Kategorie-Archiv: diary

diary entries of Franz Ferdinand

Bhanderia, 25. März 1893

Leider der letzte Jagdtag in Nepal!

Die guten Eingeborenen taten ihr Möglichstes, um mir zum Abschied noch einen Tiger zu verschaffen. An verschiedenen Stellen des Dschungels waren Büffel angebunden worden, und am Morgen kam auch tatsächlich die Meldung, dass an zwei Plätzen Stücke gerissen worden seien. Während nun das Lager in Katni abgebrochen wurde. um nach dem 10 km entfernten Bhanderia verlegt zu werden, eilten wir zu dem ersten Killplatz, der sich eben dort befand, wo ich gestern den Panther geschossen hatte. Nach Ansicht der Schikäris war der bestätigte Tiger jener, der tagszuvor ein Stück gerissen und 400 Schritte weit hinweggeschleppt hatte. Dieser schien ein erfahrener Tiger zu sein, der wohl auch schon eine Jagd mitgemacht hatte; denn als wir am Stelldichein anlangten, meldeten uns die Schikäris, sie hätten einen Tiger gesehen, ihn aber nicht einkreisen können. Vermutlich — das wollten sie nicht eingestehen — war ihnen der Tiger auf irgend eine geschickte Weise entschlüpft.

Da wir den Tiger nunmehr in der Richtung, die er genommen, suchen sollten, wurde die Linie gebildet und ein schöner Wald durchstreift. Wie selbstverständlich war die Parole ausgegeben worden, hier auf kein anderes Tier zu schießen. Doch fügte der Zufall, wie fast stets in solchen Fällen, dass uns eben hier eine große Anzahl des interessantesten Wildes zu Gesicht und in beste Schussnähe kam; kapitale Axishirsche, Bellende Hirsche, selbst scheue Sumpfhirsche wagten sich nahe an unsere Elephanten heran. Nach langem Streifen gaben endlich die Schikäris die Hoffnung auf, den Tiger zu finden.

Ein Frühstück sollte nun die notwendige Beratung versüßen. Schon wollte ich frohlocken; denn kein Frühstück war zur Stelle, da die Leute, denen es anvertraut worden war, sich mit ihren Elephanten in dem Dschungel verirrt hatten; aber kaum eine halbe Stunde später kamen die Proviantträger, durch die von Hunger und Durst erpressten Rufe unserer englischen Gefährten auf den rechten Weg gebracht, herbei, so dass eine Stunde lang gefrühstückt werden konnte.

Mittlerweile waren die Schikäris mit den Jagdelephanten vorausgeeilt, einen anderen Tiger abzuspüren. Wir folgten auf Reitelephanten, kamen an dem verlassenen Lagerplatz von Katni vorbei und fanden die Schikäris endlich am Ufer eines Flusses in einem hohen Schilfdschungel, wo sie zwar keinen Tiger, wohl aber einen Panther eingekreist hatten. Wir waren kaum in unsere Häudas geklettert, als sich auch schon das Schilf bewegte und der Panther in voller Flucht an einer der weniger dicht mit Elephanten besetzten Stellen den Ring durchbrach, ohne dass in dem Schilf ein Schuss angebracht werden konnte.

Doch das brachte die an derlei schon gewöhnten Schikäris nicht aus der Fassung — einige Kommandorufe, der Kreis öffnete sich, die Flügel liefen neuerdings aus, um sich nach 200 Schritten wieder zu schließen, so dass nach wenigen Minuten der Panther abermals eingekreist war. Er versuchte es von neuem mit dem Durchbrechen, kam aber diesmal an eine dichte Phalanx von Elephanten und wurde in entgegengesetzter Richtung flüchtig, um schließlich von mir rouliert zu werden. Dieser Panther war noch stärker als jener des Vortages.

Auf dem Heimweg von der Pantherjagd, der durch einen dichten Wald genommen wurde, widerfuhr unserem Generalkonsul Stockinger ein kleines Missgeschick, indem ihn ein herabfallender Baumast so heftig am Kopf traf, dass die Stirne die blutunterlaufenen Spuren des Schlages zeigte.

Bei klarem Mondscheine wurde das südlich von Katni bei Bhanderia aufgeschlagene Lager bezogen.

Links

  • Ort: Bhanderia, Nepal
  • ANNO – am 25.03.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Rosenkranz und Güldenstern“, während das k.u.k. Hof-Operntheater „Die Rantzau“ aufführt.

Katni, 24. März 1893

Die Eingeborenen hatten für heute mit voller Bestimmtheit einen Tiger erwartet, da sie an einem sehr günstigen Platz mehrere Büffel angebunden hatten. Als nun um 9 Uhr morgens berichtet wurde, ein Tiger habe gerissen, gingen alsbald die Häuda- und Jagd-Elephanten ab, während wir erst eine Stunde später folgten. Trotz des Vorsprunges holten wir die Mahauts bald ein, die es nicht sehr eilig zu haben schienen, da wir sie mit ihren Elephanten in einem Fluss badend fanden. Nun hieß es warten, bis die Schikäris mit einer Anzahl von Elephanten in das Dschungel abgegangen waren, in welchem sie den Tiger zu bestätigen hofften.

Eigentümlicherweise scheinen es die Leute nicht gerne zu sehen. dass wir dem ersten Bestätigen und Einkreisen beiwohnen; wir warteten daher längere Zeit im Schatten hoher Sal-Bäume ab, bis endlich der Ober-Schikäri das Zeichen gab und wir uns in Bewegung setzten, um nach einigen hundert Schritten eine Anzahl Mahauts zu finden, die ratlos umherstanden und uns erzählten, man suche den Tiger, könne ihn aber in der Nähe des gerissenen Stückes nicht finden. Noch während dieser Erklärung hörten wir in nächster Nähe „Bagh, Bagh“ rufen und alsbald schien der ganze Wald Leben zu bekommen; denn aus allen Richtungen kamen Elephanten mit ihren Führern herbeigestürzt, die sich auf der Suche befunden hatten, und auch wir eilten so rasch als unsere Elephanten vermochten, der Stelle zu, wo „Bagh“ gerufen worden war, während die Treiber trotz der scheinbaren Unordnung sich eifrigst bemühten, einen Kreis zu formieren.

