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diary entries of Franz Ferdinand

Penticton, 11. Sept. 1893

Beim Erwachen durch die Coupefenster blickend, sahen wir, dass das Land einen ganz anderen Charakter angenommen hatte: unser Auge schaute nicht mehr zu Bergriesen und Gletschern empor, sondern glitt über gewelltes Mittelgebirge, langgestreckte, dichtbewaldete Höhenzüge, über Täler hin, in welchen Waldparzellen mit bebauten Flächen abwechselten und zahlreiche Farmen einen gewissen Wohlstand der Gegend bekundeten. Verschiedene Seen trugen zur Belebung des Bildes umsomehr bei, als sich im Bereiche desselben auch Wild, nämlich Gänse, Enten und Taucher zeigten. Bezeichnet man die Rocky Mountains als wildromantisch, so verdient jene Landschaft das anerkennende Epitheton „lieblich“.

Leider erfreuten wir uns nicht lange dieses Anblickes; denn bald wurde der Wald spärlicher, und trockenes, gelbes Gras bedeckte die öde aussehenden Lehnen. Wir fuhren zwar noch immer an vielen Seen vorbei, vermissten aber das frische Grün, welches uns früher so angenehm berührt hatte.

In Sicamous waren wir auf das Geleise der erst kürzlich dem Verkehr übergebenen Zweiglinie Sicamous-Vernon übergegangen; die letztgenannte Endstation liegt am Okinagan-See, der sich, einem Fluss ähnelnd, 121 km lang in südlicher Richtung durch das Land zieht. Bei Priests‘ Landing vertauschten wir den Waggon mit dem „Aberdeen“, einem ungefügigen Heckraddampfer, in dessen hohem Oberbau sich die Kabinen befinden; dieses Fahrzeug gehört gleichfalls der Canadian Pacific-Bahn, und es läuft bei ausschließlicher Holzfeuerung etwa 12 Knoten.

Der „Aberdeen“ setzte sich in Bewegung, sein mächtiges Schaufelrad begann Wasserberge aufzuwühlen und wir steuerten hinaus über die spiegelglatte Fläche des Sees; der Tag war wunderschön, die Sonne strahlte auf uns herab und verbreitete eine wohltuende Wärme; besonders klare Luft ließ uns bei der nicht übermäßigen Breite des Sees an beiden Ufern jedes Detail erkennen. Das uns umschließende Mittelgebirge war teils spärlich bewaldet, teils in großen Flächen, die im Frühjahr üppig grünen sollen, mit gelbem Grase bedeckt; zahlreiche Herden weideten auf den Lehnen. Ich selbst genoss leider nur wenig von der schönen Fahrt; denn ich fühlte mich infolge einer heftigen Erkältung nicht wohl und musste daher während des größten Teiles der Überfahrt in meiner Kabine liegen; nur zeitweise vermochte ich durch ein kleines Fenster einen Blick auf die Umgebung zu werfen.

Sechs Stunden währte die Fahrt bis zu dem am südlichen Ende des Sees gelegenen Penticton, von wo aus demnächst eine Eisenbahnverbindung mit der North Pacific-Bahn der Vereinigten Staaten hergestellt werden soll; doch ist vorläufig nur der Platz für den zukünftigen Bahnhof ausgesteckt und ein hölzernes Hotel im Entstehen begriffen. Mit Rücksicht auf den projektierten Bahnbau und die voraussichtlich in kürzester Zeit aus dem Boden schießende „Stadt“ Penticton lässt die Canadian Pacific-Bahngesellschaft schon jetzt täglich, wenn auch mit Verlust, den Dampfer verkehren, nur um das Erstlingsrecht der Schiffahrt auf dem Okinagan-See zu wahren und eine allfällige Konkurrenz von vorneherein auszuschließen. Vorläufig fährt nur selten ein Passagier, meist nur ein Jäger oder Squatter mit, und auch wir hatten bei unserer Fahrt nur zwei Reisegesellschafter. Die Unternehmungslust der Amerikaner scheut eben selbst bedeutende Auslagen nicht, die einen Gewinn in der Zukunft erwarten lassen.

Noch spät abends wurde alles für unsere geplante Jagdexpedition in die Gold Range besprochen, bestimmt und vorbereitet.

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  • Ort: Penticton, Kanada
  • ANNO – am 11.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

Banff — Penticton, 10. Sept. 1893

Der schöne, wenngleich kühle Morgen bewog mich, mittels einer vierspännigen Coach eine Partie zu dem in östlicher Richtung von Banff gelegenen See Pamasae-wapta oder Teufelssee zu unternehmen. Hiebei kamen wir zunächst an der aus einer Reihe von Blockhäusern bestehenden Polizeistation vorüber, in der ein Detachement der berittenen kanadischen Polizeiwache bequartiert ist; dann ging es ungefähr anderthalb Stunden in einem weiten Talkessel dahin, dessen hohe Randgebirge mächtig und imposant, aber beinahe jeder Vegetation bar sind; kahle Wände, schier unermessliche Stein- und Geröllhalden wechseln miteinander ab.

An dem tiefsten Punkt des Tales liegt zwischen Bergen eingebettet der blaue See, an dessen Ufer ein kleines, weißes Häuschen blinkt, in welchem ein biederer Kanadier die Fremden fruktifiziert, indem er schlechten Sherry ausschenkt und Gehörne sowie Felle um fabelhafte Preise feilhält. Ein Fischadler zieht in scharfem Flug über den Wasserspiegel, von Zeit zu Zeit auf Beute herabstoßend; feierliche Ruhe liegt über dem Gebirgssee, dem ein klares Flüsschen entströmt, welches, brausend und sich durch die engen Schluchten seinen Weg erkämpfend, Banff zueilt. Im Tal stehen einige Kiefernwäldchen, deren Bäume eigentümliche, kurze Aste tragen, so dass ein derartiger Wald aussieht, als ob ihn die wackeren Tiroler nach der ihnen eigentümlichen Unsitte „g’schnatzelt“ hätten.

Ins Hotel zurückgekehrt, erfuhren wir, dass der Zug, der uns gegen Mittag zu einer Jagdexpedition in den Bereich der Gold Range bringen sollte, eine dreistündige Verspätung habe — ein hierzulande recht häufiges Vorkommnis. Wir fassten uns somit in Geduld und warteten das Eintreffen des Spätlings ab, der uns dieselbe Strecke, die wir gekommen waren, wieder zurückführte, doch dies nur bis zur Station Sicamous Junction, von wo aus eine nach Süden abzweigende Linie der Canadian Pacific-Bahn benützt werden sollte.

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  • Ort: Sicamous, Kanada
  • ANNO – am 10.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Templer und die Jüdin“ aufführt.

Banff, 9. Sept. 1893

Nichts mehr von afrikanischer Landschaft — wir sind knapp unter der Region des ewigen Schnees, und da wir zum Frühstück in der Station Glacier Hotel aussteigen, liegt ein wunderbarer, mächtiger Gletscher vor uns, so nahe, dass wir ihn fast mit den Händen greifen können — die Überraschung war nicht gering. Es ist dies der sogenannte Great Glacier of the Selkirks, überragt von dem 3600 m hohen Sir Donald, welcher zur Selkirkskette gehört und dem gegenüber sich die schneebedeckte Gold Range hinzieht. Wir konnten ringsum eine herrliche Szenerie, Schneeberge, tief eingeschnittene Täler und Schluchten, rauschende Bäche und sprudelnde Quellen sowie prächtige Alpenvegetation bewundern.

Leider herrscht abermals arger Nebel, untermengt mit kaltem Regen, so dass sowohl die Spitze des Sir Donald, als die Gipfel der anderen hohen Berge unseren Blicken entzogen sind; dies ficht uns jedoch nicht an, sind wir doch wieder in den Bergen, den höchsten Regionen und den Gletschern nahe, fühlen uns wohl und leicht, während großartige Bilder an unseren Augen vorbeiziehen, die jedoch wie am Vortag durch den Anblick von Waldverwüstungen beleidigt werden, da die Fahrt häufig genug durch Wälder geht, welche dem Feuer zum Opfer gefallen sind. Über der Waldesgrenze ragen mächtige Felsen empor, Urgebirge mit selten imposanten Formen, wobei Gipfel an Gipfel gereiht ist und allenthalben Firne und Gletscher leuchten, welche sich in die Spalten und kleinen Täler drängen. Die kalte Witterung der letzten Tage hat Neuschnee gebracht, und die Berge sehen, nachdem sich der Nebel endlich etwas verzogen, aus, als ob sie mit Zucker bestreut wären.

Zur Winterszeit müssen hier unzählige Lawinen donnernd zu Tal fahren, wie dies zahlreiche Lawinenwege beweisen, in deren Zug die stärksten Baumstämme geknickt daliegen und gewaltige Felsblöcke wirr durcheinandergesäet sind. Der Bahnkörper ist überall durch Holzgalerien gegen Lawinen- und Felsschläge geschützt, so dass man viele Kilometer durch tunnelartige Holzbauten fährt, deren abwehrende Wirkung noch durch Lawinenbrecher verstärkt ist, welche keilförmig aus Holzklötzen und Baumstämmen zusammengesetzt sind.
An schwindelerregenden Abhängen saust der Zug vorbei und manche steil abstürzende Schlucht, in deren Tiefe Gletscherwasser tobt und tost, wird auf Brücken übersetzt, welche ungeachtet der Abgründe, über die sie hinwegführen, nur aus Holzwerk bestehen; allerdings trachtet die Bahnverwaltung, diese mitunter allzu filigranartig erscheinenden Bauten durch eiserne Konstruktionen zu ersetzen, und wir sahen deren auch schon mehrere im Bau begriffen. Je höher wir kamen, desto mehr hatte ich Ursache, den großartigen, mit seltener Kühnheit geführten Bau der Canadian Pacific-Bahn zu bewundern. Dächte ein Unternehmer bei uns daran, in ähnlicher Weise, wie dies hier geschehen, Kurven anzulegen, Niveaudifferenzen zu überwinden, Brücken zu konstruieren u. dgl. m., so würden diese tollkühnen Ideen von der Behörde schon im Keim, im Projekt erstickt werden.

