 1805 bis 1806, endigte mit der Einnahme der insbesondere durch ihre Wasserbauten geschützten, auf das tapferste verteidigten Festung erst dann, als Lake, dem lange Zeit hindurch der für eine regelrechte Belagerung erforderliche Park und Train mangelten, umfassendere Belagerungsoperationen durchzuführen und die gesamte bengalische Armee heranzuziehen vermocht hatte. Auch im Jahre 1826 bot Bhartpur den britischen Belagerern hartnäckigen Widerstand, bis es dem Befehlshaber der englischen Truppen Lord Combermere, nach sechswöchentlicher Belagerung gelang, in einen Teil der Bastionen Bresche zu schießen und die Festung mit Sturm zu nehmen.

Die Stadt hat eine Bevölkerung von etwa 60.000 Einwohnern. In den Straßen stand dichtgedrängt, uns mit lautem Geschrei begrüßend. eine große Menge Volkes. Auffallend ist die Schar von Affen, die auf der Dächern der Häuser ihr Unwesen treiben. Als wir im Palais des Residenten, Colonel Martelli, angelangt waren, stellte mir der Maharadscha unter einigen in seinen spärlichen Bart gemurmelten Worten seine beiden Söhne vor, einen etwas abgelebten Jüngling von neunzehn und einen hübschen, intelligent blickenden Knaben von fünf Jahren.
Nachdem der Maharadscha sich zurückgezogen, teilte sich die Gesellschaft, indem ich mit Wurmbrand auf die Pürsche von Blackbucks und verbotenen Nilgaus fuhr, während die anderen Herren auf Wasserwild auszogen. In einem Galawagen mit grüner, silbergestickter Kutschbockdecke, wie solche bei uns gelegentlich von Auffahrten zur Frohnleichnamsprocession oder bei besonderen Hoffesten üblich sind, rollte ich in das Dschungel, herzlich lachend über die neue Art von Pürschwagen, den ich benützte. Doch da wahrscheinlich alles, was in der ganzen Gegend kreucht und fleucht, beim Anblickt, meiner Karosse schleunigst geflohen wäre, verließ ich dieselbe bald und drang auf gut Glück in das Dschungel ein. Die Entwicklung von Pomp und Pracht, das Aufgebot von Galawagen und Eskorte bei der Jagd sind zwar gewiss recht gut gemeint und bezeugen liebenswürdige Zuvorkommenheit, aber auch geringeren praktischen Jagdsinn, da doch das Wild sich wie vor jedem anderen Sterblichen so auch vor einem reisenden Prinzen scheut, der ab und zu die Rolle des gefeierten Gastes gerne ablegen würde, um dem edlen Waidwerk nur nach den Regeln der Kunst zu obliegen.

Das erste, was ich in dem dünnen Dschungel erblickte, waren einige Hasen und ein Fuchs. Am Rand eines kleinen, sumpfigen Teiches, der mit einer Unzahl von Wasserwild bedeckt war, äste ein Rudel Black-bucks, die äußerst scheu waren, so dass ich nur einen starken Bock auf große Distanz anschweißen konnte. Auf dem gegenüberliegenden Rand des Teiches sah ich plötzlich eine Gais in voller Flucht aus dem Dschungel hervorkommen und, ihr nachsetzend, ein pantherartiges Tier, das ich aber der großen Entfernung halber nicht näher bestimmen konnte.

Weiter pürschend erblicke ich im Dschungel links von mir auf 100 m die Läufe und das Blatt eines Nilgaus — ich gebe Feuer, das Stück zeichnet gut, bald finde ich Lungenschweiß und auf 200 m vom Anschuss verendet einen kapitalen Stier, mein erstes Nilgau. Ich jubelte und Colonel Martelli mit mir. Die alte Geschichte, dass verbotene Früchte besonders gut munden! Sofort sandten wir das Beutestück heimlich zur Eisenbahnstation, damit der Maharadscha nichts erfahre und unser Stier unbehelligt nach Agra gelange.

Dann ging’s quer durch einen Teich in ein dichteres, wildreiches Dschungel, wo ich mehrere größere Rudel von Black-bucks antraf, aber nur einen starken Bock in voller Flucht erlegen konnte. Überall huschten im trockenen Gras Schakale und Pfauen umher, während Tausende von Tauben über mir hinwegstrichen. In weiter Ferne sah ich noch einzelne Nilgaus, doch ohne zum Schusse zu kommen. Ein gar zu kecker Schakal erlag meiner Kugel.

Nun kam der Hauptbestandteil jeder in Indien arrangierten Jagd, das Luncheon, bei welchem ich mit dem anderen Teil der Jagdgesellschaft wieder zusammentraf. Von meinen heimatlichen Jagdausflügen her gewohnt, auf der Mutter Erde hingestreckt, mit etwas kalter Küche vorlieb zu nehmen, kann ich mich mit der englischen, wenn auch verschwenderisch gastfreundlichen Auffassung eines Jägerfrühstückes nicht befreunden. Mit den Empfindungen meines Jägerherzens und der Poesie des Dschungel- und Trapperlebens lässt sich ein opulentes, luxuriös ausgestattetes Gastmahl nicht vereinbaren. Müdigkeit, Hunger und Durst zu ertragen, gehört eben auch zu den stählenden Freuden des Waidwerkes. Mitten in dem von Lianen durchzogenen Buschwerke prangt hier — umkreist von Nilgaus, Schakalen, Tigern, Panthern und anderen Bestien — ein Speisezelt von riesigen Dimensionen; daneben erhebt sich ein Küchenzelt zur Bereitung der warmen Speisen und endlich noch ein Zelt, in welchem die Jäger Toilette machen, ja mitunter sogar den Frack anlegen sollen. Dem Zwang dieses Kleidungsstückes füge ich mich im Dschungel nicht, auf die Gefahr hin, dass ich Anstoß errege; ich bitte ab, doch kann ich nicht anders, das Jagdkleid ist stärker als der Frack. Im Speisezelt ist eine Tafel aufgeschlagen, wie für einen Hochzeitsschmaus — silberne Aufsätze, Jardinieren mit Blumen gefüllt, silbernes Besteck, gedruckte Menu-Karten. Zehn Gänge zählt das Mahl und Weine aus aller Herren Ländern, namentlich Champagner, fließen in Strömen. Derart wird, was des Waidmanns frugaler Imbiss, gewürzt durch einen Trunk aus der Feldflasche, sein soll, zu einer Fete champetre, zu dem geeigneten Abschlusse einer allenfalls mit Damen unternommenen Landpartie. So frühstückten wir denn durch einige Stunden, um dann, schwer und träge geworden, wieder dem Waidwerk, der in Aussicht gestellten Wasserjagd, die sich in ihrer Art ebenso interessant als originell gestaltete, zu obliegen.

Drei große Teiche, nur durch schmale, niedrige Dämme von einander getrennt, dehnen sich zu einer bedeutenden Wasser- und Sumpffläche aus, auf der es von Wild im wahren Sinne des Wortes wimmelt. Die Teiche sind von dichten, an Wasseradern reichen Dschungeln umgeben, die einen beliebten Schlupfwinkel für Nilgaus, Gazellen, Schakale und allerlei Wasserwild bieten. Bevor die ersten Schüsse gefallen waren, konnte man da Kraniche, allerlei Storch- und Reiherarten, Gänse, Enten, Kormorane, Wasserhühner, Taucher, Schnepfen und Wasserläufer beobachten, während in der Luft Adler, Geier und Weihen aller möglichen Arten kreisten; ein Seeadler holte sich auf 10 m von mir einen Fisch aus dem Wasser.

Wir nahmen auf einem der schmalen Dämme hinter Schirmen Stellung. Auf ein gegebenes Zeichen begann der Trieb durch das Röhricht und den Teich gegen uns zu, wobei als Treiber sieben große Elephanten dienten, die ganz willig selbst in das tiefere Wasser gingen und das Wild aufstöberten. Nach den ersten Schüssen hoben sich wahre Wolken von Wasserwild, das von der Linie der Schützen eifrig beschossen wurde. Noch nie habe ich solche Massen von Wasserwild an einem und demselben Fleck vereinigt gesehen; doch suchten leider die seltenen und scheuen Exemplare, besonders die Kraniche, Störche und Reiher sehr bald das Weite, so dass mir nur zwei schneeweiße Silberreiher (Ardea alba, im Winterkleide) zur Beute fielen.

Lange konnte ich die in unermesslicher Höhe ziehenden Schwärme von Kranichen und Störchen mit dem Blicke verfolgen. Unausgesetzt kamen einzelne Exemplare sowie ganze Flüge von Gänsen und Enten über unsere Köpfe gezogen, so dass wir bald über 100 Stück erlegt hatten. Fielen die Flüge wieder auf einem der drei Teiche ein, so ging alsbald ein Elephant bedächtigen Schrittes vor, um das Wild neuerlich aufzutreiben. Sowohl Wurmbrand als ich schossen Gänse seltener Arten; doch konnten die ungeschickten, als Apporteure fungierenden Kulis die erlegten Tiere nicht finden. Außerdem fielen mir zahlreiche Enten, größtenteils Stockenten (Anas boscas), dann Mittelenten (Anas strepera), Löffelenten und Spießenten (Anas acuta), sowie Kormorane und fünf Blässhühner zur Beute.

Die anderen Herren hatten ebenfalls zahlreiche Enten erlegt, meistens auch solche Arten, wie sie in Europa vorkommen, nur Captain Fairholme schoss eine seltene buntschnabelige Ente (Anas poecilorhyncha). Letzterer hatte überhaupt Waidmannsheil, da ihm sieben Ottern auf wenige Schritte angeschwommen kamen, deren er eine erlegte. Auf unser Befragen, weshalb er denn die anderen nicht auch geschossen habe, antwortete er: „Was hätte ich mit ihnen anfangen sollen?“ Ottern sind eben nicht essbar und die Engländer erlegen in Indien merkwürdigerweise nur reißende Tiere sowie genießbares Wild, während sie andere Tiere, seien sie auch noch so interessant, in der Regel nicht beachten.

Nach zwei Stunden war die Jagd zu Ende, doch versuchten wir noch zum Schluss einen kombinierten Streif in dornigem Gebüsch, wobei ich einen flüchtigen, auffallend starken Nilgau-Stier streckte und einen Black-buck anschweißte, dessen wir jedoch wegen Mangels an Zeit zur Nachsuche nicht habhaft wurden. Während der Rückfahrt schoss ich noch vom Damm aus eine im Dschungel niedergetane Nilgau-Kuh.

Die Hora legalis für die Rückkehr nach Agra war stark überschritten und der Extrazug wartete bereits seit zwei Stunden, als ich in Begleitung des Maharadschas, der sich mir in der Stadt angeschlossen hatte, auf der Station eintraf. Der düstere Herrscher erkundigte sich lebhaft nach dem Ausgang der Jagd, doch wurden ihm die verpönten Nilgaus bis auf ein „aus Versehen“ erlegtes Stück verschwiegen. Eine zarte Andeutung des Residenten, dass die Nilgaus für die Feldkultur sehr schädlich seien, schien der Fürst nicht zu bemerken. Bei der Abfahrt des Zuges erdröhnten 21 Salutschüsse und nach anderthalb Stunden waren wir wieder in Agra, wo wir zu unserem Leidwesen Kinsky noch immer nicht wohler fanden.

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  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 14.02.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet, etwas spät, über Franz Ferdinands Bombay- und Tandur-Aufenthalt.
Franz Ferdinand's stay in Bombay and Tandur, as reported in Die Neue Presse 14 February 1893, p.4.

Franz Ferdinand in Bombay und Tandur, in Die Neue Presse 14. Februar 1893, S.4.

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater führt auf das Lustspiel “Bürgerlich und romantischl“, während das k.u.k. Hof-Operntheater wieder einmal „Die Rantzau“ gibt.

Agra, 13. Februar 1893

Der Morgen war abermals recht garstig, kalt und regnerisch, ganz anders, als man sich „indisches Wetter“ vorzustellen pflegt, so dass wir uns in dicke Kleider und Mäntel hüllen mussten, trotzdem aber bedeutend in unserem Käfigpalast froren.

Wir sollten nach Fatehpur Sikri fahren und versahen uns, da die Distanz 36 km beträgt, mit unseren Gewehren, was wir nicht zu bereuen hatten. Die Fahrt selbst bot wenig Reiz; die Straße führte durch eintöniges, ebenes Land; hie und da passierten wir ein ärmliches Eingeborenendorf und sahen im übrigen nur flache, mit vereinzelten Bäumen besetzte Felder, so dass wir jeden Meilenzeiger zählten, welcher uns das Vorrücken gegen das Ziel der Fahrt auswies.

Für die Eintönigkeit der Landschaft entschädigte uns die Fauna. Unmittelbar nachdem wir die Stadt verlassen hatten, schoss ich vom Wagen aus mehrere große Geier (Gyps indicus und Gyps bengalensis: ferner einen der so häufig sichtbaren Schmutzgeier und einige Schmarotzer- oder Pariah-Milane. Kurz darauf, noch im Weichbild der Stadt, fiel mir ein Adler zur Beute, den ich am Rand seines Horstes erlegte; wir bestimmten ihn als Aquila mogilnik, sogenannten Russischen Adler. Ebenfalls vom Horst  herab, der auf einem Alleebaum gebaut war, schoss ich einen Vertreter einer anderen Adlerart, nämlich einen Fahlen Adler (Aquila vindhiana). Auch zwei Honig-Bussarde (Pernis ptilonorhyncha), unserem Wespen-Bussarde ähnlich, wanderten in den Rucksack. Bei einer Pfütze saßen auf einem Baum zwei Nimmersatte (Tantalus leueocephalus), die ich mit glücklichem Coup double herunterholte; es waren selten schöne, große Exemplare mit auffallend rosaroten Federn an den Flügeln. Im weiteren Verlaufe der Fahrt erbeutete ich noch Dschungelkrähen (Centropus rufipennis), einen Sirkier-Kuckuck (Taccocua sirkee) und zwei Sperber-Bussarde (Butastur teesa).

So gelangten wir endlich, der von Agra her stets genau in südwestlicher Richtung dahinziehenden Straße folgend, nach Fatehpur Sikri, der Palaststadt Akbars. Ihre Gründung, um das Jahr 1570, wird von der Legende auf folgende Weise erklärt: Von Agra aus in trüben Gedanken zu dem Sandsteinhügel wandernd, auf welchem heute die Palaststadt liegt, traf Akbar hier den Fakir Selim Tschisti, einen weisen und frommen Bettler, der, des Moguls Trauermiene gewahrend, die ihm, dem weltentrückten Einsiedler, unverständliche Ursache der Betrübnis eines so mächtigen Herrschers zu erkunden suchte. Da klagte Akbar, wohl sei er ein mächtiger Fürst, sein Reich aber drohe nach seinem Tod zu verfallen; denn jeder der Söhne, die ihm seine Gattin geboren, sei, noch in der Wiege, frühen Todes verblichen. „Erbaue“, sprach weissagend der Fakir, „Dein Schloss auf diesem durch meine Gebete geheiligten Hügel und schlage hier Deinen Wohnsitz auf. Neun Monde nach Deinem Einzuge durch die Pforten des neuen Palastes wird Dir ein Erbe geschenkt werden, dem der Himmel langes Leben, Kraft und Macht verleihen wird. Dieser Sohn wird Dir folgen auf dem Thron der Großmoguln.“ Die Prophezeiung erfüllte sich. In dem neuen Palast von Fatehpur Sikri hat Dschehangir, der Erbe Akbars, das Licht der Welt erblickt.

Mit Ausnahme der von der britischen Regierung im Stand gehaltenen Teile der Palaststadt ist Fatehpur Sikri — an der Stätte errichtet, wo Schah Baber im Jahre 1527 die Fürsten von Radschputana in offener Feldschlacht vernichtet hat — ein Trümmerfeld, aus welchem Mauern, Säulen, Reste von Sälen und Hallen und andere verfallene Bauwerke emporragen. All die Erinnerungszeichen der einstigen Größe und Schönheit der Palaststadt sind von einer hohen, krenelierten, mehr als 11 km langen Ringmauer umgeben, welche den Hügel von Fatehpur Sikri völlig umschließt.

Als Hauptursache des raschen Verfalles und der Verödung der Palaststadt Akbars, eines Riesenwerkes, das — im Widerspruch mit dem von der Legende behaupteten raschen Aufbau Fatehpur Sikris — lange Jahre hindurch Tausende von Menschen beschäftigt haben soll, wird angegeben, Akbars Sohn habe plötzlich das Wasser und die Luft hier schlecht gefunden und den Palast einfach verlassen, ihn den Unbilden von Wind und Wetter preisgebend. Doch unter Indiens Himmel schreitet der Verfall der Bauwerke glücklicherweise nicht so rasch vor, dass wir nicht einen Teil der Bauten von Fatehpur Sikri noch wohlerhalten zu Gesicht bekommen hätten.

