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diary entries of Franz Ferdinand

Buitenzorg—Batavia — Tandjong Priok, 27. April 1893

Die Spanne Zeit, die mir in Buitenzorg noch gegönnt war, bevor ich Java verließ, benützte ich, um zwei Objekte in Augenschein zu nehmen: ein Werk friedlicher Tätigkeit, den botanischen Garten, und eine militärische Anstalt, die Kaserne.

Der weltberühmte botanische Garten (’s lands plantentuin), welcher im Jahre 1818 unter Generalgouverneur Baron van der Capellen von einem Deutschen, dem Landbaudirektor Professor Reinwardt, geschaffen ward, dient zur Kultur von Pflanzen für wissenschaftliche und Unterrichtszwecke und enthält selbstverständlich nur solche Gewächse, welche in dem tropischen Klima Buitenzorgs gedeihen. Um Pflanzen kühlerer Zonen kultivieren zu können, hat man eine Anzahl botanischer Höhenstationen auf verschiedenen Stufen des Gede-Gebirges, an dessen Fuß Buitenzorg gelegen ist, sowie auf dem Gipfel des Pangrango errichtet. Dort werden von der Leitung des Buitenzorger Gartens jene Gewächse gezogen, welche eine Höhenlage von 985 m aufwärts bis zu 2700 m erfordern.

Dieser Garten, welcher etwa 60 ha umfasst und gegen Norden in den zum Palais des Generalgouverneurs gehörigen Park übergeht, zeichnet sich beim ersten Anblick vor allem durch die Schönheit seiner Lage aus. Nach Süden hin erheben sich die grandiosen Gipfel der „blauen Berge“, das ist der erloschenen Vulkan Salak und Pangrango. Von dem diese beiden Gipfel verbindenden Sattel senkt sich wellenförmiges Terrain nach Buitenzorg nieder. Der Palaisgarten selbst ist sanft abgedacht, im Osten vom Tji Liwung begrenzt, mit schönen Laubbäumen, Palmenalleen, Bambusgebüsch, Rasenflächen und Wasserbecken geschmückt.

Im ganzen werden hier etwa 9300 Pflanzenarten (300 Familien, 2500 Geschlechter) kultiviert. Ich hatte von diesem Garten viel reden gehört und war von vielen Seiten auf seine Pracht aufmerksam gemacht worden, so dass ich ihn mit Erwartungen betrat, welche allerdings nicht vollauf in Erfüllung gingen. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus besitzt dieser mit einer Fachbibliothek und einem „Landbau-Museum“ ausgestattete Garten unzweifelhaft einen außerordentlich hohen Wert; alljährlich kommen Gelehrte aus Europa nach Buitenzorg, um hier Studien zu obliegen und Forschungen anzustellen. Allein das Bestreben, auf einem immerhin beschränkten Raum eine wahre Unzahl der verschiedenartigsten Gewächse der tropischen Region aller Weltteile und speziell der malayischen Zone unterzubringen, führt dazu, dass hier Vieles allzu dicht gedrängt nebeneinander steht, manches nicht zu völlig freier Entwicklung gelangt, anderes doch nichi alle jene Bedingungen vorfindet, welche Boden und Klima den Pflanzen auf ihrem natürlichen Standort oder bei vollkommener Akklimatisation bieten.
Die Anordnung des Gartens ist eine streng wissenschaftliche. so dass der Fachkundige unverzüglich orientiert ist. In einem Teil des Gartens sind zum Beispiel ausschließlich Palmen der verschiedensten Arten, in einer anderen Partie nur Eichen oder Koniferen gepflanzt, weshalb denn in jeder Abteilung eine gewisse Eintönigkeit der Formen vorwaltet. Diese Anordnung ist allerdings den Zwecken der Beobachtung äußerst dienlich. Der Laie aber blickt auch in derlei Anlagen vorzugsweise nach dem Schönen oder Originellen, nach malerischen Gruppen, üppigen oder kuriosen Solitärbäumen, nach dem Reizenden oder dem Merkwürdigen aus. Er folgt, um es kurz zu sagen, entweder den Pfaden der Ästhetik oder der Heerstraße der Neugier. Daher wird mancher nicht-professionelle Besucher jene Verteilung und Mischung der Gewächse vermissen, vermöge deren die feinfühlige Hand des Kunstgärtners Gruppenbilder aus dem Florenreich zu gestalten weiß. Alles in allem ist somit das botanische Institut zu Buitenzorg ein praktisches Kompendium der Pflanzenkunde, ein den Forderungen strenger Wissenschaftlichkeit gemäß gestaltetes, regelrechtes Bild, dem nur auch eine größere Schönheit der Anlage umso mehr zu gönnen wäre, als der Rahmen dieses starren Gemäldes von der Natur auf das üppigste und reizendste gestaltet erscheint.

Doch, dem Zweck dieser Anlage Rechnung tragend, füge ich gerne bei, dass der Garten auf Schritt und Tritt von bewundernswertem Fleiß und unermüdlicher Sorgfalt Zeugnis gibt und schöne, sowie seltene Exemplare, einzeln oder in Gruppen, interessantester Pflanzenfamilien und Pflanzenarten enthält. Unter anderem fallen insbesondere auf: eine aus riesigen Kanarienbäumen (Canarium altissimum) gebildete Allee, in welcher jeder Stamm mit einer anderen Gattung Orchideen bedeckt ist; in den verschiedenen Wasserbecken, welche der Garten enthält, prächtige Exemplare von Nymphaeaceen, wie die südamerikanische Victoria regia, die Nymphaea lotus, die Nymphaea pubescens (javanisch: Taratte ketjil), die Nymphaea stellata (Taratte biru); dann Exemplare von Nelumbium speciosum (Taratte gede) u. s. w.

Der Besuch der Kaserne gab mir erwünschte Veranlassung, mich über die aktuellen Land- und Seestreitkräfte Niederländisch-Ostindiens näher zu informieren.

Die niederländisch-ostindische Armee besitzt gegenwärtig eine Stärke von 33.339 Mann mit 1360 Offizieren, darunter 26.536 Mann (697 Offiziere) Infanterie; 3120 Mann (83 Offiziere) Artillerie; 832 Mann (29 Offiziere) Kavallerie; 646 Mann (12 Offiziere) Genie, und 2205 Mann (539 Offiziere) andere Truppen, als Stäbe u. s. w. Diese Armee ergänzt sich ausschließlich durch Anwerbung sowohl aus Europa, insbesondere aus dem Deutschen Reich, wie aus den Kolonien. Von den Mannschaften sind 13.847 Europäer, 19.437 Eingeborene, 55 Afrikaner. Als Kommandant der ostindischen Landmacht fungiert Generalleutenant A. R. W. Gey van Pittius, welcher in dieser Funktion dem Generalleutenant T. J. A. van Zyll de Jong am 4. April 1893 nachgefolgt war.

Die indische Flotte gliedert sich in die Kriegs-Marine, welche in die indische Militär-Marine und das Auxiliar-Geschwader zerfällt, und in die Gouvernements-Marine. Die Militär-Marine zählt 25 Fahrzeuge -— darunter 2 Segelschiffe — mit 5273 Netto-Tonnengehalt, 14.913,5 indizierten Pferdekräften, 87 Geschützen und einem Bemannungsetat von 1340 Europäern und 643 Eingeborenen. Zu der Militär-Marine gehören noch 2 Wachtschiffe mit 10 Geschützen, sowie mit 557 Europäern und 313 Eingeborenen an Bemannung. Das Auxiliar-Geschwader umfasst 4 Fahrzeuge mit 4040 Netto-Tonnengehalt, 11.932 indizierten Pferdekräften, 58 Geschützen und einem Bemannungsetat von 832 Europäern und 282 Eingeborenen. Der Gesamtstand der Schiffsbemannungen beträgt sonach 2729 Europäer (281 Offiziere), hievon 519 Mann (50 Offiziere) Marine-Infanterie, und 1238 Eingeborene. Die Gouvernements-Marine besteht aus 17 See-Dampfbooten, 5 Fluss-Dampfbooten und 10 kleinen Segelfahrzeugen (Avisos). Die Dampfboote haben 111 Geschütze und 1100 indizierte Pferdekräfte, sowie eine Bemannung von 132 Europäern und 636 Eingeborenen. Die Avisos sind mit je 11 Eingeborenen bemannt und mit 2 Kanonen bewaffnet.

An der Spitze der Flotte steht gegenwärtig der Vizeadmiral Jonkheer J. A. Roell.
Oberbefehlshaber der Land- und Seemacht von Niederländisch-Ostindien ist der Generalgouverneur.