Gegen Mittag gelangen wir in ein stilles, ernstgestimmtes Tal, in dem das Feuer noch nicht gewütet hat und die dunkelgrünen Fichten und Kiefern sich wie ein Teppich ausbreiten; in der Talsohle bilden sich Hochmoore, welche durch die Arme eines kleinen Flusses bewässert und von ähnlich gelblichem, sauerem Gras bedeckt sind, wie unsere Moore. Passionierte Fischer erbeuten in den zahlreichen Gewässern dieser Gegenden besonders viele Lachse und Forellen. In dem 1231 m über dem Meere gelegenen Field, woselbst das ganze Tal von einer großen Schuttmoräne erfüllt ist und der 3200 m hohe Mount Stephen die Station mit seinen schroffen Felsen überragt, hielten wir Mittagsrast. Während aller meiner Reisen habe ich noch nie einen Berg dieser Höhe gesehen, der ganz unvermittelt und ohne Vorberge und Sockel sich als riesenhafter Block fast senkrecht erhebt. Auf halber Höhe klebt förmlich an den steilen Wänden ein Silberbergwerk, welches erst im Entstehen begriffen ist; man wollte zur Förderung der Erze einen kleinen Schienenstrang emporführen, doch scheiterte selbst der kühne Unternehmungsgeist der Amerikaner und deren vorgeschrittene Technik an den Schwierigkeiten, welche die Felsen des alten Bergriesen bereiteten; so blieb denn der Bau unvollendet.

Höher und höher steigt die Bahnlinie an, drei Maschinen ziehen und schieben uns pustend und schnaubend aufwärts, bis wir endlich durch eine Klamm, in der ein Wasserfall brausend zerstiebt, fahren und bei der Station Stephen die größte Meereshöhe des Schienenstranges der ganzen Pazifik-Bahn, nämlich 1610 m, erreicht haben. Die Sonne erbarmt sich unser, zerteilt Nebel und Wolken und lässt uns gerade im richtigen Augenblick das gewaltige Panorama der weithin ausgedehnten Ketten mit deren Gletschern und Firnen erschauen.

Unvergesslich prägt sich die Großartigkeit dieses Anblickes der Erinnerung ein. Die Erhabenheit des schweigsamen und doch die Kräfte der Natur in so mächtiger Sprache preisenden Bildes bringt tiefen Eindruck hervor. Gleichwohl glaube ich, dass die Gebirgswelt der Rocky Mountains, trotz ihrer imposanten Massen und ihrer eigenartigen Formation den Vergleich mit unseren Alpen nicht bestehen kann. Jene erscheint zwar in manchen Teilen durch die Originalität der Schönheit fesselnder, durch die Bizarrerie der Formen interessanter, durch die Massenentwickelung und die gewaltigen Dimensionen großartiger als die Alpen; aber der unvergleichliche Reiz und Schmuck der frischen, herzerfreuenden Flora unserer Berge, der hinreißende Gegensatz zwischen dem Ernst des hochaufragenden Urgesteins und der
Jugendlichkeit des Pflanzenkleides, das Berg und Tal in den Alpen überzieht, fehlt den Gebirgsknochen Amerikas. Allenthalben stören mich an diesen teils die traurigen Überreste ehemaligen, von Flammen verzehrten Waldes, teils dort, wo noch Wald vorhanden ist, die düstere Färbung desselben und der dadurch ausgeprägte ernste, beinahe finstere Charakter. So erscheint mir das Gebirge der neuen Welt, welches wir übersteigen und durchqueren, alt und alternd im Gegensatz zu den jugendfrohen Alpen der alten Welt.

Oberhalb der Waldgrenze, dort, wo bei uns das dichte, nahrhafte Gras wächst, welches dem Vieh und dem Wilde eine so vorzügliche, kräftige Asung gibt und sich, grünschimmernden Bändern gleich, zwischen den Felsen hinzieht, findet man hier nur kahles Gestein oder Büschel gelber, vertrockneter Gräser, die wenig malerisch aussehen. Von den Alpenhütten mit ihren sangesfrohen Bewohnern, von den Bauernhöfen, umgeben von blumigen Matten, den Huben und den Holzknechthütten, wodurch die österreichischen Alpen ein so reizendes, lebhaftes Gepräge erhalten, will ich gar nicht sprechen; denn hier ist ja noch vollkommene Wildnis und außer einigen in den Stationen ansässigen Bahnbediensteten und Arbeitern bewohnt kein menschliches Wesen diese stillen Höhen und tiefeingeschnittenen Täler. Was uns nicht genug Wunder nehmen kann, ist, dass wir von der Bahn aus keinerlei Getier sehen; nicht einmal ein Raubvogel zieht seine Kreise, und kein Laut unterbricht die feierliche, beinahe unheimliche Stille. Ich bin zwar sonst ein großer Freund der jungfräulichen Natur, in welche die Kultur noch nicht vorgedrungen ist, doch bieten mir die Rocky Mountains in ihrer Kulturlosigkeit des Guten zu viel und bringen daher den Eindruck der Verlassenheit, der Leblosigkeit hervor.

Im Kicking Horse-Pass kommen wir an mehreren kleinen Gebirgsseen vorbei und überschreiten die Provinzialgrenze zwischen Britisch-Kolumbien und Alberta sowie die große Wasserscheide zwischen dem Pazifischen und dem Atlantischen Ozean. Ein hurtig und murmelnd dahin rieselndes Bächlein, welches seine Wasser ostwärts führt, ruft in mir den freudigen Gedanken wach, dass ich mich immer mehr der geliebten Heimat nähere.

Im Laufe der Fahrt passieren wir auch ein knapp am Bahngeleise angelegtes Lager der Stoney-Indianer mit deren charakteristischen Zelten, die von einer großen Zahl kegelförmig aufgestellter Stangen getragen werden. Vor dem Lager stehen und lungern Rothäute beiderlei Geschlechtes, die ersten, die wir zu Gesicht bekamen; ihre Haartracht ist noch die traditionelle, aber leider bedienen sich diese Kinder der Wildnis zum Teil bereits europäischer Kleidungsstücke, in welchen sie unseren Zigeunern nicht unähnlich sind.

Endlich treten die Berge etwas zurück, das Tal erweitert sich, und wir haben Banff erreicht, ein Schwefelbad und einen Sommerkurort, mitten im kanadischen Nationalpark. Die an der Bahn gelegene Ansiedelung besteht aus ungefähr fünfzig Holzhäusern, die bloß für Fremde gebaut sind; denn überall sieht man Curio Shops und andere Kaufläden, in welchen die Merkwürdigkeiten des Landes feilgeboten werden. Eine kurze Wagenfahrt bringt uns zu dem großen, ebenfalls der Canadian Pacific Railway Company gehörigen Hotel, das zwar auf dem schönsten Punkt der ganzen Gegend, aber recht geschmacklos erbaut ist; hieher pilgern in den Sommermonaten viele Fremde, zahlreiche Familien wohnen hier zum Kurgebrauch oder in der Sommerfrische. Banff ist zwar eine ganz junge Schöpfung, erfreut sich aber trotzdem großen Zuspruches, weil der Rundblick vom Hotel und insbesondere von der großen, hölzernen Terrasse aus auf die mächtigen Berge und Gletscher, die mitunter in recht abenteuerlichen Formen aufragen, in der Tat entzückend ist.

Die Saison ist schon vorbei, — die Temperatur beträgt nur mehr 6° Celsius — so dass nur einzelne verspätete Gäste das Hotel bewohnen, welches ganz aus Holz und derart leicht gebaut ist, dass jeder Tritt innerhalb des Gebäudes durch alle Stockwerke und in jedem Zimmer wiederhallt. Eine an Jahren vorgerückte Amerikanerin hält hier für die Fremden die sonderbarsten, von Indianern herrührenden Kuriositäten feil, die sämtlich den Stempel der Neuheit und der Fälschung an sich zu tragen scheinen.

Unmittelbar nach der Ankunft fuhren wir in einer großen Coach zu einem felsumstarrten Talkessel, dessen kolossale Felswände unser Staunen wachriefen, und dann zu den warmen Schwefelquellen, deren es im Umkreis von 3 km sieben gibt. Die eine dieser Thermen sprudelt aus einem natürlichen Bassin hervor, während die andere sich in dem Krater eines ehemals tätigen, jetzt aber ruhigen Geysers befindet. Zu dieser zweiten Quelle führt ein unterirdischer, schmaler Gang bis in eine Grotte, in welche nur durch eine ganz kleine Öffnung, aus der einst der Strahl des Geysers emporstieg, etwas Tageslicht einfällt.

Inzwischen war es Abend geworden und ein recht frisches Lüftchen wehte uns entgegen, als wir ins Hotel zurückkehrten, um nach des Tages Mühen der Ruhe zu pflegen.

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  • Ort: Banff, Kanada
  • ANNO – am 09.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Des Teufels Anteil“ aufführt.

Vancouver — Banff, 8. Sept. 1893

Da der Zug, welcher uns auf der Kanadischen Pazifik-Bahn durch die Rocky Mountains führen sollte, erst gegen 11 Uhr vormittags abging, begab ich mich noch rasch zu zwei Fellhändlern, die auch ausgestopfte Tiere feilhielten; es geschah dies weniger in der Absicht, Erwerbungen zu machen, als um die Fauna Nordkanadas, wenn auch nur flüchtig, kennen zu lernen. Wir sahen hier mächtige Seelöwen von der Insel Vancouver, Wapiti-Geweihe und Häupter, Büffelhörner, Mule-Hirsche, deren Haupt mit den hängenden Lauschern jenem eines Maultieres ähneln soll, Black -tails oder Schwarzschwanzhirsche, — die beiden letztgenannten Arten ausgezeichnet durch kurze, sehr starke und geperlte Geweihe, deren zahlreiche Enden nach oben und nach vorne gestellt sind — Bergschafe und weiße Bergziegen; an Flugwild waren verschiedene Polartaucher und nordische Eisenten, Gänse und die weißköpfigen Seeadler vertreten.

Der eine der beiden Händler, ein Deutscher namens Zimmer, ist ein Original; er nennt sich Indianer-Doktor und führt in seinen Annoncen den Titel Professor. Dessen ärztliche Tätigkeit beschränkt sich allerdings darauf, dass er den Indianern die unglaublichsten Arzneien und Mixturen gegen Felle in Tausch gibt; diese sind zumeist nicht gegerbt und in einem recht mangelhaften Zustand. Der Verkaufsladen bietet den Anblick ärgster Unordnung; die Felle liegen eingeölt umher, dazwischen finden sich Arzneien und heilkräftige Kräuter; ein Stich, Kaiser Wilhelm in Lebensgröße darstellend, prangt über einem Haufen von Mammutknochen und Wapiti-Stangen; einige dickleibige Spinnen und Skorpione in Spiritus gruppieren sich um eine preußische Pickelhaube; verschiedene Köter und Kaninchen tummeln sich in allen Räumen. Schließlich ließ ich mich doch zu Käufen verleiten und wurde mit dem alten Mann, der auch schöne Felle von Grizzly-Bären, Seeottern und Bergziegen besaß, handelseins, worauf er zum Schluss noch eine gebleichte Wapiti-Stange ergriff und zu uns gewendet sagte: „Wer die Durchlaucht ist, dem mache ich dies zum Präsent“.

