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diary entries of Franz Ferdinand

In See nach den Salomon-Inseln, 4. Juni 1893

Trotz des programmäßigen Vorhabens, die Anker schon um 7 Uhr morgens zu lichten, mussten wir die Stunde der Abfahrt von Numea etwas verschieben, da außer der mir geschenkten Sammlung noch eine Reihe von Gegenständen einzuschiffen war, die mir vom Gouverneur und dessen Adjutanten zugesendet wurden, so mehrere Stämme edlen Holzes, welche der Aviso „Loyalty“ eine Tagreise weit hergebracht hatte, ferner eine teils lebende, teils ausgestopfte Exemplare umfassende Kollektion der auf Neu-Caledonien vorkommenden Vogelarten u. dgl. m.

Unter den Vögeln verdienen der Schopfpapagei, sowie der nur auf Caledonien vorkommende Kagu (Rhinochetus jubatus) besondere Erwähnung.

Beim Unterbringen der Tiere in die Käfige entkamen leider drei der schönen rosenroten Kakadus, die wir in Sydney eingeschifft hatten, und die Flüchtlinge strichen, der wiedererlangten Freiheit froh, sofort dem Lande zu. So sehr wir diesen Verlust bedauerten, hatten wir doch die Genugtuung, Neu-Caledonien möglicherweise um eine reizende Vogelart bereichert zu haben, weil die Kakadus hier bei den ihnen völlig entsprechenden klimatischen Verhältnissen auch andere günstige Bedingungen zur Vermehrung finden werden.

Nach dem Gottesdienst — es war Sonntag — dampften wir aus dem Hafen von Numea, während von den französischen Schiffen mit der Flagge, mit Wantensalut und mit dreifachem Hurrahrufe gegrüßt wurde, was wir ebenfalls mit Flaggengruß und Hurrahrufen sowie mit Salut längs der Reeling erwiderten. Auf der Insel Nu war eine Musikkapelle postiert, welche die Volkshymne intonierte, worauf wir, um der internationalen Höflichkeit zu genügen, mit der Marseillaise antworten mussten — ein drastisches Widerspiel: die hehren Klänge des „Gott erhalte“ und als Echo das revolutionäre Lied!

Wir nahmen den Kurs längs der Südwestküste und den vorgelagerten, kleinen Inseln südostwärts, so dass die Korallenriffe steuerbord blieben, und durcheilten die Woodin-Passage zwischen der Insel Ouen und dem Festland hindurch. In dieser schmalen Wasserstraße, welche an manchen Stellen kaum die Breite einer Seemeile erreicht, zieht eine Reihe malerischer Bilder an dem Auge des Seefahrers vorbei; steuerbord ragt die Insel Ouen in zackigen Umrissen empor, lange rote Streifen verraten den Reichtum derselben an eisenhaltigem Gestein; backbord erhebt sich die Küste von Neu-Caledonien, mit reicher, zumeist tropischer Vegetation bedeckt, in deren dichtem Gewirr, als Kennzeichen der besonderen Pflanzenregion dieses Teiles von Melanesien, Araucarien schlank und hoch aufstreben; auch einzelne Hütten und ein kleines Haus kommen in Sicht, und bringen einen belebenden Zug in die Szenerie.

Weiter geht die Fahrt durch die Prony-Bai, um die südliche Spitze Neu-Caledoniens herum an dem scharf vorspringenden Cap Ndua vorbei, dann mit einer Wendung nach Nordost durch den Havannah-Kanal und endlich aus dessen zahlreichen Korallenriffen und Strömungen heraus in die offene See. Mit nördlichem Kurs steuern wir auf die Loyalty-Inseln zu. Abends gestaltete sich die Navigation durch diese Inseln zwischen den Eilanden Molard und Hamelin hindurch recht schwierig; denn der Himmel hatte sich umwölkt, eine heftige Regenböe ging nieder, so dass wir auf wenige Meter vor uns hin keinen Ausblick mehr hatten und daher die Fahrgeschwindigkeit umso mehr heruntersetzen mussten, als noch keine genaue Aufnahme der Loyalty-Inseln durchgeführt ist und die Seekarten wenig verlässlich sind. Endlich aber kam der Mond wieder zum Vorschein, und nun konnte man die Inseln ohne Anstand passieren. Der Wind war den ganzen Tag von Nord und Nordost gegangen und versetzte das Schiff in starke Rollbewegungen.

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  • Ort: Nächst der Loyalty Inseln
  • ANNO – am 04.06.1893 in Österreichs Presse. Das Wiener Salonblatt vom 4. Juni liegt etwas mit der Berichterstattung zurück und vermeldet die Abreise Franz Ferdinands von Australien.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „König Ottokars Glück und Ende“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Numea, 3. Juni 1893

Auf der heutigen Tagesordnung stand ein reichhaltiges Programm. Des Morgens um 8 Uhr holte mich der Gouverneur in seinem Boot zur Besichtigung der Strafanstalt ab, welche auf der Insel Nu dort errichtet wurde, wo sich 1864 das älteste Strafdepot befunden hatte. Hier werden, wie schon erwähnt, die schwersten Verbrecher sowie vorzugsweise solche angehalten, die sich während der Haft auf der Insel eine Handlung zuschulden kommen ließen, welche eine Verschärfung oder Verlängerung der Strafe nach sich zieht; außerdem sind in dieser Anstalt die aus Frankreich oder aus den Kolonien neu ankommenden Sträflinge jeweils bis zu dem Zeitpunkt untergebracht, in welchem sie nach den verschiedenen Plätzen der Insel abgeführt werden können.

Nach einer halben Stunde landeten wir bei dem Garten, welcher dem Direktor der Anstalt eingeräumt ist. Dieselbe besteht aus einer großen Anzahl umfangreicher, zerstreut liegender Etablissements, die wir unter Führung des Direktors der Besichtigung unterzogen. Wir begannen mit der kleinen Militärkaserne, welche durch eine Abteilung von 100 Mann Marine-Infanterie unter Kommando eines Kapitäns belegt ist, und besahen dann mehrere Werkstätten, in welchen Sträflinge verschiedene Handwerke betreiben, so die Bäckerei, Schlosserei, Tischlerei u. dgl. m. Auch in dieser Strafanstalt sind, wie in Montravel, die Häuser, worin die Gefangenen nachts untergebracht werden, in langen Reihen nebeneinander angeordnet; nur sind hier die Gebäude mit hohen Umfassungsmauern umgeben. Die Mitte des Gebäudekomplexes nimmt der Richtplatz ein, auf dem gegebenenfalls die Guillotine errichtet wird; den Hinrichtungen müssen alle Sträflinge kniend beiwohnen, während hinter ihnen Soldaten mit geladenen Gewehren Stellung nehmen.

Oberhalb der Sträflingshäuser erhebt sich ein mächtiges, fensterloses Gebäude, in welchem kleine, zur Aufnahme der schwersten Verbrecher und namentlich der Rückfälligen bestimmte Zellen angeordnet sind; diese enthalten hölzerne, mit je einer Decke ausgerüstete Lagerstellen, an welche die Sträflinge mit Eisenbarren gefesselt werden können. Zu meinem Erstaunen fand ich bei einzelnen Sträflingen in jenen Zellen Bücher. Die Strafhaus-Direktion trägt sich gegenwärtig mit dem Plan, für die schwersten Verbrecher andere Räume, und zwar solche ohne Lagerstelle in Anwendung zu bringen, in welchen der Sträfling daher auf nacktem Boden ruhen muss und überhaupt keinerlei Begünstigung genießt.

Die erste Zelle, deren eiserne Türe mir geöffnet wurde, war jene des sechsfachen Mörders, dessen Schicksal von der noch ausständigen Entscheidung des Präsidenten der Republik abhing. Als der Gouverneur in meiner Gegenwart an den dem Tode geweihten Sträfling einige Fragen richtete, legte dieser ein freches Benehmen an den Tag und gab recht unverschämte Antworten. Der Missetäter war an einem Fuß gefesselt; das andere Bein, welches bei dem letzten, von ihm gegen einen Wächter unternommenen Attentate durch einen Revolverschuss verletzt worden ist, stak in einem Verband. Ein noch junger Mann von kräftigem, fast herkulisch erscheinendem Körperbau, hatte der Deportierte seine Verbrecherlaufbahn mit der Ermordung seiner Geliebten begonnen.

Ich ließ mir fast alle Zellen des Gebäudes öffnen und machte die Wahrnehmung, dass die Insassen sich ausnahmslos durch unverschämtes Verhalten auszeichneten, welches in ihren Antworten zum Ausdruck gelangte; wahre Galgenphysiognomien, von welchen Verbrechen und Laster herabzulesen waren, verrieten, dass wir dem Auswurf der Menschheit gegenüberstanden.

Ein Teil der Bewohner dieses Hauses reift hier wohl der Guillotine entgegen, welche uns nun gezeigt wurde. Ich hatte dieses ernste Rüstzeug irdischer Gerechtigkeit noch nie gesehen und konnte mich bei seinem Anblick eines peinlichen Gefühles nicht erwehren, nicht zum wenigsten deshalb, weil alle die Greuel der großen Revolution, welchen die grässliche Maschine gedient, an meinem Geist vorbeizogen. Der Scharfrichter, ein ehemaliger Sträfling, ein recht widerlicher Kerl, demonstrierte das Anbinden des Delinquenten an das schauerliche Brett und erklärte den Mechanismus der Maschine. Endlich ließ der Nachrichter das Fallbeil auf ein Bündel Schilf herabfallen, welches durch das wuchtig niedersausende Richtschwert scharf durchgehauen wurde. Hiezu machte das Scheusal recht zynische Witze und überreichte mir schließlich lachend seine Photographie, unter welcher der Name des Conterfeiten sowie die Worte standen: „Executeur des hautes oeuvres“.

Wir besahen noch das Magazin mit allen Vorräten und Werkzeugen für den Straßenbau und schritten dann dem einige Kilometer entfernten Spital zu, welches, unter Aufsicht barmherziger Schwestern stehend, etwa 150 Kranke birgt und, in schöner, gesunder Lage am Rand des Meeres erbaut, musterhaft gehalten ist, insbesondere was Reinlichkeit und Ordnung anbelangt.

An das Spital schließt sich eine Anstalt für Geisteskranke mit einem großen Garten, in welcher für diese unglücklichen Menschen so gut als möglich gesorgt zu sein schien. Bei meinem Besuche spielten sich daselbst Szenen ab, wie in anderen Irrenhäusern; denn die armen Kranken kamen auf uns zu und hielten Ansprachen, stellten sich als Könige von Spanien und von anderen Ländern vor, erklärten, dass sie hier unrechtmäßigerweise als Irre zurückgehalten würden, und gaben dergleichen Äußerungen trauriger Geisteszerrüttung mehr kund. Ein Mann, der mitunter an Tobsuchtsanfällen von solcher Intensität leidet, dass er Eisenstangen von der Dicke eines Daumens zu brechen vermag, schenkte mir eine von ihm sehr nett und gefällig gewobene Decke.

Diesen düsteren Ort verlassend, fuhren wir in der Barkasse und dann mit Wagen zu dem eine halbe Stunde Weges von Numea entfernten Landhaus des Gouverneurs, um hier einem mir zu Ehren von M. Gallet, dem Chef des Dienstes für die Angelegenheiten der Eingeborenen, arrangierten Pilu-Pilu, das ist einer musikalisch-choreographischen und kriegerischen Produktion Eingeborener, anzuwohnen. Unter einem Zelt, das auf einem sonst dem Lawn Tennis-Spiele gewidmeten Platz aufgeschlagen war, genossen wir das ebenso fremdartige als anregende Schauspiel.

Zwei Gruppen, aus je etwa fünfzig Eingeborenen von Montfaue und von Huailu bestehend, führten gemeinsam unter Gesangsbegleitung einen Totentanz auf. Diese Gruppen wechselten in der Vorführung einer Reihe von Tänzen ab, um hierauf das Feld den Eingeborenen von Bai zu räumen, welche sich gleichfalls durch Tänze und Gesänge hervortaten, worauf die Eingeborenen von Montfaue noch einen Gesang anstimmten, der Episoden und Erinnerungen aus 1878, dem Jahre des Aufstandes und Krieges, zum Gegenstand hatte. In diesen Kämpfen stand der Stamm der Unua auf Seite der Franzosen. Einer des Stammes, der Häuptling namens Dui, errang hohe Berühmtheit dank der Tollkühnheit, welche ihn im Kampf gegen die aufständischen Eingeborenen auszeichnete.

Die Angehörigen jedes Volksstammes unterschieden sich in ihrem Äußeren von jenen der anderen Stämme nur durch unwesentliche Merkmale; auch ihre Tänze und Gesänge glichen einander. Alle Darsteller, schön gewachsene und große Männer, waren in vollem Kriegsschmuck mit langen Speeren und schweren Keulen erschienen, während die Häuptlinge, um etliche Zentimeter an Kleidung mehr als bei der gestrigen Jagd an sich tragend, überdies mit Beilen aus Serpentinstein bewehrt waren. Weiße Hahnenfedern sowie Kämme, ins dichte krause Haar gesteckt, dienten als Kopfputz.

Die Tänze, deren Präzision jedem wohlgedrillten Corps de ballet zur Ehre gereicht hätte, wurden mit wildem, immerhin aber rhythmischem Gesange begleitet, in dessen Verlaufe die Sänger Tierstimmen und Naturlaute täuschend nachahmten. Die choreographischen Produktionen — jede einzelne Bewegung wurde von allen Tänzern zugleich ausgeführt — waren teils Totentänze, also religiös-zeremoniellen Charakters, teils Kriegstänze, teils Darstellungen von Gefühlen, Verrichtungen, Gebräuchen, Maschinen u. dgl. m. Da gab es, in kühnen Pas und Bewegungen ausgedrückt und vorgeführt, zu sehen: Flederhunde, Rinder, die Liebe, Kriegskanus, ein Taro-Erntefest, die Jagd, die Fischerei, das Pferd in Freiheit, die Schiffsschraube, den Europäer, wie er mit dem Finger droht, den am Arme Verkrüppelten, ja selbst die Signale des Semaphors und die Vornahme einer Landvermessung — für einen Balletmeister eine wahre Fundgrube überraschender, neuer Effekte.

