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diary entries of Franz Ferdinand

Schimonoseki — Mija-schima, 6. Aug. 1893

Vor der Einschiffung auf dem „Jajejama“ fand ich Gelegenheit, den japanischen Ministerpräsidenten, den vielgenannten Grafen Ito Hirobumi, kennen zu lernen und ihm gleichzeitig meine lebhafteste Teilnahme auszudrücken; denn er war nachts angekommen, um seinen Sohn zu besuchen, der an den Folgen eines schweren Sturzes darniederlag. Des Grafen Sohn war mir gleichfalls zugeteilt worden, hatte jedoch, als er uns entgegenfuhr, das Unglück gehabt, von einer Fallreeptreppe herabzustürzen und hiebei so bedeutende innere Beschädigungen zu erleiden, dass auch unser Arzt, welcher den Verletzten untersuchte, nur wenig Aussicht auf Wiederherstellung eröffnete.

Unter dem donnernden Salut sämtlicher Kriegsschiffe nahmen wir Abschied von Schimonoseki, während sich unser langer Kreuzer herumdrehte, um ostwärts gewendet in die vielgepriesene Inland-See zu steuern. Das japanische Binnenmeer, Seto-no-utschi-umi, das heißt das Meer zwischen den Straßen, wird im Süden von den Inseln Kiuschiu und Schikoku, im Norden aber von der Hauptinsel Hondo eingeschlossen und steht mit dem Ozean durch die Van der Capellen-, die Bungo- und die Linschoten-Straße in Verbindung; Flut und Ebbe wechseln in der Inland-See wie im Ozean ab, doch ist die Tiefe dieses Binnenmeeres eine geringe und beträgt häutig kaum 20 Faden. Von Schimonoseki im Westen, bis Osaka im Osten sich hinziehend, ist das Binnenmeer namentlich in seinem mittleren Teil von Inseln vulkanischen Ursprungs bedeckt, deren Zahl von japanischen Quellen auf mehrere Tausend angegeben wird.

Unmittelbar nachdem wir aus der schmalen Passage von Schimonoseki herausgefahren waren, verließen uns die Küsten der Inseln Kiuschiu und Hondo, welche hier scharf zurücktreten und den nach der Provinz Suwo benannten Teil des Binnenmeeres in weitem Bogen umfassen.

Der heutige Tag war ganz darnach angetan, uns alles im günstigsten Licht erscheinen zu lassen; denn wolkenlos lachte der Himmel in freundlichem Blau auf uns herab, und eine frische Brise brachte angenehme Kühlung. Die leicht bewegte See war durch zahllose Fahrzeuge belebt, welche, in den abenteuerlichsten Formen gebaut und mit den absonderlichsten Segeln versehen, auf den Fischfang ausgezogen waren, der eine bedeutende Rolle in der Ernährung von Japans Bevölkerung spielt, da Fische die hauptsächlichste Fleischnahrung darstellen. Nach dem hier geltenden Reglement haben Dampfschiffe den sich umhertummelnden Booten nicht auszuweichen, welch letztere vielmehr gehalten sind, den Dampfern freie Fahrt zu ermöglichen; doch geschieht dies mit einer gewissen Sorglosigkeit, so dass wir trotz häufiger Anwendung der Dampfpfeife nicht selten in bedenkliche Nähe einzelner Dschunken gerieten, bis schließlich eine derselben gerammt wurde, jedoch krachend an unserer Bordwand weiterglitt und mit Havarien am Steuer und an den Masten davonkam — eine Kollision, welche ohne Eindruck auf unseren Kommandanten blieb, der lächelnd weiterfuhr, als ob nichts vorgefallen wäre.

Nach etwa drei Stunden wechselten wir Kurs und steuerten nach Nordosten, um auf dieser Route in ein wahres Labyrinth von Inseln zu geraten. Die Fahrt durch dieses Gewirre von Eilanden ist wahrhaft entzückend, und ich kann aus eigener Anschauung bestätigen, dass die begeisterten, in Reiseberichten gegebenen Schilderungen der Naturschönheiten der Inland-See nicht übertrieben sind. Die größeren Inseln machen mit ihren mächtigen Bergen, die teilweise waldlos sind, aber gleichwohl einen äußerst wirksamen Hintergrund bilden, imposanten Eindruck; von den kleineren Eilanden, die überaus phantastische Formen zeigen, bestehen nicht wenige nur aus einem gigantischen Felsblocke, welcher dem Meer entstrebt, andere sind mit Hügeln und spitzen Kegeln bedeckt. Beinahe alle größeren Inseln sind besiedelt; an den Küsten reiht sich Ortschaft an Ortschaft, ein Fischerdorf an das andere; allenthalben tritt zutage, dass die Bewohner dem Landbau oder dem Fischfang obliegen; an den Abhängen der Hügel ziehen sich wohlbebaute Felder empor, und auf der leicht gekräuselten Oberfläche der See tanzen ganze Flotten von Booten. Auch eine kühn fliegende Einbildungskraft dürfte Mühe haben, eine landschaftliche Szenerie zu dichten, welche an Mannigfaltigkeit und an Bewegtheit, an Großartigkeit des Eindruckes und an Intimität des Reizes jene übertrifft, die sich hier vor dem Blick entrollt.

Obschon unsere Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch genommen war, ließ der Kommandant des „Jajejama“ exerzieren, was mit den 12 cm Armstrong-Geschützen trotz der langen, schier endlos scheinenden japanischen Kommandos recht präzis und flott von Statten ging. Von Zeit zu Zeit spielte die Bordkapelle einige Musikstücke, so die unvermeidliche Ouverture aus „Tell“, ein Potpourri aus „Mignon“ und verschiedene heimatliche Tanzweisen. Bei aller Anerkennung, welche ich bereit bin, den Japanern nach dem, was ich bisher gesehen und gehört, zu zollen, kann ich nicht verschweigen, dass ich mich schon größerer Genüsse erfreut habe als des uns bereiteten Ohrenschmauses; einzelne der zum Vortrag gebrachten Piecen waren in der hier üblichen Auffassung nicht recht zu erkennen, und auch die Programme konnten auf Verlässlichkeit wenig Anspruch erheben, da sie beispielsweise die Oper „Carmen“ als Werk unseres Walzerkönigs Strauß bezeichneten.