Mit dem nur einmal des Tages verkehrenden Personenzug der Canadian Pacific Railway verließen wir Vancouver, um eine der interessantesten Bahnstrecken der Erde kennen zu lernen. Die genannte Bahn führt quer durch ganz Kanada von Vancouver bis Montreal und bildet die rascheste Verbindung zwischen dem Pazifischen und dem Atlantischen Ozean, zunächst die schönsten Teile Nordamerikas, nämlich die berühmten Rocky Mountains, die amerikanische Schweiz durchziehend, ehe sie in die schier unermesslichen Prairien hinabsteigt; dann führt sie nördlich der großen Seen hin und erreicht schließlich ihr östlichstes Endziel Montreal; die Länge dieser Bahn samt den Nebenlinien beträgt 4677 km.

Die Regierung überließ der Gesellschaft 1140 km fertiger Eisenbahnlinien im Werte von 33 Millionen Dollars unentgeltlich und übergab ihr behufs Ausbaues dieser ungeheueren Strecken 25 Millionen Dollars bar, sowie 10.116 km2 Ländereien, welche für immer von allen Steuern und Abgaben befreit sind; im Jahre 1884 wurden der Gesellschaft neuerdings 22,5 Millionen Dollars bewilligt. Die Gesamtkosten der Canadian Pacific-Bahn betrugen 250 Millionen Dollars. 1884 wurde von Osten her der Gipfel des Felsengebirges im. Kicking Horse-Pass erreicht und im darauffolgenden Jahre die Verbindung mit der von Vancouver aus gebauten Strecke bewirkt.
Welch enorme Schwierigkeiten haben sich diesem kühnen Unternehmen entgegengestellt! Die hohen Bergketten mit ihren steilen Abhängen, den Lawinen und Felsstürzen, die zahlreichen Flüsse und Schluchten und nicht zum wenigsten die klimatischen Verhältnisse schienen dem Vordringen der kühnen Ingenieure halt gebieten zu wollen. Technische Wunder mussten in Gebieten geschaffen werden, in denen weit und breit kein menschliches Wesen hauste, außer einigen nomadisierenden, wilden Indianerstämmen, und die tracierenden Söhne des 19. Jahrhunderts waren in einigen Gebieten die ersten Weißen, deren Fuß die Täler und Berge betrat, welche nun der Schauplatz eines Triumphes moderner Technik werden sollten. Der Bau wurde nur dadurch erleichtert, dass das Material nicht schwierig zu beschaffen und dessen Transport unschwer zu bewerkstelligen war; denn die mächtigen Zedern lieferten vorzügliches Holz für Schwellen, Wasser und Stein fehlte nirgends; hingegen war die Arbeitskraft äußerst kostspielig, weil nur mit Mühe erhältlich, und der Kampf mit der Natur ein beständiger.

Unser Train besteht aus einer langen Reihe von Schlafwagen, welche mit Sitzen versehen sind, durch deren Umklappen nachtsüber Betten hergestellt werden, die zwar etwas kurz, aber im allgemeinen ganz gut sind; ein Mittelgang führt durch alle Waggons, so dass man hier dem ganzen Train entlang frei zirkulieren kann. Da der Restaurationswagen seines Gewichtes wegen auf den steilsten Strecken des Felsengebirges nicht mitgeführt werden kann, wird ein solcher von Zeit zu Zeit in den Zug eingeschaltet. Der Observation Car ermöglicht. die Naturschönheiten besser als von den Coupes aus zu genießen, so dass, wer den lästigen Kohlenstaub und die Kälte nicht scheut, sich in diesem Wagen einer prächtigen Aussicht erfreut. Eine mächtige Lokomotive mit starken Scheinwerfern und einem vorgespannten Pflug schleppt den Zug; streckenweise muss eine zweite, ja auch eine dritte Maschine nachhelfen. Wächterhäuser, Schranken und sonstige Sicherheitsvorkehrungen kennt man hier nicht, drei Stunden vor Passierung des Trains fährt ein Mann auf einer Draisine die Strecke ab, um etwaige Störungen zu erheben und zu melden; was sich eventuell noch später ereignen sollte, das bleibt der Aufmerksamkeit des Maschinenführers überlassen und — dem guten Glück.

Die sonst so trefflich eingerichteten Sleeping and Parlor Cars haben auch ihre Schattenseiten; die Fenster sind der oberhalb herabzuklappenden Betten wegen niedrig und klein, so dass man sich immer tief bücken muss, wenn man einen Blick auf die vorbeifliegende Gegend werfen will. Bei der bekannten Rücksichtslosigkeit der Yankees bringt sogar die angenehme Möglichkeit der freien Zirkulation durch alle Wagen den Nachteil mit sich, dass jedermann hin- und herläuft,
umhertollende und schreiende Kinder alles unsicher machen und ein ständiger Luftzug herrscht. Erfreulicherweise hatte mir der Bahndirektor einen eigenen Wagen beigestellt, so dass ich von alledem nichts zu leiden hatte und auch durch das sonst in Kraft bestehende Rauchverbot nicht berührt wurde. In der Regel wird nur eine Wagenklasse mitgeführt; doch sind auch sogenannte Kolonistenwaggons angehängt, welche eine Art zweiter Klasse repräsentieren.

Zunächst zieht sich das Bahngeleis längs eines langen Meeresarmes hin, der weit ins Land reicht und aus dem Lachse munter emporschnellen, während Reiher fischend am Ufer stehen und kleine Flüge Enten schnatternd aufstreichen; dann biegt die Trace in eine kleine Ebene ein, die sich als bebautes, mit Wiesen durchsetztes Land am Ufer des Fraser oder Thompson Rivers ausbreitet. Bald aber weht uns frische, stärkende Luft entgegen, und Bergland nimmt uns auf; an beiden Seiten sehen wir grünende Höhen, die noch den vollen Schmuck der Wälder tragen, und hin und wieder schimmert durch das dunkle Grün ein kleiner, stiller See oder ein Flüsschen.

Je weiter wir kommen, desto höher türmen sich die Berge, mächtige Felspartien treten hervor und die Talwände rücken näher aneinander, das Tal wird enger. Leider passieren wir bald wieder eine Zone verbrannter Bäume, deren kahle, ragende Stangen traurige Wahrzeichen der beim Bahnbau vorgenommenen sinnlosen Verwüstungen sind; die damals gelegten Brände wurden vom Winde oft weitergetragen und nahmen dann erschreckende Dimensionen an, ganze Lehnen und Kuppen ergreifend, so dass wir stundenlang durch Regionen fuhren, in denen die Wälder erstorben sind. Ab und zu hat das verheerende Element ein kleines Plätzchen verschont, welches schön grün, einer Oase in der Wüste gleich, zu uns herabsieht. Auch jetzt noch steigen an vielen Stellen Rauchsäulen auf, die Waldbränden entquellen, welche von jagenden Indianern oder anderen Waldläufern gelegt wurden. Wie viele Millionen der schönsten Bäume sind solcherart nutzlos zugrunde gegangen!

Ungefähr nach Verlauf je einer Stunde erreicht der Train ein Stationsgebäude; es sind dies eigentlich nur zur Speisung der Lokomotivkessel bestimmte Wasserstellen, in deren Nähe mit der Zeit kleine Ansiedlungen von Arbeitern oder Trappern entstanden sind. Irgend eine elende Holzbaracke mit zwei oder drei Zimmern führt stets den stolzen Namen Hotel. Zumeist ärmlich oder verkommen aussehende Gestalten stehen, die kurze Pfeife im Munde, bei den Stationen und betrachten neugierig die in den Waggons befindlichen Reisenden.

Beinahe in jeder Station verließ ich meinen Wagen, um mich an der herrlichen Gebirgsluft zu erquicken, die uns nach zahlreichen heißen, in den Tropen verbrachten Tagen wahrhaft köstlich dünkte.

Leider verfolgte uns die Ungunst des Wetters, es regnete fast den ganzen Tag und die mächtigen Spitzen der felsigen Berge waren beinahe fortwährend in Nebel und Wolken gehüllt. Wir passieren manchen Tunnel und manch enge, durch steile, besonders nahe aneinander tretende Felsen gebildete Schlucht, während unter uns der Fraser River, ein echtes Kind der Berge, in die Tiefe stürzt und, weithin rauschend, durch seine milchweiße Farbe das Schneewasser verrät. Unwillkürlich wurde ich an unsere Enns gemahnt, welche in einzelnen Strecken ganz ebenso durch das prächtige Gesäuse braust. Auf den am Ufer emporragenden Felsen und Steinen sieht man häufig Indianer hocken. die mit seltener Ruhe und Ausdauer Lachse fischen; die gefangenen Tiere werden in Streifen geschnitten und in kleinen, offenen Hütten reihenweise an Stangen aufgehängt und geräuchert. Hunderte solcher Räucherhütten mit dem schönen, roten Lachsfleisch sind längs des Flusses sichtbar.

Gegen Abend hört der Regen auf, der Nebel verzieht sich, die mächtigen Formen der Berge kommen zum Vorschein, und wir erblicken auf den Hohen den ersten Schnee. Das Gebirge nimmt mit einem Schlag einen ganz anderen Charakter an, welcher — wenn dieser Vergleich zulässig ist — an afrikanische Formen erinnert: sandige Lehnen, ohne jeden Unterwuchs und spärlich mit Kiefern bedeckt, machen einen recht trostlosen Eindruck; hohe und steile Felswände, unregelmäßig geschichtet und durchwegs gelb in gelb erscheinend, ragen auf; in den Tälern wächst nur kümmerlich ein mageres Kraut.

Bis zum Einbruch vollständiger Dunkelheit fuhren wir durch solch traurige, einförmige Landschaft.

