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diary entries of Franz Ferdinand

Tjipandak, 22. April 1893

Regen, nichts als Regen. Schon die ganze Nacht hindurch hatte schwerer Regen auf die Palmdächer unserer Hütten geprasselt, durch deren Decke es hie und da tropfte, so dass unsere ohnehin schon sehr feuchten Effekten gänzlich durchnässt wurden. Schwarze Wolken hiengen tief herab, und es war, als hätte der Himmel alle Schleusen geöffnet; denn kaum hatte der Regen einen Augenblick etwas nachgelassen, so folgte alsbald ein neuer Guss von einer Heftigkeit, welche man in unseren Breiten nicht kennt. Unter solchen Umständen konnte an eine Jagd nicht gedacht werden, da der Fluss so angeschwollen war, dass es unmöglich schien, ihn zu passieren; auch wären die Treiber und die Jäger absolut nicht zu bewegen gewesen, in eine Dickung einzudringen. So mussten wir uns in Geduld fassen und verbrachten den ganzen Tag mit Wetterbeobachtungen, die aber nur ein höchst bedauerliches Resultat lieferten.

Wie es schon in solchen Fällen geht, wurde zum Zeitvertreib in kurzen Reprisen gegessen und weidlich über das Wetter und die leidige Regenzeit geschimpft. Das Wasser im Fluss stieg so stark und nebstbei machte sich auch die Rückwirkung der Meeresbrandung in den Wellen des Flusses so bemerkbar, dass wir für unsere Badehütte Besorgnis hegten und dieselbe schützen mussten.

Wie zu erwarten stand, blieben auch ernstere Konsequenzen der Witterung nicht aus; denn einer unserer Diener hat infolge der steten Nässe, in der wir leben, einen starken Fieberanfall zu bestehen und wir müssen noch weitere Erkrankungen besorgen.

Erst nach 5 Uhr abends ließ der Regen etwas nach, worauf wir uns trotz der großen Feuchtigkeit entschlossen, noch einen kleinen Pürschgang in der Nähe des Lagers zu versuchen. Ich erstieg die Höhe oberhalb der Hütten, wo sich zwischen Alangflächen Palmenhaine ausbreiteten. Mehrere Tauben, darunter insbesondere Fruchttauben, fielen mir zur Beute; von weitem sah ich auch zwei Affen und einen schönen, aber leider sehr scheuen javanischen Pfau auf einer dürren Palme aufgebaumt. Der Versuch, mich anzupürschen, misslang, da die Dickung, die mich von ihm trennte, ganz undurchdringlich war. Überhaupt ist das Anpürschen an irgend ein Wild in diesen Gegenden schon wegen des Lärmes, den man beim Anschleichen unwillkürlich verursacht, nahezu unmöglich. Ebenso konnte ich keinen der javanischen Nashornvögel erbeuten, deren im Lauf des Tages mehrere hoch über die Bäume hinweggezogen waren.
Von der Höhe streifte ich an den Meeresstrand hinab, traf dort mit anderen Herren zusammen und kehrte erst bei vollkommener Dunkelheit nach dem Camp zurück.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 22.04.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse hat einen Korrespondenten-Report aus Kalkutta vom 4. April über FFs Jagd in Nepal.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Bürgerlich und romantisch“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

Tjipandak, 21. April 1893

Die Aussichten, Bantengs zu erbeuten, waren keine sehr günstigen; Herr Kerkhoven fühlte sich morgens unwohl und beschloss, das Haus zu hüten; unser Oberjäger, der mohammedanische Hadschi, aber hatte die Nachricht erhalten, dass in der Nacht seine Tochter nach nur neunstündiger Krankheit am Fieber gestorben war, weshalb der arme Mann sich unverzüglich auf den Weg in sein entlegenes Heimatdorf machte, um der Bestattung des verblichenen Kindes beizuwohnen.

So ritten wir unter Leitung Baron van Heeckerens in das Revier, in welchem wir am Tage vorher gejagt hatten, und wo heute die unseren gestrigen Ständen gegenüberliegende Lehne abgetrieben werden sollte. Der Trieb währte abermals drei Stunden lang. Ich hatte einen sehr schönen Stand mit gutem Ausschuss; vor mir eröffnete sich ein Tal, das sehr einladend aussah, aber leider kam nichts; ich glaubte zwar einmal brechen zu hören; auch behaupteten die Treiber, einen Banteng gesehen zu haben; doch dürfte, da keiner der Schützen etwas bemerkt hatte, dieser Stier nur ein mythischer gewesen sein.

Die Hitze war, wenn auch empfindlich, doch nicht so drückend als tags zuvor, so dass auf mein Drängen noch ein Trieb improvisiert wurde. Die Treiber zündeten an allen Seiten das Gras an und drangen eine Strecke weit in den Wald ein, traten aber auch alsbald wieder aus der Dickung heraus. Infolge der Müdigkeit der Treiber und ihrer Unlust verlief auch dieser Trieb ohne Erfolg.

Nach dem üblichen Bad bei Durchwatung des Flusses waren wir schon gegen 4 Uhr im Camp, wo wir Herrn Kerkhoven nicht vorfanden, weil er sich auf die Pfauenpürsche begeben hatte; ein gutes Zeichen für seine Genesung.

Es erschien uns noch zu früh, um zu Hause zu bleiben, wir ergriffen daher die Schrotgewehre und streiften in den Dickungen neben unserem Lager umher, um die ornithologische Sammlung zu vervollständigen. Obwohl das Fortkommen in den Dschungeln und dem fast undurchdringlichen Alanggras sehr schwierig war, so dass wir uns beinahe jeden Schritt erkämpfen mussten, erlegten wir in der relativ kurzen Zeit doch recht ansehnliche Mengen von Vögeln und darunter solche interessanter Arten, so die vielfarbige javanische Papageitaube (Osmotreron vernans); dann Fruchttauben (Carpophaga aenea); ferner braune Schweiftauben (Macropygia emiliana); Bartvögel (Cyanops lineata), rote Mennigvögel; Reisvögel (Munia oryzivora) und mehrere Exemplare eines glänzend dunkelgrünen Singstares (Calornis chalybea), sowie Schwalben verschiedener Arten. Am Abend kehrte Herr Kerkhoven mit einer sehr schönen javanischen Pfauenhenne von seinem Jagdzug heim.

Als wir im Lager versammelt waren, stellte sich starker Gussregen ein, der sogar die Dächer unserer Hütten durchbrach; gleichwohl vertrieben wir uns die Zeit in sehr gemütlicher Weise, indem unsere Jäger jodelten und Hodek ganz famose Gedichte Stielers in obderennsischer Mundart vortrug.

Kein Wunder, dass mich eine leise Mahnung von Heimweh überkam, dass mitten aus dieser herrlichen Tropenwelt die Gedanken in die Heimat flogen, dass mancherlei Erinnerungen an schöne, in Oberösterreich verbrachte Tage wach wurden — gerade jetzt wach wurden, da in der Heimat der Frühling ins Land zieht, die Natur nach winterlicher Ruhe neu zu erblühen beginnt, die Fluren mit jungem Grün sich schmücken und der Auerhahn hoch oben im Gebirg auf dem Ast einer alten Wettertanne sein Liebeslied ertönen lässt, bis ihn die Kugel des Jägers herabwirft, der Schuss sich dann donnernd in den Wänden bricht und der freudige Juchezer in das nebelverhüllte Tal dringt.

In den Tropen entschleiert die Natur dem staunenden Auge die üppige Pracht ihrer Wunder, berauscht die Sinne, wenn wir in sengender Schwüle uns von dem Zauber des Urwaldes umfangen fühlen — in den heimatlichen Bergen aber tritt uns die Natur von poetischem Reize verklärt entgegen, spricht zum Herzen, wenn wir aus dem dunklen Nadelwalde zu den Firnen emporblicken, die. in rosigem Hauch gebadet, den Anbruch des Tages verkünden.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 21.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Kriemhilde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Troubadour“ aufführt.

Tjipandak, 20. April 1893

Der Schauplatz der heutigen Jagd auf Bantengs lag von dem Camp bedeutend weiter ab, als jener des gestrigen Triebes; denn erst nach etwa dreistündigem Marsch erreichten wir unser Ziel. Der Ritt, in dessen Verlauf wir, wie am Vortag, mehrere Male den Fluss zu überschreiten hatten, führte, ohne dass wir andere besondere Terrainschwierigkeiten zu überwinden gehabt hätten, fast unausgesetzt durch Alanggras. Nur einmal war eine ungemein steile Schlucht zu passieren, welche für Pferde unübersteigbar schien, von unseren einheimischen
Kleppern jedoch in wahrhaft bewundernswerter Weise genommen wurde, da jene rutschend, gleitend, auf den Hinterbeinen sitzend ohne Unfall die Schlucht hinab- und fast aufrecht kletternd aus der Tiefe wieder empor gelangten, indessen wir zu Fuße nur mühsam über die Steinplatten und den glatten Lehmgrund der Schlucht hinwegkamen.

Während des Rittes sah ich auf einem der Hügel von ferne das Haupt eines Hirsches aus dem hohen Gras ragen; der Versuch, mich an das scheue Wild anzupürschen, blieb jedoch erfolglos.

Auch diesmal wurde in talwärts gelegenen Wäldern getrieben, die Stände aber wurden längs eines Hügelkammes eingenommen. Herr Kerkhoven stellte mich zu unterst auf und hatte die Absicht, oberhalb meines Standes, in der nächsten Nähe desselben, einen meiner Herren zu postieren. Durch ein Missverständnis des Eingeborenen, den Herr Kerkhoven mit dem auf dieses Arrangement bezüglichen Befehl zurückgesandt hatte, kam jedoch nicht einer meiner Herren, sondern Herr Borrel neben mir zu stehen. Ich saß unter einem Baum und hatte, da dieser fast gar keinen Schatten spendete, während des drei Stunden andauernden Triebes von Hitze viel zu leiden, umso mehr, als es im Interesse der Jagd geboten erschien, sich ganz ruhig zu verhalten. So konnte ich denn nur still sitzen bleiben und die Legion von Ameisen beneiden, welche, der Hitze ungeachtet, munter um mich her ab- und zuliefen. Der Ausschluss rings um den Stand war ein ziemlich beschränkter.

Nach dem Hebschuss hörte ich vor mir sehr starkes Brechen, das nur von einem mächtigen Wild herrühren konnte, doch war bald wieder alles still. Einige Zeit später fiel bei meinem Nachbar ein Schuss, dann sah und hörte ich nichts mehr wie das einförmige Geklapper der Treiber in der Wehre.

Endlich, am Schluss des Triebes, kam Herr Borrel zu mir und entschuldigte sich lebhaft, dass er einen Banteng-Stier erlegt habe, davon überzeugt, dass das Stück mir nicht mehr zum Schuss kommen würde. Inwieweit das seine Richtigkeit hatte, kann ich nicht beurteilen; jedenfalls war ich nicht sehr erfreut, dass weder ich noch einer meiner Herren dieses Waidmannsheil gehabt hatte und betrachtete mit einem starken Gefühl von Schussneid den kapitalen Stier, welcher sich durch seine auffallende Größe und Stärke auszeichnete.

Weit größer als unsere stärksten Rinder, steht der Banteng auf hohen Läufen; sein mächtiges Haupt ist mit aufwärts gekrümmten Hörnern geziert, die Decke ist glänzend schwarz; die Extremitäten sind vom Knie abwärts schneeweiß. Zieht Bantengwild durch die Dickung, so hört man schon von weitem das Brechen und Prasseln der Stöcke, welche von den Tieren niedergetreten werden. In den Wäldern, die wir heute durchstreiften, fanden wir allenthalben große Mengen von Bambusstöcken gebrochen und verdorrt — offenbare Spuren der wuchtigen Bantengs.