Als wir den Kurs abermals wechselten, um nordwärts zu steuern, lag die bergige Küste der Provinz Suwo nur wenige Meilen backbord; diese Küste und später jene der Provinz Aki entlang dampften wir weiter, bis wir die Insel Mija sichteten — unser heutiges Reiseziel. Nachdem wir noch eine sehr enge Passage mit möglichster Gefährdung einiger Fischerboote, jedoch ohne Unfall durchmessen hatten, liefen wir in die Bucht Mija-schimas ein, woselbst zwei japanische Kriegsschiffe, der Kreuzer „Tschijoda“ und die Corvette „Tenriu“, die Ankunft des „Jajejama“ donnernd begrüßten. Zu meiner nicht eben angenehmen Überraschung gewahrte ich schon aus der Ferne sowohl auf dem Land als in Booten die an ihren weißen Uniformen kenntlichen, übereifrigen Polizisten.

Mija-schima, die Tempelinsel, zeichnet sich vor anderen Eilanden dieses Archipels in vorteilhafter Weise dadurch aus, dass die bis zu 457 m aufsteigenden Höhen mit prächtigem, geschlossenem Walde bedeckt sind; der Boden der Insel ist eben heilig, weshalb die Hand des Menschen sich nicht an die Bäume wagen darf und auch Wild sich hier ungestörten Daseins erfreut, so Hirsche, welche ganz zahm sind, mitten unter den Fußgängern umherlaufen und aus der Hand der Vorübergehenden fressen. Der religiösen Weihe ungeachtet, welche die Insel auszeichnet, bildet diese einen im Sommer viel besuchten Ausflugsort; denn reizende, gegen die See zu sich öffnende Täler, von zahlreichen angenehmen Pfaden durchzogen, eine nie zu hoch ansteigende Temperatur sowie erquickende See- und Süßwasserbäder bedeuten ebensoviele anziehende Momente. Die Insel ist von etwa 3003 Menschen — Priestern, Gastwirten, Fischern und Bilderschnitzern — bewohnt, deren Behausungen in reizender Verborgenheit entlang der Bucht zu Füßen eines grünenden Hügels liegen, von dem uns prächtige Nadelhölzer grüßen. Einen interessanten Gegensatz hiezu bildet der gegenüberliegende Küstenstrich der Provinz Aki; denn die scharf abfallenden Bergabhänge sind kahl und das lichtgefärbte, fast weiß schimmernde Gestein und Geröll tritt zutage, so dass es scheint, als seien die Berge mit Schnee bedeckt.

Auch auf Mija-schima musste ich eine Entree glorieuse feiern, eine Einführung, von welcher ich mich gerne entbunden gesehen hätte, die aber unausweichlich war, da die Japaner offenbar entscheidenden Wert darauf legten, bei jeder Gelegenheit die größte Feierlichkeit und den höchsten Pomp zu entfalten. An der Landungsbrücke standen in großer Anzahl hohe Würdenträger und Honoratioren, welche mir vorgestellt wurden und sich tief verneigten, als ich an ihnen vorbeikam. An diese schloss sich ein Spalier von Wächtern des Gesetzes, hinter denen sich eine Menge Volkes drängte, neugierig, den fremden Prinzen zu sehen, der, gefolgt von der heimatlichen und der japanischen Suite, zwischen dem Leibjäger in grüner Livree und dem Türsteher mit dem Schwert einherschritt. Ich gestattete mir jedoch eine kleine Abweichung vom Programm; denn als ich sah, dass die Wegstrecke bis zu unserer Behausung sich ziemlich lang hindehnte und deren Zurücklegung in dem Tempo des feierlichen Aufzuges bei der hohen Temperatur sowie bei dem Umstand, dass unser Pfad zwar nicht mit Rosen, wohl aber mit einer hohen Lage feinen Sandes bestreut war, nicht eben angenehm zu werden versprach, schlug ich eine Art Laufschritt an, der mich bald ans Ziel, das Gefolge jedoch zu allgemeiner Heiterkeit etwas außer Atem brachte.

Hatten schon die uns bisher auf japanischem Boden eingeräumten Quartiere unsere Bewunderung erregt, so wurden sie doch durch die landschaftliche Umrahmung, die Originalität der Anlage und die entzückenden Details der Wohnstätte weit übertroffen, welche hier für uns vorbereitet war. Der Weg hatte uns bis in eine enge Waldschlucht geführt; vielhundertjährige Bäume spenden hier angenehmen Schatten; in der Sohle der Schlucht rieselt ein kristallklares Bächlein dahin, von munter umherschwimmenden Gold- und anderen Fischchen belebt; zwischen den Bäumen ragen Felsen empor, auf welchen sich, scheinbar regellos verteilt und nur Launen des Geschmackes die Entstehung verdankend, allerliebste, kleine Häuser befinden, deren je eines für jeden von uns bestimmt ist.

An einigen Stellen seines Laufes ist das plätschernde Wässerchen zu Miniaturteichen gestaut, in deren Mitte auf Piloten sich offene Kioske mit Veranden erheben; in diesen laden Matten sowie schwellende Kissen zur Ruhe und zum Träumen bei dem Gemurmel des Baches ein. Alle die anmuthigen Bauwerke stehen mittels zierlicher Wege, Treppen, Stege und Brücken in Verbindung. Bald da, bald dort sprudelt eine Quelle zwischen dem Gesteine hervor, zischt und braust ein Springbrunnen empor, dessen Wasserstrahlen in muldenförmig ausgehöhlte Steine zurückfallen, die malerisch von allerlei Wasser- und Schlingpflanzen umrahmt und umrankt sind; allenthalben finden sich — ähnlich den Kapellen und Heiligensäulen, welche bei uns an Landwegen stehen — kleine, steinerne, mit Moos bewachsene Tempelchen, die bestimmt sind, des Abends ein Licht aufzunehmen, um auf diese Weise, ebenso wie in die Felsen gemeißelte Nischen, Beleuchtungszwecken zu dienen. Die Herrlichkeiten, welche uns hier umgeben, sind von wahren Künstlern geschaffen, deren rege Phantasie mit feiner Empfindung für die Schönheiten der Natur, mit gemütvoller Poesie gepaart ist. Unserem Erstaunen über die idyllische Waldniederlassung lauten Ausdruck gebend, eilten wir überall umher, das Zaubernest in jeglichem Detail in Augenschein zu nehmen.