In ihren Liedern bringen die wilden Künstler teils harmlose Anschauungen und Aufforderungen, teils energischere, feindselige und kriegerische Gedanken, ja sogar Blüten einer anthropophagen Lyrik zum Ausdrucke; letzteres ist namentlich in den aus den Episoden des Jahres 1878 geschöpften Gesängen der Montfaue der Fall. Was aber auch im einzelnen der Inhalt dieser Ergüsse sein mochte, immer war er in seiner ganzen Ursprünglichkeit dem Gesichtskreis eines Naturvolkes entnommen und in die naivste Form gekleidet: „Bereitet Euch zum Tanz (Nipagüeü-nipagüeü)! — Zahlreich seid Ihr, beginnet alle! Tanzet den Nequipin! — Setzet ein Kanu im Fluss aus! — Lasset von der Überschwemmung Magere und sein Schiff hinwegtragen! — Bereitet Euch zum Kampf! — Stoßet den Kriegsruf aus! — Wir wollen den Häuptling Dui töten! — Ich will seinen Bruder Meino in zwei Stücke schneiden! —“ u. dgl. m.
Die Produktionen erregten hohes Interesse, nicht bloß weil sie einen Einblick in die Bedeutung von Tanz und Gesang für den Naturmenschen gestatteten, dem sie ein nie versagendes Ausdrucksmittel seiner Strebungen, Stimmungen und Gefühle sind, sondern auch, weil aus den Aufführungen scharfe Beobachtungsgabe und ausgesprochenes Talent zur Wiedergabe des Aufgefassten sprach und daher ein Schluss auf die nicht gewöhnliche Intelligenz der wilden Künstler gezogen werden konnte. Höchst bemerkenswert war auch die Ausdauer und die Verve, mit der getanzt und gesungen wurde, sowie der Ingrimm, welcher mitunter aus den Physiognomien der Tänzer leuchtete.

In dem hierauf folgenden Speerwerfen leisteten die Eingeborenen nichts Hervorragendes, wohl weil sie vom Tanz erschöpft und erregt waren, so dass mancher Speer sein Ziel verfehlte; hingegen war das Schleudern von Steinen sehr originell. Die Insulaner legen harte Steine, die sie mit großer Mühe an beiden Enden konisch zuspitzen, auf einen aus Fasern gewundenen und in eine Schleife gedrehten Strick, welchen sie einmal scharf im Kreise schwingen, so dass der Stein abschnellt und dem Ziel auf weite Entfernung mit Vehemenz zufliegt; sausend kommt das Geschoss geflogen und schlägt selbst ziemlich dicke Bretter durch. Diese Schleuder wurde früher in den unaufhörlichen Kämpfen der einzelnen Stämme wider einander als gefährliche Waffe verwendet.

An diese Produktion reihte sich ein Pilu-Pilu Eingeborener von Lifu, der größten der Loyalty-Inseln. Die Gesichtszüge dieser ebenfalls mit polynesischem Blute vermischten Insulaner sind schöner als jene der Eingeborenen der Insel Neu-Caledonien; auch sollen erstere intelligenter und dem Verkehre mit Europäern zugänglicher sein, als letztere. Zum Unterschiede von den Neu-Caledoniern waren die Lifuesen in den schreiendsten Farben, meist zinnoberrot und lichtblau bemalt; selbst die Gesichter hatten sie ganz beschmiert, und einzelne der Künstler trugen fratzenartige Masken. Die Lifu-Insulaner produzierten sich in zwei Gruppen, deren eine unter Gesangsbegleitung einen Tanz der Krieger in drei Figuren aufführte, während die andere ebenfalls mit Gesang und Tanz eine Episode aus dem Familienleben eines alten Dämons darstellte. Letztere Produktion, anfänglich von einförmigem Gesang begleitet, ging plötzlich in wilde, pantomimische Bewegungen über, die aber nur von einigen Künstlern ausgeführt wurden, während die übrigen sich niederkauerten und schreiend in die Hände klatschten.
Diese Aufführung trug erotischen Charakter an sich, da sie die Entführung des Weibes eines alten Dämons durch mehrere junge Dämonen behandelte. Diese treten auf und suchen das Weib durch allerlei verlockende Schilderungen dem alten Dämon abwendig zu machen, dessen warnende Stimme fruchtlos verhallt. »Komm mit uns, unser Land ist schön, und die Wege dahin sind gut« singen die jungen Dämonen. Auf das „Schenke jenen nicht Gehör“ des ängstlichen Alten singt das lockere Weib „Ich folge Euch nach“, so dass dem verlassenen Alten auf die etwas überflüssige Frage „Wo ist jetzt mein Weib?“ nur die traurig resignierte Antwort bleibt „Ich habe es verloren..!“ Die Schaustellung hätte sich für Damen nicht sonderlich geeignet, denn die wilden Künstler erfreuten sich einer recht üppigen, ja geradezu zügellosen Phantasie und manche Wechselgesänge, so insbesondere jener des Weibes mit den jungen Teufeln, ließen an Komik und Drastik nichts zu wünschen übrig.

Hiemit war das Programm des Vormittages gänzlich erschöpft. Ich kehrte daher an Bord zurück, während meine Herren die Stadt durchwanderten und daselbst für mich den Ankauf einer ganzen Serie ethnographischer Objekte besorgten.

In dem durch Lampions und Gasflammen taghell beleuchteten Regierungsgebäude, an dessen Eingang ein großer Triumphbogen erglänzte, gab mir der Gouverneur ein Gala-Diner, dem etwa dreißig Würdenträger von Numea zugezogen waren, hierunter der Bischof, der Conseilspräsident, die Schiffskommandanten, der Oberst des Infanterieregimentes, verschiedene Räte und andere Beamte. Ganz im Einklang mit der langen Dauer des Jagdfrühstücks, währte auch das Diner geraume, Zeit, so dass dessen Ende nach zwei Stunden noch nicht abzusehen war. Als der Champagner kredenzt ward, erhob sich der Gouverneur, um einen zwar langen, aber recht guten, warm empfundenen Toast auf Seine Majestät und mich auszubringen, worauf ich mit einigen Worten erwiderte. Die Tafelmusik wurde durch eine aus Sträflingen zusammengesetzte Kapelle besorgt; als Aufwärter hatten, so schien es wenigstens, ebenfalls Deportierte Verwendung gefunden, die wohl nur zu leichteren Strafen verurteilt waren und, der festlichen Gelegenheit entsprechend, an Stelle des Sträflingskleides tadellose Livreen trugen.

Nach dem Gastmahl, von dem wir uns erst in später Nachtstunde erhoben, geleitete mich M. Picquie in ein Nebengemach, um mir eine hier aufgelegte Sammlung kanakischer Waffen und Fetische zu zeigen und, zu meiner angenehmen Überraschung, anzubieten, eine Liebenswürdigkeit, für welche ich dem Gouverneur umso mehr Dank weiß, als diese Sammlung einige durch ihre Seltenheit kostbare Stücke enthält und so eine äußerst wertvolle Bereicherung meiner bisherigen Erwerbungen darstellt.

In dem hell beleuchteten Garten folgte noch eine Tanzproduktion der Loyalty-Insulaner, welcher ein zahlreiches Publikum beiwohnte, weil der Gouverneur auch den Stab der „Elisabeth“ sowie die Stäbe der französischen Kriegsschiffe geladen hatte. Die Schaustellung ähnelte jener des Vormittages, nur begleiteten die Wilden ihre Tänze mit den Klängen recht primitiver Musikinstrumente, einer Art von Trommeln, die aus Blättern und Pflanzenfasern gefügt waren.

Dann nahmen wir vom Gouverneur Abschied, versicherten ihn unseres lebhaften Dankes für den höchst zuvorkommenden, geradezu herzlichen Empfang, welchen er uns bereitet, sowie für seine erfolgreichen Bemühungen, unseren Aufenthalt auf Neu-Caledonien, der Kürze desselben ungeachtet, so angenehm und so lehrreich als möglich zu gestalten, und gaben nochmals dem hohen Interesse Ausdruck, das wir an dieser Insel genommen hatten.

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  • Ort: Numea, New Caledonien
  • ANNO – am 03.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der letzte Brief“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Numea, 2. Juni 1893

Heute sollte eine Hirschjagd stattfinden; jedermann versicherte, dass das Gebiet überaus reich an Wild sei, weshalb die Jagd ein vorzügliches Resultat ergeben werde. Obgleich in fremden Ländern immer etwas skeptisch gegenüber solchen Erzählungen und Versprechungen, trug ich mich doch mit der Hoffnung, wenigstens ein Exemplar der hier eingeführten und akklimatisierten Hochwildart zu erbeuten. Bei Tagesanbruch stießen wir von Bord ab und fanden an der Landungsstelle die Adjutanten des Gouverneurs sowie einen der höchsten Beamten, der vormals Resident in Tongking gewesen und vom Gouverneur mit dessen Stellvertretung bei der Jagd betraut worden war. M. Picquie konnte an dem Jagdausflug nicht teilnehmen, da er kürzlich bei einem Gartenfest, das er gegeben, mit jungen Damen „Fangen“ spielend, ausgeglitten war und sich ein Bein verrenkt hatte; doch schien der Gouverneur diese Ursache seiner Verletzung für zu wenig würdevoll zu halten, um sie mir mitzuteilen, sondern hatte mir erzählt, dass er bei einer Dienstreise mit dem Pferd gestürzt sei und sich hiebei beschädigt habe.

Die Gesellschaft des früheren Residenten von Tongking war mir übrigens sehr willkommen, da er während der Fahrt viel Merkwürdiges über dieses für die europäische Orientpolitik bedeutsam gewordene Land berichtete, in dem er durch viele Jahre geweilt hatte. Wir hatten zwar nur 21 km zurückzulegen, brauchten jedoch hiezu, weil die Pferde sich durch besondere Langsamkeit auszeichneten und der Weg bald bergauf, bald bergab ging, drei Stunden.
Das Wetter war günstig, die Temperatur angenehm frisch; befanden wir uns doch im Juni, also nahe an der kältesten Epoche dieses Himmelsstriches, während welcher — im Juli und August — die durchschnittliche Jahrestemperatur von 22 bis 23° C. am Tag um 5 bis 7° C. in den kühlen Nächten aber bis auf + 9° C. sinkt.

Die Gegend, welche wir durchfuhren, trägt einen landschaftlich meist monotonen Charakter an sich, da der Weg fast immer durch die einförmig wirkenden Niauli-Wälder zieht; gleichwohl fehlt es nicht an wechselnden und interessanten Eindrücken, ja in der Nähe eines Bergsattels, den wir zu überschreiten hatten, zeigte sich inmitten.von Niauli-Wäldern eine Oase mit fast tropisch prächtiger Vegetation. Wir kamen an zahlreichen, von großen Gemüsegärten umgebenen Ansiedlungen und weiterhin an Hotels, besser gesagt an Straßenkneipen vorbei, welche
sich mit stolzen Namen, wie „Au rendez-vous des chasseurs“, „Hotel beau site“ u. dgl. m., geschmückt haben und den Libérés willkommene Gelegenheit bieten, ihre geringen Ersparnisse zu vertrinken.

Der Orangenbaum gedeiht hier prächtig; doch faulen leider die goldenen Früchte auf den Bäumen, da es sich, bei der Unmöglichkeit, Orangen zu exportieren, nicht lohnt, Ernte zu halten.

Während der Fahrt erblickten wir nur wenig Vögel, was mir um so auffallender war, als 45 Arten von Vögeln speziell auf Neu-Caledonien indigen sind. Ich konnte nur einen kleinen Raubvogel, ferner einen Fischer sowie Mainas und einige Sänger beobachten. Noch ärmer scheint das Land an Säugetieren zu sein; denn außer Hirschen soll es nur noch eine Art fruchtfressender Handflügler, große Flederhunde (Pteropiden), aufweisen. Aus diesem Mangel an größeren Tieren und aus dem zeitweise fühlbaren Bedürfnisse nach substantiellerer Nahrung, als Fische, Flederhunde, Ratten, Würmer und Schnecken bieten können, wollen die Ethnographen die seit noch nicht allzu langer Zeit unterdrückte Vorliebe der Eingeborenen für Menschenfleisch erklären.

Der letzte Teil des Weges gestaltete sich überaus schlecht, da hier eine große Wasserleitung für Numea im Bau begriffen war und eben der Transport eiserner Röhren besorgt wurde.
Nächst einer kleinen Ansiedlung erwarteten uns zwei Herren, die uns zu Fuß durch ein breites Tal an den Jagdplatz führten. Hier hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, eine größere Anzahl Kanaken zu sehen, die aus dem Innern der Insel berufen worden waren, um als Treiber zu fungieren, — schön gebaute, muskulöse Männer von dunkelkaffeebrauner Farbe, mit ganz krausem, dichtem, echt papuanischem Haar, das sie hoch emporgekämmt trugen; ihre Gesichtszüge sind unschön und roh, verraten aber doch im Ausdruck eine gewisse Intelligenz. Die Kleidung beschränkt sich auf schmale Leibriemen; hingegen sind die Kanaken um so reicher mit allerlei Schmuck ausgestattet, den sie in Form von Halsketten und Armbändern aus Muscheln sowie von Fußringen, die aus den Haaren eines Flederhundes gedreht werden, tragen. Als Waffen dienen lange Lanzen mit sehr originellen Spitzen, ferner Keulen, verfertigt aus dem schweren Eisenholz, welches auf der Insel gefunden wird.

Die Ausdauer der Eingeborenen beim Schwimmen und ihre Geschicklichkeit beim Fischfang sind angeblich hervorragend. Meine Gewährsmänner wollen als Augenzeugen beobachtet haben, dass Insulaner häufig zwei bis drei Meilen weit ins Meer hinausschwimmen und
dort „wassertretend“ eine Angel auswerfen, um so zu fischen, worauf sie die solcherart erworbene Beute unter den Arm nehmen und den Fischfang fortsetzen, bis sie mit einer genügenden Anzahl von Fischen ans Land zurückkehren. Die Kanaken sollen es auch meisterlich verstehen, ihre Kanus zu lenken und beim Fischfang zu verwenden, aber die eben beschriebene Angelfischerei weitaus vorziehen. Es wäre übrigens auch möglich, dass meine Gewährsmänner etwas mehr gesehen haben, als sich wirklich ereignet hat, und dass die Fischer auf Riffen oder Klippen, die sich — dem Beobachter nicht wahrnehmbar — unter der Meeresfläche hin erstrecken, Fuß fassen, um dann von diesem festen Standpunkt aus dem Fang zu obliegen.