Herr Kerkhoven, der einigermaßen missvergnügt darüber schien, dass der Stier nicht von mir, sondern von Herrn Borrel erlegt worden war, hatte in der Ferne eine Banteng-Kuh gesehen; ebenso hatte Wurmbrand drei Stücke erblickt, die auf weite Distanzen vorbeigewechselt hatten.
Obgleich die Zeit noch gestattet haben würde, die Jagd fortzusetzen, wurde zum Rückzug geblasen, weil am Horizont ein schweres Gewitter drohte und unser Jagdleiter befürchtete, dass ein heftiger Regenguss den Fluss gänzlich unpassierbar machen würde. Doch verzog sich das Gewitter und wir bekamen nur einzelne Regentropfen zu spüren.

Da sich Jäger, Treiber und Hunde bereits verlaufen hatten und es daher mit dem Jagdsport für heute zu Ende war, so wollten wir, ins Camp zurückgekehrt, den Rest der Zeit noch dazu verwenden, im Fluss dem Fischfang zu obliegen. Es war nicht eben eine schöne Art des Fischereisports, die wir hier ausübten. Wir wendeten nämlich Dynamit an, was jeder unserer rationellen Fischer mit Recht perhorresciert haben würde, allein uns handelte es sich vorzugsweise darum, zu ergründen, ob sich überhaupt Fische im Fluss befänden und, wenn dies der Fall, welche Arten. Auch hatten die Eingeborenen berichtet, der Fluss enthalte Krokodile. So war denn Dynamit das schnellste und sicherste Mittel, über diese Fragen klar zu werden.

Der Fluss wurde auf einige hundert Schritte stromabwärts mit einem Netz abgesperrt; dann gingen die holländischen Herren daran, die Dynamitpatronen zu adjustieren, wobei ihnen mein Jäger als ehemaliger Unteroffizier des Geniekorps mit Rat und Tat beistehen musste. Mit der größten Seelenruhe hantierten sie mitten unter uns in der Speisehütte mit Dynamit und Zündschnüren, und nachdem sie, ohne dass die mit Recht gefürchtete Explosion eingetreten wäre, alles vorbereitet hatten, wurden die Patronen nach Entzündung der Schnur in den Fluss geschleudert. Die Explosion erfolgte alsbald, aber vorläufig ohne den gewünschten Erfolg; denn an der Oberfläche des Wassers erschien kein Fisch.

Wir, ich und einige Herren, hatten uns mittlerweile auf ein Fahrzeug verfügt, welches aus zwei durch Bambus verbundenen Kanus hergestellt war, und erwarteten, auf Fische zu stoßen. Indem wir uns vermaßen, das Fahrzeug mit Hilfe von Bambusstöcken selbst zu lenken, spielten wir eine klägliche Rolle, da unser Doppelboot entweder in drehende Bewegung geriet oder mit lautem Krach an das Ufer anfuhr, so dass wir die allgemeine Heiterkeit derauf dem Land zurückgebliebenen Eingeborenen erregten. Fische fingen wir nicht, dafür aber fiel Clam mitten im eifrigsten Rudern an einer sehr tiefen Stelle kopfüber ins Wasser und kam mit dem Haupt unter ein Kanu, wurde aber mit vereinten Kräften dem Strom wieder entrissen.

Nach diesem Intermezzo hielten wir es für ratsamer, unsere nautischen Fähigkeiten nicht länger zu erproben, sondern schifften uns aus, um die weiteren Effekte des Sprengmittels vom Land aus zu beobachten. Da längere Zeit hindurch kein Wassertier im Fluss sichtbar geworden war, kehrten wir endlich heim. Eine halbe Stunde später brachte uns ein Eingeborener einen Korb voll toter Fische und erzählte, es seien viele Hunderte Fische den Fluss hinabgeschwemmt worden, ohne dass man ihrer hätte habhaft werden können, da die mit dem Netz versehenen Leute sich bereits entfernt hatten. Meine Kenntnisse auf dem Gebiete der Ichthyologie genügten leider nicht, um die dem Dynamit zum Opfer gefallenen Exemplare näher zu bezeichnen. Einer der Fische von auffallend roter Färbung der Schuppen schien mir möglicherweise als Barbe klassifiziert werden zu können.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 20.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Widerspänstige“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Carmen“ aufführt.

Sindangbarang — Tjipandak, 19. April 1893

Eine Folge des uns wenig willkommenen Ramelanfestes war leider, dass wir am Morgen unsere Pferde absolut nicht bekommen konnten und weder Pferdewärter, noch Kulis, noch Dorfälteste zu finden waren; alles ergab sich nach den Freuden des gestrigen Tages noch der Ruhe und wir wurden, obgleich um halb 5 Uhr morgens bereit, doch erst gegen 6 Uhr in Sindangbarang flott. Schlaftrunken bewegte sich die Karawane dem Meere zu.

Der Ritt in dem weichen Sand der Düne war dadurch reizvoll, dass uns die vorgeschriebene Route beinahe unausgesetzt längs der Küste führte, und wir so das weite, blaue Meer mit seinen mächtigen, ans Ufer anprallenden Wogen zur Rechten, die grünen Hügel der Küste zur Linken hatten. Der Morgen war vor Sonnenaufgang angenehm kühl, und zudem erfrischte uns und unsere Pferde der feine Wasserstaub, den die Brandung aufwarf; nach zwei Stunden nahm die Flut immer mehr zu und oft schlugen die Ausläufer der Wellen unter den Füßen unserer Pferde durch. Die gewaltige Brandung an der Südküste Javas, an die sich die riesigen Wogen der offenen See heranwälzen, um sich hier an einem unüberwindlichen Walle schäumend zu brechen, ist eines jener erhabenen Naturbilder, welche das Auge nicht müde wird zu schauen, welche das Gedächtnis auf immer dar bewahrt. Gewaltig, unermesslich, heilig ist die Macht der Elemente; wie schwach und klein dagegen der Mensch!

Tausende von Krabben liefen auf dem warmen Sand hin und her, auf dem wir große Stücke porösen Bimssteines fanden, welche von der See ausgeworfen, vom Ausbruch des Krakatau im Jahre 1883 herrühren sollen.

Bei dem Kadaver eines gefallenen Pferdes beobachtete ich einen Seeadler mit ganz weißer Brust und gleichfarbigem Kopf: später sah ich ein zweites Exemplar auf einer dürren Palme sitzen.

An einer Stelle verwehrten Felsen den Pfad an dem Strand, so dass wir mit einem Umweg tiefer ins Uferland zogen; doch auch hier stellte sich uns noch manches Hindernis entgegen, vor allem der ziemlich breite Tji Udjong (Oedjong), der sich in solchen Windungen fortbewegte, dass wir ihn auf einer ganz kurzen Strecke dreimal überqueren mussten; das erste Mal mittels einer improvisierten Fähre, auf welcher auch die Pferde einzeln verladen wurden; die beiden anderen Mal watend, wobei wir ziemlich tief ins Wasser kamen. Ein besonders störrisches Pony sprang von der Fähre in den Strom, schwamm aber lustig an das andere Ufer, so dass dieses Intermezzo keinen anderen Nachteil hatte, als dass der Reiter des Pony sich in einen von Wasser triefenden Sattel setzen musste.

Das Durchwaten des Flusses bot zumal bei der Tiefe des Wassers ein hübsches Bild: als erster ritt stets der ortskundige Führer hindurch; dann folgte ich auf meiner Schimmelstute, die sich übrigens im Wasser sehr vernünftig benahm, hierauf kamen die anderen Herren und zum Schluss der Jägertross auf den Ponys, die sich teils schwimmend, teils strampelnd fortbewegten und manchmal nur mehr den Kopf außer Wasser hatten.

Wir wurden zwar bei jedem derartigen Übergang ganz durchnässt, betrachteten dies jedoch als angenehmes Bad, da große Hitze herrschte; die Sonne meinte es recht gut, senkrecht sandte sie ihre sengenden Strahlen auf uns herab. Das war heute einmal eine der äquatorialen Zone würdige Temperatur!

Abermals am Gestade des Meeres, bogen wir endlich nach einem Ritt von 20 km nach Norden und standen dann binnen kurzem vor dem Camp in Tjipandak, das uns die nächsten Tage über beherbergen sollte. Etwas Wohnlicheres und Gemütlicheres konnte man nicht finden, und mit lauten Ausrufen der Freude und des Entzückens begrüßten wir Herrn Borrel, einen Freund Kerkhovens, der einige Tage vor uns hieher geeilt war, um dieses Lager zu schaffen. An dem Ufer des blau schimmernden Tji Pandak, der einem Gebirgsstrom ähnlich rauscht, lagen zwischen grünen Bäumen die Hütten, welche aufs luftigste ganz aus Bambus gebaut waren, während Palmenblätter die Wände und das Dach bildeten. In der Mitte des Camp stand auf Pfählen unter einem Palmendach eine Art Plattform, die uns als Speiseraum dienen sollte, rechts davon befand sich meine Behausung, links jene der Herren meiner Suite; im Hintergrund lagen Hütten, welche für Hodek und die Diener bestimmt waren. Für die Pferde war durch offene Ställe vorgesorgt. Vor dem Camp erhob sich im Wasser eine kleine Hütte, um das Baden auch im Sonnenbrand zu ermöglichen, ohne dass man Gefahr lief, vom Sonnenstich getroffen zu werden.

Das war alles, aber auch das Richtige für ein Lager im Urwald. Herr Borrel hatte mit vollem Verständnis für die Sachlage den klimatischen und lokalen Verhältnissen Rechnung getragen und jeden unnötigen Komfort bei Seite gelassen; man konnte hier eigentlich ganz im Freien leben, war aber gegen die Sonne doch geschützt und genoss in der Nacht, insbesondere dank der Nähe des Flusses, angenehme Erfrischung.

So gedenken wir denn in unserem kleinen Tal, von der Welt abgeschnitten, in wahrhaft idyllischer Weise zu leben; die Stunden, die nicht der Jagd gewidmet sind, wollen wir plaudernd und ruhend in der Speisehütte verbringen, um ab und zu in die Fluten des Gebirgsflusses zu tauchen, der mit seinem klaren, kühlen Wasser ein köstliches Bad spenden und uns laben soll; da soll uns keine Post, kein Telegraph, keine schnaubende Lokomotive die wohltuende Ruhe stören. Sei mir gegrüßt, jungfräuliche Natur, die du uns hier lieblich umfängst! Heute noch sollte gejagt werden. Das Ziel meiner Wünsche war nämlich, einen Banteng zu erlegen und dessen prachtvoll gehörnten Kopf als Trophäe heimzuführen. Stellt doch der auf den indischen Inseln, dann in Siam und Birma in Herden lebende Banteng (Bos sondaicus) die größte aller Arten des wilden Rindes der Jetztzeit dar. Herr Borrel meldete, dass alles bereit sei und stellte sich auf einem Sandelhout-Pony als Führer an die Spitze des Zuges. In der Nähe des Lagers waren ganz frische Fährten von Bantengs gefunden worden, und so sollten denn dort zwei Triebe gemacht werden. Der Weg zum Platz war für die Pferde abermals sehr anstrengend, da wir sehr steile Lehnen zu passieren hatten und den Fluss an drei Stellen durchwaten mussten; die ersten beiden Übergänge gingen ganz gut vonstatten; beim letzten aber kamen wir so tief in das reißende Wasser, dass die kleinen Pferde nur mit Mühe hindurchkamen.

Die Gegend, in der wir jagen wollten, trug einen anderen Charakter als jene, die wir bisher durchzogen hatten. Die Formation war allerdings dieselbe; doch war hier das von Tälern durchschnittene und von Schluchten erfüllte Höhenland nicht mehr gleichförmig mit Wald bedeckt, sondern wies zwischen vereinzelten Waldstreifen ausgedehnte, mit Alanggras bewachsene, grüne Flächen auf; offenbar hatten hier vor Zeiten große Waldbrände gewütet und den Boden an zahlreichen Stellen freigelegt.