Die einzelnen Behausungen wiesen bunte Mannigfaltigkeit in der Anlage und Ausführung auf, so dass wir über die reiche Gestaltungskraft der japanischen Baukünstler nicht genug staunen konnten; und doch trug jedes der kleinen Meisterwerke den einheitlichen Charakterzug der Niedlichkeit. Auch hier hatten als Baumaterial nur Holz, namentlich Bambus, Strohmatten und Papier Verwendung gefunden, allerdings nicht ohne dass die Werkleute ihr seltenes Geschick in hervorragender Weise bekundet hätten, mit den einfachsten Mitteln dem Auge wohltuende Wirkungen hervorzubringen; selbst die Ausstattung der Wohnräume war malerisch, den Gesetzen der Schönheit entsprechend. Während die decorative Kunst der stammverwandten Chinesen sich durch einen ins Bunte und Auffallende, ja zuweilen ins Schreiende
gehenden Zug charakterisiert, zeichnet sich jene der Japaner, ungeachtet aller Farbenfreudigkeit, durch künstlerisches Maßhalten, durch vollendete Harmonie und durch anheimelnde Intimität sowie durch zartes Verständnis dafür aus, das Leben mittels entsprechenden Komforts so angenehm als möglich zu gestalten. Die Grundzüge des japanischen Wesens, lebensfrohe Heiterkeit, ansprechende Sinnlichkeit und ausgeprägtes Schönheitsgefühl treten auf allen Gebieten des Volkslebens zutage und machen, in innig verwobener Wechselbeziehung mit der herrlichen Natur, jedem Fremden, der Japans Boden betritt, Land und Leute gleich sympathisch.

Nachdem ich mich von den Würdenträgern und Honoratioren, welche uns das Geleit gegeben, verabschiedet und von meinem Häuschen Besitz ergriffen hatte, begann ich die Nachbarschaft unseres Quartieres zu durchwandern.

Mija-schima ist seines berühmten Tempels wegen ein Hauptwallfahrtsort, eine Art Mariazell des südlichen Japans; wie in der Nähe unserer Gnadenkirchen gibt es auch hier im Bereiche des Tempels eine Unzahl von Kaufläden und Buden, in welchen die Pilger neben manch anderem auch Gegenstände der Erinnerung an die heilige Insel kaufen. Diese Objecte sind zumeist ganz vorzüglich geschnitzte oder bildliche Darstellungen der Niederlassung auf der Insel, des Tempels, der Hirsche u. dgl. m. und um geradezu lächerlich billige Preise erhältlich, ein Umstand, welcher wohl darthut, dass die Insel noch abseits von der großen Route der Touristen liegt und deren Bewohner durch reisende Engländer und Amerikaner noch nicht verwöhnt sind. In diesen Buden erwarb ich ganze Wagenladungen hübscher Gegenstände, insbesondere Tischchen, Vasen, allerlei Nachbildungen aus verkrüppeltem Holze, Kinderspielzeug und hundert andere Dinge.

Die Regierung hatte übrigens auch hier getrachtet, mir die Bereicherung meiner Sammlung so leicht als möglich zu machen; denn in einem Gebäude, dessen Räume sonst pädagogischen Zwecken dienen, waren Erzeugnisse der japanischen Kunstindustrie zu einer förmlichen Ausstellung arrangiert worden, welche im wesentlichen die in den Buden feilgebotenen Objekte enthielt, die aber, dem offiziellen Eingreifen entsprechend, das Dreifache der in den Läden verlangten Preise kosteten. Ich beschränkte mich daher auf die Erwerbung einer alten japanischen Rüstung nebst der dazugehörigen, durch einen martialischen Schnurrbart ausgezeichneten Fratzenmaske.

Weiterhin gelangte ich, eine steile Treppe emporklimmend, zu einer großen aus Holz erbauten, tempelartigen Halle, welche auf einem Hügel liegt und von Taiko-sama, dem Marschall und Regenten des Reiches, der seine Laufbahn als Stallbursche begonnen hatte, an der Stelle erbaut worden war, wo er im Jahre 1591 vor dem Auszug der japanischen Heere unter den Generalen Konischi Jukinaga und Kato Kijomasa zur Eroberung Koreas seine Befehle ertheilt hatte. Diese Halle, in der Taiko-sama auch große Festgelage abgehalten haben soll, ist durch zahlreiche an den Wänden hängende Votivbilder geschmückt; das Holzwerk einer unweit der Halle errichteten Pagode zeigt wie jene die ehrwürdigen Spuren des hohen Alters. Wenige Schritte oberhalb dieser Bauten und unweit eines gefallenen Kriegern zu Ehren errichteten Denkmales erfreute ich mich von einem dominierenden Punkte aus des reizenden Ausblickes auf das liebliche Mija-schima.

Das Diner nahmen wir unter den Klängen zweier Musikkapellen in einem der Teichkioske ein; in dieser uns ungewohnten Speisehalle herrschte eine äußerst wohlthuende Temperatur, so dass es nur wünschenswert wäre, wenn auch in der Heimat während der Sommerszeit ähnlich gestaltete und situierte Räumlichkeiten zu dem gleichen Zwecke verwendet würden, vorausgesetzt, dass die Gelsen dies gestatten, die auf Mija-schima das gemütliche Diner einigermaßen störten. Dem Mahl wohnte unter anderen Persönlichkeiten auch der sich eines sehr lebhaften und heiteren Temperamentes erfreuende Divisionscommandant von Hiroschima sowie ein Admiral bei, welcher aus der Hafenstadt Kure gekommen war — zwei Herren, mit welchen ich eine anregende Konversation unterhielt; die Mitteilungen des Admirals bestärkten mich in der Überzeugung, dass die Japaner auf die Ausgestaltung ihrer Kriegsmarine sorgfältig bedacht sind, ein Umstand, der nicht zum wenigsten durch die trefflichen Leistungen des kaiserlichen Seekadetten-Institutes dargetan wird, das auf der unweit Kure gelegenen Insel Eta errichtet worden ist.