Im ganzen gibt es auf Neu-Caledonien noch ungefähr 40.000 Eingeborene, deren Rasse jedoch im Aussterben begriffen ist, da diese infolge zahlreicher endemischer und mancher eingeschleppter Krankheiten sowie des numerischen Missverhältnisses der Geschlechter von Jahr zu Jahr abnimmt. Das Töten der neugeborenen Mädchen soll hier üblich sein; auch werden die Frauen überaus schlecht behandelt und zu allen schweren Arbeiten angehalten. Früher trug zur Verminderung der Bevölkerung auch der Umstand bei, dass die einzelnen Stämme in fortgesetzten Fehden miteinander standen und die Gefangenen sowie die Erschlagenen stets verzehrt wurden; jetzt sind die Eingeborenen friedlicher gesinnt, ziehen sich aber vor den Weißen zurück.

Der Beamte, welchem die Eingeborenen unterstehen, war mit den Treibern ausgerückt und stellte uns zur Jagd am Fuß eines nur mit Gras bewachsenen Hügels auf, hinter welchem sich eine mit dichtem Wald bedeckte Berglehne hinzog, die von den Insulanern mit ihren Hunden abgetrieben werden sollte, um die Hirsche zu zwingen, über den Hügel zu wechseln. Dieser Schlachtplan entzückte mich gar nicht und in der Tat benahmen sich die Treiber auch so wie fast alle Eingeborenen, die bisher bei unseren Jagden verwendet worden waren. Sie gingen regel- und planlos im Trieb umher, nahmen auf kleinen Anhöhen oder an Rändern von Schluchten Stellung, um die längste Zeit vor sich hin zu brüllen, während nur sehr wenige Treiber mit den Hunden in die Dickungen drangen. Die Hunde gaben zwar einige Male Laut, die Jagd nahm aber eine von uns abgewandte Richtung, wie dies von vorneherein zu erwarten stand, weil das Wild gewiss auch in Neu-Caledonien keine Neigung verspürt, in ein offenes Tal zu wechseln, und dies umso weniger, als hinter uns an der Wasserleitung mit all dem hiebei unvermeidlichen Lärm gearbeitet wurde.

So saß ich drei volle Stunden da, als plötzlich, jedoch auf ziemliche Entfernung, ein Spießer flüchtig an mir vorbeiwechselte. Ich roulierte ihn, anscheinend mit einem Tiefblattschuss, im Feuer, doch wurde der Hirsch wieder hoch und zog sehr krank einige Schritte weiter, um sich in dem hohen Gras niederzutun. Kaum hatten die Treiber dies gesehen, als sie im vollen Sinn des Wortes wie die Wilden mit gewaltigem Geschrei auf den Hirsch zustürzten, der natürlich abermals hoch wurde und von den Wilden und Hunden verfolgt, in einen sehr dichten Wald flüchtete, wo man noch einige Zeit Laut geben hörte, bis der Hirsch für immer verschwunden war. Von einer regelrechten Nachsuche konnte selbstverständlich keine Rede sein, und auch die an die wilden Kerle recht inständig gerichtete Bitte, das angeschweißte Stück wenigstens nach ihrer Manier zu suchen und zur Strecke zu bringen, blieb vergeblich.

So war denn der erste Trieb vollständig verunglückt, obwohl das Wild, nach der uns beim Beginn der Jagd gegebenen Versicherung, in Wald und Flur einer Landplage gleich nur so wimmeln sollte. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, wollten nun angesichts des Misserfolges der Jagd die Arrangeure ganz genau wissen, dass die Jagd, um zu einem Ergebnisse zu führen, entweder zu früherer Stunde oder als Pürschjagd hätte abgehalten werden sollen — eine Erkenntnis, die aber etwas zu spät kam; denn bei mir hätte der Vorschlag, die Jagd früher beginnen zu lassen, keinen Widerstand erfahren, ich wäre nötigenfalls auch um Mitternacht aufgebrochen.

Leider war an eine unmittelbare Fortsetzung der Jagd nicht zu denken, weil der Gouverneur, welcher später gefolgt war, unser bereits in dem nahegelegenen Haus eines Ansiedlers mit einem opulenten Frühstücke harrte, welches durch zwei volle Stunden währte, da Haushofmeister und Bediente in glänzender Livree eine unabsehbare Reihe von Speisen und Weinen servierten. Wie wohlgemeint dieses Festmahl auch war, so empfand ich — auf Nadeln sitzend — dasselbe doch nur als Verschwendung der Zeit und hätte vorgezogen, letztere zur Jagd oder zum Sammeln von Käfern und Schmetterlingen, mit einem Worte zu einem nützlicheren Zweck zu verwenden, da ich ja doch nicht für wenige Tage zum Besuch einer interessanten, mitten in der Südsee gelegenen Insel, die ich mein Leben lang nicht wieder betreten werde, erschienen war, um mich stundenlang den Freuden der Tafel hinzugeben! Nach Beendigung des Frühstückes hoffte ich der Erlösung nahe zu sein — aber mit nichten; denn es lief die Hiobspost ein, dass die Hunde der Treiber sich verlaufen hätten und die Jagd erst fortgesetzt werden könne, bis diese Köter wieder eingefangen seien. Mit Ausnahme meiner Herren schienen alle Teilnehmer der Jagd über diese Nachricht sehr erfreut zu sein und zechten weiter, bis es endlich am späten Nachmittag gelungen war, die Hunde zur Pflicht zurückzurufen.

Endlich begann ein neuer Trieb an einem Hügel, der dicht mit Farnen bewachsen war. Die hiesigen Insulaner mögen recht ehrbare Leute sein und allerlei gute Eigenschaften besitzen, aber vom Treiben und Jagen verstehen sie absolut nichts. Die Hunde gaben bald Laut, und unmittelbar danach sah ich ein Stück Hochwild in großer Entfernung durch die Büsche wechseln; leider aber hatten die Unglückstreiber den Hirsch auch schon bemerkt und rasten nun sofort von allen Seiten mit Geheul auf das Wild zu, welches selbstverständlich in entgegengesetzter Richtung ausbrach, worauf die Treiber sich vergnügten, vor meinem Stand schreiend und gestikulierend umherzustreifen und eine Art Kriegstanz aufzuführen.

Da mir die Möglichkeit fehlte, meine Ansicht durch einige eingeborene Kraft- und Kernworte zum Ausdrucke zu bringen, nahm ich in ohnmächtigem Ärger meinen Stutzen auf den Rücken und wandte mich von dieser „wilden, verwegenen Jagd“ ab, dem Wagen zu, wo ich von einem mir eiligen Laufes folgenden Jagdarrangeur die Nachricht erhielt, dass eben vier Hirsche über den von mir verlassenen Stand gewechselt hätten. Ich bezweifelte nicht im geringsten, dass es mit diesen, wenn auch vielleicht nur zur Ehrenrettung der Jagdleitung erschienenen Hirschen seine Richtigkeit haben mochte, ließ mich aber gleichwohl nicht mehr bestimmen, auf meinen Stand zurückzukehren und trat mit aller Seelenruhe die Heimfahrt an.

Diese entschädigte einigermaßen für die so misslungene Jagd. Zwischen den hohen, das Tal einsäumenden Bergen dahinfahrend, erfreuten wir uns an den lebhaften Farbeneffekten, welche die Strahlen der sinkenden Sonne auf den Bergabhängen hervorbrachten; bläulich schimmerten die Niauli-Bäume neben den Erdrissen und kahlen Flächen, welche metallisch glitzerten und infolge des reichen Eisengehaltes der Gesteine insbesondere in leuchtendem Rot erglühten.

Zu später Stunde waren wir wieder an Bord der „Elisabeth“, welche der Kommandant, von meinen Herren und einer Anzahl von Offizieren gefolgt, bald darauf verließ, um einem Diner beizuwohnen, welches die Offiziere des französischen Panzerschiffes „Thetis“ an dessen Bord gaben, während ich daheim blieb.

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  • Ort: Numea, New Caledonien
  • ANNO – am 02.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Meister von Palmyra“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Numea, 1. Juni 1893

Über der Insel Neu-Caledonien lag eine dichte Wolkenschicht, welche schon des Nachts das Leuchtfeuer unseren Blicken entzogen und dadurch die Navigation der „Elisabeth“ erschwert hatte. Die Peilung des Berges Mu ergab, dass das Schiff in der Nacht stark nach Süden versetzt worden war; die Position wurde daher berichtigt und Kurs auf den Leuchtturm der kleinen Insel Amédée genommen, den wir gegen 8 Uhr morgens sichteten. Wind und Seegang hatten sich stark abgeschwächt, und allmählich brach sich die Sonne siegreich Bahn, so dass wir die Umrisse Neu-Caledoniens mit seinen hohen Bergen immer deutlicher aus den beruhigten Wellen des Ozeans auftauchen sahen. Gegen 9 Uhr morgens lag die „Elisabeth“ vor der Bulari-Passage, wo der von Amédée gerufene Lotse an Bord genommen wurde, und wir fuhren nun zwischen den Riffen, welche Neu-Caledonien der Nordost- und der Südwestküste entlang mit nur vereinzelten Unterbrechungen begleiten und sich im Norden und im Süden weit in die See hinaus erstrecken, sowie zwischen den kleinen, grünen Eilanden Brun und Dubouzet hindurch.

Nachdem wir das Frohnleichnamsfest durch einen Gottesdienst in der Batterie gefeiert hatten, wurde das Schiff um halb 11 Uhr vormittags im inneren Hafen von Numea an der vom Hafenkapitän angebotenen Boje der Messageries maritimes vertäut.

Unter Neu-Caledonien wird gemeinhin der gesamte Archipel verstanden. Dieser begreift die 1774 von Cook entdeckte und zu Ehren Nordschottlands benannte Hauptinsel Neu-Caledonien, die östlich von dieser gelegenen, 1795 entdeckten Loyalty-Inseln, d. h. Mare, Lifu, Uea und die Beaupre-Eilande, ferner die Fichteninsel, südöstlich von der Hauptinsel, und endlich die im Westen der letzteren befindlichen Chesterfield-Inseln. Neu-Caledonien und die Loyalty-Inseln zusammengenommen umfassen nach der Zählung des Jahres 1890 eine Fläche von 19.823 km2 mit 62.752 Einwohnern.

Zuvor von englischen Kaufleuten und Missionären besiedelt, wurden Neu-Caledonien und die Lifu-Gruppe im Jahre 1853 von Admiral Fevrier-Despointes als französischer Besitz erklärt; doch hat die faktische Oberherrschaft der Franzosen über die ihnen lange widerstrebenden Einwohner erst nach Niederwerfung des Aufstandes von 1875 bis 1878 dauernd platzgegriffen.

Vormals dem Gouverneur der Tahiti- und Marquesas-Inseln unterstellt, besitzt die Kolonie „Neu-Caledonien und Dependenzen“ seit 1860 einen besonderen Gouverneur mit dem Amtssitz in Numea, während von 1853 bis 1854 Balade im Nordosten der Insel die französische Hauptniederlassung gebildet hat. Eine düstere Berühmtheit besitzt Neu-Caledonien als Strafkolonie, und obwohl schon früher Sträflinge hieher deportiert worden waren, hat doch erst die Internierung mehrerer Tausend von Verbrechern vom Jahre 1871 ab das Eiland in weiteren Kreisen bekannt gemacht.

Die Insel Neu-Caledonien liegt östlich von Australien, zwischen dem 20. Breitegrad und dem Wendekreise des Steinbockes; ihre Breite ist gegen die 440 km betragende Länge unverhältnismäßig gering. Die Küsten werden von Bergzügen begleitet, aus welchen im Südosten der Mont Humboldt, 1634 ra hoch, emporragt; diese Bergketten fallen nordöstlich schroff zum Meer ab, während sich an der Südwestküste zwischen dem Fuß der Gebirge und dem Strand Ebenen finden.

Die Einfahrt in den Hafen bietet reizende Ansichten, wenngleich sich der landschaftliche Eindruck, den wir hier empfingen, mit jenem nicht messen kann, den Port Jackson auf uns hervorgebracht hatte. Der Hafen von Numea wird gegen Westen durch eine ins Meer vorspringende Landzunge gebildet, welche die Stadt Numea trägt; gegen Osten schließt den Hafen eine Reihe kleiner Eilande ein. Auch hier schweift der Blick über malerische Buchten, welche, wie die Bulari-Bai im Osten und die Dombea-Bai im Nordwesten von Numea, tief in das Land bis an den Fuß der Berge dringen, von denen sich hier der Mont des Sources bis 1025 m und der Mont Dore bis 775 m erheben.

Im Hafen lagen das französische Panzerschiff „Thetis“, die Transport-Avisos „Durance“ und „Scorff“, sowie der Aviso „Loyalty“, ferner der englische Kreuzer „Tauranga“ vor Anker. Unser Territorialsalut fand seitens einer Landbatterie in sehr langsamem Tempo — die einzelnen Schüsse fielen nur in langen Zwischenräumen — Erwiderung. Beim Vertäuen an der Boje ereignete sich ein kleiner Zwischenfall. Eine Dampfbarkasse brachte der „Elisabeth“ die Trosse, kollidierte aber infolge ihres wenig geschickten Manövers mit dem Schiff, wobei durch den Anprall ein Mann aus der Barkasse in die See geschleudert wurde, der jedoch gleich darauf mittels eines Bootshakens wieder aufgefischt werden konnte.

Die Stadt Numea, obwohl in pittoresker Umrahmung gelegen, bringt mit ihren zahlreichen Häuschen und den kasernartigen Gebäuden keine sehr freundliche Wirkung hervor, die natürlich auch dadurch nicht gehoben wird, dass man schon vom Schiff aus die Bestimmung der Stadt, als Hauptort einer Strafkolonie zu dienen, wahrnimmt. Der Bucht entlang liegen Gruppen kleiner Häuser und von hohen Mauern umgebener Gefängnisse; ganze Kolonnen von Sträflingen, die in Zwilchanzüge gekleidet und durch große Strohhüte wirksam gegen die Sonne geschützt sind, arbeiteten an der Erbauung eines Quais.