Dieser Landstrich bildet den Lieblingsaufenthalt der Bantengs. welche tagsüber in den Dickungen der Wälder weilen, gegen Abend jedoch auf jene Stellen hinausziehen, wo das Alanggras junge Triebe zur Äsung bietet. Die einzig mögliche Art, hier auf Bantengs zu jagen, ist das Treiben, da an ein Pürschen in den undurchdringlichen Dickungen nicht zu denken ist. Nach Ablauf der Regenzeit, also anfangs Mai, zünden die Eingeborenen all die trockenen Alangflächen an, so dass dann das Wild in einer Waldparzelle leicht abzuspüren und zu bestätigen ist, und Triebe sofort unternommen werden können. Leider fiel meine Anwesenheit auf Java noch in die Regenzeit, weshalb denn das Jagen zu dieser Zeit überall durch den hohen Stand des noch grünenden Alanggrases ungemein erschwert war. Das Abspüren von Wild war fast unmöglich und selbst Wild, welches aus der Dickung hervorbrach, in dem hohen, dichten Gras nur in der Entfernung weniger Schritte sichtbar — stand doch das Alanggras an vielen Stellen so hoch, dass in ihm nicht einmal ein Pferd gesehen werden konnte, ja die Spitzen der Grashalme mitunter sogar über den Kopf des Reiters hinaus emporragten.

Die Triebe auf Bantengs werden in der gegenwärtigen Epoche auf folgende Weise durchgeführt: die Treiber umstellen eine Dickung und bilden eigentlich nur Abwehren, indem sie nach dem Hebschuss mit ihren Bambusklappern kolossalen Lärm verursachen, während einzelne Jäger auf den Wechseln eindringen und, sobald sie eine Fährte gefunden haben, die Hunde lösen, worauf diese alsbald Laut geben und das Wild auftreiben. Ist nun diese Methode nicht von Erfolg begleitet, so werden, soweit möglich, auch die Wehren zum Vorgehen beordert, was jedoch bei der in den südlichen Gegenden allüblichen Art zu jagen, mit wenig Erfolg geschieht.

Unordnung, Lässigkeit und Zeitversplitterung seitens der Treiber machten sich leider auch heute recht bemerkbar; bei systematischem, korrektem Treiben müsste es meiner Ansicht nach nicht allzu schwer fallen, Bantengs zu erbeuten. Allerdings würde dann diese seltene Spezies bald ausgestorben sein; denn offenbar ist es nur der Mangelhaftigkeit des Jagdbetriebes zu verdanken, dass heute so mächtige wilde Rinder überhaupt noch nicht völlig ausgerottet sind.
Als oberster Leiter unserer Jagden fungierte ein mohammedanischer Priester (Hadschi), der hier als der tüchtigste Sachkundige in Jagdangelegenheiten gilt und sich auch nach Kräften der Sache angenommen hatte.

Der erste Trieb war zu Ende gegangen und völlig resultatlos verlaufen. Ursprünglich bestand die Absicht, dem ersten Triebe einen zweiten folgen zu lassen, doch glaubte Herr Kerkhoven davon absehen zu sollen, da in dem Trieb Wild bereits flüchtig gespürt worden war, so dass keine Hoffnung bestand, bei einem neuerlichen Versuche besseren Erfolg zu erzielen. So kehrten wir denn, den Fluss wieder dreimal überquerend, in unsere Palmenhütten heim, wo unser ein von einem javanischen Kochkünstler bereitetes Mahl wartete, nach dessen Beendigung wir zu früher Nachtstunde unser Lager aufsuchten.

Ich schlief bereits fest, als ich plötzlich durch lautes Geräusch geweckt wurde, da in unmittelbarer Nähe meines Lagers eine Tierstimme ertönte. Aufspringend wurde ich des Tieres, dessen Laute mich so jäh geweckt hatten, alsbald gewahr. Es war ein Gecko, eine jener großen Eidechsen, deren brüllender Ruf dem Neuling wohl den Glauben beibringen kann, es schreie ein großes Tier. Der Feuerschein einiger Zündhölzchen, die ich rasch in Brand gesetzt hatte, verscheuchte den Störefried, welcher in dieser Nacht nicht wieder zum Vorschein kam.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 19.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der fliegende Holländer“ aufführt.

Tanggeng — Sindangbarang, 18. April 1893

Auf den heutigen Tag, den ersten des Monates Sawal nach dem Ende des Fastenmonates Ramelan (Ramasan) oder Pasa, fiel das Idul-Fitr-Fest der Javanen. Dieser Tag, — Garebeg Puwasa-Tag — welcher von den Eingeborenen als Neujahrstag betrachtet wird, wurde uns im Lauf des heutigen Ritts dadurch ersichtlich, dass allenthalben in den kleinen Ansiedlungen, die wir zu passieren hatten, Musik ertönte und Feststimmung vorherrschte.

Nach langem, erquickenden Schlaf brachen wir auf, um zunächst einen Berg auf einem Weg zu erklimmen, dessen Steilheit jener unserer Gebirgspfade nicht nachstand. Der Himmel hatte sich völlig geklärt, die Sonne stand hoch und wir genossen während des Aufstieges eine wunderbare Aussicht empor zu unzähligen Bergspitzen und Vulkanen, niederwärts zu den Hügelketten und Tälern des Umkreises; ein großer Teil der Residentschaft der Preanger Landschaften, ein herrliches Stück Westjavas lag uns vor Augen und zu Füßen.

An dem vollen Genuss dieses entzückenden Panoramas behinderte uns allerdings zuweilen die Sorgfalt, die wir auf dem schwierigen Terrain unseren Pferden zuwenden mussten; denn der Regen des verflossenen Tages hatte die an den steilsten Wegstellen in die Berglehne geschlagenen Stufen so überaus glatt und schlüpfrig gemacht, dass unsere Pferde nur mit der äußersten Anstrengung hinaufklettern konnten. Endlich waren wir mit Mühe auf dem Kamm angelangt, der die Grenzscheide der Distrikt Djampang wetan und Tjidamar bildet, und wurden hier von dem Chef des Distrikts Tjidamar mit vielen Bücklingen begrüßt.

Unsere sehr ermüdeten Pferde bedurften kurzer Rast, worauf es auf einem verhältnismäßig guten Weg bergab, bergauf weiter ging. Das Landschaftsbild übertraf an Schönheit selbst jenes, welches tagszuvor unser Entzücken wachgerufen hatte. Das war echter tropischer Urwald, in dem ein malerisches Bild das andere verdrängte; ein jedes aber war reizend und eigenartig. Hier säumen hohe Baumriesen den mit dichtem Rasen bekleideten Pfad ein; dort schießt wucherndes Unterholz auf einer Rodung empor; dann umfängt uns wieder dichter, viele Meilen Landes bedeckender Hochwald, in seinem Schoße dem Wilde Schlupfwinkel bietend, welche für den Jäger unerreichbar sind. Ob Baum, ob Strauch, Kraut oder Moos, hier war jede Pflanze üppig und schön, die Mannigfaltigkeit der den Boden schmückenden Gewächse
unerschöpflich. So bildete allein der Stamm eines abgestorbenen Baumes den Keimboden und Wurzelgrund für zwanzig der verschiedensten Pflanzenarten. Wir waren sämtlich darin einig, dass die Vegetation auf Java selbst das herrliche Pflanzenkleid Ceylons, geschweige andere Florenreiche Indiens, in jeder Hinsicht weitaus übertrifft.

Die Armut der Vogelwelt fiel uns auf, denn außer einigen Columbiden sowie einzelnen ganz kleinen Nektarinen sah ich nur noch einen großen Nashornvogel.

Von einer Ansiedlung an, bei welcher die Pferde gewechselt wurden, fiel der Weg ziemlich scharf gegen die Südküste Javas sowie gegen das nahe dem Meeresstrand gelegene Sindangbarang ab, und nun sahen wir zwischen den Bäumen tief unter uns das weite, blaue Meer schimmern und konnten deutlich die weiße Linie der starken Brandung unterscheiden.
Der Abstieg erfolgte meistenteils zu Fuß, wobei wir die Pferde am Zügel nachführten. Dann übersetzten wir den tiefen Fluss Sadea, was sehr rasch vor sich ging. obgleich in den kleinen Bambuskähnen, die wir hier benützten, stets nur je ein Pferd Platz fand.

Noch 7,5 km in ebenem Terrain, dem Ufer des Flusses entlang, und wir hatten ein kleines Rasthaus im Distriktsort Sindangbarang erreicht, das, umgeben von einer Ansiedlung, im Schatten mächtiger Bäume lag und bestimmt war, uns nach den Mühen des langen Ritts ersehnte Herberge zu bieten. Auch unseren Pferden schien die Rast willkommen zu sein; hatten sie doch 28 km in so ermüdendem Terrain zurückgelegt, dass sie zu Ende des Ritts angetrieben werden mussten und unaufhörlich gestolpert waren.

Obgleich Sindangbarang noch ungefähr 20 Minuten von der Seeküste entfernt ist, hörte man doch im Rasthaus das Brausen der brandenden See. Gegen Abend ging ich mit den Herren meiner Suite in der Absicht, etwa ornithologische Beute zu machen, bis an den Strand, wo wir uns an dem Anblick der mächtigen Brandung, die wie bei Ostende oder Helgoland über ganz flachen Sand hinschäumt, erfreuten. Doch genügte uns auf die Dauer die Betrachtung der Salzflut nicht und so liefen Clam und ich ohne Weiteres in die mannshohen Wellen und nahmen ein erquickendes, herrliches Duschbad. Die anderen Herren folgten bald unserem Beispiele und nun standen wir alle in den verschiedensten Kostümen auf dem Strand, um uns von den schaumenden Wellen überspülen zu lassen, was nach der Hitze des Tages außerordentlich angenehm war. Unsere Gewänder, die wir nicht abgelegt, hatten freilich bedeutenden Schaden erlitten, so dass wir unter allgemeiner Heiterkeit und allerlei Kurzweil in ziemlich mangelhafter Bekleidung in das Rasthaus zurückkehrten.

Dem großen Ramelanfest zu Ehren war abends im Dorf allgemeiner Spektakel, so dass ich, um meine Kenntnisse der Sitten und Gebräuche auf Java zu vermehren, noch einen längeren Rundgang machte; doch bot dieser nicht viel Neues oder Bemerkenswertes. Einige eingeborene Damen bearbeiteten wieder, im Takt singend oder eigentlich heulend, mit Bambusstäben einen ausgehöhlten Baumstamm, während sich in der Nähe große Menschengruppen um ein Wajang drängten. Dieses Wajang, welches mich lebhaft an ein ins Javanische übertragenes „Wursteltheater“ erinnerte, war dem Schattenspiel, das wir in Garut gesehen hatten, ziemlich ähnlich.

Noch bis spät in die Nacht hörte man die eintönigen Schläge des Gong und die melancholische Musik des Gamelang ertönen, was nicht zur Beförderung des allen so notwendigen Schlafes beitrug und uns weniger Äußerungen des Beifalles als solche des Unmuts entrang.

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  • Ort: Sindangbarang, Indonesien
  • ANNO – am 18.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Journalisten“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Robert der Teufel“ aufführt.

Tjiandjur—Tanggeng, 17. April 1893

Mit dem heutigen Tag begann die Jagdexpedition nach Tjipandak, welche uns durch die Urwälder der Preanger Landschaften führen sollte. Schon vor 5 Uhr morgens wurde Reveille geblasen, und bald darauf ging der Extrazug ab, der uns binnen einer halben Stunde nach Tjibeber brachte. Hier hieß es von unseren bisherigen Begleitern und dem Residenten Abschied nehmen und uns der Führung Herrn Kerkhovens sowie des Barons van Heeckeren van Walien, der beiden Hauptarrangeure der Jagden, anvertrauen, welche uns mit den Pferden erwarteten, deren wir uns von hier aus bedienen sollten. Nachdem Sattelung und Zäumung untersucht worden waren, setzte sich die Karawane in Bewegung; das nötige Gepäck war schon tagszuvor durch Kulis vorausgeschickt worden.