Dem berühmten Tempel der Insel, einem Schinto-Heiligtum, galt ein abendlicher Besuch. Der Schintoismus und der Buddhaismus sind die beiden heidnischen Religionssysteme, welchen Japans Bevölkerung anhängt, und zwar bildet der Buddhaismus, gegenwärtig in sieben Hauptsekten gespalten und dem krassesten Götzendienst ergeben, die eigentliche Volksreligion, während die höheren Schichten der Gesellschaft jetzt zumeist der religiösen Indifferenz oder dem Atheismus verfallen sind. Neben den beiden genannten Religionen hat auch die Lehre des Konfuzius Aufnahme gefunden; sie ist zwar nicht sehr tief eingedrungen, hat aber doch auf die gebildeteren Stände und namentlich in früherer Zeit auf die Samurais großen Einfiuss ausgeübt.

Der Schintoismus bezweckt die Glückseligkeit des irdischen Lebens und geht von der Annahme aus, dass die Geister der Abgeschiedenen bei der Erreichung dieses Zieles behilflich sind, weshalb sie denn auch, wenn ein Gläubiger ihrer bedarf, durch Händeklatschen, Läuten u. dgl. gerufen werden. Charakteristisch ist für den Schintoismus oder die Kami-Lehre die göttliche Verehrung berühmter Männer neben jener einer angeblich nach Millionen zählenden Götterschar, deren Reigen von der Sonnenkönigin Amaterasu geführt wird. Der letzteren angeblicher Abstämmling, Dschimmu-Tenno (660 bis 585 v. Chr.), ist der Begründer des japanischen Reiches und Ahnherr des kaiserlichen Hauses, so dass der jeweilige Kaiser Japans als Sprosse des Himmels und daher als Gottheit verehrt wird. Dem Schintoismus sind eigentliche dogmatische und ethische Grundsätze fremd, wohl aber ein ausgebildetes Ritual und eine entwickelte Liturgie eigen. So wenig wie der Buddhaismus hat der Schintoismus sich in ursprünglicher Reinheit zu erhalten vermocht, sondern ist vielmehr in mannigfacher Beziehung von jenem beeinflusst worden.

Interessant ist, dass nach Beginn der neuen Ära im Jahre 1868 von der Regierung der Versuch gemacht wurde, den Buddhaismus zugunsten des Schintoismus zu verdrängen. Dieses Bestreben erklärt sich aus dem begreiflichen Interesse, das der Kaiser, oder, wie der übliche Titel lautet, der Mikado, an der Religion hat, welche ihn mit dem Begründer des Reiches sowie mit dem Himmel in Verbindung bringt und ganz geeignet erscheinen musste, zur Festigung der durch die großartige Reformbewegung wieder hergestellten kaiserlichen Macht beizutragen. Im Jahre 1876 wurde übrigens Religionsfreiheit proklamiert, und von diesem Grundsatze hat auch das Christentum Vorteil ziehen können; wenigstens sind bereits vor einigen Jahren römisch-katholische Bischofssitze in Tokio, Nagasaki, Kioto und in Sandani errichtet worden.
Der angeblich schon im 6. oder 7. Jahrhundert erbaute und drei Göttinnen geweihte Tempel der Insel erhielt durch Kijomori im 12. Jahrhunderte jene Gestalt, welche ihn als Bauwerk des westlichen Japans berühmt gemacht hat. Als Schinto-Heiligtum ist der Tempel, welchen die Kannuschis, die Schinto-Priester, uns zu Ehren, wenn auch spärlich beleuchtet hatten, gekennzeichnet durch die hohen galgenförmigen Portale, die Torii, welche, hier auf Piloten stehend, in die See hineingebaut sind; er umfasst ein Gewirr von Räumlichkeiten, welche die Heiligtümer bergen, und von Verbindungsgängen.

Der Eintritt in die eigentlichen Tempelräume blieb uns versagt; doch durften wir wenigstens einen Blick hineinwerfen, ohne jedoch außer Leuchtern und Bildern viel Bemerkenswertes wahrnehmen zu können. In der Mitte des Haupttempels sieht man eine Art Podium, welches für festliche Aufzüge an hohen Feiertagen bestimmt und von zwei Drachen aus Bronze, wahren Kunstwerken der Metallarbeit, flankiert ist; eigentümlich geformte, hohe Bronzevasen hatte ich schon am Tempeleingang bemerkt.

Die Priester, welche, mit weißen Seidengewändern angetan und versehen mit den eigentümlichen, an Bischofsmützen gemahnenden Kopfbedeckungen, uns das Geleit gaben, wiesen in zwei Kammern all die Gegenstände und Gerätschaften vor, die bei gottesdienstlichen Handlungen verwendet werden, und unter vielen anderen Dingen auch prachtvolle Stoffe, geeignet, den Neid mancher unserer Damen zu erwecken, ferner fratzenhafte Masken und verschiedene Schwerter, deren einige die unförmliche Länge von 4,5 m aufwiesen und offenbar nur als Schaustücke bei bestimmten Zeremonien verwendet werden.

Der Tempel auf Mija-schima zeigt in seiner prunkvollen Ausstattung deutlich die Folgen des weitgehenden buddhistischen Einflusses; denn der reine Schinto-Tempel zeichnet sich durch Einfachheit und insbesondere durch den Mangel von Metallzierat oder Lackschmuck aus. Auch sollen die Symbole beschränkt sein auf einen runden Metallspiegel als Sinnbild des göttlichen Glanzes, auf das Gohei, ein an einem Holzstäbchen befestigtes Papier, von dem angenommen wird, dass der Geist des Gottes sich darauf niederlasse, und auf einen Edelstein oder eine Kugel aus Bergkristall als Zeichen der Reinheit und Macht des Gottes.