Als wir vertäut waren, erschien zunächst der Kommandant des Aviso „Loyalty“, Linienschiffslieutenant Louis Lucas, um seine Dienste anzubieten, worauf der Gouverneur M. Albert Picquie, begleitet von dem Kommandierenden der See- und Landstreitkräfte sowie von den Kommandanten der französischen Kriegsschiffe, folgte, um mich im Namen der Kolonie zu begrüßen und zugleich das Programm für die nächsten Tage zu besprechen. Der Gouverneur selbst schien von dem Land, über das er gebot, nicht besonders entzückt zu sein, da er mich wiederholt darauf aufmerksam machte, dass ich in jeder Beziehung enttäuscht sein würde.

Eine Stunde später stattete ich dem Gouverneur einen Gegenbesuch in dem kleinen Regierungsgebäude ab, welches ungefähr im Mittelpunkte der Stadt auf einem Hügel liegt und von einem Garten umgeben ist, worin eine Statue der Freiheit einen künstlerisch keineswegs schönen, wohl aber mit der Bestimmung der Kolonie recht seltsam contrastierenden Eindruck hervorbringt. Die Salons des Gebäudes sind groß und mit einheimischen Holzarten getäfelt. Der Gouverneur dürfte ein Freund von Tieren sein; denn im Garten seiner Residenz befindet sich eine erhebliche Anzahl großer Käfige mit Papageien und Tauben; auch Hirsche, deren Art mir von jener der Hirsche auf Java abzuweichen schien, waren hier zu sehen.

Der Einladung des Gouverneurs, die Umgebung der Stadt zu besichtigen, folgend, fuhr ich in seiner Gesellschaft mit einem Viergespann, dessen einzelne Renner abwechselnd lahmten, zunächst nach Montravel, wo ein Zwangshaus gelegen ist, in welchem die in der Stadt oder deren Weichbild arbeitenden Sträflinge nachtsüber untergebracht werden. Je 50 Mann bewohnen hier ein Haus, worin jedem Sträfling eine Hängematte angewiesen ist; auf einem Brett oberhalb dieser Lagerstätte sind die Habseligkeiten des Sträflings verwahrt. Zwischen den Häusern, deren es, glaube ich, hier zwölf gibt, sind kleine Gemüsegärten angelegt und abseits hievon die Behausungen der Wächter sowie die Küche erbaut.

Ungemein erstaunt war ich über die reichlich bemessene Kost, welche den Sträflingen täglich verabreicht wird; dieselben erhalten morgens Kaffee, mittags Fleisch mit Gemüse und abends neuerdings Gemüse. Es scheint mir denn doch etwas zu weit gegangen, wenn diese Zuchthäusler in Bezug auf Kost und Wohnung ebenso gut, wenn nicht besser, gehalten werden als die Soldaten; aber mein Erstaunen wuchs noch mehr, als plötzlich eine 40 Mann zählende, aus Sträflingen gebildete Musikkapelle erschien und mich mit einem flott gespielten Walzer von Strauß begrüßte. Diese musikalische, mit dem Strafzweck unvereinbarliche Verwendung der Sträflinge kann ich nicht billigen; abgesehen von allem anderen schon deshalb nicht, weil diese Musiker offenbar durch ihre künstlerische Tätigkeit der gebürenden harten Arbeit entzogen werden.

Im Ganzen weilen auf der Insel etwa 8000 Sträflinge, die hauptsächlich beim Straßenbau, aber auch beim Bergwerksbetrieb in den großen Nickelminen verwendet werden. Hinsichtlich der örtlichen Verteilung und der Beschäftigung unterscheidet man im großen und ganzen dreierlei Arten von Sträflingen: die aus Frankreich oder aus den Kolonien unmittelbar kommenden, welche sofort zu Arbeiten an den verschiedenen Punkten der Insel herangezogen werden; ferner jene Deportierten, die sich auf der Insel neue strafbare Handlungen zuschulden kommen ließen und als Unverbesserliche im eigentlichen Hauptdepot auf der Insel Dubouzet oder Nu untergebracht sind; endlich die sogenannten Libérés, welche zwar ihre Strafe bereits abgebüßt haben, aber noch nicht in die Heimat zurückkehren dürfen. Letztere genießen ziemliche Freiheit, stehen aber unter polizeilicher Aufsicht und müssen sich an bestimmten Tagen bei der Behörde melden. Sträflinge, welchen ein Strafausmaß von acht Jahren zuerkannt worden ist, dürfen heimatlichen Boden nie mehr betreten; diejenigen, deren Strafausmaß weniger als acht Jahre beträgt, dürfen nach der doppelten Anzahl von Jahren nach Hause zurückkehren. Das größte Kontingent an Deportierten stellen natürlich die Franzosen; doch finden sich unter den Sträflingen auch zahlreiche Araber aus Algerien, sowie Tongkingesen. Als Wächter werden ausgediente Unteroffiziere der französischen Armee verwendet.

Der Gouverneur machte mir manche überraschende Mitteilung über die Verhältnisse der Sträflingskolonie. Er fungiert hier erst seit einem halben Jahr und scheint ein sehr energischer Mann zu sein, der meine Meinung theilt, dass zu weit getriebene Humanität bei verbrecherischen Individuen von der Kategorie der Deportierten die verderblichsten Folgen nach sich ziehen könne und gleichzeitig eine Ungerechtigkeit gegen die anständigen Elemente der Bevölkerung bilde. Der Vorgänger M. Picquies soll die weitgehendste Milde haben walten lassen und insbesondere von dem Grundsatz ausgegangen sein, dass man die Sträflinge nicht zur Arbeit zwingen solle, was zur Folge hatte, dass die meisten sich weigerten, zu arbeiten. Natürlich stellte sich unter so nachsichtigem Regiment eine Reihe von Missbräuchen ein. Von den patriarchalischen Zuständen, die allmählich eingerissen waren, zeugt der Umstand, dass die Verbrecher dem früheren Gouverneur, wenn er zu Inspizierungen erschien, Triumphpforten mit der Aufschrift „A notre père“ errichteten. Das Leben der Sträflinge gestaltete sich recht behaglich.

Als man endlich auf diese Zustände aufmerksam geworden war und der neuernannte Gouverneur die Zügel straffer anspannte, stieß er auf manchen Widerstand; die Sträflinge hatten sich der Arbeit entwöhnt, ja es kam vor, dass sich einzelne Deportierte selbst beide Augen ausstachen, um nicht arbeiten zu müssen. Der Gouverneur aber wusste sich zu helfen, indem er jene, welche sich des Augenlichtes beraubt hatten, in die Berge sandte, um die Selbstverstümmler dort in der Sonnenhitze täglich 10 Stunden lang Steine klopfen zu lassen — ein drastisches Vorgehen, welches auf die übrigen Sträflinge die heilsamste Wirkung ausübte.

Bei Antritt seines Amtes ließ M. Picquie zwei der ärgsten Verbrecher und Rädelsführer guillotinieren, was aber den dem Gouverneur beigegebenen Kolonialrat leider wieder mit Besorgnissen erfüllte. Letzterer legte daher, als der Gouverneur in der Folge sich neuerlich für den Vollzug der Todesstrafe an einem Verbrecher, der schon sechs Morde begangen und schließlich an einem der Wächter einen Mordversuch verübt hatte, entscheiden wollte, sein Veto ein, so dass sich der Gouverneur gezwungen sah, an die — zur Zeit unserer Anwesenheit noch nicht erflossene — Entscheidung des Präsidenten der Republik zu appellieren.

Unsere Fahrt wendete sich nun gegen das Innere der Insel, einer schönen Straße folgend, die einige mit Mangrove-Gebüsch dicht bedeckte Sümpfe überquerte und dann in östlicher Richtung den Fuß der Berge entlang durch blaugrünliche Niauli-Waldungen zog, in denen sich einzelne Araucarien und Kokospalmen vorfanden. Der Niauli-Baum (Melaleuca viridiflora), eine Myrtaceenart mit verkrüppeltem Stamme, bedeckt beinahe die ganze Insel und verleiht ihr einen Charakter, der sehr an jenen Australiens erinnert. Aus dem Niauli-Baume wird ein Öl gewonnen, welches dem aus Melaleuca leucodendron produzierten Kajeputöl in der chemischen Zusammensetzung ähnlich ist.

Längs des Weges findet man überall kleine Gendarmerie-Kasernen und Posten, deren Besatzung die Ordnung unter den arbeitenden Sträflingen aufrechtzuerhalten hat, sowie die Häuser oder, besser gesagt, Hütten der Polizisten, welch letztere aus der eingeborenen melanesischen, jedoch mit polynesischen Elementen durchsetzten Bevölkerung remitiert werden. Entweicht ein Sträfling in die unermesslichen Wälder der Kolonie, was ziemlich häufig vorkommt, so sind es diese eingeborenen Polizisten, die mit ihrem feinen Spürsinne den Flüchtling finden und — freilich zumeist nur mehr als Leiche — einbringen. Flüchtige Sträflinge fallen in der Regel entweder dem Hungertod oder der mordenden Hand der Eingeborenen anheim; denn die Regierung zahlt für jeden, sei es lebend oder tot eingebrachten Flüchtling eine Prämie von 25 Francs, und dass die Eingeborenen es viel bequemer finden, den abgeschnittenen Kopf eines entwichenen Sträflings als diesen selbst in lebendem Zustand einzuliefern, liegt ebenso nahe wie die sich hieraus ergebende Konsequenz. So unglaublich dies bei der etwa 1600 Seemeilen betragenden Entfernung der Kolonie von dem nächsten Punkte des Festlandes — Brisbane — scheint, sind doch einige, allerdings sehr wenige Fälle zu verzeichnen, in welchen es Sträflingen gelungen ist, von Neu-Caledonien glücklich zu entweichen.

Auch an netten Ansiedlungen von Libérés kamen wir vorbei; doch sind Niederlassungen europäischer, freier Kolonisten, trotz aller Bemühungen der französischen Regierung, diese Art der Besiedlung zu fördern, gar spärlich auf der Insel vertreten, da sich begreiflicherweise jeder unbescholtene Mann scheut, auf dieser dem Verbrechertum gewidmeten Insel seinen dauernden Wohnsitz aufzuschlagen oder beizubehalten, wenn er die auf derselben herrschenden Verhältnisse kennen gelernt hat. Der Gouverneur sprach auch sein Bedauern darüber aus, dass das schöne Eiland mit dem guten und gesunden Klima, dem produktiven Boden und den reichen mineralischen Schätzen — Gold, Kupfer, Antimon, Kobalt und insbesondere Nickel — tatsächlich der Besiedlung durch freie Kolonisten entzogen ist und deshalb in so großem Umfang brach liegt. Obwohl die Bedingungen, sowohl für die Entwicklung tropischer Pflanzen — die Kultur von Baumwolle, Mais und Kaffee hat auch schon Raum gewonnen — als für das Gedeihen von Gewächsen gemäßigter Himmelsstriche vorhanden sind, steht der Ackerbau kaum auf viel höherer Stufe, als die recht lässig betriebene Viehzucht, so dass die Insel noch heute in vielen Beziehungen auf den Import aus Australien angewiesen ist. Größere Sorgfalt wird dem Landbaue von den Eingeborenen, welche sich vorzugsweise von Vegetabilien nähren, behufs Gewinnung von Taro (Colocasia antiquorum), Yamswurzeln, Zuckerrohr u. dgl. m. gewidmet. Übrigens lässt die Entwickelung der Insel, auch was den Straßenbau und andere öffentliche Arbeiten betrifft, nach dem Urteil unbefangener Beobachter noch vieles zu wünschen übrig. In Frankreich sollen die Gründe, welche gegenwärtig dem Emporblühen Neu-Caledoniens entgegenstehen, wohl bekannt sein, und es soll daher die Absicht vorliegen, künftighin alle zur Deportation Bestimmten nach Cayenne zu bringen, Neu-Caledonien aber der Kolonisation durch anständige Bevölkerungselemente zuzuführen.

In einem kleinen Tal passierten wir eine unweit von Numea gelegene katholische Missionsstation, die, von französischen Schwestern geleitet, sich die Erziehung von Kindern der Eingeborenen zur Aufgabe gestellt hat; sie leistet, wie die übrigen zwölf Missionsstationen der Insel, viel für die sittliche und materielle Hebung der Eingeborenenstämme, die noch vor kurzem der Menschenfresserei gehuldigt haben. Das Missionswesen scheint in dieser französischen Kolonie sehr ausgebreitet und von segensreicher Wirkung zu sein; denn auf Neu-Caledonien bekennt sich von den Eingeborenen alles, was den christlichen Glauben angenommen hat, zum Katholizismus, während auf den Loyalty-Inseln, wo seit 1840 evangelische Missionäre gewirkt haben, die Zahl der protestantischen weitaus jene der katholischen Eingeborenen überwiegt.

Der Stadt uns zuwendend, schlugen wir einen steilen Weg ein, der schöne Fernblick auf die Küste, den Mont Dore und die kleinen Inseln in der Bulari-Bai bot.

Die unserem Wagen vorgespannten Artilleriepferde der Batterie von Numea schienen nicht besonders eingefahren zu sein; denn bald nach der Abfahrt hatten sie bereits Ermüdung gezeigt und waren, als wir nun die Höhe emporfahren wollten, am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt, so dass sie durch keinerlei Mittel mehr vorwärts gebracht werden konnten und wir unseren Wagen verlassen mussten, um die Fahrt in einem anderen Vehikel fortzusetzen.
Die regelmäßig angelegten Straßen der Stadt schneiden sich im rechten Winkel; die Häuser sind klein, unansehnlich und sichtlich in aller Eile erbaut; das Gesamtbild der Stadt ist im wesentlichen ein melancholisches. Allenthalben begegnet man den langen Zügen der paarweise zu der Arbeit oder von derselben marschierenden Sträflinge, deren so manche wegen Fluchtversuchen, Disziplinarvergehen u. dgl. m. Ketten tragen; in den Straßen herrscht wenig freies Leben, nur einige Europäer und hin und wieder Eingeborene sind sichtbar. An größeren Gebäuden besitzt Numea außer dem Gouvernementshaus noch ein großes Truppenspital, zwei Kasernen, deren eine mit einem Marine-Infanterieregiment, die andere mit Artillerie belegt ist, sowie mehrere Schulen und Lagerhäuser; eine schöne, große Kirche ist im Bau begriffen und bereits der Vollendung nahe.