Unsere Cavalcade war recht eigentümlich zusammengestellt und hätte wohl manchem europäischen Beschauer ein Lächeln entlockt. An der Spitze des Zuges ritt ein einheimischer Beamter mit zwei Dorfräten auf ganz kleinen Ponies; dann kam ich mit den Herren der Begleitung, wir alle in den „tropischesten“ Kostümen auf vorzüglichen, von den beiden Pflanzern beigestellten Pferden; die Queue der Kolonne bildeten unsere Diener, deren mehrere heute zum ersten Mal zu Pferd saßen und sich auf ihren zappelnden Sandelhout-Ponies recht komisch ausnahmen, ferner Hodek und sein Gehilfe, sowie eine große Schar von Dorfräten mit goldverzierten Hüten und in halb holländischer, halb javanischer Adjustierung.

Bei sehr schönem, verhältnismäßig nicht warmem Wetter ging’s im Gänsemarsch dem Gebirge zu. Da wir anfangs eine kleine Ebene durchritten, hätte ich gerne einen Trab angeschlagen; doch wies Herr Kerkhoven darauf hin, dass das coupierte Terrain, in dessen Bereich wir demnächst gelangen sollten, den ganzen Tag hindurch nur Reiten im Schritt gestatte. Diese Perspektive entzückte mich umso weniger, als wir einen langen Marsch von 47 km zurückzulegen hatten. In der Tat begann nach kurzer Zeit der Weg steil bergan zu gehen; die Straße wurde steinig und für unsere Pferde recht schwierig.

Im Lauf des Tages fanden wir für das unausgesetzte Reiten im Schritt in der Pracht der Gegend, welche wir durchzogen, reichliche Entschädigung. Die einförmigen Reisfelder der Ebene hatten ein Ende genommen und eine Vegetation ganz anderen Charakters umfing uns. Wo sich nicht Kaffee- oder Chinabaum-Plantagen befanden, ragte herrlicher Urwald auf. Hinter uns lag die Kultur, vor uns die Natur! Da standen zu beiden Seiten der Straße himmelhohe Rasamala-Bäume (Altingia excelsa, zur Familie der Hamamelideen gehörig), deren bis zu 45 m emporwachsende Stämme nächst dem Teak-Baume das beste Zimmerholz liefern; Palmen aller Arten; Bananen und Banianen; Urostigma-Arten(Urostigma religiosum, altissimum); allerlei niedere Unvaldbäume, wie Ficus valida, obovata, javanica und Myristica-Arten; dichte Gruppen von Bambusaceen u. s. w. Dazwischen wuchern auf das üppigste kraut- oder baumartig alle erdenklichen Farne und in reichster Blütenpracht und in hunderterlei Formen Orchideen, malayisch Angrek genannt. Hier sah ich zum ersten Mal solche Pflanzen im Freien blühen und schwelgte in dem Anblick der fast überreichen Fülle zauberhaft schöner Blüten.

Der Weg schlängelt sich unablässig bald über Höhen, Kämme. Sättel hinab in grüne Täler, bald steil empor zu schroffen Bergen; die Straße scheint trotz ihrer Breite nie von Wagen befahren, sondern nur von Reitern und Fußgängern benützt zu werden. Die Erhaltung der Straße ist wegen der bedeutenden Steigungen und der starken Regengüsse dieser Zone eine außerordentlich schwierige; alle 4 m bis 5 m steht ein mit einer Nummer versehener Stein, der je die Strecke bezeichnet, welche partieweise von den Bewohnern der nächstgelegenen Dörfer zu erhalten ist.

Von Zeit zu Zeit erblickt man, insbesondere wo Plantagen nahe sind, kleinere Ansiedlungen, die, ganz aus Bambus gebaut, einen netten, freundlichen Eindruck machen und der vielen Regen halber fast ausnahmslos auf Pfählen angelegt sind. Trotz der Wildnis, in der wir uns befanden, waren Ausläufer der Kultur auch schon in diese Dörfer gedrungen; Beweis dessen, dass ich in einem der Häuser eine Singer-Nähmaschine vorfand!

Die Bevölkerung dieses Gebietes scheint noch devoter zu sein als jene im nördlichen Teil; denn schon in großer Entfernung von uns nahmen hier alle, ihre Ehrfurcht zu bezeigen, die übliche hockende Stellung ein, wobei Kopf und Blick gesenkt gehalten wurden, als sei niemand würdig, uns in das Antlitz zu sehen.

Ich ritt auf dieser Tour einen alten, aus Australien importierten Schimmel Namens „Ratu“, der mich trotz seines hohen Alters in einer Art Schnellschritt in 4 1/2 Stunden zu den Cinchona-Plantagen in Sukanagara (Soekanagara) brachte. Hier lud uns der Administrator Herr Vlooten ein, in seinem sehr nett eingerichteten, ebenerdigen Haus bei einem Frühstück zu rasten. Mit großem Vergnügen nahm ich das freundliche Anerbieten an und verweilte eine halbe Stunde in dem Herrenhaus zu Sukanagara, in dem ich zu meinem Erstaunen auch einen Ofen vorfand. Auf mein Befragen erklärte mir Herr Vlooten, es sei hier in 877 m Höhe über dem Meer besonders des Morgens im August zuweilen so kühl, dass er sich gezwungen sehe, zu heizen. So nahe am Äquator hatte ich dies nicht für möglich gehalten!

Wieder im Sattel, traten wir, die ausschließlich mit Cinchona bebaute, ziemlich ausgedehnte Plantage hinter uns lassend, in den Urwald ein. Wir hatten in Sukanagara Pferde gewechselt und ich ritt nun eine zierliche, von Baron van Heeckeren gezogene Vollblutstute, die früher auf der Rennbahn manchen Preis davongetragen hatte.

Kaum im Wald, wurden wir an die noch herrschende Regenzeit durch einen heftigen Guss erinnert; zuerst fielen schwere Tropfen und endlich ging ein tüchtiges Gewitter nieder, welches durch seine Wucht im Verlauf einer halben Stunde alle Rinnsale, Bäche und Flüsse so anschwellen ließ, dass wir nur mit aller Mühe zwei sonst ganz harmlose Flüsschen zu passieren vermochten. Das erste Wässerchen, der Tji Djampang, konnte eben noch durchritten werden, obgleich die hochgehenden Wellen beinahe über uns und den Pferden zusammenschlugen: beim zweiten, dem Tji Lumut, war an ein Durchreiten nicht mehr zu denken; wir mussten uns auf einem Bambusfloß übersetzen lassen, während die Pferde, am Zügel gezogen, die Strömung durchschwammen.

Ich bemerkte hier zwei große schwarze Affen von der Art, welche die Javanen Budeng nennen (Semnopithecus maurus), in dem Geäst eines hohen Baumes, woselbst die langschwänzigen Vierhänder Schutz vor dem Wetter gesucht hatten. Die Regenströme weichten den Weg auf, der lehmige Boden wurde äußerst glatt und für die Pferde schwierig, so dass wir nur langsam fortkamen. Der Urwald hatte nun stellenweise aufgehört und holzfreien Lehnen und Bergabhängen Platz gemacht, die mit Alang dicht bewachsen waren.

Gegen Abend passierten wir noch auf einer hohen, gedeckten Brücke den Tji Buni (Boeni), der wie einer unserer heimatlichen Gebirgsflüsse schäumend über die Felsen toste und sich endlich in einer engen Klause unseren Blicken entzog. An dem jenseitigen Ufer winkte mitten aus dem Grünen das Dörfchen Tanggeng entgegen, wo uns das Gouvernements-Bungalow, malayisch Passang Rahal, eine Herberge für Regierungsbeamte, die Nacht über aufnehmen sollte. Gamelang-Musik ertönte am Eingange des Ortes, während eine Schar von Dorfschönen der Freude über unsere Ankunft dadurch Ausdruck gab, dass sie lachend und singend mit Bambusstäben auf einen hohlen Holzklotz loshieb, demselben auf diese Art brummende Weisen entlockend.

Dieses Rasthaus ist ebenfalls nur aus Bambus gebaut und hatte gerade Raum genug für unser sechs — mich, Wurmbrand, Prònay. Clam, Kerkhoven und Heeckeren — während das Gefolge auf der Veranda übernachten musste; hinter dem Haus sind einfache Stallungen für Pferde angebracht.

Wir vertauschten unsere völlig durchnässte Kleidung mit trockenen Gewändern, nahmen ein frugales Mahl und saßen rauchend noch durch kurze Zeit auf der Veranda, während aus der Ferne die an unsere südslavische Musik erinnernden Töne des Gamelang erklangen. Dann ging es, da wir einen starken Marsch hinter uns hatten, zu Bette. Das eintönige Zirpen einer großen javanischen Heuschrecke und das leise Summen einer Unzahl von Käfern, Schmetterlingen und anderen Insekten, die alle im Hause Schutz vor dem Regen gesucht hatten, wiegten uns in erquickenden, wohlverdienten Schlummer.

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  • Ort: Tanggeng, Indonesien
  • ANNO – am 17.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die neue Zeit“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Cavalleria Rusticana“ aufführt.

Tjiandjur, 16. April 1893

Auch dieser Regent wollte mir ein Jagdvergnügen verschaffen. Er lud mich daher zu einer Hirschjagd in seinem Privat-Lieblingsrevier Panumbangan (Panoembangan) ein. Tjiandjur lag noch im Schlaf, als wir das Städtchen verließen: nur hie und da wurde ein Chinese sichtbar, der sich anschickte, seinen Kaufladen zu öffnen. Doch die unermüdliche Eskorte war schon auf dem Platz und begleitete uns in flottem Galopp. welcher nun allerdings wieder manchem der Herren schlecht anschlug: denn nach den ersten paar Paals (Pfahl; 1 Paal = 1506.9 m) hatte sich die früher bedeutende Anzahl der Reiter auf ein Minimum reduziert, da sich einige von ihren Rossen getrennt hatten, andere aber ihre Gäule absolut nicht an den am Weg liegenden Häusern vorbeizusteuern vermochten.

Wir benützten diesmal nicht wie bei früheren Gelegenheiten eine große Staatskarosse, sondern einen ganz leichten, mit einem Dach versehenen Jagdwagen, der zwar rascher von der Stelle kam, dagegen aber den großen Nachteil hatte, dass er nur für die kurzen Beine der Eingeborenen berechnet war und wir daher äußerst unbequem saßen.

Zuerst ging’s in der Ebene durch ein mit vielen Ortschaften besiedeltes Tal fort, in dem zahlreiche Reisfelder sichtbar waren; dann bogen wir in nordöstlicher Richtung ab und erreichten ein gebirgiges Terrain, das neben vereinzelten Plantagen zumeist Alang-Savannen und Waldungen aufwies.

In dem gebirgigen Terrain kamen wir natürlich, obschon unsere Ponies eifrig ausschritten, weit langsamer vorwärts als zuvor in der Ebene; manche Steigung konnte nur mit Hilfe einer ganzen Heerschar von Kulis überwunden werden, die sich, während die Kutscher schrien und mit den Peitschen knallten, hinter jedem Wagen schiebend, stoßend, zerrend drängten.

Eigentümlich waren die vielen Bambusbrücken der durchfahrenen Strecke. Flüchtig besehen, machen diese filigranartigen Bauten einen keineswegs sehr vertrauenerweckenden Eindruck; denn die Unterlagsbalken bestehen nur aus etwa 30 cm starken Bambusstöcken, während
die Querbalken noch weit dünner sind. Pfeiler gibt es nicht; stets schwebt die Brücke frei über dem Tal oder über dem Fluss an Bambusstricken, die auf beiden Ufern an Bäumen befestigt sind; solide Brückenstreu fehlt ebenfalls; sie wird durch ein Geflecht aus Bambusfasern ersetzt, das einer Matte ähnelt. Fährt nun ein Wagen über eine solche Brücke, so schwingt und knarrt das ganze Machwerk sehr bedenklich, obschon dem elastischen Material große Tragkraft nachgerühmt wird. Der niederländische Resident schien allerdings anderer Meinung zu sein und den Brücken in seiner Residentschaft kein allzugroßes Vertrauen entgegenzubringen; denn er bewog uns wiederholt, den Wagen zu verlassen und Brücken zu Fuß zu passieren. Sehr naiv benahmen sich in solchen Fällen die Kulis; in der Meinung, hiedurch die Belastung der Brücke zu vermindern, trugen etwa 50 solcher Bursche den Wagen hinüber.