Neben der regulären Armee zählt Niederländisch-Ostindien eine Reihe halb militärischer Streitkräfte, welche verpflichtet sind, in Friedenszeiten an der Aufrechthaltung der Ordnung mitzuhelfen, im Kriege aber die Armee zu unterstützen. Alle diese Kräfte zusammen weisen einen Stand von 8228 Mann auf und gliedern sich wie folgt: In die Bürgerwehren (Schutterijen) mit 3790 Mann (130 Offizieren), welche in den größeren Städten unter dem Befehle der Residenten organisiert sind und die Mehrzahl der ansässigen Europäer und Indo-Europäer umfassen sollen. Ferner in Polizei-Corps, die Pradjurits (Pradjoerits), welche, in der Stärke von 2073 Mann, aus Eingeborenen gebildet, in 56 Detachements unter Befehl europäischer Unteroffiziere zerfallen und in den kleinen Städtchen kaserniert sind; dann in die Hilfstruppen der Insel Madura, die Barisans, welche aus 1356 Eingeborenen unter 38 eingeborenen Offizieren bestehen und in drei Detachements unter je einem Oberstleutenant oder Major zerfallen. Jedem dieser Detachements ist ein Hauptmann der Armee behufs Überwachung der Übungen beigegeben. Zu den irregulären Streitkräften sind weiters noch die aus Europäern rekrutierten Garde-Dragonerabteilungen von je 96 Mann (2 Offizieren) des Susuhunan (Soesoehoenan, Kaisers) von Surakarta und des Sultans von Djokjakarta, sowie die aus 817 Eingeborenen bestehende Legion des Kaisers von Surakarta zu rechnen. Die Legion des Prinzen Paku (Pakoe) Alam, des Kronprinzen Djokjakartas, wurde im Monate August 1892 aufgelöst.
Die Kaserne zu Buitenzorg, welche an der Straße nach Tjiluwar (Tjiloewar) liegt, bietet Raum für ein Infanteriebataillon, doch ohne die Offiziere, welche in dem gegen den Bahnhof hin erbauten Villenviertel domizilieren. Nach dem neuen System besteht die Kaserne aus Pavillons, in welchen die Mannschaftsräume und Unteroffizierswohnungen. die Schule, die Küchen, Magazine/Fecht- und Turnsäle, Messen etc. verteilt sind. Am Eingang des Campements empfing mich der Bataillonskommandant und geleitete mich durch die verschiedenen Räume. Die Kompanien waren auf dem Exerzierplatz und nur die Tages-Chargen in der Kaserne anwesend. Zunächst wurden die Wachlokale und Arreste besichtigt; dann führte mich der Kommandant in die Mannschaftszimmer, in welchen Europäer und Eingeborene, kompanieweise getrennt, ihre Unterkünfte haben; diese unterscheiden sich nur in den Lagerstätten, indem die Europäer eiserne Betten benützen, während die Eingeborenen auf hohen, hölzernen Pritschen schlafen. In den durchwegs überaus geräumigen Zimmern herrschte peinliche Ordnung und Sauberkeit.

Was mich hier befremdete, war, in einem unter tropischem Himmel errichteten Gebäude eine so große Menge Eisen verwendet zu sehen; denn die Zimmer waren mit Wellblech gedeckt und zwischen je zwanzig Lagerstätten dicke Eisenwände angebracht, an welchen die Leute ihre Effekten zu befestigen haben. Meiner Ansicht nach würde Bambus hier denselben Dienst leisten wie Eisen, welches ja doch notwendigerweise dazu beiträgt, die Hitze in den Räumlichkeiten wesentlich zu erhöhen.

Ebensowenig halte ich die Uniform — das schwere blaue Tuch und den kleinen Tuchhelm, welcher den Kopf und vor allem den Nacken gar nicht schützt — für praktisch. Sehr reichlich ist die Mannschaft mit Schuhwerk versehen, indem jeder Mann pro Jahr drei Paar ganz neuer Schuhe ausfasst; trotzdem gehen die Eingeborenen-Kompanien beinahe immer barfuß.
Als Waffe ist das Berdan-Gewehr eingeführt; doch sind jetzt schon unsere Mannlicher in Erprobung; als Seitengewehr dient ein Mittelding zwischen Haubajonett und Handschar. Dieses Messer ist insbesondere zum „Buschkappen“, das ist Abhauen von Ästen, Lianen und vor allem von Bambus in den Dickungen des tropischen Urwaldes bestimmt. Den Rückenteil der Messer, welche die Unteroffiziere führen, bildet eine Säge.

Sehr groß und schön sind die Unteroffizierszimmer sowie die Kanzleien. Nebstbei haben die Unteroffiziere eine Messe und eine Art Casino, das sich wohl mit mancher europäischen Offiziersmesse vergleichen ließe. In der Messe, deren Wände mit zahlreichen Bildern und militärischen Emblemen geschmückt sind, ist schönes Geschirr und Besteck im Gebrauche, während im Casino, einer luftigen Halle, für den Zeitvertreib durch allerlei Spiele, für die Erquickung der Besucher aber durch ein Buffet vorgesorgt ist, an welchem ein besonderer Kantinenwirt Getränke ausschenkt. Die Sanitätsoffiziere nehmen Einfluss darauf, dass der Genuss von „sterken drank“ (Likören) die für das Klima Javas normalen Grenzen einhalte. Übermäßiger Genuss von Spirituosen ist ja hier nicht nur an und für sich schädlich, sondern stört auch noch insbesondere den Akklimatisationsprocess, welchen jeder Europäer bei längerem Verweilen auf der Insel durchzumachen hat.

Auch die Mannschaft der europäischen Kompanien hat eine ähnliche Rekreationshalle wie die Unteroffiziere.

Eine ganz eigentümliche Einführung ist, dass sämtlichen Soldaten, Europäern wie Eingeborenen, gestattet ist, in der Kaserne Frauen bei sich zu haben, die ihnen als Wäscherinnen, Näherinnen und Esswarenverkäuferinnen Dienste leisten. Auch ins Feld geht, wie zur Zeit der deutschen Landsknechte im 15. und 16. Jahrhunderte, der ganze Tross von Weibern mit. Diese werden dann sämtlich in regelrechte Kompanien zusammengestellt, in welchen die Frauen der Unteroffiziere das Kommando führen, während ein Offizier, wie bei den Landsknechten der „Weibel“, mit der Aufsicht über das ganze Amazonenkorps betraut ist. In den Vormittagsstunden werden, wenn die Mannschaften außerhalb der Kaserne sind, alle diese Damen in einem großen Raum vereinigt, wo sie ihren häuslichen Verrichtungen nachkommen und nebstbei auch für ihre ziemlich zahlreiche Nachkommenschaft die Mahlzeit bereiten. Hier geht es dann oft recht lebhaft zu und mag es gar nicht leicht sein, diese große Anzahl „ärarischer Damen“ mindester Kategorie immer im Zaum zu halten. Ich besuchte auch das besagte Zimmer, in dem sich eben etwa hundert Weiber befanden und in welchem entsetzliche Unordnung herrschte. Die Frauen der Eingeborenen müssen in der Nacht unter den Pritschen auf nacktem Boden schlafen. Für die Kinder sorgt teilweise die Regierung, da die meisten europäischen Soldaten, wenn sie nach vollendeter Dienstzeit in die Heimat zurückkehren, ihre Familien einfach zurücklassen und dieselben sonst dem Elend preisgegeben wären.

Beim Besuche der Küchen setzte mich die im Vergleiche zu der Verpflegung unserer Soldaten so reichhaltige Kost der Mannschaft in Erstaunen. Morgens erhält jeder Mann Kaffee, sowie Eier und Butter oder Schinken; um 11 Uhr Suppe, eine sehr große Portion Fleisch und eine ausgiebige Ration Gemüse; um 4 Uhr wieder Fleisch und Reis.

Nun wurde ich noch in den Turnsaal, den Schulsaal, die Werkstätten und Magazine geführt. Letztere sind zum Unterschied von unseren Magazinen sehr dürftig ausgestattet und enthalten bloß ein ganz geringes Quantum von Vorräten, da stets alle Lieferungen sofort an die Truppen ausgegeben werden, und die nötige Ergänzung direkt durch das Haupt-Verpflegungsmagazin in Batavia geschieht.

Obschon die niederländische Regierung und namentlich das Kriegs-Departement die letzten Jahre her eifrig bemüht waren, die militärischen Einrichtungen zu verbessern und in jeder Beziehung für das Wohl der Armee zu sorgen, so bleibt denn doch noch viel zu tun übrig, wie dies unter anderem auch mancher Misserfolg im Kriege mit Atschin auf Sumatra gezeigt hat. Welche Umstände in diesem Kriege von schier endloser Dauer zu Ungunsten der Niederländer mitgespielt haben, und ob hieraus auf ein Zurücktreten des militärischen Geistes des holländischen Volkes vor dessen bedeutendem Kolonisationstalent und dessen hoch entwickelten kommerziellen Fähigkeiten geschlossen werden dürfe, ist wohl schwer zu entscheiden.

Dass die Niederländer ihre kriegerischen Okkupationen in Ostindien durch eine angemessene Kolonialpolitik zu fördern verstehen, scheint unzweifelhaft. Die Verwaltung der Kolonien ruft den Eindruck hervor, als sei sie eine vortreffliche. Überall zeigt sich Wohlstand, tritt bei den Europäern sowohl als auch bei den Eingeborenen Zufriedenheit mit der Regierung in weit höherem Maße zutage, als dies in anderen Kolonialreichen der Fall ist.

Vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet, sind mir jedenfalls die Holländer auf Java als gastfreundliche und gemütliche Leute erschienen, die mir durch offenes, herzliches Entgegenkommen sowie dadurch in bestem Angedenken bleiben werden, dass sie ihre Einrichtungen und Eigenschaften nicht überschätzen — ein Vorzug, dem man nicht überall begegnet.

Auf dem Bahnhof von Buitenzorg nahm ich vom Generalgouverneur und von allen anderen holländischen Herren Abschied, um nach Batavia zurückzukehren, wo ich von unserem Konsul Fock zum Frühstück geladen war. Frau Fock, eine imposante Erscheinung, machte in dem sehr nett eingerichteten Hause in liebenswürdigster Weise die Honneurs.

So manches in dem Speisezimmer brachte uns die Heimat in freudige und anheimelnde Erinnerung. Da standen die Bilder Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin; der Tisch war mit Blumen und Bändern in unseren Farben geschmückt; selbst die Menus trugen Photographien mit Ansichten aus den geliebten Gebirgsländern Österreichs und aus dem schönen Wien.

Ein Extrazug brachte uns nach Tandjong Priok, wo ich mich wieder an Bord der „Elisabeth“ einschiffte. Die Handelsschiffe im Hafen hatten bei meinem Eintreffen Flaggengala angelegt.

Die Herren meiner holländischen Suite besichtigten die „Elisabeth“ eingehend, deren artilleristische Armierung und sonstige moderne Einrichtungen besonders den Obersten De Moulin lebhaft interessierte; er ließ sich unter anderem die sämtlichen Geschütze bis in jedes Detail demonstrieren.

Endlich verabschiedeten wir uns auf das herzlichste von den Herren der holländischen Suite; die Anker wurden gelichtet und unter den Klängen der holländischen Nationalhymne verließen wir mit Kurs gegen Australien das schöne Java.

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  • Ort: Tandjong Priok, Jakarta, Indonesien
  • ANNO – am 27.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Erbförster“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Barbier von Sevilla“ aufführt.

Tanggeng — Buitenzorg, 26. April 1893

Um 1 Uhr nachts hatte der Regen endlich ein wenig nachgelassen. Kurze Zeit darauf war die erfreuliche Botschaft eingelaufen, dass es doch möglich sein werde, den Fluss zu passieren, da es im Gebirge weniger stark geregnet zu haben scheine und das Wasser rasch falle. Diese Nachricht wurde selbstverständlich mit großer Freude aufgenommen. Um halb 4 Uhr morgens waren wir schon zum Aufsitzen bereit, allein da die Eingeborenen offenbar keine besonderen Freunde des Frühaufstehens sind, so währte es noch einige Zeit, bis sich unsere nächtliche Karawane in Bewegung setzte; denn die Pferde mussten erst gesattelt, die Führer geweckt werden und zum Schluss fehlten die Laternen und Fackeln, ohne welche es unmöglich war, in der stockfinsteren Nacht von der Stelle zu kommen. Energische, mitunter nicht ganz salonfähige Worte brachten schließlich die verschlafenen Leute auf den Platz, und etwas nach 4 Uhr morgens ritten wir im Gänsemarsch, zwischen je vier oder fünf Reitern einen Fackelträger, von Tanggeng ab. Der Ausdruck Fackelträger ist insofern ein euphemistischer, als die Fackeln lediglich in brennenden Holzspänen — natürlich wieder einmal Bambus! — bestanden.

Der stark angeschwollene Tji Buni wurde auf einer Brücke passiert; dann ging es ins Gebirge, wo wir aber oft absitzen mussten, da die Pferde unter der Last des Reiters auf dem glatt gewaschenen, steilen Pfad nicht recht von der Stelle kamen. So rückten wir leidlich vorwärts und als wir bei der durch den nächsten Fluss führenden Furt anlangten, deren Übergang als besonders gefährlich hingestellt worden war, graute bereits der Morgen, so dass wir sofort mit aufrichtiger Freude wahrnehmen konnten, wie sehr das Wasser inzwischen gesunken war. Der Übergang vollzog sich sonach ohne besondere Schwierigkeit; die Pferde kamen zwar tief ins Wasser, erreichten aber dennoch anstandslos das andere Ufer. So rasch, ja plötzlich solche Gebirgswässer auf Java gießbachartig anschwellen, ebenso rasch fließt das Wasser ab, so dass der Fluss bald wieder seinen gewöhnlichen Lauf annimmt. Die nächste und auch die letzte Furt waren merkwürdigerweise eher seichter als zu der Zeit, da wir sie das erstemal durchritten hatten.

Nachdem wir somit eine Reihe von Flüssen, nämlich den Tji Buni, den Tji Lumut und den Tji Djampang glücklich überschritten hatten. gerieten wir in um so bessere Stimmung, als nun der schönste Teil des Rittes, nämlich der Weg vom Tji Djampang bis zu den Plantagen in Sukanagara vor uns lag.

Eben eine Höhe erkletternd, entdeckte ich auf einem hohen, mit allerlei Schlingpflanzen dicht bewachsenen Baum mehrere Affen, deren ich ein Exemplar erbeutete. Dieses hatte ein selten schönes, langhaariges, graues Fell, etwa wie jenes eines Seidenpinschers, schwarzes Gesicht und schwarze Extremitäten. Nachdem ich den erlegten Affen einem Kuli übergeben hatte und wir eine Strecke weitergeritten waren, vernahm ich in einer ebenfalls sehr hohen Baumgruppe Affenstimmen und gewahrte einen Trupp der großen schwarzen Budengs, die ruhig im Geäste saßen. Ungeachtet der Höhe, in welcher sich die Tiere befanden, schoss ich und erbeutete mit vier Schüssen einen der Affen, ein auffallend großes Männchen, welches der Führer des Rudels zu sein schien. Der Affe war kaum mit schwerem Falle von einem Ast in die Tiefe herabgestürzt, als die ganze Gesellschaft in die lebhafteste Aufregung und Bewegung kam. Die Affen hüpften in dem Gezweig umher und eilten von Baum zu Baum, indem sie teils die Lianen, welche die Stämme verbanden, als Brücke benützten, teils weite Sprünge zu den nächststehenden Bäumen wagten, an deren Stamm sie sich festklammerten, um dann augenblicklich wieder weiterzuhuschen. Doch schienen die Affen nach dem Verlust ihres Führers nicht recht zu wissen, wohin sich flüchten, und sprangen planlos umher, so dass es mir gelang, noch sechs schöne Exemplare zu erlegen.

In Sukanagara nahm uns für kurze Zeit Herr Vlooten wieder gastlich auf, und noch vor 3 Uhr nachmittags waren wir glücklich an der Eisenbahnstation Tjibeber angelangt. Unsere Pferde hatten sich wacker gehalten, denn sie zu schonen war unmöglich gewesen, ja, um zur rechten Zeit einzutreffen, hatten wir uns genötigt gesehen, sie den langen, schlechten Weg über fortwährend gehörig anzutreiben.

Jener Teil der Bagage, welcher bereits an Ort und Stelle war, wurde rasch einwaggoniert. Der Rest des Gepäcks hatte Tjibeber noch nicht erreicht und sollte uns am nächsten Tage nachgeschickt werden. Zur festgesetzten Stunde entführte uns der Zug nach Buitenzorg.

Auf halbem Weg hatten die Herren Kerkhoven, Baron van Heeckeren und Herr Borrel den Zug verlassen, um auf ihre Plantagen zurückzukehren. Die drei Herren waren dank ihrem natürlichen und gemütlichen Wesen die ganze Dauer der Expedition hindurch angenehme Jagdgenossen gewesen, die ich sehr schätzen gelernt hatte, so dass sich der Abschied recht herzlich gestaltete.

In Buitenzorg, dessen Hauptstraße wir noch von zahlreichen Spaziergängern belebt fanden, verfügte ich mich in das Palais des Generalgouverneurs, bei welchem ich das durch Schilderungen des Aufenthaltes im Lager zu Tjipandak gewürzte Diner einnahm.

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  • Ort: Buitezorg (Bogor), Indonesien
  • ANNO – am 26.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Zauberin am Stein“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Rantzau“ aufführt.

Sindangbarang — Tanggeng, 25. April 1893

Bei leidlichem Wetter starteten wir in üblicher Art von Sindangbarang. Gleichwohl boten die Wege bis Tanggeng, welche durch die fortwährenden Regengüsse gründlich verdorben waren, unseren Pferden bedeutende Schwierigkeiten. Einen Teil des Weges — jenen so steilen Abstieg vom letzten Höhenrücken — mussten wir zu Fuß zurücklegen, da die Pferde nur unbelastet hinabzuklettern vermochten.