An Bord zurückgekehrt, genoss ich einen prächtigen Abend bei herrlichem Vollmond, der sich glitzernd in der ruhigen See spiegelte; angenehm kühle Luft umfächelte die Stirne; ab und zu drangen die Rufe der Wachen von den Kriegsschiffen zu uns. Von der Place des Cocotiers aber, wo die Musikkapelle konzertierte, tönten die hehren Klänge unserer Volkshymne herüber, die auf stürmisches Verlangen des zahlreich versammelten Publikums nicht weniger als dreimal wiederholt werden musste. Lange blieb ich, meinen Gedanken nachhängend, auf dem Verdeck.

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  • Ort: Numea, New Caledonien
  • ANNO – am 01.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Meister von Palmyra“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

In See nach Numea, 29. bis 31. Mai 1893

Auf hoher See mit dem Kurs nach Neu-Caledonien. Der Wind blies unaufhörlich aus Nord oder Nordost, lange, mächtige Wellen des Stillen Ozeans aufwühlend, welche unsere so wackere „Elisabeth“ einem Kinderspielzeug gleich auf- und niederschleuderten. Besonders unangenehm waren die schweren Schläge der hohen See an die vorspringenden Erker der Bugprojektoren und an jene der vorderen Batteriegeschütze; diese Schläge zogen Erschütterungen des ganzen Schiffes nach sich, so dass alles, was nicht niet- und nagelfest war, angesorrt werden musste; lebende Seen kamen zeitweilig bis zum vorderen Turm und häufig stand das ganze Eisendeck unter Wasser.

Alles, was da im rosigen Licht atmete, wurde mehr oder weniger seekrank, und auch ich, der bisher stets Widerstand geleistet hatte, ward dem Übel untertan; ja selbst die Menagerie, die ich in Sydney bedeutend vermehrt hatte, litt stark unter den Unbilden des Wetters. Die beiden Affen, namentlich aber Fips, wurden ganz melancholisch; der Ziegenbock lehnte traurig an den Geschützen; das Wildschwein, die Wildkatze und das Eichhörnchen von Singapur versagten das Futter.

Am wenigsten schien der Humor der Vögel berührt zu sein, wenn nicht etwa der unaufhörliche Spektakel, den sie im Banjerdeck zum Schaden unseres armen Kommissärs, dessen Nachtruhe empfindlich gestört wurde, verursachten, als energischer Protest gegen das hartnäckige Unwetter zu deuten war. Die Kakadus, Papageien und Lachenden Hänse führten bei diesem Konzert in wilder Art den Reigen.

Während der ganzen Dauer der Fahrt fühlte der Stille Ozean kein Bedürfnis, seinem Namen Ehre zu machen und mit uns Erbarmen zu haben. Auf den Gemütern lagerte düstere Melancholie, die nur in solchen Momenten verscheucht wurde, in welchen das Gespräch sich auf den schönen Aufenthalt in Sydney lenkte und allseits immer wieder das Bedauern darüber ertönte, dass wir gezwungen waren, so bald aus dem herrlichen, ruhigen Hafen in die sturmbewegten Wogen des Großen Ozeans hinauszuschiffen.

Zahlreiche Albatrosse, diese riesigen Sturmvögel, strichen ab und zu in die Nähe des Schiffes, als wollten sie uns höhnen, zeigend, dass es Wesen gibt, denen auch wohl ist, wenn die Windsbraut über die See hintost. Ich ließ sie gewähren und schoss nicht nach ihnen, da bei dem hohen Seegang ohnehin kein Boot hätte gestrichen werden können, die Beute einzuholen.

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  • Ort: in See nach Neu-Caledonien
  • ANNO – am 29.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Richter von Balamea“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Mozarts Oper “Don Juan“ darbietet.

In See nach Neu-Caledonien, 28. Mai 1893

Der Himmel hatte sich — „zum Abschiednehmen just das rechte Wetter“ — in tief herabhängende Wolken gehüllt, welchen feiner Regen entsprühte. Nicht weniger trüb war unsere Stimmung. Wir unterlagen alle einer Gemütsdepression — in der Heimat nennt man dies einen „moralischen Katzenjammer“ — angesichts der Notwendigkeit, Sydney, das uns so gastlich aufgenommen, und seine Bewohner, die uns so liebenswürdig und herzlich empfangen hatten, verlassen zu müssen. Nach der drückenden Schwüle der Tropengegend hatten wir hier klimatische Verhältnisse gefunden, die jenen der Heimat ähneln; von herrlichem Wetter waren die in jeder Beziehung ebenso gelungenen als anregenden Jagdexpeditionen in das Innere des Landes begünstigt gewesen; die in ihrer Großartigkeit Bewunderung, in ihrer lieblichen Umrahmung Entzücken erweckende Stadt Sydney hatte auf uns einen unvergesslichen Eindruck gemacht; alle Australier, die Bewohner und Bewohnerinnen Sydneys in erster Linie, mit denen wir in Berührung gekommen waren, hatten es verstanden, durch ihr gentiles, herzliches Wesen unsere Zuneigung zu erringen, so dass wir sie zu unseren besonderen Lieblingen erklärten — was Wunder, dass wir uns schwer von dem Benjamin der Kontinente trennten!

Ewig schade, dass Australien sich bisher in dem alten Europa fast nur durch den immer steigenden Einfluss der auf vielen wirtschaftlichen Gebieten schon bedenklichen Konkurrenz fühlbar gemacht hat, während seine intimen Vorzüge so wenig gekannt und gewürdigt sind, was infolge der brutalen Entfernung kaum anders sein kann. So möchte ich Australien einem Menschen vergleichen, der, schwer zugänglich, nur die rauhen Seiten seines Wesens fühlen lässt, jenen aber, die es verstehen, ihm näher zu kommen, den Zauber seiner trefflichen, liebenswürdigen Eigenschaften enthüllt.

Obgleich wir zu früher Stunde — um 7 Uhr morgens — die Anker gelichtet hatten, waren die Fenster aller Häuser und Villen dicht besetzt von unseren Freunden, die uns, Tücher schwenkend, Abschiedsgrüße zuwinkten. Beim Passieren des Flaggschiffes „Orlando“ spielte die Harmonie desselben unsere Volkshymne, während die Musikkapelle der „Elisabeth“ das „God save the Queen“ intonierte; von der spanischen Segelkorvette „Nautilus“ wurde „Glückliche Reise“ signalisiert.

Wir hatten Port Jackson kaum verlassen und Sydney aus dem Auge verloren, als uns schon ein scharfer Nord entgegenwehte, welcher die See hoch gehen ließ, so dass die „Elisabeth“ alsbald heftig zu stampfen begann. Anfänglich fuhren wir längs der Küste hin, nahmen dann den Kurs gegen Nordost und bald war auch das letzte Stückchen des australischen Kontinentes im Ozean versunken.

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  • Ort: östlich vor Australien
  • ANNO – am 28.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Verdis Oper “Aida“ darbietet.

Sydney, 27. Mai 1893

Ganz Sydney sprach heute nur vom Ball der „Austrians“. In den Straßen wurden Photographien der „Elisabeth“ verkauft; die Zeitungen brachten spaltenlange Berichte über unser Fest, und unsere Kabinen waren von Blumen überflutet, die Damen an Bord gesandt hatten. Ja einige Damen sollen sogar beabsichtigt haben, sich — geführt von einer besonders schönen Sprecherin — als Deputation an Bord einzufinden, um eine Verlängerung des Aufenthaltes der „Elisabeth“ zu erwirken. Leider hätte diese schmeichelhafte Bitte angesichts der Strenge des Reiseprogramms, von welchem wir in Sydney durch Erstreckung der diesem Hafen ursprünglich gewidmeten Frist ohnehin schon abgewichen waren, erfolglos bleiben müssen. Ich glaube, dass sich auf dem Schiff niemand befand, der nicht eine Ausdehnung des Besuches im herrlichen Neu-Süd-Wales und namentlich in dem heiteren Sydney mit Freude begrüßt hätte, und allgemein wurde scherzhaft die Hoffnung geäußert, dass eine kleine Havarie der Maschine erzwingen werde, was das offizielle Programm nicht gestatten wollte. Mehrere Damen standen — wenn Fama Recht hat — im Verdacht, dass sie versucht hätten, unseren Ingenieur zur Herbeiführung einer solchen Havarie zu verleiten.

Ich benützte den heutigen, eigentlich letzten Tag des Aufenthaltes in Sydney zu einigen Besuchen sowie zu verschiedenen Einkäufen. Auch begab ich mich nochmals in das Museum, um die in der Tat höchst interessante Sammlung ethnographischer Objekte aus den von Eingeborenen bewohnten Gebieten Australiens und von den Südsee-Inseln genau zu besehen. Außer zahlreichen Waffen, die lediglich aus Holz und geschliffenen Steinen hergestellt sind, da in jenen Gegenden zum Teil Eisen noch unbekannt ist, fand ich hier ebenso originelle, als greuliche Tanz- und Kriegsmasken. Viele derselben waren aus menschlichen Skalpen hergestellt, wie denn in manchen Gebieten überhaupt Bestandteile der erschlagenen Feinde bei Erzeugung der verschiedenartigsten Gegenstände, so Schmucksachen, Trinkgeschirre, Waffen u. dgl. m., mit Vorliebe Verwendung finden. Kriegsschmuck, Produkte einer sehr primitiven Hausindustrie und eine ganze Sammlung von Kanus mit geschnitzten und bemalten Rudern geben hier ein treues Bild von der Kulturstufe ihrer Erzeuger. Auch durchstöberte ich die Vogelsammlung, um mehrere Arten, von welchen ich einzelne Vertreter während der Jagdexpeditionen im Land erlegt hatte, genauer zu bestimmen.

Bei einem Privatsammler gelang es mir, einen großen Teil seiner ethnographischen Objekte, die ausschließlich von den auf der niedersten Kulturstufe stehenden, im Aussterben begriffenen Urbewohnern Australiens, den „Aborigines“, herrührten, zu erwerben. 1891 zählte man in Neu-Süd-Wales im ganzen 8280 „Aborigines“, — 4559 männlichen, 3721 weiblichen Geschlechtes — welche unter dem Schutz eines besonderen Vereines, der „Aborigines Protection Society“, stehen, der sich die Aufgabe gestellt hat, nach Möglichkeit für die Zivilisierung der ehemaligen Herren des Landes zu sorgen und so manche an denselben begangene Greuel zu sühnen.

Im Lauf des Diners, das wir abermals in dem ausgezeichneten Australian Hotel einnahmen, ereignete sich eine heitere Szene, welche von der Naivität, aber doch auch von der Zutraulichkeit, ich möchte sagen Gemütlichkeit, die hier herrscht, Zeugnis gibt und deshalb vielleicht verdient, in der Erinnerung festgehalten zu werden. Während ich mit Clam und Sanchez an einem Tisch saß, näherten sich ersterem zwei gut gekleidete Herren, stellten sich als die Chefs einer Sydneyer Firma vor und frugen, auf mich deutend, ob ich der Prinz sei. Auf die bejahende Antwort baten sie, mir die Hand drücken zu dürfen, und ersuchten, als Clam ihnen bedeutete, dass dies nicht wohl angehe, ich möge wenigstens ein Glas auf ihr Wohl leeren — eine Zumutung, der ich ob ihrer unterhaltenden Originalität gerne entsprach, worauf die Herren beruhigt von dannen zogen.

Den Abend verbrachten wir in einem Zirkus, der zwei Tage zuvor in Sydney eingetroffen war. Er bot, bis auf das letzte Plätzchen dicht gefüllt, Leistungen, welchen Anerkennung nicht versagt werden konnte, obwohl selbstverständlich auf dem Gebiete dieser viel gepflegten Kunst Neues nicht erwartet werden durfte. Besondere Erwähnung sei eines in jüngster Zeit im Innern des Landes eingefangenen Aborigine-Knaben getan, der sich mit seinem Schicksal offenbar schon ausgesöhnt hatte und Proben erstaunlicher Geschicklichkeit bot. Hingegen ließen der Zustand und die Klasse der Pferde einiges zu wünschen übrig. In einer Pause kam der Direktor zu mir, um mich einzuladen, die Stallungen anzusehen, in denen er mir vor allem mit Stolz zwei Pferde vorwies, die mit besonderer Hochachtung betrachtet werden mussten; denn die Tiere hatten früher den vom Direktor hoch angeschlagenen Vorzug genossen, von Sarah Bernhardt geritten worden zu sein. Es schien, als erblicke der Herr des Zirkus in diesem Umstand eine besondere Eignung der Pferde für ihren nunmehrigen Beruf. Jene Künstlerin ist zweifellos mit der Tragödie viel vertrauter als mit der Hippologie; ihre ehemaligen Renner waren nämlich recht garstig und reich an Fehlern.

In seinem Zelt stellte mir der Direktor — was sich nicht wenig drollig ausnahm — der Reihe nach alle männlichen und weiblichen Artisten vor, deren bunte, mit allerlei Flitter geschmückte und nicht mehr in erster Frische prangende Kostüme seltsam genug mit dem wahrhaft künstlerischen Selbstbewusstsein kontrastierten, das sich in den Mienen und der Haltung all dieser Meister und Meisterinnen ihres Faches ausdrückte. Unter den Damen zeichnete sich das Schlangenmädchen durch ihre hübschen Gesichtszüge besonders aus. Eine durch den ganzen Zirkus flott gerittene Steeplechase, in deren Verlauf einige gute Sprünge produziert wurden, beschloss die Vorstellung.

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  • Ort: Sydney, Australien
  • ANNO – am 27.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Faust“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet “Die goldene Märchenwelt“ darbietet.

Sydney, 26. Mai 1893

Um 2 Uhr morgens dampften wir von Moss Vale ab und Sydney zu. Trotz der empfindlichen Kälte und der schlechten Lagerstätte schlief ich wunderbar. Hatten wir doch den Vortag redlich ausgenützt, indem wir ohne Unterbrechung von 6 Uhr früh bis Mitternacht auf den Beinen waren.