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Vancouver, 7. Sept. 1893

Wir mussten noch einen Tag in Vancouver verbringen, um den Jagdarrangeuren Zeit für die Vorbereitungen zu unserer Expedition in die kanadischen Rocky Mountains zu lassen, und ich beabsichtigte daher heute mit einem jagdkundigen Herrn in der nächsten Umgebung der Stadt etwas umherzustreifen, um ein Grouse oder ein anderes Getier zu erlegen. Die Ansichten über das zu erwartende Resultat dieses Unternehmens waren sehr geteilt; die einen meinten, wir würden Wild antreffen, die meisten behaupteten aber, dass die richtige Saison hiefür vorüber sei. Mein Vorhaben schien genügt zu haben, den Himmel zu verstimmen — schon früh morgens goss es in Strömen und ein kalter Wind pfiff und heulte über den Dächern, so dass die Abfahrtsstunde verschoben werden musste, bis der Regen nachzulassen begann; dann ging es in einem hohen, leichten Wagen mit drei meiner Herren und dem Jagdkundigen, welcher sich äußerst unpraktisch in einen tadellosen schwarzen Salonanzug gekleidet und mit dünnen Stiefletten sowie mit schwarzem Hut versehen hatte, aus dem Bereich der Stadt.

Unser Weg führte zuerst auf einer langen Holzbrücke über einen Meeresarm, dann einen sanften Bergrücken entlang, der anfangs nur verbrannten, toten Wald aufwies, später aber und besonders auf dem jenseitigen Hang mit üppigen, schönen Bäumen bestockt war. Über eine zweite Brücke hinweg erreichten wir eine große Insel, welche den lieblichen Namen Lulu Island trägt und ziemlich dicht von Farmern besiedelt ist. Zwischen den Waldpartien lagen primitiv mit Kartoffeln, Hafer und Gerste bebaute Felder; landwirtschaftliche Maschinen surrten allenthalben, während Rinder und Pferde auf kleinen Wiesen grasten — den ersten wirklichen Wiesen, die wir fast nach Jahresfrist wieder zu sehen bekamen. Die Wohnhäuser der Farmer unterschieden sich nicht im geringsten von den Häusern Vancouvers.

Wir waren auf dem Schauplatz unserer Taten angelangt, und der Jagdkundige riet, einen am Rande des Meeres sich hinziehenden Rohrbusch zu durchstreifen, blieb aber, während wir eindrangen, seinen dünnen Stiefletten zuliebe wohlweislich zurück. Das Rohr war nicht besonders hoch, doch der vielen eingeschnittenen Wasseradern wegen schwierig zu passieren. Gleich zu Beginn unserer Wanderung sahen wir in unerreichbarer Distanz einige Gänse und Enten vom Meeresspiegel aufstehen, dann aber schien die Gegend wie ausgestorben. Eine Rohrdommel und drei Bekassinen bildeten später unsere ganze Ausbeute, da wir von den in Aussicht gestellten Enten nur noch einmal eine Kitt hoch über unsere Köpfe hinwegziehen sahen; hingegen trafen wir auf eine Menge toter Lachse mit dunkelrotem Fleisch, welche teils auf der Oberfläche des Wassers schwammen, teils durch die Flut an das Land geworfen waren.

Da es während dieser unbefriedigenden Expedition wieder heftig zu regnen begonnen hatte, kehrten wir zu dem Jagdkundigen zurück und fragten nach seinen weiteren Plänen. Ein ansässiger Experte wurde herbeigerufen und versicherte uns, dass in dem Inselgebiet Grouse und Fasanen in Fülle zu finden seien; mehrere Felder und Remisen bezeichnete er als die besten Jagdplätze. Zu diesen ging es nun bei strömendem Regen, nachdem wir zuvor in einer Scheune einen kleinen Imbiss verzehrt hatten. Eine mit hohen Farnkräutern überwucherte Waldparzelle enthielt jedoch kein lebendes Wesen — es hieß daher, dass die Grouse, da sie nicht im Wald seien, in den Feldern zu finden sein müssten. Wir stürmten also unverdrossen kreuz und quer durch die Haferfelder, aber ebenso resultatlos wie im Wald, bis endlich der Jagdkundige erklärte, dass offenbar die Farmer die Grouse selbst schössen und wir wahrscheinlich deshalb dieses Wild nicht angetroffen hätten. Wir dankten mit einigen geflügelten Worten bestens für die etwas spät erteilte freundliche Auskunft und bestiegen ganz durchnässt wieder unsere Wagen, um nach Vancouver zurückzukehren, wo wir den Abend mit Vorbereitungen zu unserer Abreise ausfüllten und ein herzlich schlechtes Diner den Tag beschloss.

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  • Ort: Vancouver, Kanada
  • ANNO – am 07.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Margarethe (Faust)“ aufführt.

Vancouver, 6. Sept. 1893

Vancouver trägt echt amerikanisches Gepräge, denn das jetzt von der Stadt eingenommene Areal war noch im Jahre 1885 mit dichtem Urwald bedeckt, der einer kleinen, sich rasch vergrößernden Ansiedlung weichen musste. Sechs Jahre nach Gründung der letzteren konnte das neue Gemeinwesen bereits eine Stadt genannt werden, welche derzeit 20.000 Einwohner zählt, neben der Hauptstadt Victoria die bedeutendste Stadt Britisch-Kolumbiens ist, als Endpunkt der Canadian Pacific-Bahn sowie als Ausgangspunkt der trans-ozeanischen Dampferlinien nach Japan und China stetig an Bedeutung gewinnt und im Fisch- und Holzhandel des Nordens die erste Stelle einnimmt. Die bauliche Entwicklung Vancouvers vollzog sich nach der schon oft geschilderten amerikanischen Schablone: erst Straßen, dann elektrische Beleuchtung und zum Schluss die Wohngebäude. Die letzteren, ungemein flüchtig und größtenteils nur aus Holz erbaut, scheiden sich in zwei Gruppen; sie sind entweder „praktische Gebäude“ und dann eigentlich nichts Besseres als Kasten für Aufbewahrung von Menschen und deren Besitz, oder aber „schöne Gebäude“, welche, ein Ausbund aller Geschmacklosigkeit und im Villenstil gehalten, mit ihren Türmchen, den Erkern und dem roten Anstrich jenen Häusern ähneln, die von Kindern aus dem Material der bekannten Steinbaukasten zusammengefügt werden. Diese Villen sind häufig von kleinen, nur wenige Quadratmeter umfassenden Gärtchen umgeben, in welchen der Rasen sorgfältig gepflegt und üppig grün erscheint. Städte wie Vancouver bestehen aus einem Kern von Häusern, der die Kaufläden und die öffentlichen Gebäude enthält; hat man aber diesen Kern durchquert, so haben die regelmäßigen Häuserreihen ihr Ende erreicht, da oft nur ein bis zwei Bauwerke in einer langgestreckten, mit einem hochtrabenden Namen belegten Avenue stehen. Dazwischen befindet sich verkäufliches Terrain und ragen die Wurzelstöcke niedergeschlagener sowie die Überreste verbrannter Baumriesen aus dichtem Unkraut hervor.

Ein derartiges Gemeinwesen macht einen überaus ernüchternden Eindruck, da es sofort zeigt, dass dessen Bewohner nur den Erwerb, den raschen Gewinn von Geld bezwecken, ihr Leben ausschließlich dieser Aufgabe entsprechend einrichten und des Sinnes für Schönheit oder Wohnlichkeit entbehren. Was keinen Ertrag abwirft, öffentliche Anlagen, Alleen u. dgl. m., bleibt meist weg, dafür aber durchsaust die elektrische Bahn die Straßen und schweben viele Tausende von Telegraphen- und Telephondrähten über unseren Köpfen; alles eilt dem Geschäft nach, hastet, drängt; man sieht keine heiteren Mienen, Freunde gleiten aneinander vorbei, ohne herzliche Begrüßung, da ihnen diese nur Zeitverlust bedeutet. Manchmal sind auf der Straße zweifelhafte Gestalten oder zerlumpte Indianer zu sehen, welch letztere, durch den Genuss von Feuerwasser völlig herabgekommen, in ihrer Degenerierung einen widerlichen Anblick bieten und in nichts an ihre stolzen Vorfahren, die einstigen Besitzer des Landes, erinnern.

Die Straßen in Vancouvers innerstem Stadtteil sind mit Asphalt belegt, alle übrigen mit hohem Staub bedeckt; die Trottoirs bestehen aus starken Pfosten schönsten Zedernholzes. Öffentliche Gebäude, dem landesüblichen Geschmack entsprechend, sind in kürzester Frist und in nichts weniger denn gefälliger Form erstanden, so der Gerichtshof, mehrere Schulen u. dgl. m.

Die größte Sehenswürdigkeit Vancouvers ist der Stanley-Park, eine Reserve auf einer von Meereseinschnitten umrandeten Halbinsel, welche noch einen Teil der herrlichsten alten Bäume trägt, die hier vor geldgieriger Nutzbarmachung geschützt sind.

Der Weg bis zu der langen Holzbrücke, welche den Meeresarm zwischen Vancouver und dem Park übersetzt, zeigt beiderseits die Art, in der hierzulande die prächtigen Urwälder gerodet werden. Ein schonungsloser Vernichtungskrieg wird gegen diese 500- bis 600jährigen Zedern, Thujen und Douglas-Tannen geführt, die eine Höhe von mehr als 100 m und einen Stammesumfang von 8 bis 10 m erreicht haben und nun Platz machen müssen, damit im Lauf der Zeit Terrain gewonnen werde. Das herrlichste Holz, das bei uns einen fabelhaften Wert repräsentieren würde, findet fast nur als Heizmaterial für Lokomotiven Verwendung; in den meisten Fällen wird an den Wald Feuer gelegt, da Säge wie Axt nicht rasch genug arbeiten. Es berührt recht schmerzlich, zu sehen, wie diese mächtigen Patriarchen der Wälder nutzlos zugrunde gerichtet werden und auf Tausenden von Hektaren als Reste ehemaliger schöner Bestände nur mehr verdorrte, unten angekohlte Stämme gegen Himmel ragen. Das Feuer tötet diese Riesen, die dann erst, soweit nötig, niedergeschlagen und gänzlich verbrannt werden; das Ausgraben der Wurzeln bedeutet die letzte Etappe der Urbarmachung des Bodens, worauf dann die Rodungsfläche mehrere Jahre brach liegen bleibt, bevor sie umgeackert und bebaut wird. In der ganzen Umgebung Vancouvers raucht und glimmt es, überall ist der Schlag der Axt vernehmbar, und selbst dort, wo gegenwärtig noch keine Aussicht besteht, die Kultivierung des Bodens in Angriff nehmen zu können, wird der Wald einstweilen wenigstens durch Feuer zerstört, damit das Hindernis für alle späteren Eventualitäten beseitigt sei.