Nach dreistündiger Fahrt kamen wir endlich mit unseren ganz erschöpften Pferden bei dem zierlich aus Bambus gebauten Jagdhause des Regenten an. Der freundliche Hausherr bot uns zunächst einen Imbiss an, um während der Zeit, welche die Mahlzeit in Anspruch nahm, noch die letzten Vorbereitungen mit den Jägern besprechen zu können.

Auf einer Berglehne erblickten wir eine unzählbare Treiberschar, die, schön ausgerichtet, vom Tal an bis zu der Höhe des Berges empor aufgestellt war. Die Jagdgelegenheit zeigte sich diesmal als eine baumlose, mit hohem, dichtem Alanggras völlig bewachsene Hügelkette, welche gegen uns zu durchgetrieben werden sollte. Längs eines Fußweges, der sich die Lehne hinanzog, wurden uns die durchwegs aus Bambus gefügten Hochstände angewiesen, welche Ausschuss in das Grasdschungel boten. Die guten Leute hatten meinen Hochstand mit gekreuzten schwarz-gelben und rot-weißen Flaggen geschmückt. So sehr ich über diese Aufmerksamkeit gerührt war, bat ich doch, die Fahnen zu entfernen, da sie das Wild wohl verscheucht hätten.

Ich nahm den äußersten Stand am rechten Flügel ein; an mich anschließend waren die anderen Herren der Begleitung verteilt. Auf ein Zeichen des Regenten hin begann nun der Trieb mit einem furchtbaren Lärm der Treiber, welche von allen Hügeln konzentrisch gegen unsere Stände vorzugehen hatten und hiebei auf Klappern aus Bambus lustig loshieben, was sich wie ein Pelotonfeuer in der ganzen Linie fortpflanzte. Merkwürdigerweise ging der Trieb, obwohl sehr langsam, doch in Ordnung vor sich.

Gleich zu Anfang des Triebes sah ich ein Tier und ein Kalb in großer Entfernung vorüberwechseln; nach kurzer Zeit kamen sie, etwas näher, in voller Flucht zurück, wobei es mir gelang, das Tier zu erlegen. Als die Treiber sich auf ungefähr 800 Schritte genähert hatten, zeigten sich ein starkes Tier und ein Spießer, die auf meine Schüsse nach einigen Fluchten verendend zusammenbrachen. Endlich — die Treiber waren schon knapp beim Stand — wurde aus einem kleinen Rohrdickicht ein guter Hirsch flüchtig, der gerade die Richtung auf mich zu nahm und von mir getroffen im Feuer roulierte.

Von den anderen Schützen war leider nichts erlegt worden; Wurmhrand hatte vergeblich auf weite Distanz nach einem Tier geschossen, während bei einem anderen der Herren Wild schon aus dem Trieb flüchtig wurde, als der Schütze eben bei seinem Stande anlangte. Das Sechsergeweih des von mir erlegten Hirsches war leider noch im Bast. Die Hirsche in Java sowie jene in Indien scheinen keine bestimmte Abwurfzeit zu haben; denn zu gleicher Zeit kommen Hirsche mit ganz verschlagenem Geweihe, Hirsche im Bast und solche mit abgeworfenen Stangen vor.

Über die Ursachen des geringen Ergebnisses der Jagd befragt, erklärten die eingeborenen Jäger den gegenwärtigen Zeitpunkt als einen für die Hirschjagd besonders ungünstigen, da jetzt des reichlich gefallenen Regens halber das Gras noch viel zu hoch stehe, was das Abspüren des Wildes und das Jagen wesentlich erschwere.

Übrigens ist das größere Wild in ganz Java schon stark abgeschossen; die Jagd ist frei, die vornehmen Javanen sind eifrige Jäger und allenthalben wird unbarmherzig alles beschossen, dessen man ansichtig wird. Für die Menge Wildes, welche die Insel einst besessen hat, spreche das Folgende: als vor 25 Jahren ein neuer niederländischer Resident in eine der Provinzen Mitteljavas gekommen war, gab ihm der eingeborene Regent eine Jagd, bei welcher an einem Tage 1200 Stück Hochwild zur Strecke kamen. Dieses Faktum wurde mir von einem Augenzeugen berichtet, der mir nebstbei erzählte, dass jene Gegend wochenlang ganz verpestet gewesen sei, da aus Mangel an Arbeitskräften das erlegte Wild nicht weggeschafft werden konnte, sondern an Ort und Stelle liegen gelassen werden musste.

Nach Beschluss der Jagd kam die ganze, über 2000 Mann zählende Treiberschar zu meinem Stand geströmt und brach auf ein Zeichen des Oberjägers, eines kleinen, alten Mannes, in ein betäubendes Freudengeheul aus, das schier die Luft erzittern machte. Die vier erlegten Stücke wurden neben dem Stand gestreckt, und alsbald stand ich in einem förmlichen Platzregen von Hüten, da die ganze mich dicht umdrängende Schar, um ihren Beifall neuerdings kundzugeben, ihre riesigen Stroh- und Bambushüte in die Luft warf.

Noch origineller gestaltete sich der Zug zum Jagdhaus hin. Dieser wurde von den uniformierten Unterbeamten eröffnet, die, wie einst König David vor der Bundeslade, vor dem auf Stangen getragenen Wild einen Freudentanz aufführten; dann kamen die 2000 Treiber, in deren Mitte ich sozusagen eingekeilt war, alle schreiend, heulend und mit den Bambusklappern lärmend. Ein Unbeteiligter, dem dieser Zug begegnet wäre, hätte glauben müssen, eine Legion Tollhäusler sei ihren Asylen entsprungen und genieße in tobender Weise die wiedererrungene Freiheit. Beim Jagdhaus legte sich zum Glück die Begeisterung.

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  • Ort: Tjiandjur, Indonesien
  • ANNO – am 16.04.1893 in Österreichs Presse. Das Wiener Salonblatt vermeldet die Abreise von Singapur in Richtung Javas am 11. April 1893.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Margarethe (Faust)“ aufführt.

Garut — Tjiandjur, 15. April 1893

Eine mit Alang dicht bewachsene Hügelkette in der Nähe von Garut, eine Stunde Weges von hier, birgt zahlreiches Schwarzwild. Der Regent, ein eifriger Freund der Jagd, hatte, meinen Intentionen zuvorkommend, Anstalten für eine Saujagd in jener Hügelkette getroffen. Dem festgesetzten Programm gemäß sollte hier ein Trieb gemacht werden.

So fuhren wir denn mit dem Frühesten, so rasch unser Pony-Viergespann nur laufen konnte, zu der Stelle, an welcher die Reitpferde bereit standen, die uns zu dem Jagdplatz bringen sollten. Auch hier fanden wir stark coupiertes Terrain, so dass abermals Kulis die Wagen an steilen Stellen schieben oder hemmen mussten, um unseren so wacker galoppierenden Pferdchen das Ziehen der Gefährte zu erleichtern. In einem ziemlich tief eingeschnittenen Tal angelangt, bemerkte ich mit Erstaunen viele Hunderte von Menschen, die sämtlich mit Kind und Kegel herbeigekommen waren und in malerischer Gruppierung alle umliegenden Höhen besetzt hatten, um dem Schauspiel einer fürstlichen Jagd beizuwohnen.

Alles war im Festgewand, den landesüblichen Hut auf dem Haupt, erschienen; schlaue Händler hatten hier rasch einen ganzen Bazar aufgeschlagen, in welchem sie dem Volk Esswaren und Erfrischungen feilboten. Auf der einen Lehne des Tales war aus Bambus ein Haus errichtet, welches mit Fahnen in unseren und den niederländischen Farben, sowie mit Blumen und Girlanden reich geschmückt war. Auf der im ersten Stockwerk gelegenen Estrade sollte ich in einem mit grünem Samt ausgeschlagenen Fauteuil Platz nehmen und von hier aus meine Geschosse auf die Schweine schleudern, als sei ich ein altrömischer Imperator, den die Lust angewandelt, auch einmal und zwar in allerbequemster Weise zu jagen. Den Eindruck, dass es sich hier um ein cäsarisches Jagdfest handle, verstärkte die Ausschmückung der Zufahrtsstraße zu dem Hause; denn diese war als Via triumphalis mit Ehrenpforten, Flaggenstangen und Blumengruppen auf das prächtigste ausgeschmückt. In einem der Nebenräume des Hauses walteten Mundschenken ihres Amtes, nur floss hier nicht Falerner, sondern schäumender Wein aus der Champagne in Strömen. Eine unseren Blicken entzogene Musikkapelle brachte während der Jagd rastlos und fortissimo die Volkshymne zum Vortrag.

Das Tal und die uns gegenüberliegende Lehne waren zum Teil abgeholzt und mit einem dichten Bambusgitter umgeben, welches bis an das Haus heranreichte, so dass sich das Treiben auf Schweine offenbar auf ein eingestelltes Jagen beschränken sollte und das Ganze somit kein weidmännisches Unternehmen, sondern vielmehr eine Art Volksfest war, das mich durch seine komischen Vorbereitungen und die Ansprüche, die es auf den Titel Jagd machte, höchlichst amüsierte Treiber in großer Zahl, geführt von eingeborenen Würdenträgern, warteten auf der jenseitigen Tallehne das Zeichen zum Beginn des Triebes ab und drangen, sobald dieses gegeben worden war, mit infernalischem Geschrei und Geheul in die Grasdickung ein, wobei sie eine Meute von ungefähr vierzig Kötern aller Arten losließen. Sofort hub der  Spektakel an, da die Hunde die Schweine bald gefunden hatten und Hals gebend in dem Unterwuchs umherjagten. Dieser war trotz der erfolgten Lichtung an den noch mit hohem Gras, Bambusbüschen und Farnen bedeckten Stellen so dicht, dass uns selbst starke Schweine nur auf Augenblicke zu Gesicht kamen. Jeden Moment stellte sich ein Stück, worauf es dann viele geschlagene Hunde gab, die klagend zu ihren Herren zurückkehrten.

Das erste Opfer meiner Büchse war ein kecker Frischling, den ich auf der jenseitigen Lehne eräugte und wie eine Gemse herabschoss. Überhaupt waren die Schüsse an und für sich interessant und keineswegs leicht, da das Wild sehr flüchtig kam und an der steilen Lehne oder in der tiefen Talsohle immer nur auf Momente sichtbar wurde. Frischlinge, die nicht größer waren als Hasen, boten in der Entfernung von 100 Schritten Gelegenheit zu schönen Schüssen.

Äußerst unterhaltend war die unbeschreibliche Angst der Treiber und ihrer Führer vor den sehr harmlosen Schweinen. Kam ein Schwein in die Nähe der Helden oder versuchte es, von Hunden gehetzt, die Linie zu durchbrechen, so waren die Treiber wie die Würdenträger alsbald auf den Bäumen. Es war ein Anblick von überwältigend komischer Wirkung, wenn so ein Würdenträger, mit den blinkenden und gleißenden Insignien der amtlichen Stellung angetan, vor einem schreienden Frischlinge flüchtend, in seiner schon an und für sich die Lachlust erregenden Uniform mit affenartiger Geschwindigkeit eine schlanke Palme hinankletterte, so dass diese sich unter der ungewohnten Last niederbog. Drohte keine Gefahr, so gingen die Treiber in echt orientalischer Weise ohne Ordnung planlos im Trieb umher; die Würdenträger folgten ihnen. mit gezückten Schwertern; die Hunde vergnügten sich in irgend einer Ecke damit, Frischlinge zu fangen und natürlich anzuschneiden, so dass von vielen derselben nur mehr einzelne Überreste zur Strecke gebracht wurden.