Mein Elephant ging in Riesenschritten durch das dichte Baumdschungel. Ich war vollauf damit beschäftigt, mich gegen die vielen in die Häuda schlagenden Äste zu schützen, als ich links von mir großes Geschrei vernahm, und gleich darauf, ziemlich weit, ein Axishirsch und beinahe in seinen Spuren ein starker Panther in voller Flucht vorbeiwechselten. Seiner Größe wegen hielt ich im ersten Augenblick den Panther für einen Tiger und schoss, obgleich die Distanz sehr bedeutend war, nachdem ich noch Zeit gefunden, meinem Mahaut „Rok!“ zuzurufen. Ich glaubte bestimmt, gefehlt zu haben, da der Panther, ohne zu zeichnen, flüchtig weiter ging und an den sich nach und nach, glücklicherweise aber noch zu rechter Zeit schließenden Kreis prallte, wo ihn das Geschrei der Elephantenführer zurückscheuchte.

Der Panther kam alsbald unter einem Baum hervor, unter welchem er sich nach Katzenart geduckt hatte, direkt auf mich los. Als ich im günstigsten Augenblick abdrückte, um in rascher Folge beide Schüsse abzugeben, versagte das Gewehr, weil mein Jäger in der Aufregung unterlassen hatte, dasselbe nach dem Abfeuern der beiden zuvor auf den Panther abgegebenen Schüsse, von neuem zu laden. Ich vergass aber meinen Unmut über diesen Zwischenfall rasch, da der Panther neuerdings eine Wendung machte und zum zweiten Mal flüchtig an mir vorbeikam, wobei ich ihn im Feuer roulierte. Mit Recht lassen die Eingeborenen bei jedem größeren, erlegten Stück Raubwild einige Zeit verstreichen, bevor sie sich ihm nähern. Auch der eben getroffene Panther erhob sich, wiewohl er bereits verendet schien, brüllend aufs neue, als wir an ihn herankamen, so dass ich ihm einen Fangschuss geben musste.

Der Tod dieses Panthers schien den Leuten viele Freude zu machen, da sie behaupteten, dieses auffallend große Männchen habe in den nahe befindlichen Herden sehr viel Schaden angerichtet und sei als furchtbarer Feind wohlbekannt. Der Panther hatte eine besonders schöne, goldgelb gefleckte Decke und schien in der Tat ein alter, sehr kampflustiger Bursche gewesen zu sein; denn sein ganzer Leib war mit Bisswunden bedeckt und der rechte Reißzahn war ihm, wahrscheinlich von einem Eingeborenen, mit Schrot ausgeschossen worden, deren sich noch einige in der Zahnwurzel fanden. Unter der Decke staken zahlreiche abgebrochene Spitzen von Schweinsstacheln; Stachelschweine sollen eben eine Lieblingsnahrung der Panther bilden, doch geht’s dabei nicht ohne Kampf ab, wie die Spuren bei dem erlegten Stück bewiesen.

Die Schikäris wollten nun noch einen Streif versuchen, um den Tiger zu finden, da sie behaupteten, dass nicht der Panther das am Morgen gekillte Stück gerissen haben könne, sondern dass ein Tiger der Täter gewesen sein müsse, weil der Büffel 400 Schritte weit fortgeschleppt worden war und ein Panther dies nicht im Stande sei. Die Linie wurde somit formiert und ein Walddschungel durchstreift. Einige Flussläufe, sowie mehrere recht schlechte Übergänge wurden durchquert, vom Tiger aber war keine Spur.

So wurde denn General-shooting angeordnet. Unter Leitung des Residenten wendeten wir uns ganz südlich, passierten, einen Fluss überschreitend, sogar die Grenze, jagten eine Weile hindurch in Britisch-Indien und kehrten mit einer Schwenkung wieder auf nepalisches Gebiet zurück. Es kam uns zwar kein Wild neuer Gattungen unter, dafür waren aber zahlreiche Wildschweine und Pfaue, sowie allerlei andere jagdbare Tiere vorhanden; auch erlegten wir wieder mehrere Exemplare des schönen Zibethmarders.

In einer Entfernung von 8 km vom Lager wurde nach Sonnenuntergang die Linie aufgelöst und von den Eingeborenen ein sehr komisches Wettrennen sämtlicher 150 Elephanten nach dem Lager arrangiert. Mit erstaunlicher Schnelligkeit bewegten sich die Tiere, von ihren Mahauts auf das eifrigste angetrieben, vorwärts, und wir unterhielten uns, obwohl erbarmungslos in unseren Häudas umhergeschleudert, bei diesem seltsamen Rennen dennoch ganz prächtig. Nicht wenig Stolz erfüllte mich, als mein großer Elephant der ersten einer das Ziel erreichte; allerdings hatte ich auch zwei eingeborene Elephanten-Jockeys, einen rechts, den anderen links von mir, die unausgesetzt mit kurzen Holzkeulen auf die dicke Haut des Elephanten droschen, um ihn in seinen besten Trab zu bringen.

Wie wir bei der Ankunft im Lager erfuhren, hatte hier während unserer Abwesenheit eine Leichenfeier stattgefunden, da ein in der vorangegangenen Nacht verstorbener Kuli verbrannt worden war.

Links

  • Ort: Katni, Nepal
  • ANNO – am 24.03.1893 in Österreichs Presse. Das Ausstellungs-Komitee für die Weltausstellung in Chicago hat Erzherzog Karl Ludwig sein Konzept „Alt-Wien“ vorgestellt. Dieser hat Franz Ferdinands Besuch der Ausstellung zugesagt.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Faust“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Ein Tanzmärchen“ aufführt.

Katni, 23. März 1893

Mit Spannung warteten wir auf die Berichte, die erst gegen 9 Uhr morgens einliefen und günstig dahin lauteten, dass ein Tiger bestätigt sei. In der Nähe des Platzes, wo ich am 20. März einen Tiger erlegt hatte, trafen wir in einem von hohen Bäumen umgebenen Grasdschungel den Kreis schon formiert an. Hodek, der sich die Erlaubnis erbeten hatte, mit den Schikäris vorauszureiten, rief uns schon von weitem zu, dass im Kreis ein sehr starker Tiger sei, den er genau gesehen habe, da der Tiger beim Einkreisen auf wenige Schritte vor seinem Elephanten aufgesprungen sei. Kaum auf meinem Stand, sah ich schon, dass sich das Gras vor mir bewegte, ja mein Jäger behauptete sogar, den Tiger genau gesehen zu haben. Leider rief mich plötzlich der Resident in der besten Absicht von meinem Stand ab und postierte mich gerade gegenüber auf eine Stelle, die mir einen weit ungünstigeren Ausschuss bot als die erste.