Nach diesen Bildern der Verwüstung labt sich das Auge an dem prächtigen Wald des Stanley-Parkes, an den Stämmen voll urwüchsiger Kraft, die seit Jahrhunderten hier wurzeln und unter denen seinerzeit nur der Elch und der Bär wechselten, während nur selten der Tritt einer Rothaut oder der Ruf des Wapitis die tiefe Stille unterbrach. Jetzt sind überall schöne Wege angelegt und englische Aufschriften angebracht, welche die Ausübung der Jagd sowie jede Beschädigung verbieten und die Namen der verschiedenen Partien des Parkes verkünden; bleiche Ladies fahren unter den Bäumen spazieren oder arrangieren Picknicks unter deren schattigem Dach. So mancher der Baumriesen ist im Laufe der Zeit überständig geworden, sein Stamm innen gefault und die Krone abgestorben, aber noch in diesem Zustand bleibt er durch Menschenalter aufrecht stehen, durch seine gewaltigen Dimensionen imponierend. Einer dieser abgestorbenen Kolosse hat einen Umfang von 12 bis 16 m, so dass in seinem Innern 12 Personen bequem Platz finden. Wir sehen hier Zedern, Thujen, Douglas- und andere Tannen, insbesondere die schöne Balsam-Tanne (Abies balsamea) mit den an der Unterseite bläulichgrauen Nadeln sowie Fichten.

Obschon die Riesenbäume ziemlich nahe beisammen stehen und daher wenig Licht durchlassen, ist der Unterwuchs außerordentlich üppig; wir begegnen hier vorzugsweise Baum- und Strauchgattungen, die auch in Europa vorkommen, so Ahorn, Erlen, Haselnuss, Pappeln, Weiden u. a. m. Auffallend ist die mächtige Entwickelung der Himbeer- und Heidelbeersträucher, die fast kleine Bäumchen bilden, aus welchen man sogar Stöcke schneiden kann. Lange Moose und Flechten hängen malerisch an den unteren Zweigen der Bäume und an dem dichten Gewirr des Unterwuchses; belebend wirken die zahlreichen, den Park umgebenden Kanäle und Buchten, in denen man große Lachse emporschnellen sieht. Das gegenüberliegende, bergige Festland Canadas bildet den effektvollen Hintergrund des Parkes.

Da sich trotz des jetzigen Schießverbotes kein Wild mehr im Park befindet, wurde — offenbar als Ersatz hiefür — am Ausgang ein Tiergarten angelegt, in dem zwei schwarze Amerikanische Bären (Baribal, Ursus americanus), sehr schöne Seeadler mit schneeweißem Kopf und Stoß sowie ein vielgequälter Affe in ihren Zwingern hausen.

Nach diesem wirklich genussreichen Ausflug kehrte ich in die Stadt zurück, um noch durch einige Zeit dem ausgezeichneten Spiel einiger Mitglieder des Lawn Tennis Clubs zuzusehen; wie gerne ich auch am Spiele teilgenommen hätte, so fehlte mir doch angesichts der hier entfalteten Kunstfertigkeit der Mut hiezu.

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  • Ort: Vancouver, Kanada
  • ANNO – am 06.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Aida“ aufführt.

 

Vancouver, 5. Sept. 1893

Nach dem schönen Abend hatte sich als Vorbote der nahen Küste dichter Nebel eingestellt und schon um 4 Uhr morgens weckten mich die mit der Dampfpfeife und der Sirene in Intervallen von fünf Minuten abgegebenen Nebelsignale unseres Schiffes. Da man von Mittschiff kaum bis zum Bug sah, wagte der Kommandant nicht, die Fahrt fortzusetzen, sondern ließ die Maschine stoppen und wartete unter beständiger Abgabe akustischer Signale den Morgen ab.

Bei Tagesanbruch wurde unser Erkennungssignal gepfiffen und dieses alsbald durch das Nebelhorn einer Signalstation an der Küste wiederholt — ein überzeugender Beweis für die Präzision, mit welcher die Navigation an Bord geführt wurde. Um 9 Uhr morgens setzten wir uns endlich wieder in Bewegung, eine Stunde später tauchten schon die schleierhaften Umrisse der Berge auf, und wir konnten nunmehr wieder die volle Fahrgeschwindigkeit aufnehmen.

Allmählich begannen die Strahlen der aufsteigenden Sonne den Nebel zu durchdringen, so dass nach und nach einzelne Konturen der Küste, Berge und bewaldete Abhänge erkennbar wurden. Als weitere Vorboten des Landes sichteten wir viel Treibholz, darunter mächtige Zedernstämme; viele weiße Schmetterlinge umflatterten das Schiff, und auch kleinere Vögel statteten von Zeit zu Zeit unserer Takelage einen Besuch ab.

Der Nebel sank, blaue Flecke zeigten sich am Firmament, und wir erblickten, obgleich noch immer ein Dunstschleier über der See lagerte, doch schon deutlich die ziemlich hohe Küste des Amerikanischen Kontinentes und konnten selbst mit freiem Auge mächtige Fichten, Zedern und Thujen wahrnehmen, deren gerade Stämme hoch emporragten; kleine weiße Ansiedlerhäuser schimmerten unter dem dunklen Grün der Bäume hervor.

Die „Empress“ steuerte in den Kanal San Juan de Fuca, welcher die britische Insel Vancouver vom Festland der Union, dem Staat Washington, trennt, so dass wir gleichzeitig Gebiete zweier Staaten vor uns sahen. Die Sonne strahlte wohltuende Wärme aus, und nach einer Reihe kühler Tage sonnten sich die Passagiere behaglich auf Deck.

Gegen 2 Uhr nachmittags verkündete uns ein Trompetensignal, dass Victoria, die Hauptstadt von Britisch-Kolumbien, in Sicht sei und bald darauf gingen wir im Hafen vor Anker. Diese Stadt liegt auf der Südostseite der Insel Vancouver am Victoria-Hafen und unterhält als wechselseitiger Umschlagplatz für Ozean- und Flussdampfer einen lebhaften Handels- und Schiffahrtsverkehr mit den Hafenorten der Strait of Georgia und des Fraser-Flusses. Die Bucht gewährt einen recht freundlichen Anblick; rings um dieselbe ist auf einem Kranz grüner Hügel und Inseln die Stadt aufgebaut, welche dem ersten Blick ihren Charakter als den einer modernen amerikanischen Stadt enthüllt: die Straßen verlaufen in gerader Richtung, die Häuser sind zumeist in geschmackloser Weise aus Holz erbaut, rötlich angestrichen und durch einen Wald von Stangen überhöht, die ein dichtes Netz von Telegraphen- und Telephondrähten sowie auch die Kabel der elektrischen Beleuchtung tragen. Im Hafen ragten die Masten und Teile des Rumpfes des gesunkenen Dampfers „San Pedro“ traurig aus der See empor.

Unser Aufenthalt vor Victoria währte bloß eine Stunde, welche durch eine ärztliche Visite seitens der Hafenbehörde und durch die Ein- und Ausschiffung von Passagieren ausgefüllt wurde. Zu diesen Zwecken legte sich der riesige Hafen-Raddampfer „Yosemite“, dessen Balanciermaschine über Deck ragte, an die „Empress“. Außer den Passagieren, die sich nach Vancouver einschifften, strömte noch eine ganze Schar Neugieriger an Bord, und schon lange bevor der Dampfer angelegt hatte, rief eine Dame von diesem aus die Frage herüber, welcher von den Reisenden der Prinz sei; doch gewährte ich ihr nicht die Freude meines Anblickes, und so musste sie wieder an Land, ohne desselben teilhaftig geworden zu sein.

Gleich bei der ersten Annäherung an Amerika hatten wir auch schon mit einer der Plagen dieses Landes Bekanntschaft zu machen — mit den Reportern, die ihrer unabweisbaren Zudringlichkeit halber allgemein berühmt sind und uns sofort interviewen wollten. Das Abgehen des „Yosemite“ setzte diesem fruchtlosen Bemühen ein Ziel, und auch wir lichteten nun den Anker, durch eine Reihe kleiner Inseln weitersteuernd, die, von den bläulichen Dünsten der Abendluft angehaucht, sich mit ihren schönen Bäumen äußerst malerisch präsentierten. In einem der Kanäle begegnete uns die manövrierende englische Pacific Squadron, — bestehend aus dem Flaggenschiff „Royal Arthur“, einem stattlichen Panzerschiffe von 7700 t, einer Korvette und zwei Kanonenbooten — welche in erster Linie zum Schutz der Fischerei im Behringsmeer berufen ist und in Esquimalt, ungefähr 48 km südwestlich von Victoria, ihre Hauptstation besitzt.

In der Georgia Strait erfreuten wir uns an einem selten schönen Untergang der Sonne, welche eine Stunde lang in fast nordischer Weise als purpurrote Kugel in der nebligen Luft erschien, bevor sie hinter den Bergen der Insel Vancouver verschwand; die violetten Konturen der Eilande hoben sich scharf vom Abendhimmel ab.

Unsere vormittägige, durch den Nebel verursachte Verspätung einzuholen, fuhren wir mit allen Kesseln und größter Geschwindigkeit, so dass wir bis zu 18 Seemeilen stündlich zurücklegten. Wie mir der zweite Kapitän lächelnd erzählte, sind der Kommandant und der erste Maschineningenieur erst seit kurzer Zeit verheiratet, weshalb sie das Möglichste täten ihr Heim in Vancouver recht bald zu erreichen. Ich fand diese eheliche Liebe sehr rührend und für die Passagiere recht angenehm, weil diesen hiedurch Aussicht geboten war, schon abends zu landen. Gar manche Seefahrt ging rascher zu Ende, wenn die Schiffskapitäne erst kürzlich gefreit hätten.

Noch ein sehr enger Kanal musste passiert werden; dann sichteten wir viele elektrische Lichter, die anzeigten, dass wir den Hafen vor uns hatten. Um 10 Uhr abends legte sich die „Empress“ an einen Molo, auf dem ich trotz der Dunkelheit unter den der Ankunft des Schiffes Harrenden sofort Imhof entdeckte, mit welchem ich hier zusammentreffen sollte. Welche Freude, nach langer Abwesenheit von der Heimat einen guten Freund zu treffen, der geradewegs aus dieser kommt! Was Wunder, wenn uns Imhof noch in die späte Nacht hinein Rede und Antwort stehen und allerlei Neuigkeiten mitteilen musste. Dass er auch die Post gebracht hatte, ließ ihn doppelt willkommen sein.