An Bord fand ich bereits alle Hände emsig beschäftigt, um unser Schiff auf das glänzendste für den nachmittags stattfindenden Ball zu schmücken, wobei Offiziere und Mannschaft wetteiferten. Auf Deck waren Zelte aufgeschlagen, elektrische Beleuchtungseffekte vorbereitet: Blumen, Pflanzen, Flaggen und Teppiche lagen bereit, um allenthalben dekorative Verwendung zu finden. So weit das mit diesen Vorbereitungen verbundene lärmende Getriebe gestattete, versuchte ich, noch kurze Zeit zu schlafen, und fuhr dann gegen 10 Uhr ans Land, wo mich der liebenswürdige Unterrichtsminister erwartete, um mir die Vornahme der Schafschur mittels Maschinen demonstrieren zu lassen. Obgleich die Saison für diese Prozedur noch nicht gekommen war, hatte eine der großen Wollfirmen ihre Maschinen doch zu dem Zweck in Betrieb gesetzt, um mir Einblick in das Verfahren zu gewähren — ein Beweis mehr für das freundliche Entgegenkommen, dessen wir uns allerorten in Neu-Süd-Wales zu erfreuen hatten.
Die Schafscheren, ähnlich konstruiert wie unsere Pferdescheren, werden mittels Dampfkraft in Bewegung gesetzt und arbeiten ungemein rasch, ohne das Tier auch nur im geringsten verletzen zu können, was ja bei der Handschur so häufig vorkommt; überdies wird die Wolle sehr glatt und bis auf das letzte Atom abgeschoren. Ein Mann vermag regelmäßig in einem Tag 120 bis 150 Stück zu scheren, die höchste Leistung aber, welche ein sehr geschickter und flinker Arbeiter erzielen kann, besteht in der Schur von 200 Schafen. Ich versuchte es selbst, einen Widder zu scheren und konnte mich auf diese Weise persönlich überzeugen, dass die Maschine leicht zu handhaben ist und vortrefflich arbeitet. Mein Beispiel hatte bald bei meinen Herren sowie bei anderen Zusehern Nachahmung gefunden, und mag die elegant gekleidete, der Schafschur emsig obliegende Gesellschaft einen nicht wenig komischen Anblick geboten haben. In den großen, vielstöckigen Lagerhäusern, welche wir durcheilten, werden viele Tausende von Wollballen, ein enormes Kapital repräsentierend, vor der Einschiffung aufgestapelt.

Von hier geleitete mich der Minister nach einer großen Wiese in einem der öffentlichen Gärten, wo mir das Boomerang- und Speerewerfen der Eingeborenen produziert werden sollte. Ein Schwarzer aus Westaustralien, von wahrhaft scheußlichem Aussehen, zeigte sich daselbst in der Kunst seiner Landsleute, indem er sichelartige, aus Eisen und Holz verfertigte Boomerangs in verschiedenartigster Weise, aber stets so warf, dass sie zu ihm zurückkehrten. Bald stiegen diese Geschosse, fortwährend rotierend, kerzengerade in die Luft, beschrieben dann einen Kreis oder eine Ellipse und fielen zu Füßen des Werfers nieder; bald flogen sie sausend eine Strecke weit nur meterhoch über dem Boden dahin, um plötzlich hoch empor zu steigen u. dgl. mehr. Endlich schleuderte der australische Diskuswerfer zwei Boomerangs gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung so, dass sie, zu ihm zurückkehrend, in ihren Flugbahnen sich kreuzten. Ein richtig geschleuderter Boomerang ist ein gefährliches Projektil, weil dasselbe vermöge seiner enormen Fluggeschwindigkeit einen Menschen zu töten vermag. Das Werfen von Speeren auf weite Distanzen mit der primitiven Holzschleuder war nicht weniger interessant; selbst noch auf die Entfernung von 200 Schritten war der Schütze seines Wurfes ziemlich sicher.

The signatures of Franz Ferdinand and his gentlemen Wurmbrand, Pronay, Clam-Martinic in the visitor's book of the Art Gallery of New South Wales in Sydney, Australia. Courtesy of the museum.

Die Unterschriften Franz Ferdinands und seiner Herren Wurmbrand, Pronay, Clam-Martinic im Gästebuch der Art Gallery of New South Wales in Sydney, Australia. Courtesy of the museum.

Ein Gegenstand besonderen Stolzes für Sydney ist die Bildergalerie, mit deren Anlegung erst vor wenigen Jahren begonnen wurde, und ich entsprach daher gerne dem Wunsche der Stadt, dieselbe zu besuchen. Da bei der Erwerbung von Kunstwerken aus aller Herren Ländern weder Mühe noch Kosten gescheut wurden, enthält die Galerie schon jetzt eine große Anzahl mitunter sehr beachtenswerter Bilder.

Ich fand hier manches Werk, das mir schon von den Ausstellungen im Wiener Künstlerhaus her bekannt war. Besonders in die Augen springend war ein imposantes Schlachtenbild von Detaille, eine Kavallerie-Attacke französischer Husaren aus dem Jahre 1809 [richtig ist 1807] darstellend, das erst vor kurzem in den Besitz der Stadt gelangt war;

Edouard Detaille (France 05 Oct 1848 – 23 Dec 1912): Vive L'Empereur - Charge of the 4th Hussars at the battle of Friedland, 14 June 1807, 1891.

Edouard Detaille (France 05 Oct 1848 – 23 Dec 1912): Vive L’Empereur – Charge of the 4th Hussars at the battle of Friedland, 14 June 1807, 1891.

ferner ein vielgerühmtes Bild, der Besuch der Königin von Saba bei Salomo, in welchem der figurale Teil, namentlich die Königin, deren Toilette vom Künstler in sehr freier Weise aufgefasst erscheint, gut behandelt ist. Im übrigen macht das Bild nach meinem Geschmack einen allzu bunten, ja vermöge des Farbenreichtums fast schreienden Eindruck. Die modernste Verirrung, die Pleinair-Malerei, ist durch kühne Meisterwerke vertreten, während sich unter den Pastellen zwar wenige, dafür aber sehr gute Leistungen finden, worunter besonders eine Studie, der Kopf eines jungen Mädchens, genannt zu werden verdient. In der Abteilung für Aquarelle, die reichhaltig und recht gediegen ist, nehmen Landschaften den ersten Rang ein.

Edward John Poynter (England 20 Mar 1836 – 26 Jul 1919): The visit of the Queen of Sheba to King Solomon, 1890

Edward John Poynter (England 20 Mar 1836 – 26 Jul 1919): The visit of the Queen of Sheba to King Solomon, 1890

Die Besichtigung der Galerie befestigte in mir den Eindruck, dass in Sydney viel Interesse und Verständnis für Kunst herrscht, so dass die Stadt, wenn nur auf dem bisher eingeschlagenen Wege fortgefahren wird, bald im Besitz einer sehr reichhaltigen Sammlung von hohem künstlerischen Wert sein wird.

Das Frühstück wurde in dem trefflichen Australian Hotel eingenommen, dessen Geschäftsleiter, ein Sachse, uns nach dem Lunch aufforderte, den Turm des Hotels zu besteigen, von dem aus sich eine in der Tat prächtige Aussicht auf Sydney und seine Vororte darbot. Aus der Vogelperspektive betrachtet, imponierte Sydney durch seine gewaltige Ausdehnung; die Stadt lag einem großartigen Gemälde gleich vor uns, reizend umrahmt durch den Kranz von Hügeln, Gärten und Buchten, belebt durch den flutenden Strom von Menschen und Fahrzeugen. Leider konnten wir in dem Genuss dieses Rundblickes nicht lange schwelgen, da die Zeit zur Rückkehr an Bord drängte, wo die letzten Vorbereitungen für den Ball getroffen werden mussten.

Nach 2 Uhr prangte das Schiff in vollem Glanz; alles war bereit, und konnten wir der Ankunft unserer Gäste mit Ruhe entgegensehen, weil die Bordkünstler die kühnsten Erwartungen übertroffen hatten und das Schiff in der Tat äußerst schmuck aussah. Das Mitteldeck war durch Errichtung eines Zeltes in einen mit Flaggen, mit Palmen und anderen Pflanzen reich geschmückten Tanzsaal verwandelt, welcher, an den Innenseiten mit blauweißem Linnen verkleidet, ebenso wie die auf Deck befindlichen, mit schwarzgelber Leinwand drapierten Schiffsbestandteile, einen überaus freundlichen und heiteren Eindruck hervorbrachte. Für die Musikkapelle war auf dem Treppenschacht und der Bootsbrücke ein hoher Söller errichtet, an dem von außen unser sowie das englische und das australische Wappen erglänzten, während das Hüttendeck, zum Buffet für die Tanzenden bestimmt, von Tischchen umrahmt war. Allerlei Gegenstände hatten hier eine Umgestaltung in elegante Sitzmöbel erfahren; sogar die großen Baljen, in welchen die in Thursday Island gefischten Korallen noch in Wasser verstaut lagen.
mussten, mit Teppichen überdeckt, als Canapees dienen. In reizender Weise war das Eisendeck in einen Salon verwandelt; daselbst lagen schwere Teppiche und schloss eine dichte Wand von Palmen und Blumen den Raum ganz nach außen ab; in jeder Ecke gab es Plätzchen, welche die vom Tanzen Ermüdeten zur Ruhe einluden, und in der Mitte des Salons plätscherte aus einem Bassin von Tuffstein lustig ein Springbrunnen hervor. Wunderlich genug nahm sich in diesem heiterer Geselligkeit gewidmeten Raum das große 24 cm Geschütz aus — ein ernster Kontrast zu dem fröhlichen Treiben, das sich hier bald entwickeln sollte.

In der Batterie befand sich ein Buffet für die älteren Herren und die nicht-tanzenden Mitglieder der Gesellschaft; das große Buffet aber war im Offizierscarré vorbereitet, durfte jedoch erst nach dem Cotillon geöffnet werden, um dann auf kleinen Tischchen Hungrigen und Durstigen reichliche Labung zu bieten. Mein Salon diente als Garderobe, die Kajüte des Kommandanten als Damen-Toilette. Hier allein stand uns ein weibliches Wesen, eine Marchande de modes, hilfreich zur Seite, welcher die näheren Arrangements der Toilette und die Dienstleistung daselbst übertragen waren; alles übrige an Bord, selbst das Binden der Blumen und die zierlichsten dekorativen Verschönerungen, war von rauhen Seemannshänden vortrefflich besorgt worden. Unser Koch Bussatto hatte sämtliche Buffets zu versorgen und zeigte — diesmal in gnädigster Stimmung, was bei ihm nicht immer der Fall zu sein pflegt — sein Können, indem er seiner kulinarischen Phantasie die Zügel schießen ließ, im glänzendsten Licht. Eine Legion von Schüsseln kalter Speisen, welchen er die mannigfaltigsten Gestalten in künstlerischer Vollendung gegeben, prangte auf den Tischen: aufgetakelte Schiffe, die mit vollen Segeln dahinzufahren schienen, Paläste, Bassins mit Fischen, Kronen, alle nur erdenklichen Land- und Seeungetüme standen in bunter Reihe nebeneinander, so dass die Buffets fast einem Spielzeugladen glichen. An der Spitze einer Schar Matrosen waltete des anvertrauten Mundschenkenamtes unser Mahmud, der in seiner goldstrotzenden Parade-Uniform ein Gegenstand der Aufmerksamkeit aller Gäste war und die Neugierde derselben, namentlich jene der Damen, als Huldigung mit herablassendem Grinsen entgegennahm.

Mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit begann Schlag 3 Uhr die Auffahrt der Gäste, teils in unseren Barkassen und Booten, die wir ans Land geschickt hatten, teils in eigenen Fahrzeugen. Die Einladungen zu machen, hatten wir dem englischen Admiral, der ja die Sydneyer
Gesellschaft genauer kannte als wir, überlassen und nur die Zahl der zu Ladenden auf etwa 300 beschränkt. Bald aber waren an 500 Gäste anwesend, da viele der Geladenen Verwandte mitgebracht hatten.

Wir fanden aber keine Ursache, dies zu bedauern, weil das Schiff die Zahl der Erschienenen leicht fassen konnte und der Kranz schöner Tänzerinnen glänzende Bereicherung erfahren hatte. Außer den vornehmsten Honoratioren der Stadt waren beinahe nur tanzlustige Damen und Herren erschienen, und ich muss gestehen, dass ich niemals auf einem Ball so viele schöne Frauen und Mädchen beisammen gesehen habe wie hier. Die Damen Sydneys vereinigen in gleichem Maße die Schönheit der Töchter des Mutterlandes mit südlicher Anmut der Bewegungen und vollendeter Eleganz der Erscheinung.

Während die Musikkapelle mehrere Nummern exekutierte, wurde das Schiff von den Gästen einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Dann begann bei den Klängen der „Blauen Donau“ der Reigen. Als Tänzer waren außer unseren Offizieren und Kadetten sämtliche Offiziere und Kadetten der in Sydney stationierten Escadre sowie der vor zwei Tagen eingelaufenen spanischen Korvette geladen. Da jedoch die fremden Seeleute während der ganzen Dauer des Balles von den Buffets und Rauchzimmern nur schwer zu trennen waren, machten eigentlich nur unsere Herren die Honneurs als Tänzer, ohne dass dem Tanzeifer der in so großer Zahl erschienenen Damen trotz eifriger Unterstützung der Herren aus Sydney genügt werden konnte. Es wurde mit Begeisterung getanzt; selbst unser Kommandant und Wurmbrand taten wacker das ihrige. Dank dem Liebreize der Damen, deren mehrere auch deutsch oder französisch sprachen, so dass ich mit ihnen bald in der lebhaftesten Konversation begriffen war, bildete es ein Vergnügen, sich dem Tanz zu widmen.

Wir begegneten bei den Herren und Damen Sydneys einer Zuvorkommenheit, die ihre Wirkung auf uns nicht verfehlte; mit ungezwungenem, offenem Wesen verbinden sie viel natürliche Liebenswürdigkeit — Eigenschaften, welche den Verkehr umsomehr erleichtern und beleben, als trotz des besten in der Gesellschaft herrschenden Tones eine freiere Auffassung hinsichtlich konventioneller Formen zu gelten scheint, als dies in unserer Heimat der Fall ist. So richteten hier Damen an Herren, die ihnen nicht vorgestellt waren, — was bei der Zahl der Erschienenen nur zu leicht geschehen konnte — ungescheut das Wort und grüßten beim Kommen und Gehen jedermann mit freundlichem Händedruck.