Einige Sekunden später erblickte ich den Tiger vom Gras gedeckt vorwärts schleichen und ließ mich verleiten, zu schießen, worauf er brüllend gegen Wurmbrand flüchtete, von diesem eine Kugel erhielt und, gegen mich zurückstürzend, von mir mit drei Kugeln gestreckt wurde. Nun ging’s gleich an eine genaue Untersuchung, weil Wurmbrand und ich von derselben Seite her geschossen hatten; zu meinem Bedauern wies der Tiger auf dieser Seite nur eine Kugel auf, über welcher meine drei Fangschüsse saßen. Da der Tiger bei Wurmbrand auf dessen Schuss hin gestürzt war, hatte ich offenbar gefehlt und muss gestehen, dass mich diese Tatsache doch mit einem gewissen Schussneid erfüllte, da der Tiger ein besonders starkes, schön gefärbtes Männchen war. Der alte Herr musste schon einmal eine Affaire mitgemacht haben; denn wir fanden zwischen Hals und Blatt eine ganz eingekapselte Rundkugel größten Kalibers, die ihm seinerzeit gewiss viel Unannehmlichkeiten bereitet haben dürfte.

Die Eingeborenen schienen, da in den letzten drei Tagen vier Tiger gefallen waren, ohne dass ich einen derselben erlegt hatte, mit dem Resultat der Jagd nicht einverstanden; sie eilten daher sofort ins Lager, wohin wir ihnen eine Stunde später folgten, zurück, um nachmittags einen Panther aufzusuchen, der in südlicher Richtung vom Lager gerissen hatte. Bei dem Eintreffen im Lager hieß es jedoch, der Panther sei nicht gefunden und als Ersatz für die Jagd auf diesen könne ein General-shooting unternommen werden.

Als wir uns zu diesem rangierten, fiel mir auf, dass hinter der Linie einige Leute Feuer anzündeten, um einen im hohen Dschungel sichtbaren Bau auszuräuchern. Auf mein Befragen wurde mir bedeutet, es handle sich hier nur um eine Spielerei der Leute, worauf wir beruhigt von dannen zogen, eine Ebene am Rand eines größeren Flusslaufes durchstreifend, in der ich wieder eine der schönen Bengal-Trappen mit weißen Flügeln, einen kapitalen Schweinshirsch mit hohem, starkem Geweih und zwei Zibethmarder, sowie verschiedenes kleineres Wild erlegte.

Leider entkam uns eine alte starke Hyäne auf eigentümliche Art. Ich passierte eben ein hohes Grasdickicht, als einige Elephantenführer in meiner Nähe mir auf nepalisch etwas zuriefen und gleich darauf unter Schreien und Gestikulationen ein Stück Wild verfolgten, das sie auch bald eingekreist hatten. Ich frug den neben mir reitenden Residenten, was es sei, worauf mir dieser bedeutete, es sei nur ein Zibethmarder, den man in dem Gras nicht erblicken könne, weshalb ich auch nicht zu der Stelle reiten möge, wo das Tier stehe, da ja doch jedes Bemühen vergeblich sei. Infolge dessen meinen Weg fortsetzend, gerieth ich jedoch in nicht eben freudiges Erstaunen, als ich, zurückblickend, aus dem Dickicht, welches früher leicht zu erreichen gewesen wäre, eine gewaltig große Hyäne springen und flüchtig werden sah. Ihr eine Kugel nachzusenden, verwehrte mir der Umstand, dass sich zwischen der Hyäne und meinem Standpunkt Leute und Elephanten befanden. Clam und Crawford vermochten nur auf weite Distanzen einige erfolglose Schüsse abzugeben.

Als die Jagd beendet war, brachten uns Leute zwei junge Hyänen ins Lager, die sie aus dem Bau, den ich schon bei Beginn der Jagd wahrgenommen, ausgeräuchert und erschlagen hatten; somit hatte ich Ursache, hinterdrein ärgerlich zu sein, über das in jenem Bau steckende Wild die Wahrheit nicht erfahren zu haben, da ich mit großem Interesse dem Ausgraben der jungen Hyänen beigewohnt hätte. Die beim Streif aufgetriebene Hyäne dürfte die Mutter der Jungen gewesen sein, welche bereits die Größe eines ausgewachsenen europäischen Fuchses hatten. Abends statteten wir noch dem Lager unserer Elephanten einen Besuch ab, um sie bei ihrem Abendessen zu beobachten.

Links

  • Ort: Katni, Nepal
  • ANNO – am 23.03.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet über die große Anteilnahme der Bevölkerung am Begräbnis von Jules Ferry in Paris.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Bernhard Lenz“, während das k.u.k. Hof-Operntheater „Die Königin von Saba“ aufführt.

Katni, 22. März 1893

Der heutige Jagdtag war ziemlich missglückt, doch der richtige Jäger muss ja des Sprichwortes stets eingedenk sein: »Es ist alle Tage Jagdtag, aber nicht alle Tage Fangtag.« Das Wetter war so herrlich, wie es in unseren Ländern an besonders schönen Septembertagen zu sein pflegt.

Der Morgenrapport lautete, dass ein starker Tiger auf 11 km nördlich vom Lager gerissen habe, weshalb wir sofort nach dem Killplatz aufbrechen sollten. Die Jagd- und Häuda-Elephanten waren bereits vorausgegangen, wir folgten denselben, einen genussreichen Ritt durch einen grünen Sal-Wald bis zum Jagdplatz unternehmend, der fast unmittelbar am Fuß des Gebirges gelegen war. Daselbst empfingen uns die Schikäris mit dem Ausdruck der Enttäuschung in ihren Mienen und meldeten, dass sie bereits einen großen Kreis gemacht, den erwarteten Tiger jedoch nicht gefunden hätten. Die eingeborenen Jagdleiter, sowie der Resident, die mit uns geritten waren, zeigten nicht geringere Enttäuschung und ließen nach langem Kriegsrat, leider vergeblich, noch an den besten Plätzen der Umgebung nach Tigern spüren.