Die Beschwerlichkeiten des Rittes wurden reichlich aufgewogen durch den Genuss, welchen wir in der abermaligen Betrachtung der prachtvollen landschaftlichen Szenerie fanden. An der Grenze der Distrikte Tjidamar und Djampang wetan nahmen wir von dem Chef des ersteren Distriktes herzlichen Abschied; das Gebiet dieses Würdenträgers hatte uns zwar bei Tjipandak in jagdlicher Hinsicht sehr wenig geboten, doch war er selbst höchst zuvorkommend gewesen und hatte sich namentlich um die Durchführung der Expedition viele Verdienste erworben.

Bei unserem Einreiten in Tanggeng hatte sich der Himmel drohend umzogen und bald öffnete er alle seine Schleusen; ein Wolkenbruch ging nieder, der an Heftigkeit alles bisher Gesehene übertraf. Nicht mehr in Tropfen, sondern in dicken Strahlen ergoss sich die Flut über die Erde; in einem Nu stand alles unter Wasser; um unser Haus bildete sich ein tiefer See; die Bäche und Flüsse schwollen in kurzer Zeit gewaltig an.

Als das Unwetter begann, waren die Kulis, welche wir mit der Bagage vorausgesandt, bereits über Tanggeng hinausmarschiert, und jammernd dachten wir nun daran, dass wohl sämtliche Effekten, alle Gewehre und Patronen vollkommen durchnässt werden würden. Überdies sprach Herr Kerkhoven die Befürchtung aus, dass die Träger die beiden Flüsse, deren Passierung uns schon auf dem Ritt zur Küste Schwierigkeiten bereitet hatte, wohl kaum würden durchwaten können. In der Tat kehrte auch gegen Abend — der Regen hatte noch immer nicht nachgelassen — ein Teil der Kulis mit ganz durchnässter Bagage nach Tanggeng zurück; die Träger erklärten, der erste zu durchquerende Fluss sei so angeschwollen, dass ein Passieren desselben ganz unmöglich wäre. Der andere Teil der Kulis, welcher früher ausmarschiert war, hatte diesen Fluss noch zu übersetzen vermocht.

Jetzt war guter Rat teuer; denn unter solchen Verhältnissen konnten auch wir Reiter den Fluss nicht übersetzen. Längeres Verweilen in Tanggeng aber hätte das ganze weitere Programm arg gestört; denn am nächsten Tag sollte der Extrazug auf der Station Tjibeber warten, ein Diner bei dem Generalgouverneur stattfinden und die „Elisabeth“ im Hafen von Tandjong Priok dampfklar sein. Keinem der Beteiligten aber, weder dem Eisenbahn-Direktor, noch dem Gouverneur, noch auch dem Schiffskommandanten konnten wir die Meldung zugehen lassen, dass wir von Tjibeber und damit von Buitenzorg und Batavia abgeschnitten seien. Da auf den Bahnen Javas jeder Verkehr mit Eintritt der Dunkelheit unbedingt eingestellt wird, — Nachtzüge sind hier überhaupt nicht eingeführt -— so wäre die dritte Nachmittagsstunde des morgigen Tages der äußerste Termin für die Abfahrt des Extrazuges von Tjibeber gewesen. Um nun aber vor dieser Stunde in Tjibeber einzutreffen, hätten wir, da von Tanggeng bis zu der eben genannten Station 47 km zu Pferde zurückzulegen sind, in der Lage sein müssen, um 3 Uhr morgens von Tanggeng aufzubrechen, was vorläufig ganz unmöglich schien.

So saßen wir denn in sehr gedrückter Stimmung den ganzen Abend auf der Veranda unserer Herberge und stellten unablässig Wetterbeobachtungen an, die aber immer wieder zu dem Ergebnisse führten, dass es gleichmäßig stark schüttete und das Brausen des nahegelegenen Flusses immer mehr zunahm.

Unsere Stimmung wurde eine um so trübere, als Herr Kerkhoven erklärte, dass selbst in dem Fall, als es uns Reitern gelingen sollte, am nächsten Tage bis Tjibeber vorzudringen, die Bagage nicht rechtzeitig die Bahnstation erreichen könne. Schließlich wurden wir der Wetterbeobachtungen müde und legten uns zur Ruhe.

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  • Ort: Tanggeng, Indonesien
  • ANNO – am 25.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Rosenkranz und Güldenstern“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Prophet“ aufführt.

Tjipandak — Sindangbarang, 24. April 1893

Schon um 5 Uhr morgens wurde unsere Ruhe durch die Kulis gestört, welche beizeiten ans Werk gingen, um die Bagage nach der nächsten Marschstation — Sindangbarang — zu schaffen. Später verließen wir das hübsche, gemütliche uns so lieb gewordene Jagdlager in Tjipandak und folgten dem Tross zu Pferd auf demselben Weg, den wir bei dem Marsch zum Lager eingeschlagen hatten. Anfänglich gedachten wir unterwegs auf Pfauen zu pürschen, ließen aber dann dieses Projekt fallen und ritten ohne Aufenthalt bis Sindangbarang, wo wir gegen Mittag anlangten.

Einige der Pferde, welche infolge der anstrengenden Ritte der letzten Tage kleine Schäden erlitten hatten, mussten in der Karawane an den Zügeln geführt werden.

So lange sich der Weg längs der Meeresküste hingezogen hatte, war die Temperatur dank der starken Brandung noch leidlich gewesen; je mehr wir uns aber von der Küste entfernten, umso empfindlicher wurde die Hitze. Die Atmosphäre war von drückender Schwüle erfüllt, die sich nachmittags in einem starken Gewitter entlud. Unsere Tätigkeit zu Sindangbarang war nicht eben eine bedeutende zu nennen; denn den ganzen Nachmittag hindurch huldigten wir dem Schlaf, während die Abendstunden mit der Erledigung der Post ausgefüllt wurden.

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Tjipandak, 23. April 1893

Da der Regen — offenbar dem Umstand zu Ehren, dass wir den letzten Tag in Tjipandak verbrachten — aufgehört hatte, verließ ich, obwohl es bei Anbeginn des Tages noch sehr drohend aussah, mit dem Frühesten das Lager, um auf dem Wege zur Banteng-Jagd noch auf Pfauen zu pürschen. Doch konnte ich keinen Pfau zu Gesicht bekommen und schoss bloß einen javanischen Dschungelhahn. Fatal war mir auf der Pürsche, dass ich mich auf den Versuch beschränken musste, meinem malayischen Führer nur durch Gebärden verständlich zu werden, was aber nicht von Erfolg begleitet war; denn jener führte mich unter fortwährenden Bezeigungen seiner Ehrfurcht, das heißt indem er der Landessitte gemäß sich immer wieder niederhockte und dabei die Hände emporhob, unaufhörlich im Kreis umher und verscheuchte durch seine Gesten alles Wild.

Mit den Herren meiner Gesellschaft wieder vereinigt, ritten wir einen neuen Weg, der an Schwierigkeit und schlechten Passagen den an den vorangegangenen Jagdtagen zurückgelegten nichts nachgab; nur ersparten wir uns das Durchwaten des Flusses. Es ging wieder bergauf und bergab und als man uns endlich erklärte, dass wir auf den Ständen angelangt seien, bemerkten wir, dass derselbe Trieb genommen werden sollte, in welchem drei Tage vorher Herr Borrel einen Banteng erlegt hatte. Doch wurde diesmal in umgekehrter Weise getrieben, wahrscheinlich um uns durch eine kleine Kriegslist zu täuschen. So hatte ich denn von vornherein wenig Hoffnung auf Erfolg.

Da die Sonne glühend brannte, ließ ich mir aus Palmenblättern einen Schirm bauen, hinter dem ich mich mit einem ganzen Arsenal von Gewehren niederließ und mit Hodek der Konversation pflog. Der im Grunde ein nur kleines Gebiet umfassende Trieb währte drei volle Stunden lang, was mich annehmen ließ, dass auch die Treiber einige Zeit „im Schatten kühler Denkungsart“ verbrachten. Gegen Mittag ging wieder schwerer Regen nieder, der uns innerhalb weniger Minuten völlig durchnässte.

Nach langem Warten kamen endlich die Jäger und Treiber einzeln herangeschlichen und erzählten von frischen Fährten, ohne jedoch bestimmte Angaben machen zu können. Die Expedition war somit in Bezug auf großes Wild und besonders auf Bantengs ganz resultatlos verlaufen. Die einheimischen Jäger pflegen eben weit später zu jagen, denn in der gegenwärtigen Jahreszeit ist offenbar nicht mit Sicherheit auf Beute zu rechnen. Überdies erzählte uns zu guterletzt Herr Kerkhoven, dass in diesem Jagdgebiete allenthalben Spuren von Wilddieben gefunden worden seien, Hütten, Fährten u. a. m.