Wie an anderen Fürstensitzen Indiens herrscht auch hier eine wahrhafte Verschwendung von Raum und edlem Baumaterial. Zunächst in den Diwan-i-Am eintretend, überblickten wir großartige, von Säulenhallen eingeschlossene Plattformen und Terrassen, die einst den Schauplatz festlicher Aufzüge und glänzender Empfänge gebildet haben; an dem Diwan-i-Am liegt eine Plattform, welche dem Patschisi-Spiele gedient haben soll. Weiterhin erheben sich Moscheen, Prunkräume und Wohngebäude aller Art. welche aus dem bei Fatehpur Sikri gebrochenen roten Sandstein hergestellt sind.

Die schönsten Beispiele dafür, wie wohl die Werkleute in der Palaststadt den Sandstein zu verwenden und zu schmücken wussten, bietet das sogenannte Haus der Türkischen Königin (Stambuli Begum). Hier findet sich keine Wand, keine Säule, kein Fleckchen, wo nicht die allerfeinsten Ornamente ausgemeißelt wären. Unweit davon ist „Haus der Christlichen Frau“ (Bibi Mariam Zumani) erbaut; heute schmucklos. führte dies Gebäude einst, weil innen und außen vergoldet und bemalt, den Namen Sonahra Makan, das ist „Goldenes Haus“. Zwischen den beiden Frauenhäusern steht der Chwab Gah (Chab Ghar), Akbars Haus der Träume, das in seinem Oberstocke das einfache Schlafgemach des Großmoguls birgt.

Nördlich von Miriams Haus erhebt sich der Pendsch Mahal, eine in stufenförmigen Terrassen aufsteigende, mit originellen Säulen geschmückte Colonnade und der Diwan-i-Khas Akbars. Auf dem Riesenkapital der hohen, mit Pilastern geschmückten und prachtvoll ziselierten Säule, die in der Mitte der Halle aufragt, soll Akbar gethront haben. Diese Säule ist durch schmale Steinstege mit vier in den Ecken der Halle angeordneten Sitzplätzen verbunden, welche die vier Veziere Akbars eingenommen haben sollen, wenn Akbar, auf der Säule thronend, Rat hielt. Ich konnte mich des komischen Eindruckes nicht erwehren, den die Vorstellung in mir hervorrief, dass Akbar auf einem dieser schmalen Stege zur Mitte der Halle hin balancierte und dann auf seiner Säule „aufbaumte“, während die vier Veziere auf ihren Ecksitzen kauerten. So lächerlich mir dies erschien, so konnte ich mir doch auch nicht verhehlen, dass in dieser Halle des Rates oft genug über das Wohl und Wehe ganzer Völker entschieden, dass hier mancher in seinen Konsequenzen gewiss noch heute bedeutsame Entschluss gefasst wurde.

Bemerkenswert ist ferner ein langer, gedeckter Gang, der von den Frauengemächern zu einem ziemlich weit entfernten Tor führt, von welchem aus die Frauen des Moguls ins Land hinausblickten, ihren Herrn und Gebieter zu erspähen, wenn dieser in der Ebene vor dem Palast dem Waidwerk oblag. Vielleicht wurde auch dieser Zeitvertreib von übereifrigen Höflingen in ähnlicher Weise wie der Fischzug des Moguls im Fort von Agra auf künstliche Art beutereich und interessant gestaltet.

Ein kleiner Imbiss, den wir in dem einstigen Arbeitszimmer des Moguls einnahmen, und kurze Rast machten uns von Neuem für die Besichtigung all der Merkwürdigkeiten der Palaststadt aufnahmsfähig. Ich möchte hier als Problem für die Wissenden auf dem Gebiet der Ästhetik in ihrem Verhältnis zu der Physiologie des Menschen die Frage aufwerfen, wie es wohl komme, dass nichts so hungrig macht, nichts so ermüdet, als die genaue Besichtigung einer großen Anzahl von Kunstobjekten.

Von besonderer Schönheit ist der Palast Birbals — eines Hindus und Ministers Akbars — ein kleines, zweistöckiges Gebäude, welches innen und außen so reich und geschmackvoll verziert ist, dass man es nach Victor Hugos Worten zwar den kleinsten aller Paläste, jedoch das größte aller Schmuckkästchen nennen darf.

Weit umfangreicher, jedoch minder reich geschmückt ist der etwa in der Mitte der Palaststadt gelegene Palast der Prinzessin Dschodh Bai, einer der Frauen Akbars und Mutter Dschehangirs.
Ohne mich auf die Anführung der übrigen in der Palaststadt und unter ihren Mauern liegenden Baudenkmale aus der Glanzperiode der Großmoguln einzulassen, muss ich noch der Dargah, des »Heiligen Vierecks«, welches das Grabmal Scheik Selim Tschistis enthält, sowie der Moschee Erwähnung tun.

Die Dargah, ein Rechteck, ist von Bogenhallen umgeben, in deren Mitte ein Wasserbecken liegt; an der Nordseite des Rechteckes steht das Grabmal Selim Tschistis, des Fakirs, auf dessen Prophezeiung hin Akbar die Palaststadt erbaute. Während fast sämmtliche Gebäude der Palaststadt aus rotem Sandstein errichtet sind, schimmert uns dies Grabmal, eine wahrhaftige Miniaturausgabe des Tadsch von Agra, in blendend weißem Marmor entgegen, so dass ich auch an diesem Mausoleum die Schönheit der Ziselierungen, die herrliche Arbeit der durchbrochenen Marmorgitter bewundern musste. Die Gitter tragen farbige Bandschleifen und bunte Lappen, die von den am Grab Selim Tschistis um Kindersegen flehenden Pilgerinnen herrühren.

An die Westseite der Dargah schließt sich die ungefähr 23 m hohe Moschee an. Für den Reichtum ihres Schmuckes und die stilvolle Ausführung der gewundenen und ineinandergeschlungenen Ornamente dieser Moschee spricht wohl deutlich der Umstand, dass ich im Innern derselben einen Zeichner damit beschäftigt fand, diese Unica der Flächendekoration für ein Werk zu kopieren, welches die britische Regierung über die Perlen indischer Kunst herausgibt.

Als ich die Moschee verließ, hielt ein bakschisch-lüsterner, alter Muezzin heftig gestikulierend und laut schreiend eine unverständliche, sonderbar klingende Ansprache an mich. Südlich der Dargah ragt oberhalb einer den Hügel hinanführenden Freitreppe die berühmte, 43 m hohe Siegespforte Buland Darwaza empor. Auffallend zahlreiche Nester einer großen Wespenart verwehrten uns den Aufstieg zu den Zinnen der Pforte, welche eine schöne Rundschau gewähren sollen.

Zu Füßen der Pforte, außerhalb der Wallmauer, erstreckt sich neben den verfallenen Bädern ein gemauertes Bassin, zu dem jeder Fremde geführt wird, um den Produktionen beizuwohnen, welche darin bestehen, dass Eingeborene von der Oberkante der Wallmauer kühne und keineswegs gefahrlose Tauchersprünge in das mit Wasser gefüllte Bassin ausführen. Zwei Tage vor unserer Ankunft hatte sich einer der Gilde gelegentlich eines ähnlichen Tiefsprunges den Tod geholt.

Die Umgebung der Moschee lieferte mir ornithologische Ausbeute. indem ich in dem Trümmerhaufen einen Juggur-Falken (Falco juggur) und den seltenen Grauen Nashornvogel (Ocyceros birostris) erlegte. Staunenerregend war die Menge der gestreiften Eichhörnchen, die auf den Steinen und an den Bäumen umherhuschten.

Die Rückfahrt war weit angenehmer als die Hinfahrt, da sich das Wetter etwas gebessert hatte und die Sonne freundlich aus den Wolken lugte. Auf dem Heimweg schoss ich nebst einigen Geiern noch einen metallisch schimmernden Weißhalsigen Storch (Ciconia leucocephala). der unserem schwarzen Storch sehr ahnlich ist, sowie zwei Marabus, darunter ein besonders altes Männchen mit schneeweißer Brust und langen Flaumfedern.

Im Palais zu Agni erwartete mich der Erzbischof Monsignore van den Bosch, mit zweien seiner Geistlichen, um mir seine Aufwartung zu machen; er ist von Geburt ein Belgier und wirkt schon lange in Indien.

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  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 13.02.1893 in Österreichs Presse. Der Kaiser hat 10.000 Francs für die Erdbebenopfer auf Zakynthos gespendet.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt “Verbot und Befehl“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die komische Oper „Gute Nacht Herr Pantalon“ gibt.

Agra, 12. Februar 1893

Die Bahn überschreitet auf einer großen Gitterbrücke den heiligen Dschamna-Strom und mündet in der sogenannten Fort Station. Schon vom Bahnhof aus sieht man nach Osten hin im Rückblick gegen den Dschamna-Strom die Umrisse des weitläufigen Forts, schlanke Türme und Minarets.

In halbstündiger Wagenfahrt Agra durchquerend, um zu unserem Absteigequartier, dem uns vom Maharadscha von Dschaipur zur Verfügung gestellten Palast, zu gelangen, fragten wir uns wiederholt, wo denn eigentlich die Stadt sei. Etwa 28 km2 Fläche in den Wällen einschließend und im ganzen etwa 165.000 Einwohner zählend, bietet die Altstadt Agra, einst die Reichshaupt- und Residenzstadt der Großmoguln, und auch heute noch nach Delhi die größte Stadt des oberen Gangesbeckens, einen sonderbaren Anblick. Zahllose, einzeln stehende Gebäude wechseln hier mit kleinen Häuserkomplexen, dann wieder mit großen Schutthaufen und Ruinen, mit Gärten, Feldern und ausgedehnten Heideflächen ab.

Der Grund dieses seltsamen Stadtbildes liegt einesteils darin, dass Agra, dessen Geschichte und Bedeutung nicht weiter zurückreicht als auf die Großmoguln Babar (1494 bis 1530) und Akbar (1556 bis 1605), den ursprünglichen Plänen seiner Erbauer gemäß, eine räumlich weit ausgedehntere Anlage darstellen sollte, als es der Lauf seiner baulichen Entwicklung gefügt hat; andererseits darin, dass ein bedeutender Teil der Stadt ganz verfallen ist. So ist es gekommen, dass Agra, mit Ausnahme der aus aneinanderschließenden Häusergruppen gebildeten Hauptstraße und des Bazars, nur vereinzelt stehende, über die ganze Fläche hin zerstreute und verteilte Gebäude aufzuweisen hat.

Der Palast, den wir bewohnen, liegt in einem ganz verwilderten Park, in dem es von Pfauen und Papageien wimmelt, da diese den Park mit ihrer Farbenpracht, leider aber auch mit ihrem Geschrei erfüllenden Tiere hier auf Befehl des Maharadschas tagtäglich gefüttert werden. Von außen betrachtet unscheinbar, erscheint der Palast an seiner Innenseite dadurch bemerkenswert, dass keiner der vielen, in demselben enthaltenen Räume auch nur ein einziges Fenster besitzt, sondern alle Wohnräume lediglich durch Oberlicht spärlich beleuchtet werden. Während der heißen Jahreszeit mag diese Einrichtung, da sie die Gemächer verhältnismäßig kühl erhält, recht praktisch sein; zu der gegenwärtigen Zeit jedoch und obendrein bei der für Indien abnorm tiefen Temperatur des Winters 1893 fror es uns in den ganz unwohnlichen, an Gefängniszellen mahnenden Räumen des Palastes jämmerlich.

Diese Verhältnisse, welche mich wohl berechtigen dürften, meinem Absteigequartier zu Agra den Namen des „ungemütlichen Palastes“ beizulegen, bestimmten uns, schleunigst zu der programmäßigen Rundfahrt durch das Sehenswürdigkeiten aller Art einschließende Gebiet von Agra aufzubrechen. Zunächst begaben wir uns nach Sikandra, zu dem Grabmal Akbars, welches sich im Nordwesten von Agra erhebt.

Diese Fahrt gewährte mir einen Überblick über die Lage und Gestaltung der Stadt. An dem rechten, dem Westufer der Dschamna, dieses wasserreichen, fruchtbare Alluvien bildenden Stromes gelegen. gliedert sich Agra heute in folgende Teile: die Altstadt, unter Akbar doppelt so stark bevölkert als jetzt und heute nur mehr wenige Merkwürdigkeiten aus jener Zeit bewahrend, als Agra (1568 bis 1658) Residenz der Großmoguln von Hindustan gewesen; die fast ganz verfallenen Vorstädte; die englische Lagerstadt im Süden; die Civil lines mit dem Gerichtsgebäude, den Ämtern, dem Government College und dem Zentralgefängnis im Norden; endlich knapp am Südostende der Altstadt und nächst dem Bahnhof, das von Akbar erbaute Fort.

Die Geschichte Agras ist in eine für Indien, das Land der tausendjährigen Reich, verhältnismäßig kurze Epoche zusammengedrängt. Im Jahre 1527 fiel Agra, bis dahin eine der Residenzen des mohammedanischen Hauses Lodi, in die Hände Zehir ed din Mohammeds, genannt Babar (der Tiger), des ersten Großmoguls in Indien. Babar ist der Begründer jener von Timur Leng (Tamerlan) und Dschengis Khan stammenden Dynastie — mongolischer Abkunft, jedoch mohammedanischer Religion — gewesen, welche, das Schwert in der Hand, an der Spitze furchtbarer Reiterscharen die Fürsten Indiens ihrer Macht unterworfen und hier das Reich der Großmoguln errichtet hat, welches unter Baber, Akbar, Aurengzeb zu hoher Macht gelangt, endlich an die Engländer gefallen ist. Seit dieser Zeit als Titularkönige Pensionäre Englands, doch stets zu Intriguen und Aufständen wider die sich rasch und kräftig entwickelnde britische Suprematie bereit, haben die Großmoguln, wenn auch factisch der Macht, so doch nicht allen Einflusses beraubt, ein unstetes Leben verbracht. Der Tod Schah Bahadurs (1862), des letzten „Kaisers“, eines achtzigjährigen Greises, und die Hinrichtung fast aller seiner Nachkommen nach der Eroberung von Delhi durch die Engländer (1857) hat die Dynastie der indischen Timuriden rasch ins Reich der Vergessenheit geführt.

Die Glanzperiode der Moguln begreift die Regierungen Babers, Akbars, Dschehangirs, Schah Dschehans und Aurengzebs. Unter diesen Fürsten hat sowohl die Pracht des Hofes, zu dem Gesandte, Gelehrte, Künstler, Priester aus aller Herren Ländern strömten, als auch der Umfang des Reiches der Großmoguln und ihr Machtgebot den Gipfelpunkt erreicht. Die Epoche des Verfalles ist durch eine Reihe von Momenten charakterisiert: einerseits das Anwachsen der britischen Macht und die Occupation des Staatsgebietes der Moguln durch die Engländer; andererseits Eingriffe der benachbarten Fürsten in die Machtsphäre der rasch von ihrer Höhe herabsinkenden Timuriden; Intriguen politischer Natur; übertriebener Luxus, sinnlose Verschwendung und dadurch hervorgerufene finanzielle Kalamitäten; Hofkabalen, Verschwörungen und dunkle Taten, in denen Gift und Dolch ihre meuchlerische Rolle spielten. Alle diese und noch andere Momente, welche nicht nur das Schwinden äußerer Macht dartun, sondern auch von der inneren Dekadenz des einst so gewaltigen Timuriden-Geschlechtes zeugen, haben schließlich zum Sturz des Mogulnreiches, ja zum politischen Erlöschen seiner Dynastie geführt.

Doch ich kehre zu Agra selbst und zu den Resten seines Glanzes zurück. Die Altstadt bot uns während der Fahrt wenig Beachtenswertes, immerhin erweckten einige Moscheen und Tempel, sowie das Getriebe der Einwohnerschaft unsere Aufmerksamkeit. Als wir den
Torbogen und die Bastion der alten Delhi-Pforte passiert hatten und der alten, mit Meilenzeigern (Kos minar) besetzten „Mogulischen Kaiserstraße“ nach Lahore und Kaschmir in der Richtung gegen Sikandra folgten, wurden zu beiden Seiten zahlreiche Grabmonumente und sogenannte Baoli (Quellstuben mit zierlich gebauten Ruheplätzen) sichtbar. Auch muss ich einer mit Fresken bedeckten, vielleicht modernen Umfassungsmauer gedenken, deren Wandschmuck Aufzüge, Kämpfe und Jagden darstellt, in welchen Elephanten eine große Rolle zugedacht erscheint.

Alles dieses tritt aber zurück vor dem Ziel unserer Fahrt, dem Grabmal, das Akbars Asche birgt. Dieses imposante Mausoleum ist von einem weitläufigen, im Quadrat gebauten Karawanserai umgeben. An der Außenseite lediglich einer Festungsmauer gleichend, die von vier Riesentoren und von mehreren ihrer Spitze beraubten Minarets unterbrochen ist, diente das Karawanserai, wie schon der auch uns geläutige Name sagt, zum Obdach für Pilger und Reisende. Die Tore gewähren Einlass in den von den Mauern umschlossenen Innenraum, einen wohlgepflegten, mit Palmen, Mango- und Bananenbäumen bepflanzten Garten, in dessen Mitte sich das Mausoleum erhebt. Fesselt uns schon der Anblick der Tore, hoher, elegant profilierter Bauwerke mit zahlreichen Nischen und Türmchen, sowie die musivische Arbeit ihrer Steinfassaden, so fasst uns geradezu Erstaunen und Bewunderung, sobald wir durch eines der Tore in den Innenraum geschritten sind und den langen, geradlinigen, von großen Wasserbassins unterbrochenen, mit Steinplatten belegten Weg hinter uns haben.