Ein Frühstück musste die Situation retten. Dann wurde in Ermanglung von Tigern ein General-shooting unternommen, welches eine sehr geringe Strecke lieferte, obwohl wir vier Stunden lang streiften. Die gutmütigen Eingeborenen waren über den Misserfolg des Tages sehr unglücklich und schickten, da sie sich für den nächsten Tag sicher einen Tiger versprachen, noch nachmittags eine große Anzahl Leute hinaus, um den Tigern vorzulegen.

Links

  • Ort: Katni, Nepal
  • ANNO – am 22.03.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet von Franz Ferdinands Aufenthalt in Jodhpur Ende Februar auf Basis eines seiner Privatbriefe.
Franz Ferdinand in Jodhpur and hunting tigers in February (Neue Freie Presse, 22 März 1893, S.6).

In Jodhpur jagt Franz Ferdinand Tiger Ende Februar (Neue Freie Presse, 22 März 1893, S.6).

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Kriemhilde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Verdis „Der Troubadour“ aufführt.

Katni, 21. März 1893

Morgens hieß es, ein starker Tiger habe in der Nacht gerissen und sei in einem nicht sehr entlegenen Dschungel ziemlich sicher bestätigt. Entgegen dem Rat des Residenten, unsere Jäger mit den Häuda-Elephanten vorauszuschicken und erst eine Stunde später selbst nachzufolgen, zogen wir es vor sofort mitzureiten und wurden, auf dem Stelldichein angelangt vom Oheim des Maharadschas mit der Nachricht empfangen, dass der Tiger noch jung wäre und sich beim geschlagenen Stück befände. Als die Flügel voreilten, um den Kreis zu formieren, wurde aus dem Tiger ein Panther und, als der Kreis geschlossen war, aus dem Panther — nichts. Ziemlich enttäuscht verließen wir das Dschungel; doch da die Eingeborenen mit Bestimmtheit auf einen Tiger rechneten und uns versicherten, dass ein solcher sich in der Nähe befände, wurde die Linie gebildet und ein Streif in einem ziemlich lichten, benachbarten Dschungel unternommen, wobei aber auf kein anderes Wild als auf Tiger geschossen werden sollte.

Dem hervorragenden Spürsinn der Schikäris widerfuhr glänzende Genugtuung; denn wir mochten ungefähr eine halbe Stunde gestreift haben, als vom linken Flügel her der Ruf „Bara Bagh“ erscholl. Ich befand mich mit Wurmbrand und Kinsky in der Mitte und musste stehen bleiben, während die Flügel von den Schikäris zur Schließung des Kreises beordert wurden. Mein Mahaut wies, mir „Bagh“ zurufend, beständig gegen einen ziemlich entfernten Grasbusch hin, ohne dass ich jedoch etwas wahrnehmen konnte, da ich beim Halten der Linie in eine sehr ungünstige Position, in eine von Bäumen umgebene Vertiefung geraten war. Um die Anordnungen der Eingeborenen nicht zu beirren, verharrte ich auf meinem Posten und sah, als die Flügel bereits anfingen, den Kreis zu schließen, in beträchtlicher Entfernung von mir einen Tiger zwischen den Bäumen sich im Trolle fortbewegen. In demselben Augenblicke fiel ein Schuss Kinskys, der Tiger stürzte getroffen und tat sich bei einem großen Baum nieder. Kurz darauf schoss Wurmbrand links von mir auf einen schwachen Tiger, den ich nicht sehen konnte und der sich, auch getroffen, in einem Grasbusch verbarg. Unmittelbar nachher sah ich, ebenfalls sehr weit von mir, einen dritten Tiger über eine kleine Blöße direkt gegen Clam wechseln, der ihn roulierte, worauf das Tier noch bei Kinsky durchzubrechen versuchte, von diesem aber einen Fangschuss erhielt.

Bei dem Einschwenken des linken Flügels zur Schließung des Kreises war eine kleine Verwirrung dadurch entstanden, dass ein vierter Tiger durchbrach und Fairholme denselben mit einigen Elephanten besonders einzukreisen versuchte. Stockinger und Prónay wollten die hiedurch eingerissene Lücke verstellen, verloren aber hiebei die Direktion, erschienen im Jagdeifer plötzlich mitten im Kreise vor uns und eröffneten hier, auf den von Wurmbrand angeschossenen Tiger stoßend, auf diesen ein wohlgenährtes Schnellfeuer, so dass er zum Schluss von sieben Kugeln durchbohrt auf die Strecke gebracht wurde.

Da ich sah, dass die Jagd zu Ende war, rief ich Kinsky herbei und zeigte ihm den von ihm angeschossenen Tiger, damit er ihm den Fangschuss gebe. Es war sein erster Tiger, ein starkes Weibchen, die beiden anderen dessen Junge vom Vorjahr. Der vierte Tiger, der hinausgewechselt war, dürfte ein drittes Junges derselben Tigerin gewesen sein.

Bei der heutigen Jagd — einer neuerlichen Probe der Geschicklichkeit, der raschen Orientierung und des richtigen jagdlichen Sinnes der Nepalesen — hatten wir eine uns noch ungewohnte Methode kennen gelernt, nämlich das Einkreisen von Tigern in einem ganz lichten Dschungel ohne Unterwuchs, während die Tiger bisher stets in dichten Gras- oder Schilfpartien eingekreist worden waren. Leider hatte ich infolge meines ungünstigen Standpunktes von der Jagd wenig gesehen; doch erzählte mir Clam, dass er, durch eine Lichtung blickend, ein seltenes Schauspiel genossen habe. Als nämlich die Tigerin die Anwesenheit der vielen sie einkreisenden Elephanten bemerkt hatte. setzte sie sich, offenbar entschlossen, sich selbst und ihre Nachkommenschaft bis zum äußersten zu verteidigen, eines ihrer Jungen zur Rechten, das andere zur Linken, auf die Hinterpranten und begann, nach allen Seiten hin die Zähne fletschend, laut zu brüllen.