Das Hotel, welches uns aufnahm und ebenfalls der Canadian Pacific Railway Company gehört, zeigte sogleich die Unannehmlichkeiten amerikanischer Hotels, worauf wir schon vorbereitet waren: die schlechte oder, besser gesagt, gar nicht vorhandene Bedienung, das lästige Rauchverbot und den Mangel an Gesellschafts- oder Rauchzimmern, in welchen man nach dem Speisen noch einige Zeit verweilen könnte, endlich die Küche. Ich bin gewiss kein Gourmand und zähle das Essen unter die geringsten Lebensfreuden; immerhin vermag ich mich mit der englischen, auch in Amerika eingebürgerten Art zu kochen nicht zu befreunden; denn alle Braten sind auf dieselbe Weise „à Ia Roastbeef“ zubereitet und durch einen und denselben Geschmack ausgezeichnet, die Gemüse werden bloß mit Wasser abgekocht und eine andere Mehlspeise als der ewige Pudding scheint überhaupt nicht bekannt zu sein.

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  • Ort: Vancouver, Kanada
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  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Regimentstochter“ aufführt.
Wiener Salonblatt No. 37 notes the safe arrival of Franz Ferdinand in Vancouver.

Das  Wiener Salonblatt No. 37 vermerkt Franz Ferdinands Ankunft in Vancouver.

In See nach Vancouver, 26. August bis 4. September 1893

An den beiden ersten Tagen war das Wetter mild und angenehm, wir konnten in leichten Kleidern auf Deck verweilen; dann kamen wir aber in die Nähe der Aleuten und in die Region der Nord- und Nordostwinde, welche eiskalte Luft aus den Polargegenden führten, so dass das Thermometer mit einem Schlag bis auf 7° C. sank und der Temperatursunterschied sich empfindlich genug bemerkbar machte. Hatten wir doch noch vor wenigen Tagen 34° C. zu verzeichnen gehabt! Alle Passagiere legten Winterkleider, Pelze oder Plaids an, und die Luftheizung der Kajüten wurde in Tätigkeit gesetzt.

Das Leben an Bord nimmt einen ziemlich regelmäßigen Verlauf; um halb 8 Uhr rufen Gongschläge zum Frühstück, die Mahlzeiten werden in dem schönen, geräumigen Dining-room eingenommen, im übrigen verbringen wir jedoch den größten Teil des Tages auf dem langen Deck. Ein sehr rühriges Komitee, bestehend aus dem heiteren zweiten Kapitän und einigen Passagieren, inszeniert hier eine Reihe von Spielen, welche die Mehrzahl der Mitreisenden beschäftigen. Jene, die nicht am Spiel teilnehmen, sitzen, in Plaids gehüllt, in langen Rohrstühlen und lesen oder eilen, Bewegung zu machen, auf und nieder. Diese „Runs“ sind besonders nach den Mahlzeiten beliebt, namentlich bei den englischen und amerikanischen Damen, welche hiebei schier Unglaubliches leisten; dieselben dürften die besten Records erzielen, indem sie, Arm in Arm zu zweien oder dreien, mit sehr langen, nicht immer graziösen Schritten den Rand des Deckes unsicher machen.

An den ersten Tagen nahm mich die Ergänzung meiner Reiseerinnerungen aus der Zeit des Aufenthaltes in Japan in Anspruch, später lernte ich nach und nach auch die Mitreisenden kennen, unter welchen sich einige sehr nette Leute befanden. Meiner Kajüte gegenüber haust ein englischer Maler, welcher erfreulicherweise der französischen Sprache mächtig ist; er fährt zum dritten Mal um die Erde, während seine Frau diese „kleine Tour“ bereits zum achten Mal unternimmt. Das unruhige Leben scheint dem Künstler allerdings nicht mehr zu behagen; denn als wir ihn fragten, ob diese zahlreichen Reisen seiner Gattin nicht beschwerlich fielen, entgegnete er: „Enfin, c’est une maladie comme une autre!“ Zur Reisegesellschaft gehören auch ein Fürst Galitzin, der in Paris einen Arm auf ziemlich prosaische Weise verloren hat, ein reicher Teehändler mit zwei blonden Töchtern sowie eine Anzahl anderer Damen der verschiedensten Altersstufen.

Mit einer reizenden, kleinen Amerikanerin spiele ich täglich mehrere Partien Tennis, ohne mit ihr, die nur englisch spricht, konversieren zu können, doch unterhalten wir uns trotzdem sehr gut; Clam und eine andere Amerikanerin sind die Partner. Unser Ground ist eigentlich entsetzlich, weil viel zu schmal, nur ungefähr die Hälfte eines Normalplatzes umfassend und auf 3 m Höhe gedeckt; bei Rollbewegungen stehen wir überdies auf schwankender Basis; auch müssen wir die zwei vorhandenen Ballen stets selbst aufheben, die nach jedem Schlag auf dem ganzen Schiff umherrollen, so dass es hiebei immer eine kleine Hetzjagd und Suche gibt. Dies alles stört uns aber in dem Vergnügen nicht, auf hoher See Tennis zu spielen.

Drei andere Spiele, an denen ich mich öfters beteilige, erfordern eine gewisse Geschicklichkeit im Werfen von Scheiben und Kautschukringen nach bestimmten Nummern. Beim Cricket, welches die Engländer nicht missen können, geht es sehr lebhaft zu, so dass gleich am ersten Tag einem Herrn ein Finger gebrochen wurde und auch zwei andere der Mitspielenden verwundet den Kampfplatz verließen. Ein vom Yergnügungskomitee arrangierter Ball missglückte, da anfänglich niemand musizieren und tanzen wollte, später aber, als der Wagner-Enthusiast, obschon er dies unter seiner Würde hielt, einen Walzer zum besten gab, sich nur einige amerikanische Ehepaare zu drehen begannen, so dass der Ball rasch ein Ende erreichte. Wenn alle Damen in der Neuen Welt der Sitte huldigen, nur mit ihren Gatten zu tanzen, wie langweilig müssen die Bälle in diesem Kontinent sein!

Nebst den Spielen auf Deck wurde, insbesondere abends, auch dem Gesang gehuldigt, teils in Einzelvorträgen, teils im Chor; doch bildete dies bei dem gänzlichen Mangel guter Stimmen und bei dem Umstand, dass die Teilnehmer anscheinend aus Grundsatz falsch sangen und so die Leistung keineswegs dem an den Tag gelegten Eifer entsprach, keinen sehr erquickenden Ohrenschmaus.

Mit echt englischer Genauigkeit kamen die strengen Sonntagsvorschriften zur Anwendung; der Zahlmeister hielt den Gottesdienst ab, vor- und nachmittags sang man endlose Chorale, kein Spiel durfte unternommen werden, selbst der Wagnerianer musste das Klavier feiern lassen, und unseren Jägern, die im Bar-room ein harmloses Kartenspiel versuchten, wurde dies sofort untersagt. Am Abend des 3. Septembers kam noch eine Art Disputation zwischen zwei protestantischen Geistlichen hinzu, welcher die Passagiere mit Andacht zuhörten. Einer der beiden war Anglikaner, der andere ein norwegischer Missionär, ein eigentlich bedauernswerter, missgestalteter Mann, der während eines sechsjährigen Aufenthaltes im Innern Chinas fast alle europäischen Sprachen und Gewohnheiten verlernt hatte und an Bord zum Ziel der Witze und Sticheleien wurde. Besondere Heiterkeit erregte es, als er sich eines Tages von Hodek im Kostüm eines tibetanischen Lamas photographieren ließ.

Bis zum 1. September war das Meer stets ruhig, nur zuweilen von einer Nordostbrise leicht gekräuselt — Witterungsverhältnisse, welche zu dieser Jahreszeit eigentlich nicht zu erwarten standen. Der Horizont war morgens und abends trübe, doch heiterte sich das Wetter mitunter gegen Mittag etwas auf; in den ersten Nächten hatten wir noch herrlichen Mondschein. Die Färbung des Meeres zeigte nicht mehr das schöne Blau oder Grün, welches wir bisher gewohnt waren zu sehen, sie schien vielmehr bleigrau, ins Schwärzliche übergehend.

Eine große Zahl der verschiedenartigsten Alken, Möven und Sturmsegler umschwärmte das Schiff, ja sogar Vertreter einer kleinen Albatrosart zeigten sich; doch konnte ich diese Segler der Lüfte nicht näher bestimmen, gibt es ja selbst keinen Fachmann, der in den genannten Vogelspezies, welche ein ziemlich undurchforschtes und noch wenig bekanntes Gebiet der Ornithologie darstellen, genügend Bescheid weiß.

Am 30. August passierten wir den 180. Längengrad, und nun wurden die 24 Stunden, welche durch die Richtung der Reise gegen Osten entgangen waren, eingebracht, so dass wir an zwei aufeinanderfolgenden Tagen den 30. August zählten.

Das Schiff legte täglich 350 bis 360 Meilen zurück, bei günstigem Wind setzte man auch Segel, doch geschah dies ohne besonderen Einfluss auf die Geschwindigkeit.

Das, wie erwähnt, bis zum 1. September ruhige Wetter änderte sich dann, der Wind sprang gegen Südost um und brachte so hohen Seegang, dass selbst die riesige „Empress“ tüchtig umhergeworfen wurde, obschon das Schiff die See recht gut verträgt und angenehme Bewegungen ausführt. Gleichwohl wurden alle Passagiere mehr oder weniger seekrank, und endlich war, als das Wetter sich auch am 2. September nicht beruhigte, außer mir und meinen Herren beinahe niemand auf Deck zu sehen, wo übrigens der Aufenthalt infolge der Kälte und der Sturzseen nicht gerade zu den Annehmlichkeiten gehörte. Der nächste Tag brachte uns aber die Sonne wieder, und wir hatten abermals so schöne Fahrt wie früher.

Am 4. September, dem vorletzten in See verbrachten Tage, wurde unter den Passagieren eine Kollekte veranstaltet und der eingelaufene Betrag zu Mannschaftsspielen gespendet, welche recht animiert verliefen und den englischen Matrosen Gelegenheit boten, ihre Geschicklichkeit an den Tag zu legen. Das Programm umfasste 12 Nummern, darunter ein Hindernisrennen über Taubarrieren und Bänke sowie durch Rettungsringe, wobei die Konkurrenten im „Finish“ noch durch ein mit Mehl bestreutes Windsegel kriechen mussten und manche Heiterkeit erregende Szene mitunterlief; auch ein Flachrennen, ein Sacklaufen, ein Tauziehen und ein „Potatoe race“ wurden veranstaltet. bei dem jener auf den Preis Anspruch erheben durfte, welcher eine bestimmte Anzahl von Kartoffeln, die auf dem Deck verteilt waren, als erster in einen Kübel geworfen hatte; hieran reihten sich noch Hahnenkämpfe, ein Wettspringen u. dgl. m.

Nach dem Diner wurde ein von dem Wagnerianer verfasstes und komponiertes Festlied auf Kapitän Archibald und seine Offiziere von einem gemischten Chor in greulichen Dissonanzen vorgetragen.