Da ragt vor uns das Grabmal Akbars auf; ein Bild erhabener Größe, hehr und ruhig, trotz all der Säulen, Hallen, Vorbaue, Kioske und künstlich gefügten Fassaden, welche den stolzen Bau verschwenderisch schmücken, ohne dass die Zier sein Wesen stört. Von der als Basis dienenden, aus weißen Steinen gefügten Plattform streben als Stufenpyramide fünf Stockwerke auf, deren Plattengestalt vermöge des treppenförmigen Aufbaues des ganzen Bauwerkes auf jedem der Absätze Terrassen freilässt. Um jede der Terrassen nun, mit Ausnahme jener, welche als quadratische Fläche das Gebäude oben abschließt, läuft eine gewölbte, offene, von kannelierten Säulen und Kielbogen getragene Gallerie, welche in regelmäßigen Abständen erkerartige, viereckige Vorbaue bildet. Jeder der Vorbaue ist von einem baldachinartigen Kiosk mit quadratischer Grundfläche überhöht, dessen platte Kuppel und weit vorspringendes Dach auf Kielbogen und Säulen mit indo-korinthischen Kapitälen ruhen. Ausladende Geländer und allerlei ornamentaler Schmuck gestalten die Profilierung der Vorbaue noch reicher.

Der Zauber der Farben, — die vier unteren Stockwerke bestehen aus rotem Sandstein, all ihre Galerien, Kioske und Geländer aber und das ganze oberste Stockwerk aus köstlichem schneeweißen Marmor — das phantastische Spiel der Ornamente, die zierliche Grazie der Dekoration, die herrliche Steinarbeit der spitzenartig durchbrochenen Geländer: alles dies bildet mit seinem intimen Reiz einen überaus fein empfundenen Gegensatz zu den grandiosen Dimensionen und zu dem im ganzen strengen, fast antikisierenden Lineament des pyramidal aufstrebenden Mausoleums.

Wie nach den ersten Augenblicken des Entzückens die Prosa des Lebens wieder in ihre Rechte zu treten weiß, so frug auch ich, noch angesichts des herrlichen Grabdenkmales, das Dschehangir, der Sohn Akbars seinem Vater errichtet hat, nach dem Wie und Woher des Baumateriales. Der bei Fatehpur Sikri nächst Agra vorkommende Sandstein —und dieser hat bei dem Mausoleum Verwendung gefunden — unterscheidet sich von seinen europäischen Verwandten durch seine auffallende Härte, welche es zulässt, dass aus dünnen Platten die feinst durchbrochenen Gitter geschnitten werden können. Er ist rot, gelb gesprenkelt oder von gelben Adern durchzogen. Der glänzend weiße, äußerst widerstandsfähige Marmor des Grabdenkmals stammt aus Makräna bei Dschaipur.

Was die Dimensionen des Gebäudes anbelangt, so misst seine Höhe 33 m, die Länge jeder der vier Fronten an ihrer Basis 100 m. In der Mitte des Gebäudes liegt in einem unterirdischen, mittels einer schiefen Ebene zugänglichen Raume Akbars Sarkophag, aus weißem Marmor gefügt und mit arabischen Inschriften bedeckt. Hier ist Akbars Asche beigesetzt, während im obersten Stockwerke des Mausoleums nach asiatischer Sitte ein Kenotaph, ein leeres Facsimile des in der Gruft befindlichen Sarkophags, steht. Vor Akbars Kenotaph erblicken wir ein kleines Postament, welches dereinst den sagenumwobenen Koh-i-nur, „Berg des Lichtes“, getragen hatte, einen der größten Diamanten der Welt, der drei Jahrhunderte lang von einem indischen Schatzhaus zum anderen, von dem Grabe Akbars in die Hand Nadir Schahs, des despotischen Usurpators, und schließlich in jene der Ostindischen Kompanie gewandert ist, bis er im Jahr 1850 dem britischen Kronschatz einverleibt wurde.

Im Erdgeschoss sind vier mohammedanische Frauen Akbars in prachtvollen, reich geschnitzten und eingelegten Sarkophagen heigesetzt, deren jeder in einer eigenen Halle steht, welche mit Marmormosaik und arabischen Inschriften bedeckt ist.

Jede der vorerwähnten Terrassen an der Außenseite des Mausoleums, die man auf einer kleinen Stiege betreten kann, bietet etwas Charakteristisches; am schönsten und geradezu verblüffend ist die oberste marmorne Terrasse, indem dieselbe von einer aus Marmorplatten gemeißelten, ein arabeskenartiges Gitter darstellenden Geländerwand umgeben ist. Dieses Gitter zeigt in jedem einzelnen Stücke eine andere Zeichnung von seltener Zartheit. Mit Ausnahme des roten Sandsteines der unteren Stockwerke ist alles blinkender Marmor: das Gitter, der Fußboden, die Gallerien, die Kioske und die Sarkophage.

Entzückt von dieser Stätte der Erinnerung an die alte Pracht und Herrlichkeit der Großmoguln, verließ ich das Mausoleum, um in den Bazar von Agra zu fahren und daselbst meiner Gepflogenheit gemäß nach Acquisitionen für meine ethnographische Sammlung zu fahnden. Die Straße, welche den Bazar bildet, ist eng, mit großen Steinplatten gepflastert und zeichnet sich durch die reizenden Fronten der Häuser aus; beinahe an jedem Gebäude befinden sich jene kunstvoll geschnittenen Geländer, Gitter und Säulen, welche charakteristische Merkmale von Agra bilden. In dem reichen und belebten Bazar fand ich nach langem Handeln manch Bemerkenswertes, das wohlverpackt in meine Heimat wandern soll.

Da inzwischen der englische Commissioner gekommen war, unternahmen wir nachmittags die Besichtigung des Forts und des Tadsch Mahal. Leider hatte sich das Wetter völlig getrübt. Es gieng starker Regen nieder, welcher uns der Freude beraubte, diese beiden herrlichen Bauten bei Sonnenlicht zu sehen.

Das Fort ist der befestigte Palast der Moguln und wurde zu Ende des 16. Jahrhunderts und im Laufe des 17. Jahrhunderts, zum größten Teil von Schah Dschehan, dem Sohn Dschehangirs, erbaut. Eine außerordentlich starke, aus riesigen Sandsteinquadern gefügte, krenelierte Mauer mit vielen runden Ecktürmen umgibt das Fort. Rings um dasselbe läuft ein breiter, mit Wasser gefüllter Wallgraben. Die massiven, betürmten Außentore des Forts gewähren nur durch seitliche, im schiefen Winkel gegen die Hauptmauer gestellte Seitenpforten Eingang in das jetzt mit englischer Besatzung belegte Bollwerk von Agra.

Das erste, was man, vom Westen her durch das Delhi-Tor eintretend, zu Gesicht bekommt, sind Kasematten, Batterien und auf einem freien Platz ein ganzes Arsenal ausrangierter Kanonenrohre der verschiedensten Systeme. Hat man diese Anordnungen der Kriegskunst passiert, so gelangt man in den eigentlichen Palast der Moguln, der verhältnismäßig noch gut erhalten ist und Reste seiner einstigen, geradezu verschwenderischen Pracht und Herrlichkeit zeigt. Der Palast ist nach unseren Begriffen allerdings kein einheitlicher Bau, sondern eine ganze Reihe von Prachtgebäuden, offenen Sälen, Veranden, Plattformen, Höfen, Moscheen, Bädern u. a. m., die einen großen Raum bedecken und sämtlich durch Gänge und Treppen miteinander verbunden sind. Bedenkt man, dass fast alle diese Gebäude, soweit nicht der landestümliche rote Sandstein Verwendung gefunden hat, aus reinem weißen Marmor bestehen, der mit Gold, Malerei und künstlerischem Mosaik aus Halbedelsteinen bedeckt ist, so kann man sich annähernd einen Begriff von dem Luxus machen, der einst hier geherrscht hat.
Zunächst wurde uns in dem neueren Teil des Palastes der große, unter Aurengzeb vollendete, von Nord nach Süd 70 m lange Audienzsaal Diwan-i-Am gezeigt, eine nach drei Seiten hin offene Halle, deren Dach von drei Reihen mächtiger Säulen getragen wird, welche an den Sockeln und Kapitälen eigentümliche, altindische Formen zeigen. An der Rückwand der Halle erhebt sich in einer Nische der Marmorsockel, auf dem einst der Thron des Moguls gestanden hatte, und über der Nische, deren Wände mit Pietradura-Arbeiten und Tiefreliefs geziert sind, ein mit kostbaren Steinen eingelegter Marmorbaldachin. Hier pflegte der Mogul die großen Audienzen abzuhalten, Deputationen und Vertreter fremder Fürsten zu empfangen.

In dem an die Audienzhalle anschließenden, ringsum von einer Gallerie umschlossenen Hof, der im ersten Stockwerke die einfach ausgestatteten Frauengemächer enthält, fischte der Mogul zum Zeitvertreib. Das Wasser für diesen Fischweiher musste von Trägern erst herbeigebracht werden; späterhin wurde es durch ein besonderes Pumpwerk zugeleitet. Ein Söller in der Gallerie dieses stillen Hofraumes bildete den Lieblingssitz des Gewaltherrschers, der, jahraus jahrein von Kriegslärm umbraust, von wahrhaft königlicher Pracht übersättigt, Schwert und Szepter mit der Angelrute vertauschte, um hier träumerisch die Fische zu locken; er, der Ungestüme, ein geduldiger Angler, er, dessen Kronjuwelen und Beutestücke die Schatzkammer bis an den Rand füllten, ein seines zappelnden Fanges froher Mann. Und selbst in diese Stunden stillen, bescheidenen Glückes des Fürsten schlichen sich Höflingslist und wohldienerischer Betrug ein. Ließ doch, wie die Chronik berichtet, der Günstling des Moguls, auf dass dessen Laune sich nicht durch Misserfolg trübe, vom Fürsten unbemerkt, gewandte Schwimmer, wie sie einst Neros Badeschloss auf Capri gekannt, tauchen und die allergrößten Fische heimlich an dem Köder befestigen.

Ein Schönheitswunder ist der marmorne Privat-Audienzsaal, Diwan-i-Khas, „die Halle der Erlesenen“, der in verkleinertem Maßstab dem großen Audienzsaal nachgebildet ist, diesen jedoch in der Ausschmückung des Raumes, in dem Reichtum der Mosaikarbeiten und in der Eleganz der Formen weit übertrifft. Vor dem Audienzsaal liegt eine große Plattform, von der man gegen Ost und Süd hinausblickt auf den Strom, auf fruchtbare Gelände und lachende Fluren und auf den Tadsch Mahal, der schon von hier aus, des schlechten Wetters ungeachtet, durch die ruhige Majestät seiner Gestalt einen imponierenden Eindruck hervorruft. Von dieser Terrasse sahen die Moguln, durch eine hohe Mauerwand gegen etwaige Angriffe der gereizten Tiere geschützt, den Tiger- und Elephantenkämpfen zu, die in dem erweiterten Wallgraben veranstaltet wurden.

Der Thron, auf welchem die Moguln bei diesen Kampffesten ruhten, — ein großer, schwarzer, in der Mitte geborstener Steinblock — ist noch erhalten und gegenüber diesem auf derselben Terrasse noch ein zweiter von gleicher Form, aber aus weißem Marmor. Abergläubisch und phantastisch wie alle Orientalen, verknüpften die Bewohner des Landes den Riss, der mitten durch die Platte des Schwarzen Thrones geht, mit märchenhaft ausgeschmückten Erzählungen aus der Kriegsgeschichte des Forts von Agra. „Eher wird dieser harte Stein in Stücke gehen“, rief, wie die Einen berichten, der Großmogul, „als dass ich mein verpfändet Wort breche“. Doch des Moguls Wort war so wenig felsenfest als jener Stein, der an jenem Tag entzweisprang, da der Fürst einen Treubruch begangen. Die Anderen wissen zu sagen, der Riss in dem Stein rühre von dem Unglückstag her, da Dschowahir Singh, der Radscha von Bhartpur, nachdem er Agra erstürmt, es gewagt hatte, Platz zu nehmen auf dem Throne der Timuriden.

Doch auch die jüngste Epoche der indischen Kriegsgeschichte hat der viel umstrittenen Steinplatte des Schwarzen Thrones von Agra ein Wahrzeichen verliehen: die Spuren einer englischen Kanonenkugel, die während der Belagerung Agras im Jahre 1857 hier einschlug; ricochettierend flog das Geschoss weiter und durchschlug ein herrliches geschnitztes Marmorgitter nächst der Audienzhalle. Auch an anderen Stellen findet man in den Ornamenten und Schnitzereien Schäden, die von Geschützkugeln herrühren.

Neben der Audienzhalle zieht sich eine lange Reihe von Gemächern, Säulengängen und Plattformen hin, die zu den privaten Wohnräumen der Moguln gehörten. Sie einzeln zu beschreiben, würde zu weit führen; ließen sich doch ganze Bände schreiben über diese Pracht, diese Fülle von Marmor, Gold und Mosaik, über die Reminiscenzen an die Leistungsfähigkeit, den Fleiß, den Formensinn der kunstgewerblichen Arbeiter und der künstlerisch so feinfühligen Handwerker, die, von prachtliebenden Bauherren gedungen, von in- und ausländischen Meistern angeleitet, Agras Ruhm als Schatzkästlein der Bau- und Dekorationskunst Indiens mitbegründen halfen.

Das Geschick für eingelegte Marmorarbeiten mit Arabesken und Blumenmustern hat sich unter den Werkleuten Agras bis zum heutigen Tag erhalten. Dass fremdländische Künstler bei der Errichtung und Ausschmückung der Bauten in Agra Einfluss genommen haben und namentlich Austin de Bordeaux, unter Schah Dschehan hier in hervorragender Weise tätig gewesen ist, wird durch die noch erhaltene Baugeschichte des Tadsch bekräftigt. Trotz der Seltsamkeit, der originellen, ja barocken Formen und der mit orientalischer Üppigkeit angehäuften Ornamentik der Bauten von Agra erschien uns hier nichts überladen, geschweige für das Auge beleidigend; im Gegenteil, alles künstlerisch gestaltet und von eigenartiger Schönheit.

Auf einer der Plattformen des Palastes fand ich in dem Marmorboden aus verschiedenfarbigen Steinen zusammengesetzte Quadrate und Zeichen eingefügt, welche mir auf mein Befragen dahin gedeutet wurden, dass die Moguln hier ein dem Schach ähnliches Spiel — Patschisi — gespielt hätten, wobei lebende Menschen, meist schöne Mädchen, die Figuren darstellten. Jede der Figuren stand auf einem der Quadrate und musste sich auf Befehl des Herrschers den Zügen entsprechend bewegen.

Ich darf nicht vergessen, eines besonders schönen, oberhalb der Wallmauer vorspringenden Erkers zu erwähnen, der von einem Kiosk überdeckt ist und das Lieblingsplätzchen der Moguln bildete. An dieser Stelle pflegte der Herrscher jede Bitte willfährig entgegenzunehmen; ein Umstand, der dahin führte, dass die Bittsteller aus dem Volk die Gelegenheit wahrnahmen, sich an den Rand des Festungsgrabens zu begeben, um von dort aus mit lauter Stimme den auf dem Erker ruhenden Fürsten um Gnade anzuflehen.

Bemerkenswert sind auch noch die Baderäume im Schisch Mahal, „Spiegelpalast“; dieselben sind völlig fensterlos und enthalten in der Mitte große Marmorbassins mit Springbrunnen und Wasserkünsten. während die Wände groteske Arabesken aufweisen, die mit unzähligen kleinen Spiegelplatten mosaikartig ausgelegt sind.

Noch tiefer als die Bäder, in einer Art Kellerraum, liegen die sogenannten Sommerwohnungen, durch Korridore untereinander verbundene. düstere Gemächer, die in der heißesten Jahreszeit vom Mogul und seinem Serail bewohnt worden sein sollen. Kleine Öffnungen in der dicken Mauer spenden diesen Räumen äußerst spärliches Licht.

Wie bei allen alten Palästen und Forts fehlte auch hier nicht eine Hinrichtungskammer, ein gar schauerliches und völlig lichtloses Gemach, mit einem Querbalken versehen, an welchem die Delinquenten justifiziert wurden. Der Körper des Gerichteten fiel in einen schlauchförmigen Kanal, durch welchen er in den Fluss gespült wurde, den Raben und Geiern zum Fraß.