Bedauerlicherweise wurde auch bei dieser Jagd ein Elephant verletzt, doch nicht durch Tigerbiss, sondern durch eine Prellkugel, die von einem der glatten Baumstämme abgeprallt sein mochte und dem Elephanten gerade über dem Stoßzahn in den Rüssel gedrungen war. Auch ein Elephantenführer hatte durch einen wahrscheinlich zufolge eines Schusses abgesplitterten Teil eines Astes eine Verletzung davongetragen, die zum Glück ganz gering war; einige Rupien Schmerzensgeld wirkten nach der Miene des Verwundeten zu schließen, wie der beste Balsam. Dass solche Verwundungen vorkommen konnten, erklärt sich daraus, dass man stets gezwungen ist, in den Kreis hineinzuschießen und eben an den glatten Teak- und Sal-Bäumen leicht eine Kugel abprallen kann.

Der alte Oheim des Maharadschas war sehr ungehalten, dass ich keinen Tiger geschossen, beruhigte sich aber, nachdem ich ihm versichert, dass es mich nicht minder freue, wenn die Herren meiner Gesellschaft schössen, und ließ die Linie formieren, um mittels eines Generalshootings in das Lager zurückzukehren. Es ist in der Umgebung unseres Lagers von Katni auffallend weniger Wild als in den ersten Lagern, da die Eingeborenen hier viel schießen. Dieselben bedürfen jedoch zur Erlegung von Tigern besonderer Erlaubnis, welche dann erteilt wird, wenn ein Tiger unter den Viehherden der benachbarten Ortschaften große Verheerungen anrichtet.

Leider wurde abermals ein Nashornvogel gefehlt; Fairholme erlegte einen Black-buck, den ersten, den wir bisher in Nepal gesehen.

Gegen Ende unseres Streifs, schon ganz nahe am Lager, begannen zwei Elephanten aus unbekannter Ursache miteinander zu kämpfen, wobei der eine derselben mit einem Stoßzahne dem Mahaut des anderen Elephanten eine tiefe Riss- und Quetschwunde in der Kniekehle beibrachte und den Mann hiedurch so schwerverletzte, dass der Bedauernswerte das Bett wohl durch viele Wochen wird hüten müssen.

Im Lager statteten wir dem armen angeschossenen Elephanten einen Besuch ab und fanden ihn eben unter der Behandlung des Arztes, wobei ich die Klugheit und Geduld des Tieres bewundern konnte. Auf Befehl des Wärters legte sich der Elephant auf die rechte Seite und sah mit den klugen Augen nach dem Arzt, der die Wunde mit der Sonde untersuchte, ohne dass sich hiebei die Kugel gefunden hätte. Empfand der Elephant Schmerz, so verzog er nur die Lippen, verhielt sich aber im übrigen, ebenso wie bei der noch schmerzvolleren Operation des Auswaschens und Einpinselns der Wunde ganz ruhig, als wüsste er, dass ihm diese Prozedur nützen würde. Die Ruhe des Tieres war um so höher anzuschlagen, als nach den Tränen, welche den kleinen Augen entquollen, zu urteilen, die Schmerzen, welche der arme Häthi zu ertragen hatte, nicht geringe waren.

Links

  • Ort: Katni, Nepal
  • ANNO – am 21.03.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Bernhard Lenz“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ aufführt.

Katni, 20. März 1893

Die Eingeborenen und namentlich die leitenden Führer hatten uns schon tagszuvor erklärt, dass bei Andauer des Regenwetters an ein Abbrechen und Fortschaffen des Lagers nicht zu denken sei, da sämtliche Kamele und Wagen im Kot stecken bleiben müssten und überdies die nassen Zelte beim Verpacken Schaden leiden würden. Da aber auch zugegeben wurde, dass die Gegend, in der wir uns befanden, keine sonderliche Jagdausbeute, insbesondere keine solche an Tigern erwarten lasse und wir auf Erfolge erst im nächsten Lager rechnen dürften, so drang ich mit allem Nachdruck darauf, das Lager abzubrechen und unter jeder Bedingung zu versuchen, die nächste Station. Katni, zu erreichen. Nach langen Debatten gelang es, die Jagdleiter zu überreden, und zeitlich morgens schritt man daran, das Lager abzubrechen. Das Fatalste bei der Sache war, dass wir einen langen Marsch von 23 km in südöstlicher Richtung vor uns hatten; dafür lugte aber die Sonne hervor und trocknete wenigstens unsere durchnässten Kleider.

Wir ritten mit den Reit- und Jagdelephanten voraus, da ein Tiger in der Nähe des neuen Lagerplatzes gekillt hatte; die Karawane sollte folgen. Im Verlauf unseres langen Rittes sahen wir aber mit Besorgnis die Verwüstungen, welche der nachhaltige Regen an den Waldpfaden angerichtet hatte; denn überall gab es Wasserlachen und Kot, so dass unsere Elephanten allerorts tief einsanken; die sonst trockenen Erdrisse, welche die Wege kreuzen, waren stellenweise meterhoch mit Wasser angefüllt.

Auf dem Lagerplatz von Katni lief bald die Meldung ein, die Karawane sei völlig stecken geblieben, könne nicht vorwärts und werde, da alles umgeladen werden müsse, wohl nicht vor dem nächsten Morgen anlangen. Die Kamele glitten nämlich in dem kotigen Terrain derart aus, dass ein Weitertreiben derselben nicht möglich war, und die schwächlichen, schlecht genährten Ochsen und Büffel waren nicht im Stande, die unpraktisch gebauten, zweiräderigen Karren fortzuschleppen.

Auf Strohbündeln sitzend harrten wir, während die Schikäris mit den Elephanten auszogen, um den gemeldeten Tiger zu bestätigen, der Dinge, die da kommen sollten. Nach und nach trafen einige Vorboten des Trains, die Kulis mit ihren Lasten und einzelne Soldaten der Eskorte ein. So mochten wir ungefähr fünf Stunden gewartet haben, als die sehr erfreuliche Botschaft kam, es sei den Schikäris gelungen, den Tiger zu finden und einzukreisen. Im schnellsten Lauf, dessen Elephanten fähig sind, ging’s an den bezeichneten Platz, wo wir ganz durchgerüttelt ankamen, aber zu unserer Befriedigung den Kreis in schönster Ordnung fanden; rasch waren die Plätze verteilt, und die gewöhnliche Arbeit der Schikäris nahm ihren Anfang.