Bemerkenswert ist die große Zahl der in einer Galerie des Tempels aufgehängten Votivbilder, welche zum Teil bedeutenden künstlerischen Wert haben und sich durch hohes Alter auszeichnen; einige derselben sind aus den Händen berühmter Meister hervorgegangen. Wir begegneten hier den denkbar mannigfaltigsten Darstellungen, da allerlei gute und böse Götter und Geister, mitunter mit greulichen Fratzen versehen, Affen, Hirsche sowie anderes Getier und in bunter Abwechslung Szenen aus dem Leben teils gemalt, teils geschnitzt, teils in eingelegter Arbeit vorgeführt sind.

Obschon die Nacht bereits ziemlich weit vorgerückt war, ließen wir uns noch, in Kimonos gehüllt, in einem der Teichkioske nieder, um, rauchend und plaudernd sowie Champagner schlürfend, im Genuss der uns umgebenden Natur zu schwelgen, deren Reize uns allen Ausrufe des lauten Bedauerns ob der programmäßigen Kürze des Aufenthaltes auf Mija-schima entlockten.

Schließlich nahmen wir noch ein kühlendes Bad in den Wellen des Baches, indem wir geradeaus von der Veranda des Kioskes in die Fluten sprangen und uns beim Schein roter Lampions darin fröhlich tummelten.

Links

  • Ort:  Mijaschima, Japan
  • ANNO – am 06.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Cavalleria rusticana“ aufführt.

Nagasaki — Kumamoto, 4. Aug. 1893

Dem Programm entsprechend, welches von japanischer Seite festgestellt war, überschiffte ich mich auf den Torpedokreuzer „Jajejama“. Der Abschied von der „Elisabeth“ fiel, wenn er vorläufig auch nur für kurze Zeit erfolgte, doch schon recht schwer und war ein Vorspiel für die in Jokohama bevorstehende Trennung; es wurde mir weh ums Herz, als ich von unserem Schiff scheiden musste; Geschütz- und Wantensalut wurden geleistet und das Hurrah unserer braven Matrosen geleitete mich, noch lange in meinem Innern nachklingend.

An Bord des „Jajejama“ fand großer Empfang statt, da mich hier der Gouverneur, der japanische Admiral mit sämtlichen .Schiffskommandanten, die japanische Suite und eine große Anzahl von Würdenträgern empfingen, während die in grellrote Uniform gekleidete Marine-Musikkapelle die Volkshymne intonierte. Das Hissen der Standarte auf dem Großmast wurde von allen Schiffen, welche die volle Flaggengala angelegt hatten, mit 21 Schüssen begrüßt, so dass bald dichter Rauch den Hafen Nagasakis bedeckte, und wir hatten kaum die Anker gelichtet, so wiederholte sich Geschütz- und Raaensalut; doch klang das Hurrah der kleineren japanischen Matrosen nicht so dröhnend wie jenes, welches den kräftigen Lungen unserer Seeleute entbrauste. Hinaus ging es bei klarem Himmel durch die S-förmig gewundene Einfahrt, an dem Eiland Papenberg vorbei, nach Misumi.

Ein Torpedoboot geleitete uns; demselben schloss sich, unmittelbar nachdem wir die Bucht verlassen hatten, ein plötzlich erschienener und unter dem Donner seiner Geschütze nahender, prächtiger Kreuzer an, welcher, das Modell der „Elisabeth“ in kleinerem Maßstab darstellend, in unserem Kielwasser folgte. Außerhalb der Bucht fanden wir hohe, gekreuzte See, welche den „Jajejama“ bald so umherwarf, dass er bis zu 32° beiderseits zu rollen begann. Dieser in Japan selbst gebaute Kreuzer ist sehr lang und verhältnismäßig schmal, wodurch die starken Rollbewegungen bedingt sind; hohe, schwere See könnte dem Schiff bei dieser seiner Bauart recht unangenehm werden. Eine Folge des starken Rollens war, dass allmählich die japanische Suite, welche, ebenso wie alle Hofbediensteten, von der Seekrankheit ergriffen war, verschwand, und dass Tische, Stühle und Sofas auf dem Achterdeck in tanzende Bewegungen gerieten, um schließlich umzukippen und hin- und hergeschleudert zu werden.

Von dem Bedürfnisse nach Schlaf übermannt, begab ich mich in meine Kajüte, vor welcher zu meiner nicht geringen, mich heiter stimmenden Überraschung der mir vom Kaiser von Japan zugeteilte Leibjäger in voller Parade Wache hielt, die eine Hand am Griff seines Schwertes, als sollte dasselbe stracks zum tödlichen Streiche gezückt werden. Dieser Leibjäger entpuppte sich im Laufe der Zeit als ein ganz vortrefflicher Bursche, der während der Reise, obwohl wir kein Wort miteinander zu reden vermochten, meine volle Sympathie zu erwerben verstanden hat.

Klein, ziemlich wohlbeleibt und durch säbelförmige Beine ausgezeichnet, stak er in einer lichtgrünen, durch kanariengelbe Aufschläge gezierten Uniform, während ein hoher Sturmhut das theatralische Aussehen vervollständigte. Ein breites Bandelier aus schwarzem Lackleder, welches mein Leibjäger kühn umgeschwungen hatte, zeigte als Verzierung vorn und rückwärts in nicht geringer Dimension Pfeil und Bogen, die wohl als Symbole des Dienstes gedacht waren, uns aber umso mehr den Eindruck der Attribute Amors machten, als man ja gewöhnt ist, in Japan das Land freierer Liebe zu sehen.

Unsere Fahrt ging in südlicher Richtung, dann ostwärts sich wendend um den südlichsten Vorsprung Nomosaki der Halbinsel Hisen herum, zwischen der backbord bleibenden Halbinsel Schimbara und den steuerbord liegenden Inseln Amakusa und Kami hindurch auf Misumi, einen kleinen Hafenort, zu. Drei Stunden lang hatten wir in unsanftester Weise gerollt, bis wir zwischen die grünenden Eilande kamen, wo wir ruhigeres Fahrwasser fanden. Vor Misumi ertönte abermals Geschützsalut, denn der Kreuzer „Takatschiho“, welcher uns gefolgt war, kehrte nach Nagasaki zurück, während aus einer Seitenbucht das Kanonenboot „Tschokai“ hervorkam.