Kaum glaublich erscheint, dass die Moguln in verhältnismäßig kurzer Zeit mit den primitiven Arbeitsmitteln früherer Jahrhunderte derartige Prachtbauten auf- und auszuführen vermocht haben. Es lässt sich dies nur dadurch erklären, dass einerseits die fürstlichen Bauherren Tausende von Leuten, ja, wenn es nötig erschien, fast die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung der Provinz, in welcher das Werk erstehen sollte, zum Frohndienste zwangen und auf diese Weise zahlreiche und spärlich entlohnte Arbeitskräfte zur Verfügung hatten — und dass andererseits jeder bei Todesstrafe sich dem eisernen Willen orientalischer Herrscher beugen musste. Dabei waren die Moguln vernünftige und verständnisvolle Männer, die, sich nach ihrer Art selbst abendländischer Kultur und Kunst nicht verschließend, an ihrem Hof manchen europäischen Künstler beherbergten, um sein Wissen, seine Erfindungsgabe und sein Geschick zu nützen.

Den ältesten Teil des Palastes bildet ein in rotem Sandstein aufgeführtes, quadratisches, einen großen Hof einschließendes Gebäude. Die Bauart desselben sowie die Säulen, Giebel und Kapitäle sind sehr bemerkenswert, da sie in ihrer Konstruktion noch ganz das rohe Holzgebälk, die Holzverzierungen und die Stützen eines Daches imitieren. In diesem Hof soll sich im Jahre 1700 jene seltsame Audienzszene abgespielt haben, in welcher der erste von England an den Hof der Großmoguln abgeschickte Gesandte, dem damals hier üblichen Zeremoniell gemäß, Seiner mogulischen Majestät auf allen Vieren kriechend nahen musste. Seit jener Zeit hat sich in Indien gar viel geändert, sind die Rollen der indischen Radschas und der britischen Residenten gegeneinander völlig vertauscht. Musste der Gesandte Albions vor kaum zwei Jahrhunderten noch in der Haltung eines Vierfüßlers Palast und Saal des Moguls betreten, so sieht man heute die Erben der stolzesten Namen von Hindustan — bildlich gesprochen — vor jedem der englischen Machthaber sich beugen; freilich mit verhaltenem Grimm und vielleicht mit der geheimen Hoffnung im Busen, dass eines wohl unabsehbaren Tages das rollende Rad der Zeiten die Geschicke Indiens wieder nach der Seite der Radschas wende.

Auch dieser Palast hat seine eigene Moschee, nur ist diese, der Pracht des Ganzen entsprechend, besonders schön und mächtig gehalten. Ihr Name ist „Perl-Moschee“ (Moti Mesdschid), ein Name, der entweder die Kostbarkeit der Moschee bezeichnen soll oder von der silberweißen Farbe ihrer Kuppeln und Säulen herrühren mag. Die Konstruktion dieser Moschee gleicht jener der meisten ähnlichen Bauten in Indien. Die Wälle des Forts hoch überragend, von Schah Dschehan erbaut und im Innern auf das köstlichste mit weißem, bläulichem und grauem Marmor geschmückt, bildet die Moschee als Stirnseite eines weiten, von Marmorsäulenhallen umschlossenen Hofes eine luftige, von drei Säulenreihen getragene Bogenhalle, über der sich drei Kuppeln erheben. Der weiße Marmor der mit goldenen Spitzen gekrönten Kuppeln, der rote Sandstein der Außenwände und Portale, die Verzierungen, Steinarbeiten, Inschriften im Innern der Moschee, ihre hohe Lage — alles vereint sich, um diesem Kleinode sarazenischer Baukunst einen eigenen Reiz zu verleihen. Im Innern ist, wo nicht Mosaik, Inschrifttafeln oder Nischen andere Farben zeigen, alles weiß in weiß; sogar der Boden des großen Vorhofes ist mit Marmorplatten belegt. Architektonisch bemerkenswert ist der Aufbau der Säulenhalle mit ihren dreifachen Säulenreihen und ihrem spiegelglatten Boden. In diesen sind für die Gläubigen — gegen Mekka gewandte — Gebetplätze eingelegt, welche sich als in Marmormosaik ausgeführte Imitationen von Gebetteppichen darstellen.

Ich bestieg das Dach, um von dort eine leider vom Wetter getrübte Aussicht auf die zahlreichen schönen Bauwerke Agras zu genießen. Als ich so hinabblickte auf all die Denkmale einer glänzenden Epoche, die mir zu Füßen lagen, sann ich nach über den wechselvollen Lauf irdischen Geschickes, über den Gegensatz der „guten alten Zeit“ Agras zu dem Stilleben, das jetzt in den herrlichen Höfen und Palästen der verfallenen Residenz waltet. Wo sich einst die stolzen Großmoguln im Glanz ihrer Macht, im gleißenden Schimmer ihres Hofstaates gesonnt, wo farbensattes, prunkvolles, vom Genius künstlerischer Gestaltung durchwehtes Leben und Treiben geherrscht: da erheben sich jetzt im Bannkreise der goldenen und marmornen Paläste moderne, mit englischen Geschützen armierte Batterien, schreiten stumm britische Soldaten auf ihren Posten auf und ab, ertönt vom nahen Bahnhof her der schrille Pfiff der Lokomotive. Für einen Bakschisch darf heute unter Leitung eines schwatzhaften Führers jeder beliebige Fremdling hier eindringen in Burg und Hof, in die Geheimgemächer und in die Moscheen der einst unnahbaren Residenz der Großmoguln, darf in den Trümmern der Nischen und Säulen wühlen, alles betasten und besehen …. Tempora mutantur!

Aus meinem Sinnen und Träumen weckte mich nur zu bald etwas, das unschwer zu erraten ist; etwas, das heute in ganz Indien spukt und unvermeidlich ist, als wäre es ein schleichender Krankheitsstoff – nämlich ein zur Aufnahme bereitgestellter photographischer Apparat. Der Besitzer dieses modernen Folterwerkzeuges stand vor uns und legte beredt die unabweisliche Notwendigkeit dar, mich und meine Begleiter in der Moschee stehend als Gruppenbild zu fixieren. Lässt sich schon darüber diskutieren, inwieweit die Mahnung des Korans: „Du sollst kein Ebenbild des menschlichen Leibes gestalten“, auch auf photographische Porträts anwendbar sei, so musste das Begehren des mohammedanischen Photographen, uns just in der Moschee aufzunehmen, als wären wir fromme Moslemin, um so unlogischer erscheinen. Den lästigen Künstler abzuschütteln, gab es kein anderes oder doch kein rascheres Mittel, als seinem Wunsch zu willfahren.

Nachdem wir das Fort besichtigt hatten, kam die Perle der Bauwerke Indiens, das entzückendste aller architektonischen Weltwunder, das vornehmste Ziel jedes Reisenden, der Hindustans Fluren betritt, der weltberühmte Tadsch (Taj) Mahal (Tadsch = die Krone, Mahal = der Palast; also etwa „das Heim der Krone“) an die Reihe.

An der Stelle errichtet, wo Schah Dschehans Lustgarten lag, an dem rechten Ufer der Dschamna, stellt der Tadsch Mahal, auch Tadsch bibi ke Rosa (das Grab der gekrönten Frau) genannt, das Mausoleum der Gemahlin Schah Dschehans dar. Als diese, Ardschmand Banu Begum, genannt Mumtaz-i Mahal, das ist „Die Erwählte des Palastes“, nach der Geburt ihres achten Sprösslings im Wochenbett gestorben war, begann der Fürst im Jahre 1630 der geliebten Gattin dies Grabmal zu setzen, in dem er selbst an ihrer Seite im ewigen Schlaf ruht. Der Wille Schah Dschehans, seiner Mumtaz-i Mahal ein Denkmal zu weihen, schöner als jedes andere auf dieser Erde, unvergänglich zu jedem redend von der teueren Verblichenen, hat sich vollauf erfüllt . . .

Nichts schien zu kostbar, nichts schön genug, die Tote zu ehren. Fremde Künstler, so der Venetianer Gieronimo Verroneo, dann Austin de Bordeaux und ein byzantinischer Meister haben im Verein mit dem Wissen und Können der besten einheimischen Werkleute an diesem Bau mitgeschaffen.

Ungefähr zwei Jahrzehnte hindurch sollen unablässig zwanzigtausend Arbeiter hiebei beschäftigt gewesen sein. Die Kosten werden — obschon so manche der Baumaterialien, manche Edelsteine und Schmuckgegenstände, welche das Grabmal zieren, von den Radschas und Nawabs freiwillig beigesteuert wurden und die Werkleute und Arbeiter wohl nur kärglich entlohnt worden sein mögen — von einheimischen Quellen auf die zumal für die damalige Zeit ungeheuere Summe von etwa 40 Millionen Gulden angegeben. Trotz all dieses Aufwandes an Kraft und Geld erscheint es jenem, welcher die Details des Bauwerkes näher besichtigt und die enormen Schwierigkeiten berücksichtigt, die hier zu überwinden gewesen sind, als ein Wunder, dass innerhalb der Frist von nur etwa zwei Jahrzehnten all das zu Ende gebracht zu werden vermochte.

Wer kennt nicht das Bild des Tadsch, seinen schneeweißen Bau, seine Bogenpforte, seine Dome, Fassaden und Minarets? Erblickt nun der Wanderer, dem Leinwand und Holzschnitt, Bild und Wort den Tadsch hundertmal vor das Auge gezaubert haben, das Bauwerk selbst, wie es sich unvergleichlich schön, von üppigem Grün umrahmt, himmelwärts erhebt: so verblasst alles bisher Geschaute, verfliegt jedes Wort, welches den Bau stammelnd zu schildern versucht, fällt der Griffel zur Erde, verstummt der verzückte Beschauer.

Ausgestattet mit der vollen Macht unserer herrlichsten Bauten, hehr wie das Gefüge unserer schönsten gothischen Dome, edel wie die vornehmsten Blüten der italienischen Renaissance, berückend gleich den Orient und Okzident verschmelzenden Perlen venezianischer Kunst, geschmückt mit jedem Zaubermittel, welches dem Menschen gewährt worden, um der höchsten, reinsten Schönheit Ausdruck zu verleihen — überwältigt der Tadsch jedweden Sterblichen, der zu ihm aufblickt.

„Ein marmorner Traum“, so steht das Mausoleum Schah Dschehans vor uns. Erhabene Bilder, Vorstellungen, Empfindungen ziehen durch die Seele des Beschauers, der nicht satt wird, zu sehen, dass hier Menschenhand das geschaffen, was uns die kühnste Phantasie kaum vorzuspiegeln vermag. Und dabei diese vornehme Ruhe, diese unübertreffliche Harmonie des Ganzen trotz aller Kühnheit der Formen, diese weiße Reinheit des Steines. Keine Statue, kein Bild, kein Altar, noch Teppich ist zu sehen, nur Stein und wieder Stein – doch dieser Stein allein schmückt das Ganze mehr als jede andere, noch so köstliche Zier. Es ist, als blühe, lebe, rede der Stein. . . .

Der Tadsch steht auf einer erhöhten Plattform, welche 95 m im Gevierte misst, und ist in quadratischem Grundriss mit abgestumpften Ecken (Oktogon mit vier längeren und vier kürzeren Seiten) gebaut, gekrönt von einer mächtigen Kuppel, unterhalb welcher vier kleinere Kuppeln angebracht sind. Die Bogenportale und Fensternischen in maurischem Stile sind mit ausgemeißelten Koransprüchen umsaumt und die Fassaden überdies, inbesonders an den Sockeln, mit eingelegten Steinen geziert. An den vier Ecken der Plattform stehen hohe Minarett. Die höchste Spitze der Kuppel liegt 74 m über dem Gartenweg.

Ähnlich wie beim Grabdenkmal Akbars tritt man zuerst durch ein hohes, moscheenartiges Tor, das aus rotem Sandstein gebaut, mit feinem, an einen Schleier erinnerndem Marmormosaik verziert ist. Dann folgt der herrliche Park mit seinen dunkelgrünen Bäumen, seinen blühenden Blumen und seiner schnurgeraden Reihe von Wasserwerken und Springbrunnen, die von dem Eingangstor bis zu dem Treppenaufgang des Mausoleums führen. Sehr effektvoll ist eine Zedern-Allee angebracht, die als Rahmen für den weißen Bau des Tadsch dient, während der Himmel den Abschluss bildet.

Wohl jeden, der dieses herrliche Gebäude, dieses Denkmal des Schmerzes betritt, überkommt ein melancholisches Gefühl: mystisches Halbdunkel umgibt die beiden Kenotaphe, leises Echo lässt die Stimme widerhallen. Auch hier, in der Halle des Oktogons, kein anderer Schmuck als Stein, der aber so wunderbar verteilt ist, dass er dekorativer, würdiger und reizvoller wirkt als manches Gemälde, manche Statue. Das Innere des Mausoleums macht keineswegs einen kalten, starren, im Gegenteile einen warmen, pietätvollen Eindruck.

Geradezu verblüffend wirkt die Pracht und Zartheit der Ausführung; des die Kenotaphe umgebenden Gitterwerkes, welches aus riesigen Marmorplatten gefügt ist, die so fein wie Spinnengewebe netzartig durchmeißelt sind. An den Säulen bewundern wir das Schönste, was die musivische Kunst zu bieten vermag: die zartesten Blumen und Arabesken aus Halbedelsteinen, wie Carneol, Lapis lazuli, Achat, Jaspis, Malachit. In einer unterirdischen Gruft stehen die Marmorsarkophage, welche die sterblichen Reste Schah Dschehans und der Mumtaz-i Mahal enthalten, während die in dem Oktogon aufgestellten Kenotaphe den Sarkophagen der Gruft nachgebildet und leer sind. Der Sitte, fürstlichen Personen zwei Steinsärge aufzustellen, ein Kenotaph und den die Gebeine bergenden Sarkophag, ist hier ebenso wie in Akbars Grabmal Rechnung getragen.

Über eine kleine Treppe gelangte ich auf die Plattform, welche dachartig die Hauptkuppel umgibt, und von der aus man einen guten Ausblick auf die beiden Moscheen genießt, die zwischen den Minarets in der Längsfront des Tadsch stehen. Jede dieser Moscheen ist, für sich betrachtet, ein Prachtbau, der aber in der Nähe des Marmorwunders von diesem fast völlig in den Schatten gestellt wird. Das Material, aus welchem die beiden Kuppelbauten errichtet sind, ist der übliche rote Sandstein, der mit Marmormosaik verziert ist.

Ich kehrte in den Garten zurück und Umschrift den Tadsch nochmals von allen Seiten, um seine herrlichen Formen dem Gedächtnis genau einzuprägen.

Ein bewaffneter Spaziergang im Park des Palais zu Agra sollte mir, da ich von all dem Gesehenen entzückt und geistig doch abgespannt war. Erfrischung bringen. Des Morgens hatte ich auf einem der Bäume außerhalb des Parkes Marabus (Leptopilus argala) sitzen gesehen, welch widerliche Vögel durch ihre enorme Größe und Flügelspannweite, sowie durch ihre schönen Federn auffallen, während der kahle Kopf mit dem Kropf und die Ernährungsweise des Tieres nichts weniger als schön und ansprechend sind. Wir pürschten uns an die Schlafbäume der Marabus an und erlegten im ganzen sechs Stück, deren zwei meinen Schüssen zum Opfer fielen.

Kinsky erlitt an diesem Tage wieder einen Fieberanfall, so dass er bis auf weiteres das Bett hüten muss.

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  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 12.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt nachmittags das Stück “Der Traum ein Leben“ und „Dorf und Stadt“ am Abend, während das k.u.k. Hof-Operntheater einen Faschingsball veranstaltet.

Benares, 11. Februar 1893

Vormittags wanderte ich noch einmal durch die Straßen, die Tempel und den Fluss entlang — dieselben Bilder, die gleiche Wirkung.

Gegen Mittag kam der Maharadscha von Benares, Brabhn Narain Singh Bahadur, mich zu begrüßen. So prachtvoll der gute Mann auch mit den kostbarsten Steinen behängt war, so wenig fürstlich war sein Aufzug; die Staatskarosse, vor allem aber seine Leibwache, die auf vollkommen ausrangierten Pferden saß und teilweise alte englische Uniformen trug, sahen recht kläglich aus. Er ist ein freundlicher, heiterer Herr und anscheinend ein passionierter Jäger, da er sich von seinem Express rifle niemals trennt und es von einem Diener sogar bei allen Besuchen, allen festlichen Gelegenheiten nachtragen lässt. Auf mein Befragen teilte er mir mit, dass er in seinem Staat bereits 60 Tiger erlegt habe. Dass uns ein Photograph vor dem Palast in einer Gruppe aufnahm, braucht kaum ausdrücklich erwähnt zu werden.

Den Gegenbesuch, zu welchem der Maharadscha noch schönere Diamanten angelegt hatte, stattete ich demselben in einem anderen seiner Paläste ab, der sich aber in einem etwas wüsten und vernachlässigten Zustand befand und nur eine Galerie der gekrönten Häupter Europas, scheußliche Lithographien, enthielt, welche den Hauptschmuck des Audienzsaales bildeten, in dem ich mich mit dem Maharadscha für einige Minuten auf einer Art Thron niederließ. Nachdem wir unsere Photographien getauscht hatten, schenkte mir der Fürst eine Schnitzerei aus Elfenbein, deren Kunstwert er sehr hoch hielt. Endlich ging es in Begleitung des Maharadschas zum Bahnhof, von wo uns der Zug auf der Linie der East Indian Railway über Allahabad und Kahnpur nach Agra bringen sollte.