Der Jagdplatz war sehr hübsch gelegen, ein dichtes, grünes Grasdschungel, umgeben von hohen Sal-Bäumen und anderen, mir unbekannten Bäumen, die wohlriechende, rosarote Schmetterlingsblüten trugen. Der Tiger riss bald vor den Elephanten aus, schlich einige Zeit in dem Dschungel umher und fuhr dann plötzlich gegen Kinsky, der ihn fehlte, heraus, um sofort wieder im Grasdickicht zu verschwinden; nach einigen Minuten stürzte derselbe mit Gebrüll abermals hervor und nahm meinen Elephanten an. Ich roulierte den Tiger nun zu den Füßen meines tapferen Hathi, der sich nicht gerührt hatte, worauf der Tiger, der einen Hochblattschuss hatte und auf dem Boden lag, das Haupt gegen mich wendete, brüllend den Rachen öffnete und mir die Zähne wies. Ein prachtvoller Anblick, über dem ich vergaß, dem Tiger noch einen Fangschuss zu geben, so dass das mächtige Tier plötzlich wieder hoch wurde und sich, wenn auch noch von einer zweiten meiner Kugeln getroffen, neuerdings in das Grasdschungel zurückzog.

Nun begann eine sehr aufregende Jagd, da der schwerverwundete Tiger sich auf das energischeste verteidigte und alles annahm, was ihm in die Nähe kam. Wir durften unsere Stände im Kreise nicht verlassen, weil sonst Lücken entstanden wären, durch welche der Tiger hätte entwischen können; so ritten denn die Schikäris in das Gras, um ihn herauszutreiben. Der Tiger war jedoch schon zu schwach, um den Platz, auf dem er lag, zu verlassen, und verteidigte nur mehr in sitzender Stellung sein Leben. Ein besonders tapferer Elephant ging ihn direkt mit dem schrillen Kampfesruf, welchen diese Tiere bei solchen Gelegenheiten ausstoßen, an, warf sich auf ihn und brachte ihm mit den Stoßzähnen eine tiefe Risswunde am Schlegel bei; doch hatte der Tiger noch hinlängliche Kraft, den Elephanten anzuspringen und sich in einen Vorderfuß desselben zu verbeißen, so dass das Blut in Strömen hervorquoll. Nach einigen Attacken dieser Art hörten das Gebrüll und der Kampf endlich auf; der Tiger war verendet.

Wir konnten bei dieser Szene nur als Zuschauer fungieren und keinen Fangschuss anbringen, da der Elephant mit seinem Mahaut und der Tiger immer knapp aneinander waren und wir befürchten mussten. den Elephanten oder den Mahaut zu treffen. Der Tiger, ein altes Männchen, das über 3 m maß, war der stärkste, den ich bisher erbeutet hatte; erst als er verendet war, konnten wir die klaffende Wunde in der Flanke beobachten, welche ihm der Elephant mit den Stoßzähnen beigebracht; aber auch dieser war schlimm zugerichtet, hob schmerzerfüllt den Fuß empor und sog das stromende Blut mit dem Rüssel auf.

Nachdem der Tiger noch photographiert worden ist, nahmen wir fröhlich den Weg zum Lager, wo uns abends wieder ein Tigeralarm Stoff zur Unterhaltung bot. Das angebliche Erscheinen eines Tigers hatte unter den Kulis große Aufregung hervorgebracht, bis sich schließlich herausstellte, dass der „Tiger“ nur ein seinem Wärter entkommener Büffel war, welcher in der Finsternis mit einem anderen Büffel kämpfte.

Links

  • Ort: Katni, Nepal
  • ANNO – am 20.03.1893 in Österreichs Presse. Auf ihrem Weg nach Genua hat die Kaiserin in Lugano in der Schweiz gerastet.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Bernhard Lenz“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Massenets „Manon“ aufführt.

Beli, 19. März 1893

Die ganze Nacht hindurch hatte es unaufhörlich geregnet. Gegen Morgen legte sich das Unwetter, so dass wir, da kein Tiger bestätigt war, wenigstens zu einer Streifjagd in ein nahe am Lager befindliches Dschungel ausziehen konnten, das sich jedoch nahezu wildleer erwies; kaum jede halbe Stunde hörte man einen Schuss. Als wir den Jagdleiter, den Vetter des Maharadschas, deshalb interpellierten, erklärte er uns, er habe dergleichen geahnt, da man ihm aber gemeldet, dass ein Tiger in diesem Wald gespürt worden sei, habe er den Streif dahin geführt.

Um allen weiteren Erörterungen ein Ziel zu setzen, befahl er, das Frühstück herbeizubringen und ordnete eine Rast an, womit ich, da bei unseren bisherigen Expeditionen das Frühstück schon oft eine sehr günstige Wendung in die Schicksale des Jagdtages gebracht hatte, zufrieden war, besonders weil wir bald wieder aufbrachen, um in ein besseres, gemischtes Dschungel zu gelangen.

Ich hatte eben eine kleine Schlucht passiert und die ganze Linie war in ein sehr hohes Gras- und Schilfdschungel gekommen, als ich Teile eines von einem Tiger frisch gerissenen Rindes im Grase fand. Ich machte die neben mir reitenden Schikäris und Jagdleiter darauf aufmerksam, welche, nachdem sie den Killplatz genau untersucht, die Häupter schüttelten und mit lebhaften Gestikulationen eine längere Besprechung abhielten, der ich entnahm, dass sich der Tiger nicht weit befinden dürfte. Daraufhin ließen sie den rechten Flügel, der schon in das Dschungel eingedrungen war, halten und den linken Flügel, der etwas zurückgeblieben war, einschwenken, während ich als Pivot in der Mitte blieb.