Mittels einer Barkasse, auf der sich zur Begrüßung eine größere Zahl von Personen — darunter der Adjutant des Prinzen Joschihisa aus dem der kaiserlichen Familie verwandten fürstlichen Hause Kita Schirakawa — eingefunden hatte, setzten wir ans Land, wo eine unabsehbare Menschenmenge, von der Polizei energisch in Schach gehalten, unserer Ankunft harrte. Ganz Misumi war beflaggt, von jedem Hause wehte Japans, des Landes des Sonnenaufganges, Wahrzeichen, die weiße Flagge mit dem roten Kreise, die Sonne im weißen Felde darstellend.

Ganz neu waren mir die uns zu Ehren abgebrannten „Tagfeuerwerke“, bestehend aus Steigraketen, die, aus einem Mörser emporgeschleudert, hoch in der Luft mit starker Detonation explodierten und nun eine große Zahl bunter Ballons, Wimpel, Fallschirme und langer Bänder ausstreuten. Alle diese Gegenstände, welche teils unsere schwarzgelben, teils die japanischen Farben zeigten, sanken langsam zur Erde oder wurden vom Winde hin und hergetragen oder flatterten in den Lüften, was einen ganz reizenden Eindruck hervorbrachte.
Die etwa 42 km lange Wegstrecke bis Kumamoto sollte in Hof-Dschinrickschas zurückgelegt werden, deren Läufer durchwegs gleich adjustiert waren und blaue, weite Blusen, weiße, bis oberhalb der Knie reichende Beinkleider trugen, so dass die Knie und die Waden unbedeckt
blieben, während die Füße durch kurze Strümpfe geschützt wurden: die Kopfbedeckung bildeten weiße Strohhüte. Meinem Gefährte waren drei Läufer vorgespannt, wovon einer in der Gabel ging, die beiden anderen aber vorauslaufend an dünnen Stricken zogen. Die Leistungsfähigkeit der Rickschaläufer grenzt an das Fabelhafte; denn obgleich die Hitze geradezu drückend war und der Weg bald bergauf, bald bergab führte, streckenweise auch frisch beschottert war, legten unsere Läufer, nur zweimal je eine kurze Frist rastend, den Weg bis Kumamoto im Laufschritt in der Zeit von 5 1/2 Stunden zurück. Ja einer der begleitenden Herren, welcher vor kurzem im Innern des Landes gereist war, erzählte mir, dass er an einem Tage mit einem und demselben Dschinrickschaläufer eine Strecke von ungefähr 120 km in 18 Stunden zurückgelegt habe!

Unmittelbar hinter Misumi steigt der Weg mächtig an, am Ufer des Meeres längs einer steilen Berglehne hinführend; später erweitert sich die Landschaft und der Weg durchzieht, nachdem wir ein Flüsschen überschritten haben, ein Gefilde, welches mit den lieblichsten Reizen ausgestattet ist. Das ganze Gebiet ist auf das emsigste kultiviert. kein noch so kleines Fleckchen liegt brach oder unbenützt; die Ebene ist, gut bewässerbar eingerichtet, zumeist dem Reisbau gewidmet, aber auch auf den Hügelabhängen und den Berglehnen sieht man die charakteristischen Linien der stufenförmig übereinander liegenden, der Reiskultur dienenden Terrassen. Das Auge blickt weit und breit nur auf wohltuendes Grün mannigfachster Schattierungen, vom Dunkel der ernsten Zypressenhaine bis zur lichten Färbung der heiteren Bambusstaude.

Schon die Eindrücke, die ich während der Fahrt nach Kumamoto gewonnen habe, sprechen für die Dichtigkeit der Besiedelung Japans; denn wir durchzogen und erblickten allenthalben Weiler, Dörfer und Städtchen. Die Häuser auf dem Land und in den Städten zeigen wenig Unterschiede; es sind ein bis zwei Stockwerke hohe, äußerst leichte und einfache, um nicht zu sagen, armselige, hauptsächlich aus Holz errichtete Bauwerke, deren Inneres sich durch große Reinlichkeit und Ordnung auszeichnet. Die Bedachung ist bald aus eigentümlich geschweiften Ziegeln, sogenannten „Taschen“, oder aus Holz, ja häufig genug aus Stroh, immer jedoch mit großer Sorgfalt hergestellt.

Bei unserer Annäherung eilten die Leute allenthalben vor die Häuser und drängten sich in den Straßen, wobei sich namentlich das weibliche Element durch Neugierde auszeichnete, was übrigens dem Vernehmen nach auch in unserer Heimat der Fall sein soll. Unter den Japanerinnen, welche uns freundlich zulächelten und heiter begrüßten, konnten wir so manche beobachten, die sich durch ein äußerst fein geschnittenes, allerliebstes Gesichtchen auszeichnete. Auch aus den Feldern liefen Männlein und Weiblein an die Straße, welche wir entlang zogen, und deuteten lebhaft gestikulierend nach mir oder, was wahrscheinlicher ist, nach dem indigenen Leibjäger, der unter seinem großen Federbusch die Huldigungen des Volkes mit stoischer Gelassenheit entgegennahm.

An der Spitze des Zuges fuhren zwei hohe Polizeibeamte, welchen ich in meinem Dschinrickscha folgte, dessen eine Seite von dem Leibjäger, die andere aber von einem Hofbediensteten — derselbe dürfte sonst die Funktion eines Türstehers bekleiden — flankiert wurde; letzterer hatte seine Physiognomie in ernste Falten gelegt und hielt mit beiden Händen ein mächtiges Schwert, das er, jeden Augenblick zum Hiebe bereit, vor sich hertrug. Während der fünfstündigen Fahrt hat der Mann, soviel ich beobachten konnte, keine Miene verzogen. Mir schloss sich zunächst die japanische Suite an, nach welcher die Herren des heimatlichen Gefolges eingereiht waren; den Schluss bildete ein Heer von Beamten, Hausoffizieren und Dienern.