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  • Ort: Benares, Indien
  • ANNO – am 11.02.1893 in Österreichs Presse. Das Wiener Salonblatt widmet Franz Ferdinand nur einen Satz in der Ausgabe vom 12. Februar 1893, S. 3.
Wiener Salonblatt, 12 February 1893, issue 7, p.3: Franz Ferdinand in India

Wiener Salonblatt, 12. Februar 1893, no. 7, S.3: Franz Ferdinand in Indien

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt das Stück “Eine vornehme Ehe“ von Octave Feuillet, während das k.u.k. Hof-Opermtheater Massenets “Werther” aufführt.

Benares, 10. Februar 1893

Wer aus der majestätischen Ruhe der Alpenwelt unmittelbar nach Benares gelangt, glaubt sich in ein Tollhaus versetzt. Götter und Menschen; Religion und Wahnsinn; Mystizismus und Aberglaube; Askese und Üppigkeit; Anklänge an tiefere Wahrheiten und Verleugnung des gesunden Menschenverstandes; fromme Beter und verrückte Fakire; brennende Hindus und tanzende Bajaderen: dieses alles in hunderterlei Formen und Gestalten am Fluss gruppiert, in den Straßen der Stadt sich beengend, drängend, schiebend, stoßend, treibend — vereinigt sich zu einem Strudel und Wirbel, welcher den in sprachlosem Erstaunen starrenden Fremdling mitzureißen droht. Allmählich nur gelingt es, sich angesichts der unheimlichen Größe menschlicher Verirrung und der ansteckenden Macht der Raserei zu sammeln, zu betrachten und zu denken.

Benares, die heilige Stadt der Hindus, der größte, alljährlich von einigen Hunderttausend Pilgern besuchte Wallfahrtsort Indiens, liegt am linken, dem nördlichen Ufer des heiligen Ganges und erstreckt sich — 222.000 Seelen fassend — über einen weiten Raum, der hauptsächlich von Tempeln, Moscheen und den Palästen indischer Fürsten erfüllt wird. Man zählt hier neben anderen religiösen Gebäuden 1454 Hindu-Tempel und 572 Moscheen. Die Stadt, ein uralter Sitz brahmanischer Gelehrsamkeit, gehörte ursprünglich ausschließlich den Bekennern des Buddhismus, bis dieser vom Brahmanismus verdrängt wurde. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts dem Reich der Großmoguln einverleibt, büßte sie ihren Charakter als heilige Stadt der Hindus vorübergehend, namentlich dadurch ein, dass Aurengzeb, ebenso eifrig als Bekenner des Islams wie als Verfolger des Brahmanismus, den Hindus zum Hohne alle Tempel derselben zerstört und — zum Teil auf den Trümmern dieser Tempel — dem Ufer des Ganges entlang eine große Zahl von Moscheen errichtet hat. Nach dem Verfall der Mogulnherrschaft zu neuer Kraft erstarkt, erbauten die Hindus, die Moscheen verdrängend, nahezu anderthalbtausend neuer Tempel. Setzt uns auch deren Zahl und Bauart in Erstaunen, so bemerken wir an ihnen dennoch eine gewisse Einheitlichkeit des Stils, ein Umstand, der darauf zurückzuführen ist, dass eben keiner der gegenwärtig in Benares bestehenden Hindu-Tempel weiter als ins 17. Jahrhundert zurückreicht.

Die Sonne hatte kaum die über dem heiligen Ganges wehenden Morgennebel zerrissen, als wir uns schon am Ufer des Stromes befanden. Hier mieteten wir eine kleine Barke und ließen uns den FIuss auf- und niederrudern, um eine Übersicht über die Paläste und Tempel und das Leben am Ufer zu gewinnen. Oberhalb des Stromufers erhebt sich eine Reihe von Palästen, welche indische Fürsten, so die Maharadschas von Nepal, Dschaipur (Jeypore) u. s. w. hier zur Unterbringung der aus ihren Staaten alljährlich in großer Zahl herbeiziehenden Pilger erbaut haben. Typisch sind die mit Gallerien geschmückten Fronten, deren jede von zwei massiven Ecktürmchen flankiert ist. Zwischen diesen Palästen erheben sich allenthalben Hindu-Tempel, teils wohlerhalten, teils ruinenhaft, deren manche die wühlende Tätigkeit des Stromes zu Fall gebracht hat, während andere aus der gleichen Ursache in so schiefe Lage geraten sind, dass die hier ersichtliche Abweichung von der Geraden jene des Turmes von Pisa weit übertrifft.

Von der fortlaufenden Reihe der Gebäude führen überall große steinerne Freitreppen (Ghats) bis zum Wasserspiegel hinab. Auf diesen entwickelt sich namentlich des Morgens ein Leben und Treiben, das anfangs auf den Beschauer verblüffend wirkt und jeder Beschreibung zu spotten scheint. Hier strömen alle Pilger und der größte Teil der Einwohner von Benares zusammen, um im heiligen Fluss zu baden und so Befreiung von allen Sünden zu erlangen; hier pulsiert das religiöse Leben, Denken, Empfinden und Trachten der Hindus; hier wird Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung religiöser Pflichten zu krassem Fanatismus, Indolenz zur Begeisterung. Laien und Priester, Männer und Frauen jeden Alters, Jünglinge, Mädchen und Kinder drängen sich in hellen Scharen zum Bad. Dort taucht ein armer Greis mit schneeweißen Haaren, vor Kälte zitternd, in die Fluten; hier nimmt eine Anzahl von Brahmanen das reinigende Bad; ein steinaltes Großmütterchen naht, geführt von dem Enkelkind, dem Fluss; weiterhin baden zahlreiche junge Mädchen, deren Heiterkeit im Glauben nicht erstickt; zappelnde, kreischende Kinder werden von den Eltern mit Wasser übergossen oder in die schlammige Brühe getaucht. Überall aber herrscht der größte Anstand, auch im Wasser werden die lichten Leinwandkleider nicht abgelegt.

Der Morgen war sehr kühl, — in Mäntel gehüllt saßen wir in unserer Barke – – doch hinderte die empfindliche Kälte die Glaubensstarken nicht im geringsten, ihr Bad zu nehmen und längere Zeit im Wasser zu verweilen. Die Badenden trinken von dem eklen Wasser, welchem dank Schiwas Gnade die Kraft innewohnt, den sterblichen Menschen von seinen Sünden zu reinigen, und opfern Blumen und Reis oder andere Erzeugnisse des Bodens. Besonders feierlich vollziehen die Brahmanen die heilige Handlung, indem sie der Sonne einen Blick zuwerfen, Gebete murmeln und unter den eigentümlichsten Zeremonien ihre Opfer darbringen. Pilger nehmen in großen Kupfergefäßen das wundertätige Wasser des Ganges, das auch in alle Teile des Landes verschickt wird, nach Hause mit. In ganz Benares sieht man Träger dieses heiligen Nasses durch die Straßen eilen.

Gleich oberhalb der Badestelle sind auf den Ghats über Säulen gelagerte Steinplatten angebracht, auf welchen Brahmanen sitzen, welche den dem Bad Entsteigenden mit verschiedenfärbigem Sandelholzmehl das Kastenzeichen auf Stirn und Wangen malen. Auch Rasierer in voller Tätigkeit haben da ihr Lager aufgeschlagen.

Die fürchterlichste Ausgeburt religiösen Paroxismus, wahre Zerrbilder der Menschheit sind aber die Fakire, deren es in Benäres Legionen gibt. Sie sitzen auf den Ghats oder auf im Flusse schwimmenden Brettern, größtenteils nackt, mit Lehm oder Asche beschmiert, regungslos da. Für ihren Lebensunterhalt sorgt die Mildtätigkeit der Gläubigen.

Mitten unter all den Badeplätzen liegen die Verbrennungsstätten, an welche täglich zahlreiche Hindu-Leichen überantwortet werden. Es gilt als der Gottheit besonders wohlgefällig, ja als Bürgschaft für den Eintritt in den Himmel, am Ufer des Ganges zu Asche zu werden oder gar daselbst das Zeitliche zu segnen, aus welchem Grunde sich auch viele Sterbende von ihren Verwandten selbst aus weiter Ferne zum heiligen Strome bringen lassen, um angesichts seiner rauschenden Fluten den letzten Seufzer zu tun. Tritt der Tod des Sterbenden nicht bald ein, so beschleunigen wohl häufig genug die zärtlichen Verwandten künstlich sein Ende, um baldmöglichst wieder in die Heimat zurückkehren zu können. In landesüblicher, pietätloser Weise wird mit den Leichen umgegangen, da dieselben vorerst unter freiem Himmel rasiert und gewaschen, dann auf den Holzstoß gelegt und rasch verbrannt werden, wobei die Angehörigen stumm und teilnahmslos verharren. Endlich wirft man die letzten Überreste der Toten in den Ganges, knapp an den Stellen, wo ungeachtet der schwimmenden Leichenteile Menschen baden und das trübe Wasser schlürfen. Geier, Raben und Hunde raufen gierig um manchen halbverkohlten Knochen.

Lange blickte ich in dieses Treiben, als müsste ich mich vergewissern, dass ich so Scheußliches wirklich schaue und nicht bloß träume — dann wandte ich mich mit Ekel, ja mit Unwillen von dem grausigen, der Menschenwürde Hohn sprechenden Schauspiel ab.“

Aus der Flucht der Tempel und Paläste ragt mit ihrem runden Kuppelbau und den zwei schlanken, die ganze Stadt überragenden Minarets die große Moschee Aurengzebs heraus, welche der mächtige Eroberer an dieser, den Hindus besonders heiligen Stelle hatte errichten lassen. Auf steilen, schmutzigen Steintreppen stiegen wir zum Vorplatze der Moschee, wo uns ein Muezzin mit Bücklingen empfing und demütig einlud, eines der Minarets zu besteigen. Von der ersten Plattform, dem Dache der Moschee, strichen, durch unser Erscheinen erschreckt, Schwärme von Papageien und Tauben ab. Der weitere Aufstieg ist schwierig, da man sich auf einer engen, mit unverhältnismäßig hohen Stufen versehenen Schneckenstiege emporwinden muss, doch entschädigt für diese Mühe die weite, lohnende Aussicht über die ganze Stadt und den heiligen Fluss. Die zahlreichen Kuppeln der Tempel erglänzen im Sonnenscheine; ein Häusermeer liegt zu unseren Füßen; majestätisch rauscht der mächtige Strom dahin, als verachte er das wahnsinnige Getriebe dieser, Marionetten gleich von einer dunklen Macht bewegten Menschen.

Eine Wanderung mitten durch die betende Menge führte uns vorbei an heiligen Kühen, Eseln, Ziegen, Schafen und Hunden; alle diese Tiere lungern in der drängenden Menschenmenge umher — fürwahr eine drastische Staffage des sinnverwirrenden Bildes! Eine große Zahl angekröpfter Geier und Milane sitzt auf den Dächern oder, alle Abfälle vom Boden auflesend, zwischen den Fußgängern. Ziegen und Schafe dringen in die Tempel und Tempelchen ein und fressen vom Schoß der Götterbilder die diesen geopferten Blumen und Kränze. Wir gelangen zu einer Stelle, an der ein im Rufe besonderer Heiligkeit stehender Fakir, unaufhörlich Gebete murmelnd, schon viele Jahre lang auf demselben Fleck sitzt und von Andächtigen mit Opfergaben beschenkt wird. Fanatiker, welche die Würde eines Fakirs anstreben, bemühen sich, den ersten Grad der Abtötung dadurch zu erreichen, dass sie den Atem so lange einhalten, bis sie, grün und gelb geworden, beinahe ersticken. Alltäglich wird diese Übung wiederholt und fortgesetzt, bis jener Grad von Vollkommenheit erreicht ist, der dem ersehnten Ziel zuführt.

Eine Zisterne, der hochheilige Manikarnikä-Brunnen, 12 m im Quadrat messend, mit Stufen, die zum Wasser niederführen, — angeblich nach dem Vorbilde eines mythischen Teiches im Himalaya gestaltet — ist eine Stätte besonderer Verehrung für die Gläubigen: für uns eine solche des Greuels. Hier baden die Gläubigen, bevor sie in den Ganges tauchen — besser gesagt, sie suhlen sich in der Jauche und schlürfen von der aus faulenden Blumen, vieljährigem Schmutz und übelriechendem Wasser bestehenden Flüssigkeit.

Über steile Treppen, eine schmale Straße entlang, wanderten wir dem Haupttempel Schiwas »Bischeschwar« — der »Goldene Tempel genannt — zu. Das Unglaubliche ist Ereignis geworden; denn in den Straßen und vorzüglich in den Tempeln ist das Treiben der pilgernden Scharen noch toller als am Fluss. Die Straßen selbst bestehen eigentlich nur aus ununterbrochenen Reihen von Tempeln mit schöner und origineller Architektur, die von hoch entwickeltem Kunst- und Schönheitssinne zeugt. Tempel und Bilder des Elephanten-Gottes Ganescha, des Affen-Gottes Hanuman, Schiwas, des heiligen Stieres Nandi, — des indischen Apis — des Lingam in allen möglichen Formen und Größen folgen einander in bunter Reihe. Alle heiligen Plätze werden von den Pilgern mit Kränzen geschmückt, mit Gangeswasser bespritzt oder zu Stätten der Opfer von Reis und Butter gemacht. Dazwischen bieten Verkäufer mit großem Geschrei Gebetbücher oder kleine Bildnisse der Gottheiten feil, während beschäftigungslose Brahmanen sich herandrängen, um Führerdienste zu leisten. Je mehr wir uns dem Goldenen Tempel näherten, desto ärger wurde das Gedränge.

An einem großen Stiersymbol vorbeikommend, das eifrig mit Wasser vom Ganges begossen wird, erreichten wir den »Brunnen der Erkenntnis« (Gyan Kup), in welchen bei der Eroberung von Benares durch Aurengzeb, der Sage nach, der Hüter des vornehmsten Hindu-Tempels das seiner Obhut anvertraute Bildnis Wischnus hinabgeworfen haben soll. Heutzutage birgt dieser Brunnen nur faulendes Wasser, von welchem gegen entsprechenden Bakschisch für den Brahmanen jeder Pilger einen Löffel voll erhält.

Der Goldene Tempel, über den wir von einem gegenüberliegenden Balkone einen guten Überblick genossen, ist vor ungefähr 200 Jahren ganz aus rotem Sandstein erbaut und die Vergoldung des kegelförmigen Daches auf Kosten Maharädscha Randschit Singhs von Lahore ausgeführt worden. Dieser Schmuck hat dem Tempel den Beinamen des «Goldenen« verliehen. Innerhalb und außerhalb desselben, eines wahren Pandämoniums religiöser Exstase, treibt das Leben der Pilger die höchsten Wogen. Vollständiger Schiffbruch der menschlichen Vernunft zeigt sich, wenn man hier einen Blick auf das Gebaren der Gläubigen wirft. Obwohl sonst der Eintritt für Andersgläubige strengstens verboten ist, drangen wir doch, geleitet von einem reichlich mit Bakschisch versehenen Brahmanen, soweit ein, als es die drohende Haltung der Pilger nur immer gestattete Was ich gesehen, genügte, um mir ein getreues Bild von dem Innern des größten und heiligsten Tempels der Hindus, von der Nacht des Irrwahnes zu machen, welche jene umfängt. Das Hauptidol, in herrlicher, reicher Umfassung, ist das Sinnbild schaffender Kraft, ein Lingam, umtanzt von einer fanatischen Menge von Bettlern, Weibern und Männern, welche das Symbol rastlos bekränzen, bespritzen und salben. Dazwischen tönen Glocken, an welche die Gläubigen schlagen, watend zwischen zertretenen Blumen, Gangeswasser und Excrementen heiliger Kühe. Um das Hauptidol ist ein förmliches Museum anderer Bildnisse und Götteridole gereiht, deren jedes seine Anbeter hat, die schreiend und lärmend ihre Andacht verrichten. Obgleich mir nur ein Aufenthalt von wenigen Minuten in diesem Heiligtum gegönnt war, fühlte ich mich doch durch das plötzliche Einstürmen so ungeahnter Eindrücke wie von Schwindel erfasst; ins Freie gelangt, atmete ich tief auf. Die Umgebung des Tempels ist von einer Unzahl bejammernswerter, ekelhafter, verkrüppelter, mit Aussatz behafteter Bettler und Bettlerinnen belagert, welche das öffentliche Mitleid anrufen.
Noch grauenhafter, wenn möglich, ist der in der Nähe liegende Tempel Annapurnas, der »nahrungspendenden« Göttin. Ringsum stehen Kühe, welche von den Gläubigen als so heilig betrachtet werden dass diese, um sich von allen Sünden zu reinigen, ein Gemisch sämtlicher Provenienzen der Tempelkühe schlucken. Wohl der entsetzlichste Ausbruch fieberhaften Glaubenswahnes! Welch schreiender, schmerzlicher Widerspruch — auch hier schöne Architektur, das Zeugnis blühenden menschlichen Geistes, als Umrahmung von Schmutz, Unrath, Wahnsinn. In der Mitte des Tempels, auf einer Art Postament, befindet sich ein fürsorglich vorbereitetes, sogar mit Moskitonetzen umgebenes Bett, welches, dem Glauben der Hindus nach, allnächtlich von Wischnus Gemahn, der Göttin Lakschmi, aufgesucht wird, um hier der Ruhe zu pflegen.