Ich schoss im ganzen 21 Stück, darunter aber nur einen guten Keiler. Die Schweine zeigen hier einen ganz anderen Typus als unsere; sie sind kleiner, haben eine beinahe nackte Schwarte, nur am Wurf über dem Gebrech eine Art Backenbart von dichten Nadeln, ferner sehr ausgesprochene Backenknochen und viel längeren, spitz zulaufenden Wurf: die Waffen sind der ganzen Statur des Schweines entsprechend auch geringer. Die Eingeborenen unterscheiden zwei Arten: das Feld- und das Waldschwein (Sus verrucosus und Sus vittatus); doch konnte ich keine wesentlich verschiedenen Merkmale herausfinden.

Ein Frischling wurde lebend in einem großen Reisighaufen gefangen; wir banden dem Tier die Läufe zusammen und sandten es, in einem Rucksack verwahrt, direkt nach dem Hafen von Tandjong Priok aufs Schiff, wo es sich wahrscheinlich durch seine besondere Wildheit auszeichnen und daher den Zähmungskünsten meines Tierwärters Biaggio eine harte Aufgabe stellen dürfte.

Die Jagd war beendet, das Volk brach in ein unartikuliertes Freudengeheul aus und in einer Art Triumphzug verließ ich den Schauplatz der lustigen Saujagd. Bei der Rückfahrt nach Garut genoss ich — der zu Beginn der Jagd trübe Himmel hatte sich völlig aufgeheitert — einen prächtigen Blick auf den rauchenden Krater des Papandajan.

Nachmittags hatten wir uns von dem freundlichen Garut verabschiedet und waren noch am selben Abend in Tjiandjur, wo mich der Regent, ein sehr liebenswürdiger Mann, welcher den Titel und Namen Raden Adipatti Prawira dij redja trug, in seinem Hause gastlich aufnahm. Das Palais erstrahlte in festlicher Beleuchtung. Als Illuminationskörper dienten hier Stöcke des unvermeidlichen Bambus, die, in Bündeln gruppiert, die Triumphpforten und Fassaden effektvoll schmückten. Die ausgehöhlten Bambusstöcke waren mit Öl gefüllt, in dem ein brennender Docht schwamm; solch ein Stock vermag stundenlang zu leuchten.

Der Regent scheint gleichfalls ein passionierter Jäger zu sein, denn mit Stolz zeigte er mir seine Gewehre, sowie Häupter von erlegten Hirschen (Cervus hippelaphus), von Bantengs, dem wilden Rinde der indischen Inseln, und von Rhinozerossen. Als lebendes Beutestück von einer Banteng-Jagd erfreut sich hier seines Daseins ein sehr zahmer, als kleines Kalb gefangener Banteng-Stier, welcher der besondere Liebling des Regenten ist und täglich von ihm eigenhändig gefüttert wird.

Eine zweite Leidenschaft dieses Würdenträgers ist die Malerei; doch sind seine Erfolge auf diesem Gebiet nicht sehr hervorragend und die Erzeugnisse seiner Kunst derart, dass selbst eine Jury des Salon des refuses in Tjiandjur ihr Haupt dazu schütteln müsste. Dessenungeachtet hat der hochgeborene Meister von Tjiandjur die Ausstellung zu Chicago beschickt.

Die Weltausstellung am Michigansee scheint den guten Javanen überhaupt sehr in den Kopf gestiegen zu sein; denn allüberall hört man, dass dies oder jenes in das ferne Amerika gesandt worden sei; ja Herr Kerkhoven hat dahin gar ein ganzes javanisches Dorf entsendet, in welchem graziöse, javanische Mädchen Tee aus den Plantagen ihres Herrn verkaufen sollen.

Zum schwarzen Kaffee nach dem Diner erschien ein ganzes Rudel von Tänzerinnen, eine garstiger als die andere, die sämtlich eifrig Betel kauten und uns durch ihre langweiligen, rhythmischen Tänze in so schläfrige Stimmung versetzten, dass wir schleunig unser Lager aufsuchten.

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  • Ort: Tjiandjur, Indonesien
  • ANNO – am 15.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Hüttenbesitzer“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Merlin“ aufführt.

Garut, 14. April 1893

In Java, dem typischen Vulkanland reisend, konnte ich dem Reiz, einen noch tätigen Vulkan zu besteigen, umso weniger widerstehen, als der bekannte Papandajan, einer der Gipfel des südöstlichen Hochgebirges der Preanger Landschaften, von Garut aus leicht zu erreichen ist. So brachen wir denn mit dem Frühesten auf und gelangten in etwa dreistündiger Fahrt zu dem Fuße des Papandajan. Der Weg dahin ist ein schwieriger; er ist ungemein steil, führt unausgesetzt bergauf, bergab, worin er allen Straßen Javas gleicht. Diese sind zwar an und für sich sehr gut, haben einen festen Unterbau, gute Einrichtungen für die Ableitung des Wassers, feste Brücken und ähnliches; die Art ihrer Führung ist jedoch eine recht primitive, weil meist die linea recta über Berg und Tal gewählt wird und Serpentinen sowie ähnliche technische Anlagen zur Überwindung von Höhen den Erbauern der Straßen Javas unbekannte oder von ihnen wenigstens nicht angewandte Hilfsmittel sind.

Unserem Wagen waren vier javanische Ponies vorgespannt, die ein rasendes Tempo gingen. Sie wurden von dem Kutscher und außerdem noch von zwei mit langen Peitschen bewehrten Burschen angetrieben, welche auf der Hinterachse des Wagens standen und von Zeit zu Zeit absprangen, um vorzulaufen und die Pferde aufs neue anzufeuern. Alle Steigungen wurden in voller Karriere genommen; die drei Leute hieben vereint auf den Viererzug ein, und im Nu war die Höhe erreicht; mussten jedoch Steigungen genommen werden, die gar zu bedeutend waren oder zu lange währten, so spannte man vor den Wagen noch zwei starke Büffel, so dass wir mit einem Sechserzug fuhren. Da Wagenbremse oder Radschuh hier unbekannte Dinge sind, wissen sich die Javanen bei Fahrten im Bergland auf ganz primitive Art zu behelfen, um an steil bergabführenden Stellen des Weges das allzu rasche Abrollen des Wagens zu verhindern. In solchen Fällen werden an dem Wagen Stricke befestigt, an welche sich etwa zwanzig Kulis hängen, deren Aufgabe es nun ist, durch ihr Körpergewicht das Rollen des bergab eilenden Gefährtes zu verlangsamen.

Auf der ganzen Tour zum Papandajan befanden wir uns unter dem Schutz von Eskorten, in denen Wedanas oder Demangs (Districts-Chefs) und Djaros (Dessa-Häuptlinge, Ortsvorstände) nebst einer Anzahl von Dorfältesten und anderen angesehenen Einwohnern mitritten. Diese Eskorten boten, wenn möglich, noch komischere Bilder als die Reiterscharen von Bandung und Garut. Das rasche Tempo unserer Fahrt schien den Herren unbedingt ungewohnt und jedenfalls zu scharf zu sein; denn alle Augenblicke trennte sich irgend ein Würdenträger von seinem Gaul oder wurde von diesem beim Passieren von Ortschaften nolens volens in den nächstbesten Stall getragen.

Wir passierten zahlreiche Kampongs oder Dessas, wie die Dörfer der Eingeborenen heißen, welch letztere die Behausungen verlassen und an der Straße Aufstellung genommen hatten, um uns zu begrüßen. Die gesitteten, sesshaften Javanen zeichnen sich durch Sanftmut, Ruhe und Ordnungsliebe aus; ihre Hauptbeschäftigung bildet der Ackerbau, dem sie mit mehr Fleiß obliegen, als die Bewohner Vorderindiens. Der zahlreichste Stamm der malayischen Rasse, sind die Javanen im allgemeinen schlank und wohlgebaut, von kleiner Statur, mit hellbrauner, bronzeartiger Hautfarbe; der Bartwuchs ist sehr spärlich; das lange Haupthaar wird in einem verschlungenen, das Hinterhaupt bedeckenden Knoten getragen. Die Weiber, bedeutend kleiner als die Männer, erfreuen sich ebenfalls wohlproportionierten Körperwuchses.

Die Kleidung ist eine sehr einfache: die Männer tragen zumeist eine bis zur Hüfte hinabreichende Jacke (Badju) aus Kattun und eine Art Frauenrock, Bebed genannt, auf dem Kopf ein turbanartig geknüpftes Tuch, dessen Enden bei den Westjavanen vom Haupt abstehend getragen werden; die Frauen tragen den Sarong (Kain), der um die Taille festgeschlungen wird, dann ein Brusttuch, welches, etwa in der Art des schottischen Plaids geknüpft, den Oberleib bedeckt, und darüber eine Jacke (Kabaya) aus Kattun. Die Kulis sind oft nur mit einem Lendentuch bekleidet, während die Kinder zumeist völlig unbekleidet umhergehen.

Von Schmucksachen sieht man im Volk nur wenig; dagegen prangt im Gürtel jedes Mannes die Lieblingswaffe, der Kriss oder Duwong, ein dolchartiges, scharf geschliffenes Messer, dessen Scheide je nach den Vermögensverhältnissen des Besitzers mehr oder weniger reich geschmückt ist.

Der arme Javane lebt meist nur mit einer einzigen Frau beisammen; der Reiche jedoch richtet seinen Hausstand, den Satzungen des Islams gemäß, polygamisch ein. In allen Fällen nehmen die Frauen, auf deren Schultern die Hauptlast der Arbeit ruht, eine vollkommen untergeordnete Stellung ein. Eigentümlich ist die Art, in welcher die javanische Mutter ihren Säugling trägt; dieser sitzt, in ein Tuch eingeschlagen, oberhalb der Hüfte seiner Trägerin.

Der Gesamteindruck, den ich von den Javanen empfing, war ein recht günstiger. Zu diesem Urteil veranlassten mich insbesondere zwei Momente: die wohltuende Reinlichkeit der Behausungen der Javanen, sowie deren respektvolle und zugleich freundliche Art, den Fremden zu begegnen.

Am Fuß des Vulkans harrten unser nächst dem Haus eines Regierungsbeamten Reitponies, welche uns nach einer kurzen Rast den steilen Pfad emportragen sollten.

Auf dem freien Platz vor dem Regierungshaus waren mehrere Gamelangs postiert, die durch ihr Zusammenspiel einen betäubenden Lärm verursachten. Hier konnte ich die verschiedenen Instrumente, deren sich die javanischen Musiker bedienen, genau besichtigen: vor allem den
mit zwei Metallsaiten bezogenen Rebab, eine Art schmaler Violine mit gekrümmtem Streichstock; dann den Gendeer, einen Komplex aufrecht stehender Bambusrohre, die mit kleinen Hämmerchen geschlagen werden und entsprechend ihrer verschiedenen Größe auch in verschiedenen Tönen erklingen; ferners den Gambang kaju, ein Instrument, welches, unserem Xylophon ähnlich, aus einer Kiste besteht, auf welcher Holz- oder Metallplatten liegen, die mit hölzernen Klöppeln geschlagen werden: die verschiedenartigen Bonongs, Metallbecken, die zwischen Bambuslatten hängen, sowie große Gongs, Pauken und trommelartige Instrumente, welche den Gamelang kompletieren.

Endlich war alles besehen; wir saßen auf und nun ging es, anfangs im Trab, dem Gipfel des Papandajan zu. Der Weg zog sich durch Gärten, Kaffee- und Cinchona-Plantagen; dann kamen wir auf freie, mit Alang bewachsene Stellen und endlich in noch jungfräulichen Urwald, der uns fast bis zu dem Krater hin begleitete. Der Ritt inmitten des tropischen, üppig schönen Waldes, den unzählige klare Bäche und Quellen durchrauschten, war herrlich. Der Pfad stieg allmählich immer schärfer an und war im Dunkel des Waldes so glatt, dass unsere kleinen Pferde nur mit der größten Anstrengung weiterklettern konnten.