Trotz des Misslingens der Jagd — unseres eigentlichen Zweckes — werde ich diese Expedition nie bereuen; denn ich habe durch dieselbe Einblick in von der Kultur noch unberührte Gegenden Javas gewonnen, mich an den Herrlichkeiten des tropischen Urwaldes ergötzt und einige angenehme Tage in unserem gemütlichen Hüttenlager am Ufer des schönen Tji Pandak verlebt.

Abends machte Hodek noch einige photographische Aufnahmen; dann streiften wir bis zum Einbruch der Dunkelheit umher und brachten einige Stücke für die ornithologische Sammlung heim. Leider hatten wir zwei Marode zu verzeichnen; Wurmbrand litt an den Folgen einer heftigen Erkältung, so dass er die letzte Jagd nicht hatte mitmachen können, während abermals einer unserer Leute von einem starken Fieberanfall heimgesucht worden war.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 23.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Traum, ein Leben“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Don Juan“ aufführt.

Tjipandak, 22. April 1893

Regen, nichts als Regen. Schon die ganze Nacht hindurch hatte schwerer Regen auf die Palmdächer unserer Hütten geprasselt, durch deren Decke es hie und da tropfte, so dass unsere ohnehin schon sehr feuchten Effekten gänzlich durchnässt wurden. Schwarze Wolken hiengen tief herab, und es war, als hätte der Himmel alle Schleusen geöffnet; denn kaum hatte der Regen einen Augenblick etwas nachgelassen, so folgte alsbald ein neuer Guss von einer Heftigkeit, welche man in unseren Breiten nicht kennt. Unter solchen Umständen konnte an eine Jagd nicht gedacht werden, da der Fluss so angeschwollen war, dass es unmöglich schien, ihn zu passieren; auch wären die Treiber und die Jäger absolut nicht zu bewegen gewesen, in eine Dickung einzudringen. So mussten wir uns in Geduld fassen und verbrachten den ganzen Tag mit Wetterbeobachtungen, die aber nur ein höchst bedauerliches Resultat lieferten.

Wie es schon in solchen Fällen geht, wurde zum Zeitvertreib in kurzen Reprisen gegessen und weidlich über das Wetter und die leidige Regenzeit geschimpft. Das Wasser im Fluss stieg so stark und nebstbei machte sich auch die Rückwirkung der Meeresbrandung in den Wellen des Flusses so bemerkbar, dass wir für unsere Badehütte Besorgnis hegten und dieselbe schützen mussten.

Wie zu erwarten stand, blieben auch ernstere Konsequenzen der Witterung nicht aus; denn einer unserer Diener hat infolge der steten Nässe, in der wir leben, einen starken Fieberanfall zu bestehen und wir müssen noch weitere Erkrankungen besorgen.

Erst nach 5 Uhr abends ließ der Regen etwas nach, worauf wir uns trotz der großen Feuchtigkeit entschlossen, noch einen kleinen Pürschgang in der Nähe des Lagers zu versuchen. Ich erstieg die Höhe oberhalb der Hütten, wo sich zwischen Alangflächen Palmenhaine ausbreiteten. Mehrere Tauben, darunter insbesondere Fruchttauben, fielen mir zur Beute; von weitem sah ich auch zwei Affen und einen schönen, aber leider sehr scheuen javanischen Pfau auf einer dürren Palme aufgebaumt. Der Versuch, mich anzupürschen, misslang, da die Dickung, die mich von ihm trennte, ganz undurchdringlich war. Überhaupt ist das Anpürschen an irgend ein Wild in diesen Gegenden schon wegen des Lärmes, den man beim Anschleichen unwillkürlich verursacht, nahezu unmöglich. Ebenso konnte ich keinen der javanischen Nashornvögel erbeuten, deren im Lauf des Tages mehrere hoch über die Bäume hinweggezogen waren.
Von der Höhe streifte ich an den Meeresstrand hinab, traf dort mit anderen Herren zusammen und kehrte erst bei vollkommener Dunkelheit nach dem Camp zurück.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 22.04.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse hat einen Korrespondenten-Report aus Kalkutta vom 4. April über FFs Jagd in Nepal.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Bürgerlich und romantisch“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

Tjipandak, 21. April 1893

Die Aussichten, Bantengs zu erbeuten, waren keine sehr günstigen; Herr Kerkhoven fühlte sich morgens unwohl und beschloss, das Haus zu hüten; unser Oberjäger, der mohammedanische Hadschi, aber hatte die Nachricht erhalten, dass in der Nacht seine Tochter nach nur neunstündiger Krankheit am Fieber gestorben war, weshalb der arme Mann sich unverzüglich auf den Weg in sein entlegenes Heimatdorf machte, um der Bestattung des verblichenen Kindes beizuwohnen.

So ritten wir unter Leitung Baron van Heeckerens in das Revier, in welchem wir am Tage vorher gejagt hatten, und wo heute die unseren gestrigen Ständen gegenüberliegende Lehne abgetrieben werden sollte. Der Trieb währte abermals drei Stunden lang. Ich hatte einen sehr schönen Stand mit gutem Ausschuss; vor mir eröffnete sich ein Tal, das sehr einladend aussah, aber leider kam nichts; ich glaubte zwar einmal brechen zu hören; auch behaupteten die Treiber, einen Banteng gesehen zu haben; doch dürfte, da keiner der Schützen etwas bemerkt hatte, dieser Stier nur ein mythischer gewesen sein.

Die Hitze war, wenn auch empfindlich, doch nicht so drückend als tags zuvor, so dass auf mein Drängen noch ein Trieb improvisiert wurde. Die Treiber zündeten an allen Seiten das Gras an und drangen eine Strecke weit in den Wald ein, traten aber auch alsbald wieder aus der Dickung heraus. Infolge der Müdigkeit der Treiber und ihrer Unlust verlief auch dieser Trieb ohne Erfolg.

Nach dem üblichen Bad bei Durchwatung des Flusses waren wir schon gegen 4 Uhr im Camp, wo wir Herrn Kerkhoven nicht vorfanden, weil er sich auf die Pfauenpürsche begeben hatte; ein gutes Zeichen für seine Genesung.

Es erschien uns noch zu früh, um zu Hause zu bleiben, wir ergriffen daher die Schrotgewehre und streiften in den Dickungen neben unserem Lager umher, um die ornithologische Sammlung zu vervollständigen. Obwohl das Fortkommen in den Dschungeln und dem fast undurchdringlichen Alanggras sehr schwierig war, so dass wir uns beinahe jeden Schritt erkämpfen mussten, erlegten wir in der relativ kurzen Zeit doch recht ansehnliche Mengen von Vögeln und darunter solche interessanter Arten, so die vielfarbige javanische Papageitaube (Osmotreron vernans); dann Fruchttauben (Carpophaga aenea); ferner braune Schweiftauben (Macropygia emiliana); Bartvögel (Cyanops lineata), rote Mennigvögel; Reisvögel (Munia oryzivora) und mehrere Exemplare eines glänzend dunkelgrünen Singstares (Calornis chalybea), sowie Schwalben verschiedener Arten. Am Abend kehrte Herr Kerkhoven mit einer sehr schönen javanischen Pfauenhenne von seinem Jagdzug heim.

Als wir im Lager versammelt waren, stellte sich starker Gussregen ein, der sogar die Dächer unserer Hütten durchbrach; gleichwohl vertrieben wir uns die Zeit in sehr gemütlicher Weise, indem unsere Jäger jodelten und Hodek ganz famose Gedichte Stielers in obderennsischer Mundart vortrug.

Kein Wunder, dass mich eine leise Mahnung von Heimweh überkam, dass mitten aus dieser herrlichen Tropenwelt die Gedanken in die Heimat flogen, dass mancherlei Erinnerungen an schöne, in Oberösterreich verbrachte Tage wach wurden — gerade jetzt wach wurden, da in der Heimat der Frühling ins Land zieht, die Natur nach winterlicher Ruhe neu zu erblühen beginnt, die Fluren mit jungem Grün sich schmücken und der Auerhahn hoch oben im Gebirg auf dem Ast einer alten Wettertanne sein Liebeslied ertönen lässt, bis ihn die Kugel des Jägers herabwirft, der Schuss sich dann donnernd in den Wänden bricht und der freudige Juchezer in das nebelverhüllte Tal dringt.

In den Tropen entschleiert die Natur dem staunenden Auge die üppige Pracht ihrer Wunder, berauscht die Sinne, wenn wir in sengender Schwüle uns von dem Zauber des Urwaldes umfangen fühlen — in den heimatlichen Bergen aber tritt uns die Natur von poetischem Reize verklärt entgegen, spricht zum Herzen, wenn wir aus dem dunklen Nadelwalde zu den Firnen emporblicken, die. in rosigem Hauch gebadet, den Anbruch des Tages verkünden.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 21.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Kriemhilde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Troubadour“ aufführt.