Unsere Fahrt trug unverkennbaren polizeilichen Charakter an sich, da die Regierung großartige Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hatte, als gälte es, uns vor den schlimmsten Angriffen zu sichern; die Straße war polizeilich besetzt, jede Brücke stand unter Bewachung, und wo immer sich eine Gruppe von Menschen gebildet hatte, zeigte sich ein Polizeimann — von den zahllosen Detectives nicht zu reden, welche sich in den Orten, durch die wir kamen, unter der Menschenmenge befanden. Glücklicherweise gewohnt, mich in der Heimat vollkommen frei, ohne jede Vorsorge für die persönliche Sicherheit bewegen zu können, fand ich den polizeilichen Apparat zwar sehr befremdlich und nichts weniger als angenehm, immerhin aber erklärlich durch das ruchlose Attentat, dessen Gegenstand vor nicht langer Zeit der Cesarewitsch und zwar — eine besondere Schicksalstück — seitens eines Wachmannes gewesen ist. Zum Teil dürfte übrigens die Polizeimacht in so formidabler Masse auch aufgeboten worden sein, um uns vorgeführt zu werden, so dass ich mir schon jetzt ein Urteil über die ganz nach europäischem Muster vortrefflich organisierte japanische Polizei bilden konnte, welche vielleicht nur noch weniger auffällig und ruhiger ihres Amtes zu walten hat, um dem europäischen Vorbild ganz ebenbürtig zu sein. Angesichts des Eifers der Polizei beschlich mich die Ahnung, dass ich während meines Aufenthaltes in Japan, einem Gefangenen gleich, fortwährend von hundert Augen bewacht sein und nirgends unbekannt bleiben würde!

Nach geraumer Zeit wurden die Läufer durch Verabreichung frischen Wassers erquickt, welches in reihenweise am Saum der Straße aufgestellten Kübeln bereitgehalten war. Rasch taten die Läufer einige lange Züge, und dann ging es ohne Aufenthalt weiter, bis wir in einem reizenden Dorf an einem malerisch gelegenen Platz während einer Viertelstunde Rast machten; vor einem kleinen Schinto-Tempel, im Schatten herrlicher Bäume, reichten Diener, durch die Fürsorge des Mikados hieher entsandt, Erfrischungen, während die Rickschaläufer sich kurzer Ruhe hingaben. Leider war der Platz mit einer Art von Prellnetz und Dunkelzeug abgesperrt, so dass das Volk nicht in unsere Nähe kommen konnte und nur einige Honoratioren, welche im europäischen Kleid erschienen waren, Einlass fanden. Offenbar hatte die Abschließung des Raumes den Zweck, Attentate zu verhindern, was mich nicht wenig unterhielt.

Bald setzten wir unsere Rickschafahrt durch das liebliche Gelände und durch zahlreiche Ortschaften fort, an deren Eingang wir von Würdenträgern und nicht selten auch von den Mitgliedern der Feuerwehren begrüßt wurden, welch letztere an den blauen, mit weißen Abzeichen versehenen Blusen kenntlich sind. Die in den Feldern arbeitenden Mädchen kleiden sich in einer Art, die mich lebhaft an die leider immer mehr außer Gebrauch kommende Tracht in der Gegend von Hermagor in Kärnten erinnerte; die emsigen Arbeiterinnen trugen einen nur bis oberhalb der Knie reichenden Rock und kurze Wadenstrümpfe aus blauer Wolle, die Knie und die Füße waren unbedeckt, und ein weißes Kopftuch sollte gegen die sengenden Sonnenstrahlen schützen.

Zwischen den Reisfeldern ziehen sich zahlreiche Teiche und Tümpel hin, welche zu Bewässerungszwecken dienen, aber keineswegs so verunreinigt und verwahrlost sind, wie ähnliche Wasserbehälter in Indien, sondern gut instandgehalten und meist von den schönsten blühenden Lotospflanzen bewachsen waren. Schon hier ließ sich ein Schluss auf die Bedeutung der Reiskultur Japans, des hauptsächlichsten landwirtschaftlichen Produktionszweiges, ziehen. Das Überwiegen dieser Kultur ist ebenso charakteristisch für die Landwirtschaft Japans, wie die starke Zerstückelung des Bodens, infolge welcher überall Zwergwirtschaften und gartenmäßiger Feldbau vorherrschen. Da bei der Reiskultur die Verwendung von Zugvieh von vorneherein ausgeschlossen ist und die Bearbeitung der anderen Kulturen dienenden Felder geringeren Umfanges durch Menschenkraft allein möglich ist, erklärt sich der vorwiegend viehlose Landwirtschaftsbetrieb Japans. Tatsächlich werden hier die Pferde und Rinder zumeist als Lasttiere, erstere auch zum Reiten, seltener hingegen zur Bespannung von Pflug oder Wagen, die Kühe fast gar nicht als Melktiere benützt.

Weitere zweistündige Fahrt bedingte abermals eine kurze Rast, und zwar in einer Hütte, welche mit goldverzierten Schiebewänden ausgestattet war und einen Prunksessel unter Lotosblumen barg, auf dem ich Platz nahm und, wie Buddha sitzend, eine Eislimonade schlürfte, während die japanischen Höflinge sich unter rastlosen Verbeugungen im Halbkreis um mich gruppierten.

Gegen 6 Uhr abends näherten wir uns, zwar etwas „gerädert“, aber entzückt von der Landschaft des durchquerten Gebietes, der Stadt Kumamoto, an deren Eingange wir schon aus beträchtlicher Ferne eine gewaltige Ansammlung von Menschen und eine Husarenescadron wahrnehmen konnten, welche bei unserem Einzug unter den Klängen des japanischen Generalmarsches die Ehrenbezeigung leistete. Die Zahl der hier zu unserem Schutz aufgebotenen Polizisten hatte bedeutend zugenommen. Ich fuhr bis zu dem unscheinbaren, kleinen Palais, welches Prinz Joschihisa bewohnt, der hier die 6. Truppendivision kommandiert, und betrat dasselbe, an dessen Toren von dem Hausherrn begrüßt, unter Führung Sannomijas.