Ich wandte mich nun dem Bazar zu und besah unterwegs noch die architektonisch reizend geschmückten Fronten einiger Häuser und mehrerer anscheinend selten besuchter Tempel.
Wir wandern, oft genug durch die drängende Menge im Fortschreiten behindert, an lebendig gewordenen Höllenbrueghels vorüber. Hier naht eine Schar Pilger, triefend vom Bad; dort bekränzen Frauen ein Schiwa-Symbol, den Gott um zahlreichen Kindersegen bittend: Fakire in den scheußlichsten Erscheinungen und aussätzige Bettler schreien um Almosen; Megären unterrichten auf der Straße Kinder in den Mysterien der Hindu-Religion; Brahmanen heischen von Pilgern Bakschisch; vornehme Radschas ziehen in feierlichem Aufzuge, gefolgt von einem Trosse bunter Diener und Musikanten, an den Ganges: Leichen auf Leichen, bloß mit leichten Tüchern bedeckt, werden vorbeigetragen — ein unaufhörlicher Wechsel von Szenen und Bildern, die nur der Orient in seiner üppigen und wüsten Gestaltungskraft hervorzubringen vermag. Widerwillen, ja Abscheu fassten mich an und erdrückt, überwältigt von dem Gesehenen eilte ich nach Hause, um ermüdet auszuruhen.

Neu gestärkt stattete ich nachmittags dem Affen-Tempel meinen Besuch ab. Dieser Tempel ist dem Gott Hanuman gewidmet und beherbergt in seinen Räumen eine Unzahl Affen, die lustig im Innern des Gebäudes auf dessen Säulen und Kapitälen umherspringen, von den Gläubigen mit Süßigkeiten und Früchten gefüttert. Noch vor kurzer Zeit gab es hier Tausende heiliger Affen; doch wurden diese durch ihre Streiche endlich selbst den gläubigen Hindus zu arg, da sie in der ganzen Nachbarschaft furchtbare Verheerungen anrichteten und kein Gegenstand vor ihrer Raublust sicher war. Man half sich nun dadurch, dass man über tausend Affen einfing, die ganze Gesellschaft in die Coupes eines Extrazuges setzte und weit ins Land führte, um sie in einem Dschungel wieder auszulassen. So waren die praktischen Gläubigen die Quälgeister los geworden, ohne sich gegen deren Heiligkeit versündigt zu haben. In der Mitte des Tempels steht eine vergoldete Figur des Gottes Hanuman, die, von Gläubigen und Affen eifrig heimgesucht, natürlich des üblichen Schmutzes nicht entbehrt.

Hier produzierten zwei Schlangenbändiger ihre Künste mit einer Anzahl Kobra- und Python-Schlangen. Dieses Schauspiel wiederholte sich nach unserer Rückkehr in das Palais, indem uns ein Taschenspieler unter anderem auch einen interessanten Kampf zwischen einer großen Schlange und einem kleinen iltisartigen Tier, dem sogenannten Mungo, — einer Art Manguste — vorführte. Letzterer blieb Sieger; er hatte sich äußerst geschickt gleich auf den Kopf der Schlange geworfen und biss endlich dem Reptil, obgleich dieses seinem Gegner arg zusetzte und ihn fest umschlang, den Kopf durch. Es verdient bemerkt zu werden, dass die Gaukler und Taschenspieler in ganz Indien eine hervorragende Rolle spielen und sich vorteilhaft dadurch von ihren europäischen Kollegen unterscheiden, dass sie die frappierendsten Kunststücke ohne alle Vorbereitungen zum besten geben.

Recht bitter enttäuschten uns die Tänzerinnen, welche sich nach dem Diner im Palais produzierten. Sie selbst waren jeder Schönheit bar, ihre Tänze äußerst langweilig, so dass wir bald in recht schläfrige Stimmung gerieten.

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  • Ort: Benares, Indien
  • ANNO – am 10.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt das Lustspiel “Schach dem König“, während das k.u.k. Hof-Opermtheater Webers “Der Freischütz” aufführt.

Darjeeling — Benares, 9. Februar 1893

Um  halb 8 Uhr morgens wurden wir in Manihari Ghat an der Endstation der schmalspurigen Bahn geweckt, passierten auf einem Dampfer den Ganges und setzten von der Station Sakrigali Ghat die Fahrt mit der East Indian Railway auf der uns schon bekannten Strecke bis Moghal Sarai fort. Das Gebiet, welches wir durcheilten, ist, wenn auch an Üppigkeit den Delta-Landschaften nicht vergleichbar, doch sehr fruchtbar, stark besiedelt und intensiv kultiviert. Das Uferland des Ganges, den Alluvialbildungen angehörend, allenthalben Handelsgewächse, Brot- und Gartenfrüchte in reicher Fülle liefernd, trägt wie fast jede der »Kornkammern« unserer Erde, den Charakter der Eintönigkeit in sich. Das Einförmige der Gangesniederung, ihrer fruchtbaren Ebenen und grünenden Feldfluren wird nur durch zahlreiche Mangohaine und kleine Hügel unterbrochen, welche ihre Eigenart dadurch ausprägen, dass sie nur spärlich bewachsen und mit regellos übereinander gewürfelten Felsblöcken bedeckt sind.

Gegen 8 Uhr abends langten wir in Moghal Sarai an, setzten von hier aus auf der Linie der Oudh and Rohilkund Railway, eine beiläufig 1200 m lange eiserne Brücke passierend, über den Ganges und trafen nach 8 Uhr in der Station Benäres Cantonment ein. Wir wurden auf dem Bahnhof — in Abwesenheit des Commissioners — von Mr. Brereton, einem magistratischen Ratsherrn, empfangen und begaben uns, von einer Eskorte berittener Polizei geleitet, nach unserem Quartier. dem Palast Nandeschwar Kothi, einem Besitztum des Mahärädschas von Benares. Wie alle modernen indischen Paläste, ist auch dieser äußerst luftig gebaut, geschmacklos eingerichtet, so dass nur einige alte Bilder früherer Mahärädschas die Aufmerksamkeit fesseln. Wir setzten uns um ein Kaminfeuer, das uns wohltätig erwärmte; denn noch nie soll in Indien ein ähnlich strenger Winter geherrscht haben, was wohl mit der auch in Europa exzeptionellen Kälte von 1892/93 zusammenhängen dürfte. In einem Radscha-Doppelbett von ungeheuerlichen Dimensionen, umgeben von Radscha-Ahnen, die erstaunt auf mich herabblickten, schlief ich bald den Schlaf des Gerechten.

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  • Ort: Benares, India
  • ANNO – am 09.02.1893 in Österreichs Presse.Die Kaiserin Elisabeth besichtigt immer noch Barcelona und will auch das Kloster von Montserrat einen Besuch abstatten. Ihr Schiff sollte nach Marseille weiterfahren, was angesichts der Cholerafälle in der Stadt wohl fraglich ist. Ein schweres Erdbeben mit über 600 zerstörten Häusern erschüttertee Zakynthos, eine Insel, welche Franz Ferdinand von fern auf seiner Reise von Triest kommend beobachtet hatte.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt das Lustspiel “Der Präsident“, während das k.u.k. Hof-Opermtheater Wagners “Rheingold” aufführt.

Darjeeling, 8. Februar 1893

Der Wunsch, den Anblick der herrlichen Berge heute morgens abermals zu genießen, war der Vater des Gedankens gewesen, dass die Nebel heute verschwunden sein müssten. Mitnichten! Sie waren noch immer da, obgleich in der Nacht Sterne sichtbar geworden waren und wir leider den letzten Morgen in Dardschiling zu verbringen hatten.

Da übrigens der Nebel nicht gar zu dicht war und an einzelnen Stellen sogar der blaue Himmel hervorlugte, beschlossen wir, auf den 2870 m hohen und etwa 10 km von hier entfernt liegenden Mount Sentschal oder Tiger Hill zu reiten. Von ihm aus soll man an klaren Tagen die schönste Aussicht auf den Himalaya, insbesondere den Mount Everest genießen. Es war empfindlich kalt und trotz warmer Kleider und Mäntel froren wir wie an einem europäischen Wintertage, aber gerade die niedrige Temperatur ließ uns hoffen, dass der Ritt nicht vergeblich sein und uns der ersehnte Ausblick auf die stolzen Bergeshäupter vergönnt sein werde.
Der Weg führt gleich vom Hotel aus in Serpentinen steil hinan bis zu einem englischen Sanatorium für fieberkranke Soldaten, die in mehreren kleinen Häusern untergebracht sind und hier von ihren Leiden Genesung suchen. Auch eine kleine englische Besatzung, wohl die höchstpostierte in der Welt, befindet sich hier.

Auf einem Bergvorsprung, der im wallenden Nebel einer Klippe in bewegter See glich, ragte phantastisch ein tibetanischer Buddha-Tempel empor, der in seiner Bauart lebhaft an chinesische Pagoden erinnert — ein architektonisches Zeugnis der Verbindung von Kunstformen verschiedener Völker an deren örtlichem Berührungspunkte.

Bis hieher hatten wir noch immer auf besseres Wetter gerechnet, da sich sogar die Sonne auf manche Augenblicke hatte sehen lassen. Doch vergebens! Der Nebel wurde immer dichter, man sah kaum mehr den Vordermann, und so mussten wir uns, das Fruchtlose unserer Bemühungen einsehend, in resignierter Stimmung endlich zur Rückkehr entschließen.
Der Kälte wegen saßen wir von unseren Ponies ab und liefen den Berg hinab bis zum Hotel. Dann statteten wir noch einen letzten Besuch im Bazar ab, wo Geldwechsler auf dem Boden hockten, Münzen aus Nepal, Sikkim und Bhutan feilhaltend, unter welchen wir Rupien, Peis  (1 Rupie = 16 Annas à 12 Peis) und Kauris (Cowries, 6400 Kauris = 1 Rupie) fanden. Die seit uralten Zeiten im Orient und besonders in Afrika als Münze geltende Kauri ist bekanntlich die Porzellanschnecke (Cypraea moneta). Rasierer walteten auf offener Straße oder in den Kaufläden behende ihres Amtes.

Besondere Erwähnung verdient ein eigentümlicher, fast bei allen tibetanischen Händlern vorhandener Artikel: Gebeträder aus Kupfer oder Silber. Diese bestehen aus einem Metallrohr, durch welches ein Eisenstab geht, an dessen oberem Ende eine drehbare zylindrische Büchse befestigt ist. Im Innern der Büchse ist ein langer, zusammengerollter, mit Gebetsprüchen bedruckter oder beschriebener Papierstreifen enthalten, welcher mittels einer in der Büchse befestigten Spule in Drehung versetzt wird. Schon das Drehen der Gebete wird dem andächtigen Hersagen derselben gleichgehalten und gilt bei den Buddhisten als Betätigung der Frömmigkeit; übrigens murmeln die allerfrömmsten Beter, während sie die Spule des Zylinders drehen, obendrein noch den Gebetspruch. Eine noch drastischere und bequemere Form des Gebetes besteht in dem hier üblichen Hissen langer über und über mit Gebeten beschriebener Tücher, welche auf hohen Bambusstangen in der Nähe der Tempel und der Häuser im Wind zu flattern bestimmt sind und auf diese Weise böse Geister von den Gebäuden verscheuchen und fernhalten sollen.

Wir hatten das Verkehrsleben Dardschilings gewiss bedeutend angeregt und jedenfalls die Hoffnung erweckt, dass es möglich sein werde, noch im letzten Augenblick irgend welche für die Verkäufer besonders vorteilhafte Geschäfte mit uns abzuschließen; denn als wir uns, zur Abreise gerüstet, bereits unter den Toren des Hotels befanden, überfielen uns daselbst unzählige Händler mit Stoffen, Waffen, Hunden, Fasanen, Fellen, Musikinstrumenten der mannigfaltigsten Art und allen möglichen Geräten religiöser und profaner Bestimmung. Zwischen den Handelsbeflissenen drängten sich Bettelmönche und Lamas aus Tibet und aus der Mongolei, um Almosen für ihre Tempel flehend.

»Lama« ist der Ehrentitel der Priester des Lamaismus, das ist des von Tsongkhapa im 14. Jahrhundert umgestalteten, bei den Tibetanern, Mongolen und Kalmücken verbreiteten Buddhismus. Die obersten Priester dieser Hierarchie sind der Bogdo Lama in Taschi-Lhunpo und der weit öfter genannte Dalai Lama, Ozeanpriester, — das ist der menschgewordene, immer wieder neugeborene Buddha — in dem seit vielen Jahrzehnten den Europäern verschlossenen und wohl voraussichtlich auch noch durch längere Zeit unzugänglichen Lhassa.
Endlich mussten wir dem geschäftigen Treiben rings um uns her, da die Zeit drängte, ein Ende bereiten und kämpften uns durch die festgekeilte Menschenmenge förmlich hindurch, um zu der Station zu gelangen.

War uns das Wetter während des kurzen Aufenthaltes nicht eben hold gewesen, so verließ ich Dardschiling doch lebhaft angeregt und seelisch erquickt. Ich war von der Empfindung erfüllt, inmitten der herrlichen Gebirge geistige Sammlung gefunden, sowie wohltuende Ruhe genossen zu haben und so der Menge auf Indiens Boden noch bevorstehender Eindrücke neu gestärkte Empfänglichkeit entgegenbringen zu können. Hatte ich ja das Juwel der Berge, den Kantschindschinga, wenn auch nur auf Momente, geschaut; die Alpenwelt der Tropen in ihrem hinreißenden Zauber genossen; einen Blick in das Zusammenfluten von Völkerstämmen mancherlei Rassen mit den hieraus entsprungenen eigentümlichen Mischungsformen auf allen Gebieten ihres Lebens getan und — last not least — nach der fieber- und bakterienschwangeren Atmosphäre von Calcutta, nach dem unleidlichen, wie es scheint ganz Indien überwölkenden Geruch von Kokosnussöl, Rosenwasser, Sandelholz und verbrannten Hindus wieder mein Element, herzerfrischende reine Alpenluft, geatmet.

Viele der alljährlich sich in großer Zahl einstellenden Besucher Dardschilings bekommen trotz eines Aufenthaltes von zwei oder drei Wochen, trotz der Besteigung so mancher Höhe den Kantschindschinga überhaupt nicht zu Gesicht, ja oft grollt der Bergriese monatelang, sein ehrwürdiges, greises Haupt jeglichem Blick entziehend. Ich darf also nicht klagen. Indem ich Dardschiling Lebewohl sagte, fühlte ich in meinem Innern den Vorsatz keimen, dereinst — wenn des Schicksals Mächte es gnädigst gestatten — wiederzukehren, um dieses Edens Reize in vollen Zügen, nach Herzenslust zu genießen.

Um 1 Uhr verließen wir Dardschiling. Zur Talfahrt benützten wir anfangs den Zug, hatten jedoch bald den guten Einfall, den Eisenbahn-Direktor zu bitten, uns die Fortsetzung der Fahrt auf einer Draisine zu gestatten, da wir uns so eines freieren, besseren Rundblickes erfreuen würden. Nach einigem Sträuben gegen dieses angeblich zu gefährliche Beginnen wurde die Bitte gewährt und bald sausten wir mit Eilzugsgeschwindigkeit auf einer zwölfsitzigen Draisine über Kurven und Serpentinen den Berg hinab. Je tiefer wir kamen, desto mehr zerteilten sich die Wolken, verschwand der Nebel und endlich umfing uns heiteres Wetter. Welches Entzücken beseelte uns auf der kühnen Fahrt! Nichts behinderte die Rundsicht auf das Meer von grünen Bergen, Kuppen, Rücken, Tälern und Schluchten, über das hinweg wir in den Lüften zu ziehen schienen, als schwämmen wir im Äther, umflossen von dem goldigen Hauch der sinkenden Sonne, zum Abschied gegrüßt von deren letzten, herrlichsten Strahlen.

Als es zu dunkeln begann, wollte der um unsere geraden Glieder besorgte Direktor unter keiner Bedingung die Weiterfahrt gestatten; so mussten wir denn den nachkommenden Zug abwarten, der uns nach Siliguri brachte. Bei Nacht ist der Verkehr der Züge auf der Bergbahn in der Regel eingestellt, weshalb auch für Beleuchtung der Strecke nicht weiter gesorgt ist. Für unsere Fahrt jedoch ward auf der Lokomotive ein weithin leuchtendes, helles Licht befestigt, in dessen Schein die Bäume des Urwaldes, die Lianen, die Bambus wie Gespenster an uns vorüberflogen.