Kurz vor unserer Ankunft war eine schon seit längerer Zeit drohende, auf Überspekulation und andere Gründe zurückzuführende Krisis über mehrere Banken Sydneys hereingebrochen, welche den Markt auf allen Gebieten tief erschüttert und nicht nur den europäischen Zeitungen Stoff zur Berichterstattung geliefert hatte, sondern in den letzten auslaufenden Bewegungen auch auf dem Londoner Platz zu verspüren war. Alle Schichten der Bevölkerung waren in Mitleidenschaft gezogen und hatten empfindliche Verluste erlitten, ja noch während unseres Aufenthaltes zog die wirtschaftliche Kalamität ihre verhängnisvollen Kreise. Gleichwohl schienen unsere Gäste hiedurch in ihrer guten Laune und in ihrem Frohsinn so wenig berührt zu sein, dass man von allen Seiten sogar witzige Bemerkungen über die Lage, aber keine Klagen, keinen Jammer vernahm.

Der von Ramberg arrangierte Cotillon — ein für Sydney neues choreographisches Ereignis — gefiel unseren Gästen ungemein. Die ältesten heimatlichen Figuren, als: Tunnel, Achter, Kolonnen u. s. w. errangen den lebhaftesten Beifall, und als die Schlusstouren mit den Bouquets und den schwarzgelb-weißroten Bandschleifen an die Reihe kamen, erreichte die animierte Stimmung den Höhepunkt.

Der herrschenden kühlen Witterung Rechnung tragend und ohne hinlängliche meteorologisch-divinatorische Begabung, um ahnen zu können, dass der Abend so überaus mild sein werde, hatten wir den Ball als Nachmittagsfest angesagt und auf den Einladungskarten die nähere Zeitangabe von „3 bis 7 Uhr“ beigesetzt. In Sydney scheint sich nun die Pünktlichkeit, mit welcher die Gäste eintreffen, auch auf den Aufbruch zu erstrecken, offenbar, damit nicht durch Verweilen über die fixierte Zeit hinaus der Verdacht der Unbescheidenheit erweckt werde; denn gegen 7 Uhr begann ein allgemeiner Aufbruch. Unser dringendes Bitten und Zureden war umsonst. Die Mädchen und jungen Frauen standen zwar auf unserer Seite; Mütter, Väter und Gatten aber ließen sich nicht erweichen. Nur eine kleine Zahl besonders Getreuer harrte bei uns, noch lange dem Tanz huldigend, aus, um dann nach einer recht gemütlich am Eisendeck verbrachten Stunde der Rast die „Elisabeth“ erst zu vorgerückter Nachtzeit zu verlassen.

Auf wohl und gerne errungenen Lorbeeren durften wir ruhen, stolz auf den einstimmigen Ausspruch der Gäste, dass noch keines der Kriegsschiffe, welches Sydney angelaufen, ein Fest gegeben habe, das in jeder Beziehung so schön, so gelungen gewesen wäre, wie jenes auf unserer „Elisabeth“.

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  • Ort: Sydney, Australien
  • ANNO – am  26.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Torquato Tasso“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper “Freund Fritz“ darbietet.

Badgery Station, 25. Mai 1893

Da die frühen Morgenstunden für die Jagd auf Schnabeltiere nicht weniger Erfolg versprechen als der Abend, weil die Tiere auch des Morgens ihren Bau verlassen und äsend emportauchen, bat ich unseren Jagdherrn, mich noch einmal mein Glück auf Schnabeltiere versuchen zu lassen. Schlag 6 Uhr war ich bereit; doch verging leider fast eine ganze kostbare Stunde, bevor unsere Pferde auf der Weide eingefangen waren. Obgleich wir dann die ziemlich bedeutende Entfernung bis zu einer geeigneten Stelle scharf reitend zurücklegten, kamen wir doch erst zu vorgerückter Stunde an den Fluss; immerhin wurde die Situation durch den Umstand gerettet, dass dichter Nebel über dem Flussgelände lag.

Während dieses Rittes lernte ich eine mir bis jetzt unbekannte Methode kennen, krumme Pferde zu heilen. Der brave Fuchs, den ich ritt, ging nämlich stocklahm, musste aber gleichwohl, um mich rechtzeitig nach dem Jagdplatz zu bringen, drauf los galoppieren; als nun das Übel begreiflicherweise nicht besser wurde, veranlasste mich Mr. Badgery, das Pferd gegen das seine zu tauschen, so dass der schmächtige Fuchs Mr. Badgery mit dessen Gewicht, welches das Doppelte des meinen überstieg, im gestreckten Galopp über Stock und Stein zu tragen hatte. Unglaublich und doch wahr — nach einer halben Stunde war das Pferd kuriert!

Der Ort, an welchem ich den Anstand auf Schnabeltiere beziehen sollte, war gleich jenem des Vortages eine steil abfallende, von Bäumen beschattete Schlucht, in deren Sohle ein Gewässer ruhig dahinfloss. Mr. Badgery blieb bei den Pferden zurück, während ich mit dem Jäger an den Flussrand abstieg, wo ich, kaum angelangt, schon ein Schnabeltier auftauchen und im Wasser fortziehen sah. Ein glücklicher Schuss tötete das Tier sofort, aber dann war guter Rat teuer, wie desselben habhaft werden, da es mitten im tiefen Wasser abwärts trieb und niemand danach gelüstete, an dem sehr kühlen Morgen in der eiskalten Flut zu schwimmen. Endlich kam mein praktischer Australier auf die rettende Idee, Steine hinter das tote Schnabeltier zu werfen und dasselbe durch die auf diese Weise entstehenden Wellen allmählich an das Ufer zu treiben. Diese Prozedur währte zwar etwas lange, brachte uns aber schließlich doch in den Besitz des Tieres, welches sich als altes Männchen erwies. Einige hundert Meter flussabwärts kam mir neuerdings ein Schnabeltier zu Gesicht; doch konnte ich das Tier nur tauchen sehen und leider keinen Schuss anbringen.

Nun erklärte der Jäger, dass er 2 km weiter noch eine günstige Stelle wisse; doch sollten wir eilen, um sie rechtzeitig zu erreichen. Wir schwangen uns also rasch in den Sattel und ritten die Tallehne entlang einen recht schlechten, steinigen Weg, der fast nur für Ziegen praktikabel gewesen wäre, den aber die Pferde mit merkwürdiger Geschicklichkeit zurücklegten. Wir kletterten die Böschung zum Fluss hinab, und bald sah ich nächst dem jenseitigen Ufer, vorläufig aber noch außer Schussweite, ein Schnabeltier wiederholt auftauchen und, nach der schwarzen Rückenlinie zu schließen, schwimmend Kreise ziehen; auch deutete mir der Jäger durch Zeichen an, dass er flussabwärts noch ein zweites Schnabeltier erblickt habe. Ich entschloss mich, hinter Bäumen gut gedeckt, abzuwarten, bis sich eines der Tiere dem diesseitigen Ufer genähert haben würde, was sehr wahrscheinlich bald geschehen wäre, wenn sich nicht in Gestalt Mr. Badgerys das Verhängnis eingefunden hätte. Dieser vermochte seine Neugierde nicht mehr zu bezwingen und war mit den Pferden bis auf einen Felsvorsprung angerückt, von welchem aus er das Wasser überblicken konnte und leider auch bald die beiden Schnabeltiere entdeckte, worauf er begann, mir in der besten Absicht unaufhörlich zuzurufen, um mich auf das Vorhandensein der Tiere aufmerksam zu machen. Der mich begleitende Jäger konnte sich nicht enthalten, ihm trotz meiner flehentlichen Gebärden zu antworten, so dass sich par distance ein lautes Zwiegespräch entwickelte, welches natürlich die so ungemein scheuen Schnabeltiere zu schleunigstem Verschwinden bewog. Obschon dieselben im übrigen auf einer tiefen Stufe der Entwickelung stehen, sind doch Gehör und Gesicht ungemein scharf, so dass der entfernteste, durch diese Sinne vermittelte Verdacht einer Gefahr die Tiere untertauchen und in den Bau fahren lässt, aus dem sie sich dann vor dem Abende nicht mehr hervorwagen.

In nicht eben rosiger Stimmung erkletterte ich wieder den Uferhang, opferte meinem Unwillen ein schuldloses Felsen-Wallaby, welches den Weg kreuzte, und konnte die Kritik des Übereifers Mr. Badgerys — bei meiner mangelhaften Kenntnis der englischen Sprache — nur in die wiederholt im Tone des Vorwurfes ausgerufenen Worte „not well, not well“ zusammenfassen. Mr. Badgery erwiderte meine Worte anfangs lediglich mit stoischem Lächeln; dann aber versuchte er mir in längerer Auseinandersetzung Aufklärung zu geben. Da sich hiebei das Wort Breakfast öfter wiederholte und Mr. Badgery in der Richtung auf die Farm deutete, musste ich schließen, dass seine Neugierde von einem sehr prosaischen Motiv, von gewaltigem Hunger, beherrscht war und er denselben nunmehr zu stillen wünsche, weshalb an eine weitere Fortsetzung der Jagd kaum mehr zu denken war. Ich machte zwar noch einen schüchternen Versuch, indem ich unter entsprechend begleitenden mimischen Zeichen wiederholt flehend „Piatypus“, das ist die englische Bezeichnung für Schnabeltier, ausrief und auf den Fluss deutete, aber mein Jagdherr blieb unerbittlich, schwang sich auf seinen Gaul, winkte mir zu folgen, und so ritten wir dem Breakfast entgegen. Auf dem Wege nach der Farm hatte ich doch noch einigermaßen Waidmannsheil, indem ich zwei Bären und einen Bussard erlegte.

Nachdem Mr. Badgery sich an einem guten Frühstück erquickt hatte, zogen wir, da mittlerweile die Sonne über den Nebel gesiegt hatte, zur Jagd auf Felsen-Wallabies aus, ebendorthin, wo am Vortag die günstigen Resultate erzielt worden waren. Schon im ersten Triebe wurde eine erstaunliche Anzahl von Wallabies flüchtig, die aber diesmal meinen Stand größtenteils mieden und seitwärts ausbrachen, wo Wurmbrand und Clam standen, so dass der eine 18, der andere 19 Stück erlegte. Da nämlich gestern einige Stücke links von mir ausgebrochen waren, beabsichtigte der Jagdleiter dies heute dadurch hintanzuhalten, dass er einige Leute zur Abwehr an den kritischen Punkt entsandte, doch hatten diese den Auftrag falsch erfasst und wehrten statt oberhalb meines Standes vor demselben ab, so dass das Wild fast immer umkehrte, bevor ich zum Schuss kommen konnte. So betrug denn meine Strecke nur sechs Felsen-Wallabies. Ein zweiter Trieb verlief ohne jegliches Ergebnis, während ein in aller Eile an einer Gabelung des Tales inszenierter, nur wenige Minuten erfordernder Trieb mir zehn Wallabies lieferte, obwohl zu treiben begonnen wurde, bevor ich meinen Stand bezogen hatte.

Nun sagten wir dem schönen Felsental, in dem wir gestern und heute manch frohe Stunde verbracht hatten, Lebewohl und eilten, die Farm passierend, nach einem entlegenen Hügel, auf welchem noch ein letzter Trieb vor unserer Abfahrt versucht wurde. Leider gelang dieser Versuch nicht, da das Wild an den Flanken ausbrach, so dass nur Wurmbrand und Prónay je ein Wallaby schossen, während ich mich mit einem Hasen begnügte.

Hiemit war auch das Ende der so vortrefflich gelungenen, interessanten Jagdexpeditionen in Neu-Süd-Wales gekommen. Wir mussten nach Sydney zurückeilen, wo unser gesellschaftliche Verpflichtungen harrten, da an Bord der „Elisabeth“ ein von mir und den Herren des Stabes gegebenes Nachmittagsfest stattfinden sollte, zu welchem die Einladungen schon vor meiner Abreise nach Arthur’s Leigh Badgery Station ergangen waren.

Die Wagen hatten, damit ja jedem Zeitverlust infolge Steckenbleibens vorgebeugt sei, den Wollondilly River schon früher übersetzt, und wir fanden daher, als wir denselben zu Pferde durchquert hatten, die Gefährte bereits wohlbehalten auf dem anderen Ufer. Hier nahmen wir von den liebenswürdigen Farmern und dem Jagdgefolge Abschied und traten, beim Besteigen der Wagen von einem dreimaligen Hurrah begrüßt, die Rückfahrt nach Moss Vale an, wo wir nach vierthalbstündiger Fahrt anlangten.

Da der Zug von hier erst tagsdarauf gegen 2 Uhr morgens nach Sydney abgehen sollte, arrangierten wir in aller Eile aus dem Stegreif eine Nachtjagd. Wir hatten einen Jäger ausfindig gemacht, der drei gute Hunde besaß, die zu dem Zweck abgerichtet waren, Kusus und Beutelmarder (Dasyurus viverrinus) zu suchen, auf Bäume zu treiben und dann zu verbellen.

An der Stelle, außerhalb des Ortes, an welcher der Jäger mit den Hunden unser bereits harrte, stürmten diese auf das Kommando „Go on“ auch schon fort, um nach wenigen Minuten heftig Standlaut zu geben. Ich eilte rasch hinzu und sah, wie die Hunde Hals gebend an einem Eucalyptus-Baume hinansprangen. Der Mond fiel günstig ein, so dass mein erster Schuss mir gleich einen Beutelmarder einbrachte, den ich nach einigem Suchen auf einem Ast entdeckt hatte. Dieser ebenfalls zu den Beuteltieren gehörige Räuber ähnelt im Baue sehr unserem Marder; der Leib ist schmächtig und gestreckt, der Hals ziemlich lang, der Kopf gestreckt und die Schnauzenspitze fleischrot, der Schwanz lang und gleichmäßig buschig behaart; die Zehen sind an den niederen Beinen mit sehr starken, spitzigen Krallen bewehrt; das Fell an der Oberseite fahlbraun, mit weißen Flecken gesprenkelt, an der Unterseite weiß. Etwas kleiner als der Kusu, erreicht der Dasyurus viverrinus eine Leibeslänge von 40 cm und eine Schwanzlänge von etwa 30 cm. In seiner Lebensweise erinnert dieser Beutler ganz an jene des Kusus, indem er den Tag in Löchern verbringt, nachts aber auf Nahrung ausgeht, den Hühnerställen gleichfalls Besuche abstattend und daselbst alles schonungslos mordend.