Endlich kam auch der Augenblick, in dem ich mich freute, der englischen Sprache nicht mächtig zu sein, da ich durch meine Unkenntnis einem bösen Schicksal entging; denn als der Rundgesang verklungen war, erschallte es im Kreis unter Nennung des Namens eines der Herren: „Speak, speak“, so dass dem unglücklichen Auserkorenen nichts erübrigte, als sich zu erheben und eine Ansprache zu halten. Diese Zwangsmaßregel wurde so oft angewendet, bis fast alle Herren an die Reihe gekommen und das Schiff sowie die glückliche Fahrt hinlänglich gepriesen waren. Als später der allgemeine Schiffsonkel Fürst Galitzin, den Damen und Herren, die sich während der Fahrt bei den Spielen als die geschicktesten erwiesen hatten, mit freundlichem Lächeln und einigen aufmunternden Worten Broschen oder Photographien des Schiffes überreichte, wiederholte sich die für die Opfer recht unangenehme Redetortur.

Schließlich trat wieder der Gesang in seine Rechte, aber ich ergriff, da jedermann bemüht war, unbarmherzig sein ganzes Repertoire zum besten zu geben, die Flucht und erfreute mich auf Deck der Pracht des wolkenlosen, gestirnten Himmels.

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  • Ort: auf See im pazifischen Ozean
  • ANNO – am 26.08.1893 in Östereichs Presse. Das Wiener Salonblatt vermeldet FFs Abreise aus Japan an Bord des Dampfers „Empress“ in Richtung Nordamerika.
The Wiener Salonblatt No. 35 reports FF's departure from Yokohama towards North America.

Das Wiener Salonblatt No. 35 informiert über FFs Abreise nach Nordamerika.

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Afrikanerin“ aufführt.

In See nach Vancouver, 25. Aug. 1893

Morgens erschienen, um mich zu begrüßen, Baron Biegeleben an der Spitze des Gesandtschaftspersonales und Generalkonsul Kreitner sowie die Herren der japanischen Suite, deren Zuvorkommenheit und unermüdlichem Eifer ich alle Anerkennung zolle. Auch die uns zugeteilten Beamten und Diener des Hofes, unter ihnen mein Freund der Leibjäger und der Mann mit dem stets gezückten Schwert, welcher von uns mit dem Spitznamen „der Scharfrichter“ bedacht worden war, fanden sich ein, um für die ihnen verliehenen Dekorationen den Dank abzustatten.

Zur dauernden Erinnerung an die gemeinsame Fahrt ließ ich mich noch mit allen Herren des Stabes photographieren; dann wurde auf Deck ein feierlicher Gottesdienst abgehalten.

Endlich war der schwere Augenblick gekommen, jener, in dem ich Abschied nehmen musste von unserem braven Schiff, von den Herren des Stabes, die ich alle so schätzen gelernt hatte und die stets bestrebt gewesen waren, mir das Leben an Bord so angenehm als möglich zu gestalten, von der wackeren Mannschaft. Die „Elisabeth“ war mir in der achtmonatlichen Frist, während der sie uns so treu durch ferne Meere getragen, zur Heimat geworden; hier habe ich mich zufrieden, glücklich gefühlt, und mit jener Empfindung der Freude, welche den Reisenden beseelt, wenn er, aus der Fremde kommend, vaterländischen Boden betritt, bin ich nach jedem längeren Aufenthalt auf dem Land immer wieder an Bord zurückgekehrt.

Hier habe ich den guten militärischen Geist, den vortrefflichen kameradschaftlichen Sinn kennen gelernt, welcher in unserem Seeoffizierskorps herrscht. Dank der Umsicht und Fürsorge des mir so lieb gewordenen Kommandanten, der weder Mühe noch Anstrengung gescheut hat und bei Tag und bei Nacht auf seinem Posten war, um in jedem Augenblick seiner ehrenvollen, aber auch schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, dank der trefflichen Führung des Dienstes durch unseren Gesamt-Detailoffizier, dank der Tüchtigkeit sowie Gewissenhaftigkeit des Navigationsoffiziers, dank endlich dem Pflichteifer des gesamten Stabes ist zum Stolz und zur freudigen Genugtuung aller das Ziel der gemeinsamen Fahrt glücklich erreicht worden. Der rasche Verlauf der immer unter Dampf zurückgelegten Reise in Verbindung mit dem verhältnismäßig kurzen Aufenthalt in den verschiedenen Häfen hat insbesondere an das Maschinenpersonal ganz außergewöhnliche Anforderungen gestellt, denen dasselbe in jeder Beziehung entsprochen hat.

Mit hoher Befriedigung muss ich des geradezu musterhaften Verhaltens der Mannschaft gedenken, welche unentwegt in treuer Pflichterfüllung ausgeharrt hat, selbst unter den schwierigsten Verhältnissen, so namentlich in den tropischen Klimaten, ohne sich der erleichternden Annehmlichkeiten zu erfreuen, welche uns zugebote gestanden. Nachdrückliche Hervorhebung verdient endlich der Umstand, dass unsere Mannschaft sich auch auf dem Land, trotz des nicht immer guten Beispieles, welches ihr durch amerikanische und englische Matrosen gegeben wurde, ganz tadellos benommen hat und dass ungeachtet der verlockendsten Anträge nicht ein Fall von Desertion vorgekommen ist.

Unsere Kriegsmarine hat sich wieder in einer die hochgespannten Erwartungen rechtfertigenden Weise bewährt, indem sie unsere Flagge stolz durch den weiten Ozean in ferne Länder geführt. Die Vorsehung hat über dem Schiff, welches sich zum ersten Mal zu erproben hatte, gewacht, ein günstiger Stern über demselben geleuchtet; denn keine ernste Gefahr hat der „Elisabeth“ gedroht, kein Unfall diese betroffen; in der Zahl jener, die auf ihren Planken sich zusammengefunden, hat der Tod sich keine Opfer gesucht, keine schwerere Erkrankung hat uns heimgesucht.

Ich schritt noch die Front der Mannschaft ab, welche auf Deck in Parade ausgerückt war, sagte allen Herren des Stabes ein herzliches Lebewohl und bestieg mit dem Kommandanten das Galaboot. Als dann der Stab auf die Brücke eilte, die Mannschaft an die Salutstationen trat und unter den Klängen der Volkshymne ein dreifaches donnerndes Hurrah ertönte, da liefen mir— ich schäme mich nicht, es einzugestehen — die Tränen über die Wangen. Die Erinnerung an die Zeit, welche ich auf der „Elisabeth“ verbracht habe, gehört zu den wertvollsten meines Lebens und wird mir dauernd eingeprägt bleiben.

Die „Empress of China“ lag bereit, in See zu gehen, beim Fallreep aber herrschte lebhafte Bewegung; die Herren der Gesandtschaft und des Konsulates mit ihren Damen waren nochmals erschienen, uns zu begrüßen, Verwandte und Freunde anderer Passagiere hatten sich eingefunden, Abschied zu nehmen. Wir tauschten noch einen letzten Händedruck mit Becker und Jedina, die Maschine der „Empress of China“ begann zu arbeiten und das Riesenschiff wendete sich dem Hafenausgang zu. Von den japanischen Kriegsschiffen und von der „Elisabeth“ ertönte Hurrahrufen, die Musikkapelle der letzteren spielte unsere Volkshymne und „O, du mein Österreich“; nächst der Ausfahrt wechselten wir noch Grüße durch Signale und winkten den treuen Genossen unserer Reise so lange zu, bis die „Elisabeth“ nur mehr als kleiner, weißer Fleck erschien und auch Jokohama langsam unseren Blicken entschwand.

An Bord der „Empress“ fängt für mich ein ganz neues Leben an; ich kann mich nicht so frei bewegen wie auf der „Elisabeth“ und bin auf das sogenannte Promenadedeck angewiesen; die Kommandobrücke stellt ein Heiligtum dar, das nicht betreten werden darf. Wir vermissen die militärischen Signale, Kommandos und Rufe, die schrille Pfeife des Bootsmannes, mit einem Wort alles, was den Soldaten auf einem Kriegsschiff anheimelt; statt unserer flinken Matrosen sehen wir steife Engländer, mürrische Amerikaner sowie schlitzäugige Chinesen; statt deutscher, italienischer und kroatischer Laute hören wir nur englisch und immer wieder englisch reden; weder Reveille noch Retraite ertönen, bloß der dumpfe Klang des Gongs ruft zum Breakfast, Lunch und Dinner. Die Musikkapelle, die uns täglich zweimal mit heimatlichen Weisen erfreut hatte, wird hier durch einen enragierten Wagnerianer ersetzt, welcher ein bedauernswertes Klavier vom frühen Morgen bis zum späten Abend quält, so dass man rasend werden könnte und einem Klavierschutzvereine beitreten möchte.

Die „Empress of China“, im Jahre 1891 in London erbaut, ist ein schönes, großes Schiff, welches der Canadian Pacific Railway Company gehört; diese Eisenbahngesellschaft lässt drei solcher Dampfer zwischen Hongkong und Vancouver verkehren, um auf diese Weise Passagiere für ihre Kanada durchquerende Linie zu werben. Ob hiebei die Kosten gedeckt werden, weiß ich nicht, da die Betriebsauslagen ungeheuere sind und die Anzahl der Passagiere meist eine kleine ist.

Die hauptsächlichsten Dimensionen des Schiffes sind: 139 m Länge, 15,5 m Breite und im Tiefgang. Das Deplacement beträgt 5904 t, die Ladefähigkeit 3008 t; die direkt wirkende Dreifach-Expansionsmaschine hat 10.000 indizierte Pferdekräfte und verleiht dem Dampfer eine Maximalfahrgeschwindigkeit von 18 Knoten in der Stunde; der Kohlenverbrauch beläuft sich bei ganzer Kraft auf 200 t in 24 Stunden. Die Takelage besteht aus vier Pfahlmasten mit Gaffelsegeln; die Innenbordbeleuchtung ist durchwegs elektrisch; das Schiff bietet Raum für 170 Passagiere erster Klasse, 26 Zwischendeckpassagiere und 406 Deckpassagiere. Gegenwärtig befinden sich von der ersten Kategorie 72, von der zweiten 7 und von der dritten 160 Personen an Bord. Kapitän der „Empress of China“ ist R. Archibald, Reserveoffizier der britischen Marine; die Bemannung besteht aus 71 Europäern und 142 Chinesen. Meine geräumige und — bis auf ein kurzes Bett — bequeme Kajüte liegt unter der Brücke neben dem Decksalon.