Auf 1 km vom Krater ändert sich der Charakter der Landschaft, die großen Bäume, die Baumfarne und Palmen treten zurück und machen strauchartigem Myrtengebüsch Platz. Längs des Weges findet man bereits Lava und Schwefelstücke; die aus dem Boden brechenden Quellen sind heiß und stark eisen- oder schwefelhaltig; die Atmosphäre lässt bereits die Nähe des Kraters ahnen. Bei einer Biegung des Pfades hört wie mit einem Schlage alle Vegetation auf; wir befinden uns in einem Steinmeere; weißes, von Schwefeladern durchzogenes Gestein umgibt uns. Große, nackte Felsblöcke liegen wild durcheinander; nackt schimmert auch das Gestein der beiden diese Wüste begrenzenden Bergwände; kein Vogel, kein Schmetterling, kein Insekt; alles ist tot und einförmig. In einiger Entfernung sieht man bereits die nebelartigen Dämpfe des Kraters emporsteigen, wir sind an der Stelle, wo die letzte Eruption für ewige Zeiten ein kahles Trümmerfeld geschaffen und so unauslöschliche Spuren hinterlassen hat.
Einst ragte der Vulkan Papandajan bis zu der Höhe von nahezu 3000 m auf; doch erfolgte vor etwa 50 Jahren ein außergewöhnlich heftiger Ausbruch, infolge dessen der Berg eine gewaltige Steinmasse Verderben bringend in die Täler sandte, so dass der eigentliche Krater jetzt nur mehr 2634 m über dem Meer liegt.

Noch gab es ein sehr steiles Stück zu überwinden; unsere Pferde kletterten wie Ziegen über das Gestein, dann standen wir am Rand des Kraters. Der Papandajan ist einer der wenigen Vulkane, deren Krater bestiegen werden kann, und gestattet sonach aus nächster Nähe einen Einblick in das Walten unterirdischer Kräfte.

Der Krater hat die Form eines Kegels, der über und über mit verbranntem, bimssteinartigem Gestein, sowie mit gelbleuchtenden Schwefelkrystallen und Schwefelstücken absonderlichster Form bedeckt ist. Diese Schwefelprodukte entstehen aus dem Niederschlage der allmählich sich abkühlenden Dämpfe, welche übelriechend und die Atmosphäre mit Stickluft füllend, unter zischendem Brausen aus zahlreichen kleinen Öffnungen dringen. Auch kochendes Wasser stößt der Vulkan aus und vielen Löchern und Rissen entquellen heiße Sprudel. Wir stachen mittels Stangen, die wir mitführten, in diese Öffnungen, und warfen in dieselben Steine, die alsbald in heißem Zustand wieder ausgeworfen wurden; auch versuchten wir an mehreren Stellen den Boden aufzugraben; kaum waren wir einige Zentimeter tief eingedrungen, so spritzte schon kochendes Wasser hervor oder flogen, von Schwefelgasen getrieben, unter pfeifendem Gesurre Steinstücke empor. Der Kegel des Kraters ist durchwegs hohl; überall tönt und hallt es; an manchen Stellen ist es sogar gefährlich zu gehen, da die brüchige Rinde sich nur allzuleicht spaltet und einstürzt. Erst vor kurzem war ein Malaye in einer solchen Spalte versunken und auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Das Brausen, Zischen und Sausen, die stechenden und brennenden Dämpfe betäubten uns fast, so dass wir erst viele Hundert Schritte vom Krater entfernt wieder frisch aufatmeten; leider machten wir zugleich die unangenehme Bemerkung, dass alle aus Gold bestehenden Gegenstände, die wir bei uns trugen, schwarz geworden waren.
Noch im Bereich des Kraters hatte die Regierung aus Anlass meines bevorstehenden Besuches eine große Bambushütte erbauen lassen, in der uns ein opulentes Frühstück serviert wurde; doch muss ich gestehen, dass mir andere Gastmahle schon besser gemundet haben, da in dieser Atmosphäre alle Gerichte mit Ingredienzien der Hexenküche versetzt zu sein schienen. Auch Musik gab es hier oben; unablässig ertönten, während wir auf dem Gipfel des Vulkans weilten, die monotonen Klänge der einheimischen Bambusinstrumente.

Nachdem ich noch einige Gesteinsproben aufgelesen, verließ ich nach allzu kurzem Aufenthalt den Gipfel des merkwürdigen Vulkans, der uns grollend einen letzten Gruß nachsandte.

An der Stelle, wo die Wagen bereit standen, veranstalteten die Eingeborenen einen Widderkampf, welcher von den Tieren mit größter Erbitterung geführt wurde. Dieses Schauspiel unterschied sich von ähnlichen, die wir in Indien gesehen hatten, dadurch, dass die Leute hier die Widder auskämpfen ließen, bis der eine der beiden Streiter den Kampf aufgab und als geschlagen den Platz räumte.

Der Regent, der von meiner Sammelpassion gehört hatte, war so freundlich, nach unserer Rückkehr auf dem Platze vor seinem Palais in Garut eine förmliche ethnographische Ausstellung zu arrangieren. aus welcher ich die für meine Zwecke passenden Gegenstände wählen konnte. Da gab es allerlei Gerätschaften, deren sich die Eingeborenen bei Bebauung des Bodens sowie in ihren Wohnungen bedienen; fernere Werkzeuge für Handwerker, als Schmiede, Töpfer u. dgl.: einzelne Musikinstrumente und vollständige Gamelangs; Waffen, zumeist Pfeile. Bogen und Krisse.

Abends genossen wir abermals die Aufführung eines Wajangs und zwar diesmal eines Wajangs Kulit, bei dem aus Leder geschnittene und bunt bemalte Marionetten als Schattenfiguren hinter einer weißen Papierwand bewegt wurden. Wie bei anderen Wajangs erklang Musik und ertönte aus dem Hintergrund eine näselnde, die Handlung erläuternde Stimme, welche eher eine einschläfernde Wirkung hervorbringt.

Am Schluss der Vorstellung erfreute uns das holde Paar, der Regent mit seinem Hoffräulein, abermals durch einen Tanz. Dieser wurde, offenbar im Hinblick auf die Erfolge der Tänzer am verflossenen Abend, noch weit feuriger exekutiert und endete mit einer gesteigerten Nuance, indem diesmal nicht bloß ein Ganymed erschien, sondern eine ganze Trias von Wedanas Champagner kredenzte.

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  • Ort: Garut, Indonesien
  • ANNO – am 14.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Gringoire“ aufführt.

Buitenzorg — Garut, 13. April 1893

Da der Extrazug, der uns an einige interessante Punkte im Innern des Landes zu bringen hatte, bereits um halb 7 Uhr früh abgehen sollte, trat ich schon früh morgens eine Rundfahrt durch Buitenzorg an. Es begann eben erst zu grauen; viele der geflügelten Sänger waren erwacht und schmetterten ihr Lied in den Wipfeln des botanischen Gartens. In dem Chinesen-Viertel schickten sich die fleißigen Bewohner gerade an, ihre tägliche Arbeit zu beginnen. Durch einen prächtigen Wald, in dem sich zahlreiche Malayen-Ansiedlungen befanden, und weiterhin durch Reisfelder eilend, betraten wir in einem tief gelegenen Tal den Badeplatz Sukaradja (Soekaradja), der von einer Unzahl badender Männlein und Weiblein bevölkert war, welche da ihre rituellen Waschungen vornahmen.

Die europäischen Häuser in diesem Tal bilden ein eigenes Viertel, das sich, wie das europäische Viertel in Batavia, durch Nettigkeit, Wohnlichkeit und den Schmuck zahlreicher Gärten auszeichnet Von der Kaserne und dem Obelisken, der hier einem Gouverneur zu Ehren gesetzt ist, zieht sich bis zur Bahnstation Buitenzorg eine Allee von schlank gewachsenen, sehr hohen Bäumen — ich schätzte sie auf mindestens 14 m bis 18 m — hin, die, wie ich zu meinem größten Erstaunen erfuhr, binnen vier Jahren diese Höhe erreicht haben sollen. Das dürften wohl die schnellwüchsigsten Bäume der Welt sein!

Bald setzte sich unser Train nach Garut (Garoet) in Bewegung. Die Strecke dieser Bahn läuft von Buitenzorg ab in südlicher Richtung und tritt nächst der Station Tjitjurug (Tjitjoeroeg) in das Gebiet der Residentschaft der Preanger Landschaften ein, sich von da gegen Osten wendend.
Die Fahrt bis zu unserer Endstation Garut ist ungemein anziehend. Die Landschaft trägt einen lieblichen Charakter; der Reisende wähnt sich in einem Park mit tropischer Vegetation, von welchem aus sich reizende Ausblick auf Berge und Höhenzüge, besonders aber auf die spitzen Kegel vieler Vulkane darbieten, an denen ganz Java so reich ist. In tief eingeschnittenen Tälern und Schluchten mit fast senkrecht abfallenden Ufern rauschen Flüsse oder Bäche, die wir erst entdeckten, wenn wir hart am Uferrand angelangt waren. Der Eisenbahn-Direktor, welcher mich begleitete, gab mir als zuvorkommendster Cicerone alle gewünschten Aufklärungen und zeigte sich nicht wenig stolz auf seine Bergbahn, die sich in häufigen Windungen durch das Land zieht, Täler und Schluchten mit ihren Gewässern auf kühnen Brücken übersetzend, deren höchste über den Tji Tarum (Taroem) führt.

Gleich hinter Buitenzorg beginnt in den Tälern und an den Bergabhängen längs der ganzen Eisenbahnstrecke intensive Kultur. Gebaut wird hier Zuckerrohr, Kaffee, Tee, Chinarinde, insbesondere aber Reis, welcher die Hauptnahrung der eingeborenen Bevölkerung bildet. Die Reisfelder tragen infolge der Monotonie des Eindruckes, den sie hervorrufen, nicht eben zur Verschönerung und Belebung des landschaftlichen Bildes bei. Es verdient beobachtet zu werden, wie geschickt die Javanen die zur Irrigation der Felder notwendige Terrassierung des Bodens durchzuführen verstehen; das Land scheint, wie auf einem plastischen Plan, in übereinanderliegenden Schichten aufgebaut zu sein.

Wo zu große Entfernung der Ortschaften oder die Beschaffenheit des Bodens die Anlage von Feldern verwehrt haben, braust der Zug durch vollkommen tropischen Urwald oder über weite Flächen, die nur mit dem schilfähnlichen Alang-Alang bewachsen sind, welches keine andere Pflanze aufkommen lässt und so dicht steht, dass es für den Menschen kaum durchdringbar ist.

Wer anders, denn ein Fachmann, welcher die Flora von Java erforscht hat, vermöchte die Üppigkeit und Schönheit, die Formenfülle und die Eigenart der Pflanzenbilder nach Gebühr zu schildern, welche uns die aus dem Ozean emportauchende, durch gleichmäßige Wärme und durch Regenfall begünstigte Insel in ihrem tropischen Tiefland, in ihren subtropischen, jungfräulichen Bergwäldern und in den auch mit zahlreichen europäischen Pflanzenformen bekleideten Höhenregionen der vulkanischen Gebirgszüge bietet!

Tropisch immergrüner Wald, Palmen, — darunter die Nipapalme (Nipa fructicans), deren Blätter zur Herstellung von Zigaretten (Rokos) dienen, während der Saft braunen Zucker und Palmwein liefert — Bambus, Pandanen schmücken das von Alang-Savannen durchsetzte Tiefland; eibenähnliche Nadelhölzer, Eichen- und Teak-Bäume, blütenreiche Zingiberaceen, breitblätterige Musaceen, ferner hochstämmige Farnbäume, bedeckt mit Orchideen und Lycopodien, überwuchert von Moosen und Farnen, füllen die Urwälder und Schluchten der mittleren Höhen; Schachtelhalme, Brombeerarten, an Zypressen erinnernde Nadelhölzer, Sträucher und Kräuter einer gemäßigten Zone steigen bis an die grünen Abhänge der Krater empor, an deren Rändern eine eigenartige Flora gedeiht.