Endlich trafen wir in Siliguri ein, um die Fahrt von hier aus mit der Eastern Bengal Railway auf der schmalspurigen Strecke bis nach Manihari Ghat fortzusetzen.

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  • Ort: Manihari, Indien
  • ANNO – am 08.02.1893 in Österreichs Presse. Die Regierungpläne sind immer noch Thema der Diskussion. In Frankreich geht die Krise weiter, doch denken einige bereits an Neuwahlen angesichts der etwas abgekühlten Stimmung.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt Shakespeares “Ein Wintermärchen”, während das k.u.k. Hof-Opermtheater wieder einmal “Die Rantzau” aufführt.

Darjeeling, 7. Februar 1893

Der erste Blick bei Morgengrauen galt den Bergen oder eigentlich der Richtung, in welcher die Berge gesehen werden sollten; aber leider sahen wir wieder nur Nebel, nichts als Nebel. Tief herabgestimmt widmete ich mehrere Stunden meinem Tagebuch, während die Herren meiner Suite in den Bazar gingen, um für mich Einkäufe zu besorgen. Unter anderem brachten sie von ihrem Beutezug auch einen zottigen echten Tibetaner Gebirgshund mit, den ich sofort in die Heimat sandte: ein reizendes Tier, lang behaart, schwarz, braun gebrannt, in der Größe eines Schäferhundes, mit klugen Augen und — einem besonderen Kennzeichen der Rasse — schwarzem Maul.

Bälge verschiedenartigen Getieres, besonders jene des schönen Katzenbären (Ailurus fulgens), welche ich in dem Bazar gesehen hatte, veranlassten mich, in den Commissioner zu dringen, eine Jagd zu veranstalten. Er erklärte, dass zwar alle guten Plätze sehr entlegen seien, wir aber immerhin einen in der Nähe befindlichen Wald durchstreifen könnten, um dort unser Glück auf Vögel zu versuchen. Wiewohl dies wenig zuversichtlich klang, machten wir uns dennoch auf den Weg und ritten in dichtestem Nebel einen schmalen Gebirgspfad entlang, ungefähr 350 m bergab, bis wir an einen steilen Bergabhang gelangten, der mit äußerst üppiger Vegetation bedeckt war. Wir verließen die Pferde und drangen in mehrere Partien aufgelöst in das urwaldähnliche Gewirre ein. Wie bedauerte ich, nicht meine genagelten Goiserner Schuhe mitgenommen zu haben; zwischen den Bäumen. Farnen und Lianen gab es so steile und glatte Lehnen, dass ich jeden Augenblick mit der Mutter Erde in Berührung kam. Durch solches Missgeschick ließ ich mir jedoch den Genuss nicht verkümmern, in ungewohntem, unbekanntem, auf Schritt und Tritt Neues bietendem Terrain umherzustreifen. Vor allem waren es die riesigen, manchmal undurchdringlichen Farne, welche das Auge fesselten; auch unsere ornithologische Ausbeute gestaltete sich ergiebig, so dass sie darauf schließen ließ, wie reich die Ornis in diesem Himmelsstrich zu anderer Jahreszeit sein müsse.

Gegen Abend ins Hotel zurückgekehrt, stand ich eben im Speisezimmer in Unterhandlung wegen Ankaufes interessanter Gegenstände aus Inner-Tibet, als Kinsky mit der Meldung hereinstürzte, die Berge seien sichtbar. Mit einem Sprung war ich auf der Terrasse und genoss nun einige Momente lang eine Aussicht, einen Blick auf das Gebirge, der sich mir für das ganze Leben tief eingeprägt hat. Als hätten die Geister jener Berge Mitleid mit dem Erdensohn empfunden, der aus weiter Ferne hiehergepilgert war, um zu den Füßen der unnahbaren Riesen die Natur in ihrer Herrlichkeit zu bewundern — teilt sich plötzlich der dichte Nebel in den Höhen und entschleiert liegen im Glanze der sinkenden Sonne »die fünf weißen Brüder«, der Kantschindschinga, vor uns. In scheuer Ehrfurcht nur wagt das Auge sich zu dem Bild voll Größe, voll Majestät zu erheben, trunken von Entzücken haftet es daran. Eine Wand von Nebel, wie aus den Tälern emporgewachsen, lagert bis hin zu den enthüllten Gipfeln, die auf den Wolken zu thronen scheinen. Ein erstarrtes Kapitel der Geschichte der Erde, blicken die Berge, das Bleibende im Wechsel, in olympischer Ruhe auf das Werden, Blühen und Verderben der Völker — dieser Eintagswesen in den Äonen des Seins — herab. Wenig war mir zu schauen gegönnt; doch das Wenige in einer Pracht, dass ich die ganze Größe jenes hehren Anblickes zu ahnen vermochte, den voll zu genießen mir versagt blieb. Wie ein Gefühl der menschlichen Ohnmacht beschlich es mich angesichts der Natur in ihrer Riesengröße — auch der Nüchternste muss sich in Demut beugen und in Begeisterung erheben vor einem Anblick, wie er mir beschieden gewesen.

Nur ein bitterer Tropfen Wermut in dem Kelche der Freude — dass meine Lieben in der Heimat weilen, in weiter Ferne von mir, dass sie nicht teilhaben können an dem herrlichen Schauspiel, an den tiefen Empfindungen, die es wachruft. Wie wahr ist das schlichte Wort: Geteilte Freude, doppelte Freude! . . .

Die Geister der Berge schien es zu reuen, ein menschlich Rühren empfunden und die jungfräulichen Gebirge, auf denen nie der Tritt eines Menschen widerhallt hat, so lange dem Auge des Sterblichen preisgegeben zu haben — die Nebel steigen, werden dichter und dichter, die rosig angehauchten Gipfel verblassen, ihre Konturen zerrinnen, und endlich ist das zauberhafte Bild verschwunden.

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  • Ort: Darjeeling, Indien
  • ANNO – am 07.02.1893 in Österreichs Presse. Der Kaiser besichtigte das Neugebäude der Wiener Allgemeinen Polyklinik im 9. Bezirk in der Mariannengasse. Geführt wurde er vom Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt Shakespeares “Hamlet”, während das k.u.k. Hof-Opermtheater  Meyerbeers Oper “Die Hugenotten” aufführt.

Darjeeling, 6. Februar 1893

So fuhren wir denn auf kühnem Gebilde von Menschenhand dem Himalaya, dem höchsten Gebirge der Erde zu! Durch elementare Revolutionen entstanden, in schier unerreichbaren Spitzen dem Himmel entgegenstrebend, erhebt sich der Himalaya, das „Schneeheim“, der
kolossale Bergwall, welcher die Arier von den Mongolen, Indien von Innerasien trennt. Nie hat ein Feind ihn überschritten, nur scheu hat er ihn umgangen. Über 24 Längengrade sich erstreckend, vom Hindukusch bis zum Durchbruch des Brahmaputra reichend, steht der Himalaya mit dem Nordfuße auf den öden Plateaus von Tibet, mit dem Südfuß auf
der vorderindischen Tiefebene, als eine Grenzscheide des Klimas, der Pflanzen- und Tierwelt, der Völker und der Kultur zwischen Innerasien und Südasien.

Durch die ihm vorliegende Talmulde nähern wir uns seiner Region; erheben uns zu seiner südlichen Vorkette, die auf blühende, grünende, üppige, von herrlicher Luft umfächelte Waldberge herabsieht; blicken nach den Gipfeln der Zentralkette, jenseits deren nördlicher Vorkette wildes, kahles, zackiges Höhenland liegt. Über die diese Talmulde nördlich begrenzenden, von dunklem Waldesgrün bedeckten Vorberge windet sich die Bahn bis Dardschiling empor, bis zum Fuß der größten Gletschergruppen der Erde, bis in das Gebiet hinein, in dem der Dhaulagiri (8176 m), der Kantschindschinga (8585 m) und jener höchste Gipfel der Erde thronen, den wir Mount Everest (8840 m) oder Gaurisankar nennen hören. Der Kantschindschinga, — »die fünf weißen Brüder« — dessen von ewigem Schnee bedeckte, von Gletschern durchfurchte, aus dichtem Wald aufsteigende Riesenkette wir hier zu schauen gekommen sind, liegt in Sikkim, jenem kleinen Schutzstaat, der wie ein Keil zwischen Nepal und Bhutan sich einschiebt und durch die kühne, in Dardschiling endigende Bergbahn mit den Schienensträngen der Ganges-Ebene verbunden ist.

Von der Hoffnung beseelt, den Zauber dieser unsäglich schönen und großartigen Gebirgswelt in voller Pracht bewundern zu können, lugte ich lange vor Sonnenaufgang aus meinem Fenster, um das Wetter zu beobachten und daraus Schlüsse zu ziehen, ob wir einen reinen, nebelfreien Tag haben würden oder nicht. Obgleich der Morgen heiter war und der Sonnenaufgang schön zu werden versprach, entdeckte ich doch im Westen kleine, längliche Wolkenstreifen, die in unseren heimatlichen Bergen von allen erfahrenen Wetterpropheten als ungünstiges Omen gedeutet werden, weil sie zumeist Regen oder Nebel prophezeien. Leider hatte sich dieses untrügliche Zeichen auch hier bewahrheitet; als wir an den Fuß der Vorberge gelangten, sahen wir die Spitzen bereits in Nebel gehüllt.

Nach 7 Uhr morgens waren wir von Siliguri abgefahren. Die Bergbahn Siliguri—Dardschiling, die eine Länge von 82 km besitzt und in eine Höhe von 2180 m steigt, ist wohl die interessanteste Bahn der Welt; nicht so sehr, was ihren Bau und ihre Anlage anbelangt, als wegen der unvergleichlichen Panoramen und Bilder, deren Anblick sie bietet. Die Bahn hat eine Spurweite von nur 61 cm, besitzt, um freien Ausblick zu gewähren, offene Waggons und kann unbedingt als ein kühnes und ganz eigenartiges Werk bezeichnet werden. Man bedenke nur: eine Bergbahn, die ohne Tunnel eine so bedeutende Höhe erklimmt und im ganzen — nach der Angabe des Chef-Ingenieurs — nur 231.000 fl. ö. W. gekostet hat! Das Rätsel erklärt sich teilweise dadurch, dass die Bahn bloß auf einer Schienenlänge von 24 km die Herstellung eines besonderen Bahnkörpers erfordert hat, während sie die übrige Strecke hindurch die bereits vorhandene Gebirgsstraße benützt, um sich emporzuwinden. In den schärfsten Kurven und Windungen geht es bergauf; die Bahn steigt in solchen Serpentinen und Krümmungen, dass an vielen Stellen das Geleise, welches in den nächsten Minuten befahren werden soll, schon einige Meter hoch über dem Zuge sichtbar wird. Wo scharfe Kurven und Serpentinen nicht mehr genügt hätten, um eine steile Höhe zu erklimmen, ist dadurch Rat geschafft, dass der Zug eine Strecke geradeaus emporfährt, um dann in einem scharfen Winkel in entgegengesetzter Richtung, mit schiebender Maschine, höher aufzusteigen, so dass man im Zick-Zack aufwärts kommt.

Aber was sind alle diese Künste der Technik gegen die Pracht und Mannigfaltigkeit der Natur! In der grünen Steiermark geboren und die Berge über alles liebend, war es immer mein heißer Wunsch gewesen, den König aller Gebirge, den Himalaya, zu sehen und die tropische Welt der Berge kennen zu lernen. Wie viel ich auch über die großartige Schönheit des Himalaya gehört und gelesen — was ich nun sah, übertraf alle meine Erwartungen und versetzte mich in unbeschreibliches Entzücken. Schon die leichte, reine Gebirgsluft wirkte herrlich erfrischend — was Wunder, dass wir alle nach und nach im Waggon zu jodeln begannen, als wären wir in den oberösterreichischen Bergen. Obgleich leider der Nebel sämtliche Spitzen in undurchdringliche Schleier gehüllt und auch die Fernsicht getrübt hatte, war doch das, was wir in der Nähe zu sehen bekamen, genug, um diese Fahrt zu einer unvergesslichen zu machen.

Die landschaftlichen Reize ringsum sind wahrhaft entzückend: ein Gebirge von weit mehr als 8000 m Elevation, bis zur Höhe von 3000 tn mit tropischer Vegetation bedeckt, mächtige Gebirgsrücken, tief eingeschnittene Täler, überhängende Felsen, schroffe Lehnen, steile Abhänge, unermessliche Abgründe — alles grün in grün oder verschwimmend in zarten violetten Tinten. Und welch ein Pflanzenkleid umgürtet den Südrand des Himalaya! Die Vegetation gemahnt an jene Ceylons; aber noch höher und schöner als die Baumriesen Ceylons streben hier die Stämme mit ihren üppigen Blätterkronen empor; noch dichter und wilder schlingt sich hier das Pflanzenwerk um Stamm und Äste. Die Bäume sind bis zu den höchsten Zweigen hinauf mit Farnen, Orchideen und anderen Schmarotzerpflanzen bedeckt, während dicke Lianen die Stämme untereinander verbinden, und selbst die schroffsten Lehnen, die wildesten Abstürze sind mit einem grünen Teppiche dicht aneinander stehender Bäume und Sträucher überzogen. Bei jeder Biegung, jeder Serpentine fesselt uns ein neues Bild; besonders die vielen, tausend Meter tiefen Abgründe, an denen man auf Schuhbreite vorbeifährt, bringen reichen Wechsel in das Panorama.

Die der Charakter des Landes, so hat sich auch die Bevölkerung geändert — wir sind ja in Sikkim, an der Grenze Tibets und Chinas. Hier, in Sikkim, hausen Volksstämme, die, wiewohl mit indischem Blut vermischt und von indischer Kultur beeinflusst, doch im Typus und in der Sprache den Tibetanern nahestehen. Die Leptschas, welche Sikkim und auch Dardschiling bewohnen, gehören unzweifelhaft, trotz manchen arischen Einschlags zu den Halbkulturvölkern der mongolischen Rasse. Innerasiatisches Gepräge haben hier die Bewohner der kleinen, zerstreut liegenden Bergdörfer; reinen mongolischen Typus die Tibetaner, die als Händler oder Arbeiter vom Norden hieher einwandern. Der Typus der Leptschas ist grundverschieden von jenem der bisher gesehenen Völkerschaften; auf den ersten Blick erkennt man die Merkmale der mongolischen Rasse: die gelblichbraune Haut, das breite Gesicht, die kleinen, schief geschnittenen Augen, die stark hervortretenden Backenknochen, den niederen Wuchs, das grobe Haar, den spärlichen Bartwuchs. Sowohl Männer als Weiber sind äußerst hässlich; bei letzteren herrscht die eigentümliche Sitte, sich im Winter, als Schutz gegen die Kälte, das Gesicht mit Ochsenblut einzuschmieren, was ihnen ein besonders abstoßendes Aussehen verleiht. Am ärgsten richten sich aber die Witwen zu, die sich zum Zeichen der Trauer die Nasen ganz schwarz färben.

Die Kleidung der Männer besteht aus einem farbigen, langen Kaftan, der durch einen breiten Gürtel, in dem sich die Waffen befinden, festgehalten wird; hiezu kommen oben weite, unten sich verengende Hosen und hohe, aus einem Stück geschnittene, farbige Stiefel oder Schnabelschuhe. Auf dem Kopf tragen die Leptschas Pelzmützen oder schon stark an chinesische Kopfbedeckungen erinnernde Mützen. Der Hals wird durch Silbergeschmeide, kleine Türkis-Amulette oder Korallenbänder geziert. Manche Männer bedienen sich statt des Kaftans einer Art Hemdes und darüber eines offenen Rockes aus dickem Lodenstoff. Die Weiber haben weite, faltige Kleider sowie Gürtel und scheinen Geschmeide sehr zu lieben, da sich selbst die ärmsten mit Ketten. Amuletten und vor allem mit langen Ohrgehängen von Türkisen schmücken; manchmal tragen sie auch auf dem Kopfe einen aufrecht stehenden Reif aus Türkisen und Korallen. Der Zopf, welcher beide Geschlechter schmückt, sowie die Finger werden mit Ringen geziert.

Während der Fahrt kamen wir an kleinen Ansiedelungen knapp vorbei; ja wir streiften beinahe die Häuser mit den Waggons und hatten dabei oft Gelegenheit, Einblick in das häusliche Leben der auf einer noch sehr primitiven Kulturstufe befindlichen Leptschas zu gewinnen. Abschreckenden Eindruck macht bei diesen Beobachtungen der scheußliche Schmutz, der überall herrscht. Merkwürdig ist die hier, übliche Art, das Lebensalter zu bestimmen: die Leptschas berechnen nämlich ihr Alter nach der Anzahl der abgetragenen Kleider, so dass man auf Befragen die Antwort erhält: »Dieser oder jener ist sieben Kleider alt.«

Von Zeit zu Zeit wird in Stationen Halt gemacht, damit die Lokomotive Wasser nehmen könne. Diese Momente benützen die Eingeborenen, um sich an die Wagen heranzudrängen und manche schöne Waffe, besonders haarscharf geschliffene Messer feilzubieten.