Nun kam aber ein Moment, der stets ein dunkler Punkt in der Geschichte meiner Tigerjagden bleiben wird, den aber der heilige Hubertus seinem eifrigen Jünger hoffentlich verzeiht. Da ich wusste, dass die Schwenkung des linken Flügels einige Zeit in Anspruch nehmen würde, saß ich nachlässig, das Schrotgewehr in der Hand, in meiner Häuda. Plötzlich sehe ich eine lange, gelbe Linie vor mir im Gras auftauchen; aufspringen und schießen war Eins, obgleich ich im selben Augenblick auch schon erkannt hatte, dass sich ein Tiger vor mir befand. So hatte ich denn in der Aufregung des Augenblickes das Schrotgewehr nicht mit dem Stutzen vertauscht, sondern mit 8-er Schrot auf den edlen Tiger geschossen. Ich griff zwar noch rasch nach dem Stutzen, aber es war zu spät; der Tiger wurde auf den Schuss hin flüchtig und verschwand im hohen Gras. Tief beschämt und sehr ärgerlich über diesen Vorfall, der kaum einem noch ganz grünen Jäger nachgesehen werden könnte, stand ich da und schrie aus Leibeskräften, hiedurch meinem Zorn über mich selbst Luft machend, „Bara Bagh, Bara Bagh!“ um die anderen Herren auf die Anwesenheit eines Tigers aufmerksam zu machen.

Der Tiger war von mir weg in gerader Richtung flüchtig geworden, und ich befürchtete, dass der Kreis nicht mehr rechtzeitig geschlossen werden würde; aber das Einkreisen ging wieder mit solcher Ordnung und Schnelligkeit vor sich, dass, als der erste Schikäri in die Mitte gedrungen war, das Gebrüll des Tigers uns die freudige Gewissheit verschaffte, dass dieser sich im Kreise befinde. Schon früher, als ich mit abgeschossenem Schrotgewehr dastand, hatte ich wahrnehmen können, dass es ein auffallend großer Tiger war, welchen wir vor uns hatten und der jetzt auch nicht lang auf sich warten ließ, sondern bald, ein schönes Bild von Kraft und Stärke, geradewegs auf Wurmbrand loskam, welcher ihm, als er sich eben zum Sprung anschickte, einen Schlegelschuss beibrachte. Laut brüllend kehrte der Tiger in das Gras zurück, sprang dann noch einmal gegen die einkreisenden Elephanten und verendete endlich an einem Fangschuss.

Es war der stärkste Tiger, den wir bisher erlegt hatten, ein besonders großes Exemplar mit mächtigem Haupt und langen Fangzähnen, deren einer kariös war, was auf ein sehr hohes Alter schließen lässt. Beim Aufbrechen fand man im Magen die noch ganz erhaltene Hälfte einer Kuh mit Decke, Kopf, Ohren u. s. w. ebenso beim Abstreifen meine Schrote unter der Decke genau auf dem Blatt sitzen. Ich hob sie mir als trauriges Andenken auf. Bei all dem war ich sehr erfreut, dass gerade Wurmbrand, der bisher noch kein Waidmannsheil gehabt, den Tiger erlegt hatte. Die weitere Fortsetzung des Streifes ergab nicht mehr viel Wild, dafür aber als Vertreter einer für uns neuen Art, zwei Zibethkatzen (Viverra zibetha), welche durch intensive und zahlreiche dunkle Flecken und Streifen ausgezeichnet sind.

Gegen Abend, als wir schon ins Lager zurückgekehrt waren, ging ein heftiges Gewitter nieder, bei dem es ohne Unterbrechung donnerte. Der niederströmende Gussregen war keineswegs danach angetan, die Feuchtigkeit des noch von gestern her nassen Lagers zu vermindern.
Beim Abendessen gab’s auf einmal Tigeralarm. Einige ängstliche Kulis stürzten mit der Meldung herbei, ein Tiger habe einen Büffel gerissen und sitze auf ihm. Die um die Tiere besorgten Leute zündeten. um den Tiger zu verscheuchen, allenthalben Feuer an; die Meldung erwies sich jedoch als falsch, so dass es beim bloßen Schrecken blieb.

Links

  • Ort: Beli, Nepal
  • ANNO – am 19.03.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt nachmittags „Das Käthchen von Heillbronn“ un abends „Kriemhilde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater „Die Jüdin“ aufführt.

Beli, 18. März 1893

Der Abbruch des Lagers Guleria bereitete Schwierigkeiten, da die nassen Zelte sich schwer zusammenlegen und rollen ließen. Von Tigern war keine Meldung eingelaufen. Da es eben nicht regnete, sollte in Form eines General-shootings zum nächsten, 23 km in östlicher Richtung entfernten Lagerplatz Beli gestreift werden; die Linie war jedoch kaum aufgestellt, als sich die Berge neuerdings mit Wolken umhüllten und ein starker Regen niederging, der mit kurzen Pausen den ganzen Tag andauerte, um gegen Abend an Intensität zuzunehmen.

Das Terrain der heutigen Streifjagd war besonders schwierig, da wir zum mindesten zwanzig Mal einen der sich in Schlangenwindungen dahinziehenden Flüsse mit seinen steilen Ufern zu passieren hatten, eine harte Arbeit für unsere Elephanten. Überdies mussten wir meistenteils durch dichtes Baumdschungel ziehen, so dass die Köpfe der Elephanten und die Messer der Eingeborenen viel zu tun hatten.

Gleich im Anfang wurde ein Tiger gespürt, das Schießen auf anderes Wild eingestellt und nur nach dem Tiger gefahndet; doch da sich die Fährte in Bälde verlor, kam wieder die Ordre, alles Wild zu bejagen. Ich erlegte in der Folge meinen ersten Sumpfhirsch, der leider nur ein Spießer, im Wildbret jedoch so stark war wie ein sehr guter jagdbarer Hirsch unserer Wälder; im übrigen war aber das so dichte Dschungel, auf welches die Eingeborenen viel Hoffnung gesetzt hatten, sehr wildarm.

Als wir auf eine größere Viehtrift heraustraten, sah ich einen Vogel in der Größe einer Zwerg-Trappe vor mir wegstreichen, den ich nicht ansprechen konnte. Da der Vogel sehr scheu war und vor dem Elephanten nicht aushielt, so schlich ich ihn zu Fuß an und erlegte in ihm zu meiner großen Freude einen seltenen Ibis (Geronticus papillosus) mit stahlblaufarbigen Flügeln, braunem Leib und rotem Kopf.

In demselben Augenblick strich ein großer Adler knapp über mir hinweg; ich hatte gerade noch Zeit, eine frische Patrone zu laden, um ihn aus der Luft zu holen. Im weiteren Verlauf der Jagd traf mich das Missgeschick, bei einem schwierigen Übergang, der meine Häuda in bedeutende Schwankungen brachte, einen besonders schönen Nashornvogel zu fehlen.