Von ihrem Besitzer angefeuert, eilten die Hunde weiter, und bald tönte abermals Standlaut; doch diesmal kam eine Novität, nämlich ein Kusu uns noch unbekannter Art, der Ringelschwanz-Kusu, zur Strecke. Mit den drei Hunden zu jagen, bereitete in der Tat Vergnügen, da sie rasch jede frische Fährte fanden und dieselbe verfolgten, bis sie das Wild zum Aufbäumen gebracht hatten; dann erst gaben sie Laut und hielten aus, so dass die Jäger herbeikommen und das Stück erlegen konnten. Einen Beutelmarder, der wahrscheinlich nicht schnell genug aufgebäumt hatte, apportierte uns die brave Meute. Der Sohn des Jägers, ein Bursche von etwa zehn Jahren, der sich dem Vater angeschlossen hatte, zeichnete sich durch die Schärfe seiner Augen aus, dank welcher er das Wild stets zuerst in den Ästen entdeckte, um es mir triumphierend zu zeigen; war ein Stück nach einem Schuss gefallen, so sprang der Knirps rasch zu, um es vor den Hunden zu bewahren. Bis gegen Mitternacht hatte ich sechs Beutelmarder und sechs Kusus erlegt — gewiss eine seltene, unter originellen Umständen bei Nacht im Mondschein erzielte Strecke.

Als wir uns beim Durchstreifen des Waldes der Behausung des Jägers genähert hatten, waren die Hunde plötzlich verschwunden, und alles Pfeifen und Rufen blieb vergeblich, weshalb der Besitzer vermutete, dass sie, durch die lange Dauer der Jagd ermüdet, heimgekehrt seien, der Ruhe zu pflegen. Wir folgten diesem Beispiel und fuhren nach Moss Vale zurück.

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  • Ort: Moss Vale, Australien
  • ANNO – am  25.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Faust“, während das k.u.k. Hof-Operntheater “Der Freischütz“ darbietet.

Badgery Station, 24. Mai 1893

Heute sollte auf Felsen-Wallabies gejagt werden. Bei dichtem Nebel und empfindlicher Kühle wurde am Ufer des die Gegend in mäandrischen Krümmungen durchziehenden Flusses, in welchem tagsvorher der Wagen stecken geblieben war, halt gemacht, da ich mit einem der Jäger eine abgelegene Stelle aufsuchen wollte, wo zuweilen, wie man mir gesagt hatte, Schnabeltiere anzutreffen sind. Durch ein kleines Nadelgehölz schleichend, kamen wir an den Rand des Wassers, konnten aber außer einer Ente keinerlei Wild erspähen. So saßen wir denn bald wieder im Sattel, durchquerten den Fluss und erstiegen die jenseitigen Höhen, bis wir an ein tief eingeschnittenes, sehr felsiges Tal mit steilen, aufsteigenden Wänden gelangten, in dessen Sohle ein Fluss sich schäumend Bahn durch das Gestein brach. Das Tal oder, besser gesagt, die Schlucht bot dank den mächtigen, vom Wasser umspülten Felsblöcken, zwischen welchen überall Bäume und Sträucher hervorwuchsen, einen pittoresken Anblick.

Diese Schlucht, ein Lieblingsaufenthalt der Felsen-Wallabies, sollte der Schauplatz der heutigen Jagd sein. Ursprünglich hatte mir Mr. Badgery einen nicht glücklich gewählten Stand angewiesen, und überdies jagten die Treiber zu früh an, so dass mir, als ich endlich zu einem besser gelegenen Stand emporgeklettert war, Felsen-Wallabies bereits in voller Flucht entgegenkamen. Diese leben, wie schon der Name andeutet, auf felsigem Terrain, indem sie sich tagsüber unter überhängenden Felsen und in Felslöchern verborgen halten, während
der Nacht aber in die nächste Umgebung auf Äsung ausgehen. Sie wagen sich nicht weit von ihren Schlupfwinkeln hinweg, da sie auf ebenem Boden nicht sehr flüchtig sind; hingegen ist die Schnelligkeit, mit der sie in ihrem Element, den Felsen, umherhüpfen, ebenso erstaunlich wie die Größe der Sprünge, welche sie ausführen. Sind schon die Bewegungen der Känguruhs überaus drollig, so sind es jene der Wallabies, deren ich einige im Sprung erlegte, noch viel mehr. Letztere sind ziemlich klein, haben aber unter allen Känguruhs das schönste Fell; denn dieses ist tiefbraun, am Bauch gelb gefärbt und bei den älteren Tieren schimmern die Spitzen der Haare silberweiß durch.

Die ersten Stücke, welche ich erlegte, sprangen wie Gemsen den Fluss entlang über die Felsblöcke. Nach den ersten Schüssen hatten die scheuen Tiere sehr bald die Richtung, aus der ihnen Gefahr drohte, entdeckt, da ich frei auf dem Hauptwechsel stand, weshalb ich nun, einen anderen Platz wählend, mich tiefer in der Schlucht hinter Felsen aufstellte, so dass ich nun ein Stück nach dem andern erlegen konnte. Diese Jagd gestaltete sich äußerst lebhaft; längs der Reihe der Schützen krachten, wie bei einer guten Hasenjagd, ununterbrochen die Schüsse, deren Echo an den Talwänden wiederhallte; dazu sekundierten die Treiber, die hier nur zu Fuße weiter kommen konnten, mit ihren Peitschen. Bald waren 51 Stück Felsen-Wallabies, deren 26 auf mich entfielen, zur Strecke gebracht.

Ein zweiter Trieb fand flussabwärts in derselben Schlucht statt, nachdem wir das Gewässer zu Pferde durchwatet und am jenseitigen Ufer Stellung genommen hatten. Ich war am tiefsten in der Schlucht postiert, vor mir lagen in wildem Gewirr übereinander abgestorbene Bäume, und links von mir spiegelten sich in einem tiefen Wasserbecken gewaltige Baumriesen. Die nur vom Rauschen des Wassers unterbrochene Stille, die reizende landschaftliche Szenerie des Plätzchens fesselten mich derart, dass ich, in Befrachtung versunken, des Waidwerks fast vergessen hätte, und doch gab es hier nicht bloß für den Naturfreund zu schauen, sondern auch für den Jäger zu tun; denn das Wild kam gleichzeitig auf zwei Wechseln flüchtig an meinem Stande vorbei. Obgleich der Trieb viel rascher beendet war, als der erste, war das Ergebnis desselben — 33 Felsen-Wallabies, wovon ich 10 erlegt hatte — recht befriedigend.

Ein rascher Ritt brachte uns hierauf in die Farm zurück, wo dem Jagdgefolge eine kurze Mittagsrast gegönnt wurde, während wir uns der Sortierung der zahlreichen Felle widmeten.

Es verdient bemerkt zu werden, dass die Pferde auch dieser Farm sich durch ihre Ausdauer und die Geschicklichkeit, mit der sie in schwierigem Terrain vorwärts kamen, als trefflich erwiesen haben, was wohl am besten dadurch dargetan ward, dass der Braun, welcher Mr. Badgerys respektables Gewicht von 160 kg trug, die ganze Zeit hindurch in flottem Galopp gegangen war, ohne einen Augenblick hinter den anderen Pferden zurückzubleiben.

Nachmittags jagten wir in demselben Gebiete wie tagszuvor, und sahen, obschon dasselbe am Vortage scharf abgejagt worden war, doch wieder sehr viel Wild, so dass von mir fünf Wallabies, von meinen Herren aber deren 17 und ein Känguruh geschossen wurden.

Da es mein sehnlicher Wunsch war, eines der seltenen Schnabeltiere. dessen Erlegung nur wenigen europäischen Jägern geglückt ist, zu erbeuten, ritt ich, vom Ehrgeiz gestachelt, obschon wenig Aussicht auf Erfolg eröffnet wurde, nach 4 Uhr mit einem Führer an den Fluss, um mich hier auf den Anstand zu legen. Unterwegs schoss ich einen Australischen Bären, der hoch auf einem Eucalyptus-Stamme saß. Der Fluss, der sonst ziemlich reißend über Felsen dahinstürzt, zieht dort, wo sich die Schnabeltiere befinden sollten, eine Strecke weit ganz ruhig dahin, so dass man beinahe glauben könnte, man befinde sich an einem stehenden Wasser. Die das Flusstal einschließenden Höhen fallen in steinigen Hängen an das Ufer ab; Randbäume ragen von hier weit über den Wasserspiegel hinaus. Lautlose Stille kennzeichnet diesen Platz.
Vorsichtig schlichen wir uns heran, konnten aber geraume Zeit hindurch keinerlei Wild wahrnehmen, bis endlich mein Begleiter mir leise auf die Schulter klopfte und nach einer Stelle unter dem überhängenden Ufer deutete, wo ich an der Oberfläche des trüben Wassers nur eine schmale, schwarze, sich bewegende Linie erblickte. Ich gab Feuer und sah zu meiner größten Freude gleich darauf ein Schnabeltier verendend sich überschlagen. Mittels einer Stange fischten wir die seltene Beute, ein ausgewachsenes, großes Männchen von Ornithorhynchus paradoxus, heraus.

Dieses Tier ist in der Tat äußerst merkwürdig. Seit einigen Jahren erst weiß man, dass das Schnabeltier thatsächlich Eier zur Welt bringt, — dies wurde früher in den Bereich der Fabel verwiesen — welche dann in einem Nest zur Ausbrütung gelangen. Das Schnabeltier erinnert seinem Körperbau sowie seinem Benehmen im Wasser nach am meisten an die Otter oder den Biber, erreicht durchschnittlich eine Länge von 50 cm und besitzt an den kurzen Füßen zwischen den scharfkralligen Zehen Schwimmhäute, die an den Vorderfüßen sogar über die Zehen hinausreichen; an den Hinterfüßen hat das Männchen nach innen eine große, bewegliche Kralle, einen Sporn, über dessen Bedeutung noch nichts Näheres bekannt ist, während früher angenommen wurde, dass derselbe giftig und zur Waffe bestimmt sei.

Eigentümlich ist der an den Rändern weiche Entenschnabel, womit das Tier sehr geschickt im Wasser lebende Insekten fängt; der Schwanz ist glatt, ähnlich jenem des Bibers, abgestutzt und zumeist wenig behaart; der Pelz ist besonders schön, da er aus dichten Grannen von dunkelbrauner Färbung mit silberweißer Schattierung besteht; an der Kehle, der Brust und dem Bauch fühlen sich die Haare seidenartig an; die Augen sind ganz klein, die Ohren kaum sichtbar. Das Schnabeltier lebt zumeist an ruhigen Stellen fließender Gewässer und gräbt sich daselbst am Uferrand einen Bau, der häufig bis zu 10 m lang ist und in einen Kessel mündet; dieser hat meist zwei Eingänge, einen über dem Wasserspiegel, den anderen unter demselben. Morgens und abends schwimmt das Tier fischend in dem ruhigen Wasser umher, ab und zu untertauchend und in kurzen Intervallen, da es nicht lange unter Wasser verbleiben kann, wieder an der Oberfläche erscheinend, um Luft zu schöpfen. Äußerst scheu und vorsichtig, fährt das Schnabeltier bei dem geringsten verdächtigen Geräusch in den Bau oder verbirgt sich hinter Büschen und Wasserpflanzen. In der Regel sieht man schon, bevor das Tier auftaucht, Blasen im Wasserspiegel aufsteigen, worauf es zunächst mit Schnabel und Kopf, dann mit dem Rücken zum Vorschein kommt.

Mein Begleiter drängte, noch eine andere flussaufwärts gelegene Stelle zu besuchen, wo er gleichfalls Schnabeltiere zu finden hoffte. Hier sah ich, durch einen Baum gedeckt, in der Tat bald, wie sich Ringe im Wasser bildeten und darauf der Schnabel, der Kopf, der Rücken eines Schnabeltieres auftauchten, doch war die Entfernung ziemlich groß und das Thier von mir abgewandt. Als es sich nun, einer Otter gleich ruhig schwimmend, noch weiter entfernte, versuchte ich auf Anrathen meines Begleiters einen wenig Erfolg versprechenden Schuss; die Schrot schlugen zwar in der Richtung des Schnabeltieres gut ein, dieses tauchte jedoch in den Fluten unter, um noch einmal auf einen Moment zu erscheinen und dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Nicht besser ging es mir mit einem zweiten Schnabeltiere, welches ich von demselben Standpunkt aus ebenfalls auf bedeutende
Distanz entdeckte. Da es schon dunkelte und daher in keinem Fall auf anderweitige Beute gerechnet werden konnte, riskierte ich den Schuss, der, wie der Jäger versicherte, gut getroffen hatte; doch musste das Tier entweder gesunken oder in den Bau gefahren sein, da wir seiner nicht mehr ansichtig wurden.

In der Farm angelangt, wurde ich von Mr. Badgery zu dem erbeuteten Schnabeltiere äußerst lebhaft beglückwünscht, wobei er versicherte, dass die Erlegung eines Schnabeltieres zu den größten Seltenheiten gehöre und sich von je hundert Jägern kaum einer solcher Beute rühmen könne.

Bei dem Diner, das in sehr animierter Stimmung aller Teilnehmer verlief, brachte ich die Gesundheit der Königin aus, deren Geburtstag heute im ganzen Lande festlich begangen wurde, worauf Mr. Badgery eine lange Ansprache an mich hielt, die ich freudig und herzlich erwiderte.

Der Abend war herrlich, der Mond stand in vollem Glanz am Himmel — so konnte das Programm erschöpft und mit einer Jagd aut Kusus beschlossen werden. Ich jagte in entgegengesetzter Richtung von jener, die tagszuvor eingeschlagen worden war, innerhalb drei Stunden einen großen Bogen um die Farm beschreibend, und kehrte mit der reichen Strecke von zehn Kusus heim, um nach diesem in jeder Beziehung so gelungenen Tage bald in erquickenden Schlaf zu sinken.

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  • Ort: Badgery Station, Australien
  • ANNO – am 24.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Aus der Gesellschaft“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper “Die Walküre“ darbietet.