Tjipandak, 20. April 1893

Der Schauplatz der heutigen Jagd auf Bantengs lag von dem Camp bedeutend weiter ab, als jener des gestrigen Triebes; denn erst nach etwa dreistündigem Marsch erreichten wir unser Ziel. Der Ritt, in dessen Verlauf wir, wie am Vortag, mehrere Male den Fluss zu überschreiten hatten, führte, ohne dass wir andere besondere Terrainschwierigkeiten zu überwinden gehabt hätten, fast unausgesetzt durch Alanggras. Nur einmal war eine ungemein steile Schlucht zu passieren, welche für Pferde unübersteigbar schien, von unseren einheimischen
Kleppern jedoch in wahrhaft bewundernswerter Weise genommen wurde, da jene rutschend, gleitend, auf den Hinterbeinen sitzend ohne Unfall die Schlucht hinab- und fast aufrecht kletternd aus der Tiefe wieder empor gelangten, indessen wir zu Fuße nur mühsam über die Steinplatten und den glatten Lehmgrund der Schlucht hinwegkamen.

Während des Rittes sah ich auf einem der Hügel von ferne das Haupt eines Hirsches aus dem hohen Gras ragen; der Versuch, mich an das scheue Wild anzupürschen, blieb jedoch erfolglos.

Auch diesmal wurde in talwärts gelegenen Wäldern getrieben, die Stände aber wurden längs eines Hügelkammes eingenommen. Herr Kerkhoven stellte mich zu unterst auf und hatte die Absicht, oberhalb meines Standes, in der nächsten Nähe desselben, einen meiner Herren zu postieren. Durch ein Missverständnis des Eingeborenen, den Herr Kerkhoven mit dem auf dieses Arrangement bezüglichen Befehl zurückgesandt hatte, kam jedoch nicht einer meiner Herren, sondern Herr Borrel neben mir zu stehen. Ich saß unter einem Baum und hatte, da dieser fast gar keinen Schatten spendete, während des drei Stunden andauernden Triebes von Hitze viel zu leiden, umso mehr, als es im Interesse der Jagd geboten erschien, sich ganz ruhig zu verhalten. So konnte ich denn nur still sitzen bleiben und die Legion von Ameisen beneiden, welche, der Hitze ungeachtet, munter um mich her ab- und zuliefen. Der Ausschluss rings um den Stand war ein ziemlich beschränkter.

Nach dem Hebschuss hörte ich vor mir sehr starkes Brechen, das nur von einem mächtigen Wild herrühren konnte, doch war bald wieder alles still. Einige Zeit später fiel bei meinem Nachbar ein Schuss, dann sah und hörte ich nichts mehr wie das einförmige Geklapper der Treiber in der Wehre.

Endlich, am Schluss des Triebes, kam Herr Borrel zu mir und entschuldigte sich lebhaft, dass er einen Banteng-Stier erlegt habe, davon überzeugt, dass das Stück mir nicht mehr zum Schuss kommen würde. Inwieweit das seine Richtigkeit hatte, kann ich nicht beurteilen; jedenfalls war ich nicht sehr erfreut, dass weder ich noch einer meiner Herren dieses Waidmannsheil gehabt hatte und betrachtete mit einem starken Gefühl von Schussneid den kapitalen Stier, welcher sich durch seine auffallende Größe und Stärke auszeichnete.

Weit größer als unsere stärksten Rinder, steht der Banteng auf hohen Läufen; sein mächtiges Haupt ist mit aufwärts gekrümmten Hörnern geziert, die Decke ist glänzend schwarz; die Extremitäten sind vom Knie abwärts schneeweiß. Zieht Bantengwild durch die Dickung, so hört man schon von weitem das Brechen und Prasseln der Stöcke, welche von den Tieren niedergetreten werden. In den Wäldern, die wir heute durchstreiften, fanden wir allenthalben große Mengen von Bambusstöcken gebrochen und verdorrt — offenbare Spuren der wuchtigen Bantengs.

Herr Kerkhoven, der einigermaßen missvergnügt darüber schien, dass der Stier nicht von mir, sondern von Herrn Borrel erlegt worden war, hatte in der Ferne eine Banteng-Kuh gesehen; ebenso hatte Wurmbrand drei Stücke erblickt, die auf weite Distanzen vorbeigewechselt hatten.
Obgleich die Zeit noch gestattet haben würde, die Jagd fortzusetzen, wurde zum Rückzug geblasen, weil am Horizont ein schweres Gewitter drohte und unser Jagdleiter befürchtete, dass ein heftiger Regenguss den Fluss gänzlich unpassierbar machen würde. Doch verzog sich das Gewitter und wir bekamen nur einzelne Regentropfen zu spüren.

Da sich Jäger, Treiber und Hunde bereits verlaufen hatten und es daher mit dem Jagdsport für heute zu Ende war, so wollten wir, ins Camp zurückgekehrt, den Rest der Zeit noch dazu verwenden, im Fluss dem Fischfang zu obliegen. Es war nicht eben eine schöne Art des Fischereisports, die wir hier ausübten. Wir wendeten nämlich Dynamit an, was jeder unserer rationellen Fischer mit Recht perhorresciert haben würde, allein uns handelte es sich vorzugsweise darum, zu ergründen, ob sich überhaupt Fische im Fluss befänden und, wenn dies der Fall, welche Arten. Auch hatten die Eingeborenen berichtet, der Fluss enthalte Krokodile. So war denn Dynamit das schnellste und sicherste Mittel, über diese Fragen klar zu werden.

Der Fluss wurde auf einige hundert Schritte stromabwärts mit einem Netz abgesperrt; dann gingen die holländischen Herren daran, die Dynamitpatronen zu adjustieren, wobei ihnen mein Jäger als ehemaliger Unteroffizier des Geniekorps mit Rat und Tat beistehen musste. Mit der größten Seelenruhe hantierten sie mitten unter uns in der Speisehütte mit Dynamit und Zündschnüren, und nachdem sie, ohne dass die mit Recht gefürchtete Explosion eingetreten wäre, alles vorbereitet hatten, wurden die Patronen nach Entzündung der Schnur in den Fluss geschleudert. Die Explosion erfolgte alsbald, aber vorläufig ohne den gewünschten Erfolg; denn an der Oberfläche des Wassers erschien kein Fisch.

Wir, ich und einige Herren, hatten uns mittlerweile auf ein Fahrzeug verfügt, welches aus zwei durch Bambus verbundenen Kanus hergestellt war, und erwarteten, auf Fische zu stoßen. Indem wir uns vermaßen, das Fahrzeug mit Hilfe von Bambusstöcken selbst zu lenken, spielten wir eine klägliche Rolle, da unser Doppelboot entweder in drehende Bewegung geriet oder mit lautem Krach an das Ufer anfuhr, so dass wir die allgemeine Heiterkeit derauf dem Land zurückgebliebenen Eingeborenen erregten. Fische fingen wir nicht, dafür aber fiel Clam mitten im eifrigsten Rudern an einer sehr tiefen Stelle kopfüber ins Wasser und kam mit dem Haupt unter ein Kanu, wurde aber mit vereinten Kräften dem Strom wieder entrissen.

Nach diesem Intermezzo hielten wir es für ratsamer, unsere nautischen Fähigkeiten nicht länger zu erproben, sondern schifften uns aus, um die weiteren Effekte des Sprengmittels vom Land aus zu beobachten. Da längere Zeit hindurch kein Wassertier im Fluss sichtbar geworden war, kehrten wir endlich heim. Eine halbe Stunde später brachte uns ein Eingeborener einen Korb voll toter Fische und erzählte, es seien viele Hunderte Fische den Fluss hinabgeschwemmt worden, ohne dass man ihrer hätte habhaft werden können, da die mit dem Netz versehenen Leute sich bereits entfernt hatten. Meine Kenntnisse auf dem Gebiete der Ichthyologie genügten leider nicht, um die dem Dynamit zum Opfer gefallenen Exemplare näher zu bezeichnen. Einer der Fische von auffallend roter Färbung der Schuppen schien mir möglicherweise als Barbe klassifiziert werden zu können.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 20.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Widerspänstige“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Carmen“ aufführt.

Sindangbarang — Tjipandak, 19. April 1893

Eine Folge des uns wenig willkommenen Ramelanfestes war leider, dass wir am Morgen unsere Pferde absolut nicht bekommen konnten und weder Pferdewärter, noch Kulis, noch Dorfälteste zu finden waren; alles ergab sich nach den Freuden des gestrigen Tages noch der Ruhe und wir wurden, obgleich um halb 5 Uhr morgens bereit, doch erst gegen 6 Uhr in Sindangbarang flott. Schlaftrunken bewegte sich die Karawane dem Meere zu.

Der Ritt in dem weichen Sand der Düne war dadurch reizvoll, dass uns die vorgeschriebene Route beinahe unausgesetzt längs der Küste führte, und wir so das weite, blaue Meer mit seinen mächtigen, ans Ufer anprallenden Wogen zur Rechten, die grünen Hügel der Küste zur Linken hatten. Der Morgen war vor Sonnenaufgang angenehm kühl, und zudem erfrischte uns und unsere Pferde der feine Wasserstaub, den die Brandung aufwarf; nach zwei Stunden nahm die Flut immer mehr zu und oft schlugen die Ausläufer der Wellen unter den Füßen unserer Pferde durch. Die gewaltige Brandung an der Südküste Javas, an die sich die riesigen Wogen der offenen See heranwälzen, um sich hier an einem unüberwindlichen Walle schäumend zu brechen, ist eines jener erhabenen Naturbilder, welche das Auge nicht müde wird zu schauen, welche das Gedächtnis auf immer dar bewahrt. Gewaltig, unermesslich, heilig ist die Macht der Elemente; wie schwach und klein dagegen der Mensch!