Der Regen wurde stets heftiger, die Elephanten ermüdeten infolge der vielen Terrainhindernisse und des nassen, schlüpfrigen Bodens halber; wir waren bis auf die Haut durchnässt: die Gurten und Riemen der Häudas verschoben sich immer mehr — so kamen wir denn schließlich in recht kläglichem Zustand im Lager von Beli an. Hier sah es trübselig genug aus; zwischen den Zelten blieb man beinahe im Kot stecken; kein Feuer wollte brennen; alles war feucht und der Arzt lief fortwährend mit Chininpillen umher, jeden, dem er begegnete, damit überfallend, um das Gespenst der hier stark grassierenden Malaria zu bannen.

Links

  • Ort: Beli, Nepal
  • ANNO – am 18.03.1893 in Österreichs Presse. Am 17. März starb der französische Politiker Jules Ferry an einer Herzkrankheit.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Julius Caesar“, während das k.u.k. Hof-Operntheater „Cavallaria Rusticana“ und „Rouge et noir“ aufführt.

Guleria, 17. März 1893

Das Lager in Dechta Boli wurde früh morgens abgebrochen und dann setzte sich die ganze Karawane in Bewegung, um den 13 km weit entfernten neuen Lagerplatz von Guleria zu beziehen.

Sofort nach unserer Ankunft eilten die Schikäris mit einer Anzahl Elephanten auf die Tigersuche, um nach Verlauf von drei Stunden mit der Meldung zurückzukommen, dass sie alle günstig scheinenden Plätze abgesucht hätten, ohne Tiger zu finden. Übrigens hatten die Eingeborenen vorhergesagt, dass Guleria mehr Marsch- als Jagdstation sei, und beigefügt, dass die Chancen, trotz der sehr einladenden Dschungel, nicht als gute zu bezeichnen seien.

Angesichts der vorgerückten Stunde und der großen Müdigkeit der Elephanten, hielten wir in Guleria Rasttag, welcher den von den Anstrengungen der letzten Tage recht angegriffenen Dickhäutern sehr zustatten kam. Die unfreiwillige Pause unseres Jagdlebens wurde — nicht ohne mancherlei Erwägungen über die respektiven Vorzüge von Schreibfeder und Büchse — zur Erledigung der Post benützt.

Mit Beginn der Dunkelheit ballten sich schwere Wolken zusammen und es regnete in Strömen. Wiewohl die Zelte sich als regendicht erwiesen, hatten wir von dem recht unliebsamen meteorologischen Phänomen insofern zu leiden, als im Innern der Zelte alle Gegenstände, insbesondere die Kleider und die Wäsche ganz feucht wurden.

Links

  • Ort: Guleria, Nepal
  • ANNO – am 17.03.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Hamlet“, während das k.u.k. Hof-Operntheater „Hernani“ aufführt.

Dechta Boli, 16. März 1893

Wir hatten uns noch immer mit der Hoffnung getragen, Tiger zu erbeuten. Aus diesem Grund war das Lager noch nicht abgebrochen worden. Da jedoch bis 10 Uhr vormittags keine Meldung eingetroffen war, ordnete der Resident einen großen Streif in den günstigsten, das heißt in jenen Teilen des Dschungels an, die, wie behauptet wurde, Tigern zum Aufenthalt dienten. Wir bekamen zwar auch hier, während der den ganzen Tag erfüllenden Jagd keinen Tiger zu Gesicht, dafür jedoch allerlei anderes Wild; so erlegte ich allein 10 Stück Axiswild, 9 Stück Schweinshirschwild, einen Bellenden Hirsch, ein Stück Schwarzwild, einen Schopf-Schlangenadler, einen mir bisher noch unbekannten habichtähnlichen Adler (Spizaetus nipalensis), — zur Gattung der Haubenadler gehörig — verschiedenes anderes Federwild, darunter einen der prachtvollen zinnoberroten Mennigvögel. Prónay schoss einen Sumpfhirsch von sechs Enden.

Bei dieser Jagd ging es zunächst durch lichten Wald mit Grasunterwuchs; dann, nach einer großen Schwenkung und nach Durchquerung eines Flusses, in coupiertes Terrain mit gemischtem Unterwuchs. Ein großer Teil des hier besonders zahlreichen Wildes brach — was selten zu erfolgen pflegt — durch die Elephantenlinie zurück, gleichwohl gelang mir zu meiner Freude ein coup double auf einen starken Axishirsch und ein Wildschwein, die in der Flucht an mir vorbeiwechselten.

Plötzlich entstand der falsche Alarm, es sei ein Panther erblickt worden, aber die Aufregung, die sich angesichts solcher Verheißung unser bemächtigte, machte leider rasch tragikomischer Enttäuschung Platz; denn das als Panther angesagte Stück erwies sich als ein — Wildschwein!
Der Streif führte uns zu einer von zwei Flussläufen eingeschlossenen Halbinsel, deren Formation die Schützen einander ganz nahe brachte; da nun aber jeder mit seinen Schüssen dem andern zuvorkommen wollte, gab es eine große Zahl eiliger und deshalb schlechter Schüsse. Hier wurde selbst auf die allerweiteste Distanz noch die Büchse abgedrückt, dort in der Überstürzung ein Stück Wild von mehreren Herren zugleich gefehlt.

Ein kleines Abenteuer war dem guten Hodek vorbehalten. Derselbe hatte meine Erlaubnis erbeten, an der Jagd teilzunehmen: allein gegen Mittag überkam ihn schwere Sorge um die Bälge und Felle, welche zum Trocknen aufgehängt und noch nicht verpackt waren. Von Pflichteifer erfüllt, trennte er sich von uns, um zum Lager zurückzukehren, nachdem sein Häudist, das ist der Eingeborene, der mit ihm in der Häuda saß, über den kaum eine Stunde betragenden Weg ins Lager genau instruiert worden war. Als wir des Abends von der Jagd einrückten, war aber noch immer kein Hodek da. Es schlug 9 Uhr, als er uns endlich wieder vor Augen kam, mit Recht unwillig darüber, dass ihn sein Mahaut, immer aufs neue den Weg verfehlend, so viele Stunden lang in halb Nepal spazieren geführt.

Links

  • Ort: Dechta Boli, Nepal
  • ANNO – am 16.03.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Kriemhilde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet “ Excelsior“ aufführt.