Wie auf jedem englischen Personenschiffe, wird man auch hier alsbald zum Passagier Nummer „So und soviel“ und muss sich der allgemeinen Bordvorschrift fügen, welche besonders das Rauchen sehr einschränkt.

Einige Zeit fuhren wir noch längs der japanischen Küste hin, vom „Jajejama“ begleitet, auf dem sich unser Gesandter, die beiden Legationssekretäre und der Generalkonsul Kreitner eingeschifft hatten. Endlich tönte noch ein Hurrah vom „Jajejama“ zu uns herüber, und dann verloren wir allmählich Kriegsschiff wie Küste aus dem Auge — wir steuern in offener See!

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  • Ort: Yokohama, Japan
  • ANNO – am 25.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Jüdin“ aufführt.

Jokohama, 24. Aug. 1893

Leider nahte der Abschied; der letzte Tag, den ich auf der „Elisabeth“ verbringen konnte, war angebrochen; denn schon morgen soll die „Empress of China“, auf der ich mich einzuschiffen gedenke, und welche im Laufe des heutigen Vormittages in Jokohama eingelaufen ist, nach Amerika abgehen. Die Kisten und Koffer wurden bereits gepackt, doch eilte ich nochmals an das Land, um einige Zwergbäume zu kaufen, und konnte bei dem zu diesem Zweck unternommenen Besuch einer großen Handelsgärtnerei über die Mannigfaltigkeit der zwerghaften Bäume sowie über die Variationen der Verkrüppelung, die den einzelnen Exemplaren beigebracht war, nicht genug staunen. Eine kaum fußhohe Fichte, welche ich kaufte, soll angeblich das Alter von mehr als 50 Jahren erreicht haben.

Bei einem Frühstück vereinigte ich die Rangältesten jeder Charge und blieb den Rest des Nachmittages an Bord, mit der Ordnung verschiedener Angelegenheiten für die weitere Reise beschäftigt.

Offenbar mit Rücksicht auf die bevorstehende Abreise genoss ich heute, das erste Mal seit meiner Anwesenheit in der Nachbarschaft des Fudschi-jamas, den Vorzug, den heiligen Berg mit seinem abgestumpften Kegel bei völlig reiner Atmosphäre zu sehen.

Als es dunkel zu werden begann, nahm ein großartiges Abschiedsfest seinen Anfang, welches die Herren des Stabes und die Mannschaft mir zu Ehren arrangiert hatten. In einem sinnreich durchdachten Zug sollten Vertreter aller der Länder und Völker, die wir auf unserer Reise besucht und gesehen hatten, an mir vorüberwandeln, also lebende Bilder eine Wiederholung der bisher so überaus glücklich zurückgelegten Reise geben. Schon vor langer Zeit war an Bord mit den Vorbereitungen für das Fest begonnen worden; alle Künstler und Handwerker hatten mit Herstellung der Kostüme, Dekorationen u. dgl. vollauf zu tun. Gleichwohl war das Geheimnis so ziemlich bewahrt worden, und nur manchmal sah man einen rabenschwarzen Wilden oder einen Japaner nach der Probe durch die Batterie huschen.

Sobald mich der Kommandant abgeholt hatte, versammelte sich der gesamte Stab vor meiner Kajüte, während die nicht am Zug beteiligte Mannschaft sich in Gruppen auf dem Deck verteilte; dieses war glänzend erleuchtet, und namentlich warf eine elektrische Sonne taghelles Licht gegen das Kastell, von welchem aus sich der Zug entwickelte. Unser wackerer Kapellmeister hatte ein Potpourri komponiert, welches Reminiscenzen an die einzelnen Phasen der Reise wachrufen sollte; soweit als möglich, waren Nationalweisen der betreffenden Länder eingeflochten, so dass der festliche Aufmarsch durch die musikalische Produktion in passender Weise begleitet und kommentiert wurde.

Den Zug eröffneten Ägypter aus Port Said, Fellahs und Nubier, dann kamen schwarze Somali und adrette englische Soldaten in den traditionellen roten Röcken aus Aden; Ceylon entsandte Singhalesen und mehrere Buddha-Priester aus Kandy; Indien war durch eine Gruppe vertreten, in welcher auch schöne Inderinnen zu sehen waren. Die beiden besten Figuren in dieser Abteilung bildeten der falsche Mahmud, nämlich der Maat Ivicich, welcher die Gewandung und den Turban unseres Dieners Mahmud entlehnt hatte und so dem Inder frappant ähnlich sah, ferner ein reicher Parse, dargestellt vom Büchsenmacher, der mit einem von unserem Schiffskaplan erborgten langen Rock und einem entsprechenden Embonpoint versehen war, um möglichst original zu erscheinen. Sehr charakteristisch und naturgetreu, mit Schmuck und Waffen echter Provenienz ausgerüstet, marschierten alle Insulaner auf, die Kanaken von Numea, die Papuas der SalomonInseln und endlich die Dajaks aus Borneo. Aus Australien waren Aborigines, sowie Farmer, Squatter und Buschklepper erschienen. Sehr witzig wurde das Einlangen der langersehnten Post in Hongkong durch einen schmetternden Postillon dargestellt. Die Söhne des himmlischen Reiches, bezopfte Chinesen, trippelten paarweise vorbei, gefolgt von einer ganzen Schar Japaner und Musumes, in Kimonos gehüllt, und mit allerlei japanischen Musikinstrumenten ausgerüstet, die aber zum Glück nicht gespielt wurden. Der kleine Tiroler, welcher schon bei der Äquatorialtaufe in einer weiblichen Rolle, als Amphitrite, mitgewirkt hatte, machte auch als Musume einen niedlichen Eindruck.

Den Zug beschließend, marschierte der Bootsmann Zamberlin, mit der Flagge in der Rechten und gefolgt von 20 der größten und stärksten Matrosen in Parade, auf. Er machte vor mir halt, hielt die Flagge hoch und richtete an mich eine Ansprache echt patriotischen Inhaltes, in der er darauf hinwies, dass die gemeinsame Reise auf der „Elisabeth“ ein glückliches Ende genommen habe und dass unsere Marine bei jeder Gelegenheit ihr Bestes tun werde, um die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Wenn Seine Majestät unser Allergnädigster Kriegsherr seine Völker je wieder zum Kampf rufen sollte, so wolle die Kriegsmarine abermals einstehen mit ihrem Blut für Kaiser und Vaterland, ihr heiligstes Panier, die Flagge, stets schützend und in Ehren bewahrend. Mit einem Hurrah auf mich beendete der brave Mann seine Rede. die mich bis zu Tränen ergriff, da er in seiner schlichten Art und Weise, aber mit aus dem Herzen kommender Begeisterung gesprochen hatte. Jeder von uns fühlte, dass Zamberlin so gesprochen hatte, wie er empfand; seine Worte waren die eines patriotisch denkenden Soldaten und Österreichers.

Mögen in unserer Marine sowie im Heere stets Unteroffiziere herangebildet und erhalten werden von jener Biederkeit und Tüchtigkeit, welche Zamberlin auszeichnen, Männer, die das Herz auf dem rechten Flecke haben! Solche Leute sind die Stütze ihrer Kommandanten, das leuchtende Vorbild der jungen Mannschaft. Gewiss ist gründliche Schulung und eine Summe von Wissen erforderlich, damit der Soldat in allen Fällen seine Schuldigkeit zu thun vermöge, aber dies allein genügt nicht; um dem Feind erfolgreich die Spitze bieten zu können, muss der Mannschaft die Erfüllung ihrer Pflicht vor allem zur Herzenssache geworden sein.

Ich schritt dann die Front aller Teilnehmer des Festzuges ab, wobei ich oft Mühe hatte, einzelne der Mannschaft, die mit mir bei Gelegenheit verschiedener Expeditionen zu Wasser und zu Land in nähere Berührung gekommen waren, in ihrer Vermummung wieder zu erkennen; namentlich bot die Feststellung der Identität bei den schwarzgefärbten Wilden nicht geringe Schwierigkeit. Das Arrangement des Festzuges war nicht bloß im Ensemble, sondern auch in den Details ein überaus gelungenes, wovon ich mich bei näherer Besichtigung der einzelnen Figuren und Gruppen überzeugte. Ich kann nur wünschen, dass diejenigen, welche das Fest inszeniert haben, in dem Bewusstsein der mir bereiteten Freude und der freundlichen Erinnerung, welche ich der Vorführung der gelungenen Reisebilder bewahren werde, Entschädigung für die aufgewendete, wahrlich nicht geringe Mühe finden.

Ein Diner, zu welchem mich der Schiffsstab geladen hatte, fand auf dem von künstlerischer Hand in einen Gartensalon umgewandelten Eisendeck statt. Zum letzten Mal waren wir heute auf jenem Platz vereinigt, wo ich mich mit den Herren des Stabes so oft zusammengefunden, — unter allen Himmelsstrichen, die wir durchfahren haben, an guten und an bösen Tagen, wie wir sie eben erlebt — um Gedanken, Eindrücke, Empfindungen in gemütlichem Plaudern auszutauschen, um der lieben, fernen Heimat zu gedenken.

Wie überall, wo Soldaten zum Mahl vereinigt sind, wurde auch heute das erste Glas auf das Wohl unseres Allerhöchsten Kriegsherrn unter den feierlichen Klängen der Volkshymne geleert. Dann hielt der Kommandant eine warm empfundene Ansprache an mich, welche ich, wie es mir gerade ums Herz war, tief ergriffen von dem Gedanken, dass ich schon morgen die „Elisabeth“ verlassen, mich von den Herren des Schiffsstabes trennen soll, erwiderte, indem ich mit meinem innigsten Dank die Hoffnung ausdrückte, dass unserer schönen Kriegsmarine jede Unternehmung glücken werde wie die bisherige Reise, und den Wunsch verband, dass den Herren eine glückliche Heimkehr im Gefühl treu erfüllter Pflicht beschieden sein möge.

Während des Diners wurde ich von den Offizieren durch eine sinnige Gabe überrascht, durch Überreichung eines Bildes, welches der kunstgeübten Hand Rambergs entstammte und im Rahmen einer Reihe von Ansichten der besuchten Länder eine Weltkarte mit der ersichtlich gemachten Reiseroute darstellte. Das in Aquarell ausgeführte Bild ist durch treffende Auffassung sowie durch technische Vollendung ausgezeichnet und stellt dem ungewöhnlichen Talent des Künstlers ein glänzendes Zeugnis aus.

Links

  • Ort: Yokohama, Japan
  • ANNO – am 24.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Excelsior“ aufführt.