Tausende von Krabben liefen auf dem warmen Sand hin und her, auf dem wir große Stücke porösen Bimssteines fanden, welche von der See ausgeworfen, vom Ausbruch des Krakatau im Jahre 1883 herrühren sollen.

Bei dem Kadaver eines gefallenen Pferdes beobachtete ich einen Seeadler mit ganz weißer Brust und gleichfarbigem Kopf: später sah ich ein zweites Exemplar auf einer dürren Palme sitzen.

An einer Stelle verwehrten Felsen den Pfad an dem Strand, so dass wir mit einem Umweg tiefer ins Uferland zogen; doch auch hier stellte sich uns noch manches Hindernis entgegen, vor allem der ziemlich breite Tji Udjong (Oedjong), der sich in solchen Windungen fortbewegte, dass wir ihn auf einer ganz kurzen Strecke dreimal überqueren mussten; das erste Mal mittels einer improvisierten Fähre, auf welcher auch die Pferde einzeln verladen wurden; die beiden anderen Mal watend, wobei wir ziemlich tief ins Wasser kamen. Ein besonders störrisches Pony sprang von der Fähre in den Strom, schwamm aber lustig an das andere Ufer, so dass dieses Intermezzo keinen anderen Nachteil hatte, als dass der Reiter des Pony sich in einen von Wasser triefenden Sattel setzen musste.

Das Durchwaten des Flusses bot zumal bei der Tiefe des Wassers ein hübsches Bild: als erster ritt stets der ortskundige Führer hindurch; dann folgte ich auf meiner Schimmelstute, die sich übrigens im Wasser sehr vernünftig benahm, hierauf kamen die anderen Herren und zum Schluss der Jägertross auf den Ponys, die sich teils schwimmend, teils strampelnd fortbewegten und manchmal nur mehr den Kopf außer Wasser hatten.

Wir wurden zwar bei jedem derartigen Übergang ganz durchnässt, betrachteten dies jedoch als angenehmes Bad, da große Hitze herrschte; die Sonne meinte es recht gut, senkrecht sandte sie ihre sengenden Strahlen auf uns herab. Das war heute einmal eine der äquatorialen Zone würdige Temperatur!

Abermals am Gestade des Meeres, bogen wir endlich nach einem Ritt von 20 km nach Norden und standen dann binnen kurzem vor dem Camp in Tjipandak, das uns die nächsten Tage über beherbergen sollte. Etwas Wohnlicheres und Gemütlicheres konnte man nicht finden, und mit lauten Ausrufen der Freude und des Entzückens begrüßten wir Herrn Borrel, einen Freund Kerkhovens, der einige Tage vor uns hieher geeilt war, um dieses Lager zu schaffen. An dem Ufer des blau schimmernden Tji Pandak, der einem Gebirgsstrom ähnlich rauscht, lagen zwischen grünen Bäumen die Hütten, welche aufs luftigste ganz aus Bambus gebaut waren, während Palmenblätter die Wände und das Dach bildeten. In der Mitte des Camp stand auf Pfählen unter einem Palmendach eine Art Plattform, die uns als Speiseraum dienen sollte, rechts davon befand sich meine Behausung, links jene der Herren meiner Suite; im Hintergrund lagen Hütten, welche für Hodek und die Diener bestimmt waren. Für die Pferde war durch offene Ställe vorgesorgt. Vor dem Camp erhob sich im Wasser eine kleine Hütte, um das Baden auch im Sonnenbrand zu ermöglichen, ohne dass man Gefahr lief, vom Sonnenstich getroffen zu werden.

Das war alles, aber auch das Richtige für ein Lager im Urwald. Herr Borrel hatte mit vollem Verständnis für die Sachlage den klimatischen und lokalen Verhältnissen Rechnung getragen und jeden unnötigen Komfort bei Seite gelassen; man konnte hier eigentlich ganz im Freien leben, war aber gegen die Sonne doch geschützt und genoss in der Nacht, insbesondere dank der Nähe des Flusses, angenehme Erfrischung.

So gedenken wir denn in unserem kleinen Tal, von der Welt abgeschnitten, in wahrhaft idyllischer Weise zu leben; die Stunden, die nicht der Jagd gewidmet sind, wollen wir plaudernd und ruhend in der Speisehütte verbringen, um ab und zu in die Fluten des Gebirgsflusses zu tauchen, der mit seinem klaren, kühlen Wasser ein köstliches Bad spenden und uns laben soll; da soll uns keine Post, kein Telegraph, keine schnaubende Lokomotive die wohltuende Ruhe stören. Sei mir gegrüßt, jungfräuliche Natur, die du uns hier lieblich umfängst! Heute noch sollte gejagt werden. Das Ziel meiner Wünsche war nämlich, einen Banteng zu erlegen und dessen prachtvoll gehörnten Kopf als Trophäe heimzuführen. Stellt doch der auf den indischen Inseln, dann in Siam und Birma in Herden lebende Banteng (Bos sondaicus) die größte aller Arten des wilden Rindes der Jetztzeit dar. Herr Borrel meldete, dass alles bereit sei und stellte sich auf einem Sandelhout-Pony als Führer an die Spitze des Zuges. In der Nähe des Lagers waren ganz frische Fährten von Bantengs gefunden worden, und so sollten denn dort zwei Triebe gemacht werden. Der Weg zum Platz war für die Pferde abermals sehr anstrengend, da wir sehr steile Lehnen zu passieren hatten und den Fluss an drei Stellen durchwaten mussten; die ersten beiden Übergänge gingen ganz gut vonstatten; beim letzten aber kamen wir so tief in das reißende Wasser, dass die kleinen Pferde nur mit Mühe hindurchkamen.

Die Gegend, in der wir jagen wollten, trug einen anderen Charakter als jene, die wir bisher durchzogen hatten. Die Formation war allerdings dieselbe; doch war hier das von Tälern durchschnittene und von Schluchten erfüllte Höhenland nicht mehr gleichförmig mit Wald bedeckt, sondern wies zwischen vereinzelten Waldstreifen ausgedehnte, mit Alanggras bewachsene, grüne Flächen auf; offenbar hatten hier vor Zeiten große Waldbrände gewütet und den Boden an zahlreichen Stellen freigelegt.

Dieser Landstrich bildet den Lieblingsaufenthalt der Bantengs. welche tagsüber in den Dickungen der Wälder weilen, gegen Abend jedoch auf jene Stellen hinausziehen, wo das Alanggras junge Triebe zur Äsung bietet. Die einzig mögliche Art, hier auf Bantengs zu jagen, ist das Treiben, da an ein Pürschen in den undurchdringlichen Dickungen nicht zu denken ist. Nach Ablauf der Regenzeit, also anfangs Mai, zünden die Eingeborenen all die trockenen Alangflächen an, so dass dann das Wild in einer Waldparzelle leicht abzuspüren und zu bestätigen ist, und Triebe sofort unternommen werden können. Leider fiel meine Anwesenheit auf Java noch in die Regenzeit, weshalb denn das Jagen zu dieser Zeit überall durch den hohen Stand des noch grünenden Alanggrases ungemein erschwert war. Das Abspüren von Wild war fast unmöglich und selbst Wild, welches aus der Dickung hervorbrach, in dem hohen, dichten Gras nur in der Entfernung weniger Schritte sichtbar — stand doch das Alanggras an vielen Stellen so hoch, dass in ihm nicht einmal ein Pferd gesehen werden konnte, ja die Spitzen der Grashalme mitunter sogar über den Kopf des Reiters hinaus emporragten.

Die Triebe auf Bantengs werden in der gegenwärtigen Epoche auf folgende Weise durchgeführt: die Treiber umstellen eine Dickung und bilden eigentlich nur Abwehren, indem sie nach dem Hebschuss mit ihren Bambusklappern kolossalen Lärm verursachen, während einzelne Jäger auf den Wechseln eindringen und, sobald sie eine Fährte gefunden haben, die Hunde lösen, worauf diese alsbald Laut geben und das Wild auftreiben. Ist nun diese Methode nicht von Erfolg begleitet, so werden, soweit möglich, auch die Wehren zum Vorgehen beordert, was jedoch bei der in den südlichen Gegenden allüblichen Art zu jagen, mit wenig Erfolg geschieht.