In der Höhe von 1525 m befindet sich eine Filiale des Jesuiten-Kollegiums von St. Xaver in Calcutta. Dann geht es immer höher und endlich kommen wir sogar an einzelnen kleinen Schneeflächen vorbei, den Spuren des letzten starken Schneefalles.

Je höher wir kamen, desto empfindlicher wurde die Kälte und desto dichter leider auch der Nebel, so dass die Rundsicht sich immer beschränkter gestaltete. Von den Bergesspitzen sah man gar nichts mehr, und auch in den Tälern begannen die Nebel zu wogen. So hatte ich denn Muße, mich mit den näher gelegenen Dingen zu beschäftigen, mir die Flora genauer zu besehen. Die mächtigen Baumriesen mit ihren Luftwurzeln entzückten mich nicht minder als die mannigfaltige Abwechslung in den Farnen, deren es alle Arten, vom mächtigen Baumfarn, der hier in großer Menge vorkommt, angefangen, bis zu einem kleinen, dem Frauenhaar ähnlichen Farne gibt. Bisher hatte ich die Baumfarne nur als verkrüppelte Exemplare in unseren Warmhäusern gesehen; jetzt konnte ich mich in einer Höhe von über 2000 m an Tausenden dieser herrlichen Pflanzen erfreuen.

In den höheren Lagen wird die Schönheit der Gegend wesentlich durch die vielen Teeplantagen beeinträchtigt; denn überall, selbst an den steilsten Lehnen und an schroffen Rissen hat die kultivierende, nach Gewinn strebende Hand des Menschen den herrlichen Urwald zerstört und durch den Reihenbau des Teestrauches das Panorama ernüchtert. Gegen die uralten, vielhundertjährigen Stämme wird barbarisch gewütet; denn Holz hat hier so wenig Wert, dass man sich zur Gewinnung von Kulturboden eines einfachen Mittels bedient, indem der Holzwuchs auf Tausenden von Hektaren einfach niedergebrannt wird. Die Prosa des wirtschaftlichen Lebens lässt sich selbst von der Poesie der bezauberndsten Vegetation keine Gesetze vorschreiben. Dass die Zerstörung des dem Tod geweihten Waldes in summarischer,
möglichst billiger Weise vorgenommen wird, ist begreiflich, doch kann planlose Verwüstung schwere Gefahren nach sich ziehen; der Wald rächt die ihm gewordene Missachtung.

Schmerzliche Empfindung beschleicht den Waldfreund, wenn er die Rauchsäulen des Feuers aufsteigen sieht, welches Bestandteile einer urwüchsigen Natur vernichtet — sei es auch, um Boden für die Kultur der Teepflanze zu gewinnen. Wie groß übrigens deren wirtschaftliche Bedeutung sein mag, diese kann auch das nicht entschuldigen, dass der Tee Veranlassung oder Vorwand zu zahllosen Soireen und Afternoon-teas geworden ist

Nach 10 Uhr vormittags erreichten wir die Station Kurseong, wo das Hotel Clarendon festlichen Schmuck angelegt hatte, und langten um 1 Uhr in Dardschiling, in tibetanischer Sprache „Heiliger Ort“, an. Hier erwarteten uns der Deputy Commissioner Mr. Waller und Major Ommaney, sowie eine große Menschenmenge, aus Europäern und Eingeborenen bestehend.
Dardschiling, gegründet 1835, ist jetzt der Hauptort des gleichnamigen Distriktes (3196 km2), welchen die Engländer gegen eine Jahresrente von etwa 3750 fl. ö. W. von dem Schutzstaat Sikkim, dessen Radscha in Tamlung residiert, abgetrennt haben.

Infolge seiner hohen Lage und seines herrlichen Klimas ist Dardschiling der beliebteste Sommeraufenthalt in Indien. Von der Milde des Klimas, welches jenem Merans ungefähr gleichkommt, liefert der Umstand Zeugnis, dass in diesem gesegneten Landstrich die Teekultur noch bis zu 2000 m empor, der Obstbau noch in der Höhe von nahezu 3000 m und der Getreidebau noch über 3000 m hinaus möglich ist. Das Städtchen besteht außer einem kleinen Eingeborenen-Viertel mit reichem Bazar größtenteils aus Villen, Hotels und öffentlichen Gebäuden, besonders Sanatorien und Spitälern, die im Sommer von Europäern, vornehmlich aus Calcutta, überfüllt sind. An einem Abhange des Dschillapatar, eines Kammes der Hauptkette des Himalaya gelegen, blickt Dardschiling gegen Norden auf den Gebirgsstock des Kantschindschinga, während in den anderen Weltgegenden das Auge über die zahllosen Bergrücken, Kuppen und grünen Täler des mächtigen Gebirges schweift. Hin und wieder lugte nach unserer Ankunft die Sonne hervor und beleuchtete für Augenblicke die Häuser von Dardschiling; die Berge aber blieben in undurchdringliche Wolken gehüllt.

Wir richteten uns zunächst im Woodlands Hotel häuslich ein und begannen sodann einen Rundgang in dem Bazar, der zur reichen ethnographischen Fundgrube für mich wurde. Hier waren interessante Waffen aufgespeichert; Messer, mit denen man jede Rupie auf einen einzigen Hieb durchschneiden kann; merkwürdige Sonnenuhren auf einem Stock dargestellt; zahlreiche Götterfiguren in Bronze; originelle Schmuckgegenstände; endlich verschiedene Musikinstrumente und Trommeln, darunter solche aus Menschenschädeln, sowie Pfeifen aus menschlichen Schenkelknochen. Die Trommeln bestehen aus zwei verkehrt aneinander gestellten Schädeln, deren untere Partien weggeschnitten und durch ein Fell ersetzt sind, welches durch einen mit metallischem Knopf versehenen Schlägel zum Tönen gebracht wird. Die Schädel sollen von Ehebrechern herrühren, die in Tibet zum Tod verurteilt wurden und deren Köpfe dann diese instrumentale Verwendung finden. Abschreckungstheorie in drastischem Ausdruck! Bei einem deutschen Händler fand ich auch wertvolle Sammlungen von Schmetterlingen und Vogelbälgen, die ich für mein Museum acquirierte. Dardschiling ist, was Schmetterlinge und Käfer anbelangt, der ergiebigste Fundort in ganz Indien; die Mannigfaltigkeit und die Farbenpracht der einzelnen Exemplare ist geradezu wunderbar.

Unsere Hoffnung, dass uns ein, wenn auch nur momentaner Ausblick auf die Berge beschieden sein würde, verwirklichte sich leider nicht; der Nebel blieb unerbittlich liegen.

Abends, nach dem Diner, welches wir frierend in einem luftigen Glassalon des Hotels einnahmen, überraschte uns Mr. Waller mit einem tibetanischen Tanz, der auf einem freien Platz aufgeführt wurde, obschon sich heftiger Regen in Strömen ergoss, ohne dass hiedurch der Feuereifer der tanzenden Künstler abgekühlt worden wäre. Die begleitende Musik ähnelte in ihrer Eintönigkeit, bei ausgiebiger Verwendung von Pauken und Tschinellen, sehr der indischen Musik; dagegen war der Tanz viel bewegter, ja geradezu wild und so dem Charakter der unbotmäßigen Gebirgsstämme angepasst. Namentlich die Damen waren in ihren Bewegungen sehr lebhaft und begleiteten den Tanz mit einem geheulartigen Gesange, der wie Kriegsgeschrei klang. Männer und Weiber tanzten nicht miteinander, sondern nach dem Geschlecht gesondert. Der Tanz stellte unter anderem auch Kämpfe mit wilden Tieren dar. Zwei Männer, die fratzenhafte, jenen unserer Clowns ähnliche Masken trugen, stürzten sich als »wilde Tiere« auf einen der Tanzenden und begannen sich mit diesem zu balgen, was schließlich in einen Wechselreigen der »Ungeheuer« mit dem Tänzer überging. Drachen, Löwen und Riesenvögel wurden von den Künstlern recht drastisch zur Anschauung gebracht.

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  • Ort: Darjeeling, Indien
  • ANNO – am 06.02.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse fasst Franz Ferdinands Indienreise bis jetzt zusammen und liefert einen Ausblick auf den Besuch in Nepal im März.
Franz Ferdinand in India, Neue Freie Presse 6.2.1893, p. 3, part a

Franz Ferdinand in Indien, Neue Freie Presse 6.2.1893, S. 3, Teil a

Franz Ferdinand in India, Neue Freie Presse 6.2.1893, p. 3, part b

Franz Ferdinand in Indien, Neue Freie Presse 6.2.1893, S. 3,  Teil b

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt das Lustspiel “Der Störefried”, während das k.u.k. Hof-Opermtheater  das Ballet “Ein Tanzmärchen” aufführt.

Calcutta, 5. Februar 1893

In der römisch-katholischen, der Jungfrau Maria vom Rosenkranz geweihten Kathedrale von Murghihatta (Moorgheehatta) wohnten wir einer feierlichen Messe an, die der dem Jesuitenorden angehörige Erzbischof Paul Goethals, ein Belgier von Geburt, zelebrierte. Vor der Kirche waren eine Ehrenkompanie mit Musikkapelle und die Zöglinge des Waiseninstitutes von Murghihatta aufgestellt, welch letztere mich durch Absingung der Volkshymne erfreuten; ebenso wurde das »Gott erhalte« in der Kirche vom Chor herab intoniert. Die ganze Kirche war mit Gläubigen erfüllt, unter denen ich auch Braganca entdeckte, welcher des Morgens in Calcutta angekommen war, um einige Wochen in Indien zuzubringen. Als wir die Kirche verließen, wurde »O. du mein Österreich« gespielt.

Ich verabschiedete mich von dem Erzbischof, einer liebenswürdigen Persönlichkeit, und fuhr in das Jesuiten-Kollegium St. Xaver, in welchem 800 Schüler der verschiedensten Nationalitäten und Religionsbekenntnisse in den Gymnasialfächern unterrichtet werden. Die zahlreichen Schulen und Kollegien, welche den Jesuiten in Indien gehören, erfreuen sich bei den Eingeborenen großer Beliebtheit; der Zudrang zu diesen Unterrichtsanstalten wächst von Jahr zu Jahr und selbst die Engländer erklären sie einstimmig für die besten Schulen im Land. Die Jesuiten befolgen dabei das Prinzip, keine Proselyten für die katholische Religion zu machen, sondern sie belassen vielmehr jeden bei dem Glauben seiner Väter und streben nur danach, gebildete und rechtschaffene Menschen zu erziehen; ein Vorgehen, durch welches sie Scheu und Argwohn wirksam besiegen. Die Patres sind beinahe durchwegs Belgier. Das Gebäude ist sehr geräumig, besitzt eine Kapelle, große Schulräume, zahlreiche Wohnzimmer für die Patres u. a. m. Durch einen großen Spielplatz ist für die Erholung und körperliche Ausbildung der Jugend, worauf die Jesuiten mit Recht großes Gewicht legen, vorgesorgt. Besonders genannt zu werden verdient auch das physikalische Kabinet, in welchem uns der Rektor, Pater Lafont, mit lebhaftem Interesse die Instrumente zeigte, welche er im Lauf der Jahre gesammelt hatte, darunter Dynamo- und verschiedene Dampfmaschinen, sowie einen kleinen Phonographen, welcher den Gegenstand seines besonderen Stolzes bildet und das »Gott erhalte« fehlerlos ertönen ließ.

Da der Zug, welcher uns nach Dardschiling (Darjeeling) zu bringen hatte, erst um 4 Uhr nachmittags abgehen sollte, proponierte mir der Vizekönig, sein nördlich von Calcutta gelegenes Landhaus Barrackpur zu besuchen. Ich nahm diesen Vorschlag mit Vergnügen an. Wir bestiegen in der Nähe des Justizpalastes die Dampfbarkasse „Maud“, fuhren zwischen den zahlreichen Schiffen den Hugli hinauf, passierten zuerst die große Brücke, hierauf die Verbrennungsstätten, wo eben drei Hindus in Asche verwandelt wurden, und befanden uns bald zwischen grünen, lachenden Ufern, auf welchen kleine Dörfer und eine ganze Reihe moderner Hindu-Tempel miteinander abwechseln, sowie einzelne Landhäuser reicher Calcuttaer durch das saftige Grün der Bäume schimmern.

Die Hindu-Tempel sind in den mannigfaltigsten Formen gebaut; bald sind es rundlich zuckerhutartige Gebäude, bald Komplexe, aus einer Anzahl kleiner Tempelchen und Baulichkeiten bestehend, deren einzelne sogar an die Kuppeldächer der Moskauer Kirchen erinnern. Bei allen Tempeln sind lange Freitreppen zu sehen, welche direkt zu den Fluten des heiligen Ganges führen und von den Gläubigen benützt werden, indem diese am Fuße der Treppen ihren religiösen Waschungen obliegen.

Geraume Zeit ging es den Fluss hinan; dann landete die „Maud“ am Park des Landhauses. Durch eine dichte Allee von Bambus, in der ich einen am Weg sitzenden Mungo erblickte, erreichten wir die vom General-Gouverneur Marquis of Hastings angelegte Residenz Barrackpur. Diese ist durch ihren im Richmond-Stil gehaltenen, mit Wiesenflächen und Solitär-Bäumen geschmückten Park charakterisiert.

Lord Landsdowne hatte leider an einer starken Neuralgie zu leiden, die ihn zwang, sich zurückzuziehen, während wir mit Lady Landsdowne und der Gemahlin des Leibarztes unter einer großen Ficus religiosa das Lunch einnahmen. Wir hatten kaum Platz genommen, als schon Hunderte von Milanen herbeigeflogen kamen, die stets an dieser Stelle gefüttert werden und eine solche Keckheit entwickelten, dass sie mit Stangen ferngehalten werden mussten. Während des Speisens fütterten wir die Milane mit Fleisch und erfreuten uns an der Geschicklichkeit, mit der sie zugeworfene Stückchen in der Luft auffingen, und an der Zahmheit, mit der sie Fleisch von einer Gabel nahmen.

Selbstverständlich war der unvermeidliche Photograph erschienen und erst nach unzähligen Aufnahmen verabschiedeten wir uns von Lord und Lady Landsdowne, die während meines kurzen Aufenthaltes in Calcutta dank ihrer Liebenswürdigkeit meine volle Sympathie errungen hatten. Der Vizekönig ist vormals Gouverneur von Kanada gewesen, residiert jetzt schon vier Jahre in Indien und sehnt sich, im nächsten Jahr, nach Beendigung der vorgeschriebenen fünfjährigen Tätigkeit, auf seine Güter in Irland zurückzukehren. Er ist, da die gesamte Regierung und Verwaltung des anglo-indischen Kaiserreiches in seinen Händen liegt, außerordentlich in Anspruch genommen, unternimmt aber gleichwohl alljährlich eine Inspektionsreise in die größeren Städte Indiens und zu einzelnen Maharadschas; die heiße Zeit bringt er in dem etwa 2700 m hoch liegenden Simla — im nordwestlichen Indien. im Pendschab gelegen — zu. Er scheint ein leidenschaftlicher Gartenfreund zu sein und ist in der Botanik wohl bewandert, so dass sich das Gespräch oft genug auf Gartenkunst und Landschaftsgärtnerei lenkte, Fächer, die er mit viel Freude betreibt. Das Ehepaar Landsdowne ist mit zwei Kindern gesegnet, die ich gleichfalls kennen lernte; der Sohn obliegt in der Regel seinen Studien zu Oxford, während die Tochter als reizende Erscheinung im Government House blüht.

Um 4 Uhr nachmittags erfolgte die Abfahrt aus dem Bereiche Calcuttas. Wir verließen Barrackpur mit der Eastern Bengal Railway, welche in nordöstlicher Richtung die Gangesniederung durchquert und bei Damukdia Ghat (Damukdea), auf dem rechten Ufer des Ganges, als normalspurige Strecke ihr Ende erreicht. Auf einem großen Dampfer überschritten wir den Strom, um uns von Sara Ghat ab abermals der Eastern Bengal Railway zu bedienen, die von hier als schmalspurige Eisenbahn in nördlicher Richtung an den Fuß des Himalayagebirges führt. Die Distanz von Damukdia Ghat zur Station Sara Ghat wird je nach der Jahreszeit, welche die Strömung des Ganges beeinflusst, zurückgelegt; unter günstigen Umständen erfordert die Überfahrt die Zeitdauer von etwa 20 Minuten. Wir benützten diese Frist, um das Diner einzunehmen, und begaben uns, wieder einwaggoniert, bald zur Ruhe, soweit die leider gleichfalls schmalspurigen Betten dies gestatteten. Von Siliguri ab schließt sich an die Eastern Bengal Railway die nach Dardschiling emporführende Bergbahn.

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  • Ort: Siliguri, Indien
  • ANNO – am 05.02.1893 in Österreichs Presse. Die österreichische Regierung hat ihr Jahresprogramm vorgelegt und dies wird in der Presse ausführlich diskutiert.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt am Nachmittag das Lustspiel “Wehe dem, der lügt” und abends ebenfalls ein Lustspiel „Der Veilchentreffer“, während das k.u.k. Hof-Opermtheater  “Die Rantzau” wiederholt.