So bietet schon das autochthone Pflanzenkleid Javas in Tausenden von Arten, von welchen erst gegen 7000 botanisch bestimmt sind, eine Fülle von Gewächsen, welche Nahrungsmittel, Gewürze, Hölzer, Flechtmaterial, Arzneimittel, allerlei Früchte, Säfte und Harze liefern und allen Bedürfnissen der Eingeborenen wie der Pflanzer und Kaufleute zu genügen scheinen. Und dennoch hat der nimmermehr ruhende, weitblickende, immer wieder nach Neuerungen strebende Geschäftssinn der Europäer die javanischen Fluren mit Handelsgewächsen besiedelt, die, wiewohl Einwanderer, heute mit Fug und Recht in der allerersten Reihe der pflanzlichen Kulturprodukte Javas stehen. Afrika hat den Kaffeebaum, Südasien das Zuckerrohr, den Tee, die Baumwolle, den Zimt, China den Reis, Amerika den Kakao, die Cinchona, die Vanille, den Tabak gesendet — Pflanzen, welche die wichtigsten Exportartikel Javas liefern.

Auf dem Bahnhofe des Städtchens Tjiandjur (Tjiandjoer), dem Sitze eines eingeborenen Regenten, erwartete mich dieser sowie der niederländische Resident der Preanger Landschaften, der mich auf der weiteren Tour begleiten sollte. Eine einheimische Musikkapelle, nach Landessitte auf dem Boden kauernd, spielte auf dem Gamelang die Volkshymne, welche in den weichen Akkorden der gestimmten Cymbals und kesselartigen Instrumente recht angenehm erklang. Da es ruchbar geworden, dass ich ornithologische Objekte sammle, brachten die Eingeborenen eine große Anzahl lebender Vögel herbei, deren ich einige auswählte.

Nach einem Aufenthalt von zehn Minuten ging es weiter und erst in Bandung (Bandoeng) hielt der Zug wieder. Hier, am Sitze der Residentschaft der Preanger Landschaften, wurde mir von dem Residenten ein Frühstück in seinem Palais angeboten, eine Einladung, der ich gerne Folge leistete. Eine große Menschenmenge, die größtenteils aus Eingeborenen, doch auch aus Europäern bestand, hatte sich auf dem Bahnhof eingefunden. Ein vierspänniger, schier antediluvianischer Wagen brachte uns in das Regierungsgebäude, welches, im Stil aller javanischen Häuser gehalten, ebenerdig gebaut ist und in einem sauber gepflegten Garten liegt.
Äußerst drollig nahm sich eine javanische Eskorte aus, die ver dem Wagen und hinter demselben einherstürmte. Einheimische Bürgermeister und Stadträte waren es, welche, angetan mit einem Mixtum compositum von holländischer und einheimischer Kleidung, mit ganz kleinen, javanischen Ponies beritten, uns das Ehrengeleite gaben. Die Reiter hatten gelblackierte, breite Hüte; holländische, blaue, mit goldenen oder silbernen Tressen gezierte Gehröcke —jenen, welche unsere Hofkapellensänger tragen, ähnlich und wohl schon manches Jahr im Besitz ihrer Herren; einen kurzen Sarong; einen krummen Polizeisäbel en bandouliere und weiße Hosen. Die Reiter waren barfüßig und hielten mit der großen Zehe die Steigbügel krampfhaft fest. Das Sattel- und Riemzeug bestand zum Teil nur aus Stricken. Da die kleinen Ponies sich oft störrisch zeigten, kam mancher der Stadtväter in sehr kritische Situationen, die meine Lachmuskeln auf das lebhafteste erregten, doch genierte oder kränkte das die ehrenwerten Mitglieder des Banderiums nicht im geringsten; denn sie selbst brachen in solchen Fällen in homerisches Gelächter aus, so dass die Fahrt unter allgemeiner Heiterkeit endete.

In den Straßen standen die Eingeborenen, nicht allein aus der Stadt, sondern auch aus der Umgebung, dichtgedrängt und bezeugten bei der Annäherung des Wagens ihre Ehrfurcht, indem sie sich in hockende Stellung niederkauerten und den Blick zu Boden senkten. Die
Eingeborenen sehen bei dieser merkwürdigen, allgemein üblichen Art des Grußes jenem, welchem ihr Gruß gilt, nie ins Gesicht; ja manchmal wenden sie sich von dem Begrüßten sogar ganz ab und höhergestellte Javanen, besonders Regenten und Beamte, vervollständigen noch den Gruß, indem sie die Hände oberhalb der Stirne zusammenschlagen. Ich beobachtete häufig, dass javanische Regenten und selbst eingeborene Fürsten, wenn sie von dem Generalgouverneur oder von einem der Residenten angesprochen wurden, sich diesem nur in kriechender Weise näherten und dann vor dem Würdenträger mit gesenkten Blicken hockend oder knieend verweilten. Da es in den Gegenden, die wir durcheilten, bekannt war, dass ich mich des Extrazuges bediene, und da überdies die Lokomotive Fahnenschmuck trug, so kauerte sich auch, während der Zug vorbeiflog, die gesamte Landbevölkerung in den Feldern oder bei den Ortschaften wie auf Kommando nieder, was einen äußerst befremdlichen Eindruck machte.

Zwischen Bandung und Garut, welch letzterem wir uns nun näherten, bot die Eisenbahnfahrt einen besonderen Reiz durch den Ausblick auf das Tal von Garut. Der Zug war noch höher zum Gebirge emporgeklettert, bis wir nach Passierung einiger hoher Brücken und Viadukte, aus einer Biegung der Strecke hervorsausend, plötzlich das üppige, wasserreiche, von mächtigen Bergspitzen und Vulkankegeln umschlossene Tal von Garut erblickten. Allüberall schlängelten sich, im Schein der Abendsonne glänzend, Flüsse und Bäche gleich silbernen Fäden durch das herrliche Grün. Dieses, wie ganz Java, von reichen Wasseradern getränkte Tal bot ein entzückendes Landschaftsbild dar.

In Garut war der Empfang ähnlich gestaltet, wie in Bandung: der antediluvianische Wagen mit dem dunkelfarbigen, in rotem, betresstem Rock und in lackiertem Zylinder prangenden Kutscher, der mich unwillkürlich an einen Akteur aus der Affenkomödie erinnerte; das Banderium, die Menschenmenge und — selbst hier ein Schnellphotograph!

Ich stieg in einem sehr reinlichen und bequem eingerichteten, aus mehreren Pavillons bestehenden Hotel ab, welches inmitten eines Gartens gelegen war, in dessen Büschen und Bäumen morgens und abends zahlreiche Singvögel lustig konzertierten.

Nachdem ich noch ein wenig in dem Städtchen auf- und niedergegangen war und eine Menge fliegender Hunde beobachtet hatte, die alle in der gleichen Richtung ihren Schlafstätten zueilten, wurde gespeist. Dann gab es im Haus des Regenten abermals einen Wajang.

Die Regenten sind Eingeborene, meist Abkömmlinge der früheren Fürsten und somit von adeliger Geburt, welche den Titel Raden Adipatti (Oberstlieutenantsrang) oder Raden (Mas) Tomenggung (Majorsrang) führen. Diesen Regenten, welchen ein ganzes Heer von Beamten untersteht, obliegt zunachst die politische Verwaltung und die Steuereinhebung in ihrem Gebiete, der Regentschaft; sie unterstehen den niederländischen Residenten, deren Wünsche und Befehle sie in der Regel auf das willfährigste befolgen. Die Regentenwürde ist nicht erblich; die Regenten werden vielmehr von Fall zu Fall von der Regierung ernannt, eine Einrichtung, die sich als sehr praktisch erwiesen hat, da der Regent, falls er ausnahmsweise den Wünschen der Regierung nicht vollkommen entspricht, seiner Würde einfach entkleidet und diese einem anderen Adeligen des Landes übertragen wird. Von den 22 Residentschaften, in welche ganz Java eingeteilt ist, zerfallen 19 in Regentschaften, diese in Distrikte u. s. w. Zwei der Residentschaften sind die zu Scheinreichen herabgesunkenen Vasallenstaaten Surakarta (Kaiserreich Solo) und Djokjakarta (Sultanat). Diese und die Residentschaft Batavia sind nicht in Regentschaften geteilt.

Als äußeres Zeichen der Würde trägt jeder Regent einen reichbetressten, holländischen Rock, einen goldenen Kriss mit dem Namenszug des Beherrschers der Niederlande und endlich einen reichvergoldeten Sonnenschirm, Pajung, der auf Schritt und Tritt von einem Diener nachgetragen wird. In ganz Java bildet dieser an einem langen Stock befestigte Sonnenschirm das vornehmlichste Abzeichen der Würde. Ein solcher Schirm folgt ebenso dem Generalgouverneur wie jedem der Residenten und höheren Beamten nach, ja auch ich wurde nicht damit verschont; denn bei jeder Gelegenheit stand ein Bursche, als sei er mein Schatten, hinter mir und hielt das goldene Dach über mein Haupt. Der Grad des Ranges wird durch die größere oder geringere Menge des Goldes sowie durch Farbenunterschiede auf dem Schirm angedeutet.

Die Wajang-Aufführung, welche der Regent von Garut uns zu Ehren hatte veranstalten lassen, glich dem tagszuvor in Buitenzorg gesehenen Schauspiel völlig, mit dem einzigen Unterschied, dass die Pas und Gesten der Tänzer noch grotesker waren und die Handlung sich länger hinauszog, so dass die unglückliche Königstochter erst nach zwei Stunden in den Besitz eines Ehemannes gelangte.

Ganz neu war aber ein Tanz, den zum Schluss der Festvorstellung der Regent in höchsteigener Person exekutierte und wobei ich meine ganze moralische Kraft zusammennehmen musste, um nicht hellaut aufzulachen. Der Regent, ein ziemlich bejahrter Mann, hatte um seine Staatsuniform ein langes, himmelblaues Band geschlungen, dessen Enden er graziös in den Händen hielt. Er erschien in Begleitung einer jungen, seinem Hofstaat angehörenden Malayin, deren eigentliche soziale Stellung ich aber nicht zu ergründen vermochte. Dieses Hoffräulein hatte eine dem heißen Klima entsprechend luftige Kleidung angelegt und begann den Tanz, indem sie zunächst die Strophen eines Liedes im gewagtesten Discant sang und sich dann rhythmisch um ihre eigene Achse drehte. Nun entwickelte auch der Regent mit züchtig gesenkten Augen seine choreographische Tätigkeit, indem er sich in den drolligsten Wendungen um seine Partnerin drehte und einen Grotesktanz aufführte, der die Mitte hielt zwischen dem Pas einer Prima Ballerina und dem Benehmen des Birkhahnes, wenn er sich in voller Balz befindet. So oft sich der Tänzer seiner Dame mit zierlichen Sprüngen näherte, markierte dieselbe ein fluchtartiges Entrinnen, so dass aus dem Tanz eigentlich ein getanztes „Fangspiel“ wurde, das an Komik und Originalität nichts zu wünschen übrig ließ.
Als endlich die Kräfte des alten Herrn zu versagen anfingen, kam ein Unterbeamter in feierlichem Schritte herangehüpft und kredenzte dem müden Künstler perlenden Champagner. Der Regent umtanzte noch eine Weile hindurch den schäumenden Becher und ergriff ihn schließlich, um ihn mit sichtlichem Behagen zu leeren, während das Hoffräulein, das leer ausgegangen war, sich mit einem Zipfel ihres ätherischen Gewandes den Schweiß auf der Stirne trocknete.

Nach diesem köstlichen Feste kehrte ich in mein Hotel zurück. Zwischen den Palmen des Gartens schwirrten Hunderte von Leuchtkäfern durch die laue Tropennacht.

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  • Ort: Garut, Indonesien
  • ANNO – am 13.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Freischütz“ aufführt.