Unordnung, Lässigkeit und Zeitversplitterung seitens der Treiber machten sich leider auch heute recht bemerkbar; bei systematischem, korrektem Treiben müsste es meiner Ansicht nach nicht allzu schwer fallen, Bantengs zu erbeuten. Allerdings würde dann diese seltene Spezies bald ausgestorben sein; denn offenbar ist es nur der Mangelhaftigkeit des Jagdbetriebes zu verdanken, dass heute so mächtige wilde Rinder überhaupt noch nicht völlig ausgerottet sind.
Als oberster Leiter unserer Jagden fungierte ein mohammedanischer Priester (Hadschi), der hier als der tüchtigste Sachkundige in Jagdangelegenheiten gilt und sich auch nach Kräften der Sache angenommen hatte.

Der erste Trieb war zu Ende gegangen und völlig resultatlos verlaufen. Ursprünglich bestand die Absicht, dem ersten Triebe einen zweiten folgen zu lassen, doch glaubte Herr Kerkhoven davon absehen zu sollen, da in dem Trieb Wild bereits flüchtig gespürt worden war, so dass keine Hoffnung bestand, bei einem neuerlichen Versuche besseren Erfolg zu erzielen. So kehrten wir denn, den Fluss wieder dreimal überquerend, in unsere Palmenhütten heim, wo unser ein von einem javanischen Kochkünstler bereitetes Mahl wartete, nach dessen Beendigung wir zu früher Nachtstunde unser Lager aufsuchten.

Ich schlief bereits fest, als ich plötzlich durch lautes Geräusch geweckt wurde, da in unmittelbarer Nähe meines Lagers eine Tierstimme ertönte. Aufspringend wurde ich des Tieres, dessen Laute mich so jäh geweckt hatten, alsbald gewahr. Es war ein Gecko, eine jener großen Eidechsen, deren brüllender Ruf dem Neuling wohl den Glauben beibringen kann, es schreie ein großes Tier. Der Feuerschein einiger Zündhölzchen, die ich rasch in Brand gesetzt hatte, verscheuchte den Störefried, welcher in dieser Nacht nicht wieder zum Vorschein kam.

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  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 19.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der fliegende Holländer“ aufführt.

Tanggeng — Sindangbarang, 18. April 1893

Auf den heutigen Tag, den ersten des Monates Sawal nach dem Ende des Fastenmonates Ramelan (Ramasan) oder Pasa, fiel das Idul-Fitr-Fest der Javanen. Dieser Tag, — Garebeg Puwasa-Tag — welcher von den Eingeborenen als Neujahrstag betrachtet wird, wurde uns im Lauf des heutigen Ritts dadurch ersichtlich, dass allenthalben in den kleinen Ansiedlungen, die wir zu passieren hatten, Musik ertönte und Feststimmung vorherrschte.

Nach langem, erquickenden Schlaf brachen wir auf, um zunächst einen Berg auf einem Weg zu erklimmen, dessen Steilheit jener unserer Gebirgspfade nicht nachstand. Der Himmel hatte sich völlig geklärt, die Sonne stand hoch und wir genossen während des Aufstieges eine wunderbare Aussicht empor zu unzähligen Bergspitzen und Vulkanen, niederwärts zu den Hügelketten und Tälern des Umkreises; ein großer Teil der Residentschaft der Preanger Landschaften, ein herrliches Stück Westjavas lag uns vor Augen und zu Füßen.

An dem vollen Genuss dieses entzückenden Panoramas behinderte uns allerdings zuweilen die Sorgfalt, die wir auf dem schwierigen Terrain unseren Pferden zuwenden mussten; denn der Regen des verflossenen Tages hatte die an den steilsten Wegstellen in die Berglehne geschlagenen Stufen so überaus glatt und schlüpfrig gemacht, dass unsere Pferde nur mit der äußersten Anstrengung hinaufklettern konnten. Endlich waren wir mit Mühe auf dem Kamm angelangt, der die Grenzscheide der Distrikt Djampang wetan und Tjidamar bildet, und wurden hier von dem Chef des Distrikts Tjidamar mit vielen Bücklingen begrüßt.

Unsere sehr ermüdeten Pferde bedurften kurzer Rast, worauf es auf einem verhältnismäßig guten Weg bergab, bergauf weiter ging. Das Landschaftsbild übertraf an Schönheit selbst jenes, welches tagszuvor unser Entzücken wachgerufen hatte. Das war echter tropischer Urwald, in dem ein malerisches Bild das andere verdrängte; ein jedes aber war reizend und eigenartig. Hier säumen hohe Baumriesen den mit dichtem Rasen bekleideten Pfad ein; dort schießt wucherndes Unterholz auf einer Rodung empor; dann umfängt uns wieder dichter, viele Meilen Landes bedeckender Hochwald, in seinem Schoße dem Wilde Schlupfwinkel bietend, welche für den Jäger unerreichbar sind. Ob Baum, ob Strauch, Kraut oder Moos, hier war jede Pflanze üppig und schön, die Mannigfaltigkeit der den Boden schmückenden Gewächse
unerschöpflich. So bildete allein der Stamm eines abgestorbenen Baumes den Keimboden und Wurzelgrund für zwanzig der verschiedensten Pflanzenarten. Wir waren sämtlich darin einig, dass die Vegetation auf Java selbst das herrliche Pflanzenkleid Ceylons, geschweige andere Florenreiche Indiens, in jeder Hinsicht weitaus übertrifft.

Die Armut der Vogelwelt fiel uns auf, denn außer einigen Columbiden sowie einzelnen ganz kleinen Nektarinen sah ich nur noch einen großen Nashornvogel.

Von einer Ansiedlung an, bei welcher die Pferde gewechselt wurden, fiel der Weg ziemlich scharf gegen die Südküste Javas sowie gegen das nahe dem Meeresstrand gelegene Sindangbarang ab, und nun sahen wir zwischen den Bäumen tief unter uns das weite, blaue Meer schimmern und konnten deutlich die weiße Linie der starken Brandung unterscheiden.
Der Abstieg erfolgte meistenteils zu Fuß, wobei wir die Pferde am Zügel nachführten. Dann übersetzten wir den tiefen Fluss Sadea, was sehr rasch vor sich ging. obgleich in den kleinen Bambuskähnen, die wir hier benützten, stets nur je ein Pferd Platz fand.

Noch 7,5 km in ebenem Terrain, dem Ufer des Flusses entlang, und wir hatten ein kleines Rasthaus im Distriktsort Sindangbarang erreicht, das, umgeben von einer Ansiedlung, im Schatten mächtiger Bäume lag und bestimmt war, uns nach den Mühen des langen Ritts ersehnte Herberge zu bieten. Auch unseren Pferden schien die Rast willkommen zu sein; hatten sie doch 28 km in so ermüdendem Terrain zurückgelegt, dass sie zu Ende des Ritts angetrieben werden mussten und unaufhörlich gestolpert waren.

Obgleich Sindangbarang noch ungefähr 20 Minuten von der Seeküste entfernt ist, hörte man doch im Rasthaus das Brausen der brandenden See. Gegen Abend ging ich mit den Herren meiner Suite in der Absicht, etwa ornithologische Beute zu machen, bis an den Strand, wo wir uns an dem Anblick der mächtigen Brandung, die wie bei Ostende oder Helgoland über ganz flachen Sand hinschäumt, erfreuten. Doch genügte uns auf die Dauer die Betrachtung der Salzflut nicht und so liefen Clam und ich ohne Weiteres in die mannshohen Wellen und nahmen ein erquickendes, herrliches Duschbad. Die anderen Herren folgten bald unserem Beispiele und nun standen wir alle in den verschiedensten Kostümen auf dem Strand, um uns von den schaumenden Wellen überspülen zu lassen, was nach der Hitze des Tages außerordentlich angenehm war. Unsere Gewänder, die wir nicht abgelegt, hatten freilich bedeutenden Schaden erlitten, so dass wir unter allgemeiner Heiterkeit und allerlei Kurzweil in ziemlich mangelhafter Bekleidung in das Rasthaus zurückkehrten.

Dem großen Ramelanfest zu Ehren war abends im Dorf allgemeiner Spektakel, so dass ich, um meine Kenntnisse der Sitten und Gebräuche auf Java zu vermehren, noch einen längeren Rundgang machte; doch bot dieser nicht viel Neues oder Bemerkenswertes. Einige eingeborene Damen bearbeiteten wieder, im Takt singend oder eigentlich heulend, mit Bambusstäben einen ausgehöhlten Baumstamm, während sich in der Nähe große Menschengruppen um ein Wajang drängten. Dieses Wajang, welches mich lebhaft an ein ins Javanische übertragenes „Wursteltheater“ erinnerte, war dem Schattenspiel, das wir in Garut gesehen hatten, ziemlich ähnlich.

Noch bis spät in die Nacht hörte man die eintönigen Schläge des Gong und die melancholische Musik des Gamelang ertönen, was nicht zur Beförderung des allen so notwendigen Schlafes beitrug und uns weniger Äußerungen des Beifalles als solche des Unmuts entrang.

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  • Ort: Sindangbarang, Indonesien
  • ANNO – am 18.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Journalisten“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Robert der Teufel“ aufführt.