Der Prinz ist von untersetzter Gestalt und dunkler Gesichtsfarbe; die scharf gebogene Adlernase, die tiefschwarzen und blitzenden Augen, die buschigen Augenbrauen und. der dichte Schnurrbart verleihen der Physiognomie einen energischen Ausdruck. Joschihisa spricht ziemlich gut deutsch und französisch, welche Sprachen er sich während des die Jahre von 1870 bis 1877 ausfüllenden Aufenthaltes in Europa angeeignet hat. Im Jahre 1868 musste Prinz Joschihisa während der Kämpfe um die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Mikados wider Willen eine politische Rolle spielen; denn als Prinz des kaiserlichen Hauses, einem alten Gesetz entsprechend, mit der Würde des Oberpriesters eines Tempels und zwar des Tojeisans zu Ujeno im Norden von Jedo bekleidet, fiel er in die Gewalt der Aufständischen und wurde zum Gegenmikado ausgerufen, in welcher Eigenschaft er macht- und willenlos den Rebellen preisgegeben war, um dann nach Niederschlagung des Aufstandes begnadigt und nach Europa gesandt zu werden.

Nach Vorstellung der beiderseitigen Suiten wurde Limonade kredenzt und fand der Austausch der üblichen Begrüßungen statt, worauf ich mit dem Prinzen einen hohen Phaethon bestieg, der von Joschihisa selbst bis zu unserem Absteigequartier gelenkt wurde, während drei Mann nebenherliefen und die Pferde führten; eine halbe Escadron trabte unserem Wagen voran, dem sich die ganze Karawane von Dschinrickschas anschloss; eine halbe Escadron bildete den Schluss des Zuges.

In den Straßen stand die gesamte Garnison Kumamotos Spalier; am Empfangsflügel waren die dienstfreien Offiziere aufgestellt, an die sich die Truppen des Spalieres, und zwar zunächst das 13. und 23. Infanterieregiment reihten. Die japanische Armee ist ganz nach französischem Muster adjustiert; die Infanterie, welche in Parade ausgerückt war, trägt blaue Röcke mit roten Aufschlägen und Achselklappen, auf welchen die Regimentsnummer ersichtlich gemacht ist, und rote Pantalons; die Kopfbedeckung bilden Czakos aus Glanzleder von wenig gefälliger Form; die Truppe ist mit in Japan erzeugten Hinterladern, System Murata, 11 mm Kaliber bewaffnet, das jedoch sehr bald durch ein Repetiersystem mit dem Kaliber von 8 mm ersetzt werden soll; Säbelbajonnette und Tornister, welch letztere an jene unseres alten Modells erinnern, vervollständigen die Ausrüstung. Als Commode-Uniform, die insbesondere bei den gewöhnlichen Exerzierübungen im Sommer getragen wird, sind weiße Leinenanzüge und Tellermützen preußischer Form im Gebrauch. Die Offiziere salutierten durch Senken und Seitwärtshalten des Säbels, während die Mannschaft präsentierte — ein Gewehrgriff, dessen Anblick uns bei unserer Armee aus unbegreiflichen Gründen leider nicht mehr gegönnt ist.

Die Kavallerie, deren Aussehen und Pferde mir nicht missfielen, ist zu bunt, beinahe schreiend adjustiert, da sie dunkelblaue Attilas mit gelber Verschnürung und rote Hosen mit breiten, grünen Lampassen trägt; die Bewaffnung besteht aus Karabinern des Systems Murata und aus Säbeln. Die Artillerie, an deren Uniformierung die blaue und gelbe Farbe vorherrscht, führt in Japan gegossene Hinterladegeschütze aus Bronze mit 7,5 cm Kaliber; die Bespannung ist, soviel ich wahrnehmen konnte, recht gut und gleichmäßig und besteht zumeist aus Hengsten.

Auch eine Trainabteilung, welche zu Pferd ausgerückt war, hatte im Spalier Aufstellung genommen; die blauen Aufschläge auf den Röcken der Mannschaft erinnern an die bei uns eingeführten und kontrastieren lebhaft mit den lichtgrünen Pferdedecken. Eine Abteilung Genietruppe, kenntlich an den Feldgerätschaften, welche an den Tornistern befestigt sind, und an den amarantroten Aufschlägen, schloss das Spalier ab. Im großen und ganzen machten die Truppen aller Waffengattungen auf mich einen recht guten Eindruck.

In unserem Absteigequartier stattete mir Prinz Joschihisa noch einen kurzen Besuch ab und lud mich zu einem Diner, das um 8 Uhr abends in den Festräumen des Kumamoto-Clubs stattfinden sollte.

Die Regierung hatte für unseren Aufenthalt ein reizendes Teehaus eingerichtet, bei dessen Betreten ich mich der landesüblichen Sitte, welcher zufolge die Schuhe abzulegen sind, fügen musste — ein Gebrauch, der mitunter recht lästig fällt, aber begreiflich ist im Hinblick auf die Reinlichkeit, die im Innern jedes japanischen Hauses herrscht, und die feinen Matten, welche den Fußboden aller Räume bedecken. Das Wohnhaus war ganz in original-japanischem Stil erbaut und eingerichtet, so dass wir die schon in Nagasaki von der Straße und im Teehaus, gemachten Studien hier aus nächster Nähe wiederholen und vertiefen konnten. Unseren Gebräuchen zu Ehren und als Zeichen besonderen Luxus waren in den durch die verstellbaren Schiebewände gebildeten Zimmern verschiedene Möbelstücke europäischen Charakters, sogar Betten, untergebracht, doch beschlossen wir, wie hier üblich, auf Matten zu ruhen. Um eine angenehm wirkende Abkühlung der Temperatur in den Wohnräumen zu erzielen, hatte die Regierung aus den Nordprovinzen Japans Eisblöcke bringen lassen, welche in schön geformten und die Zimmerecken schmückenden Vasen und Kübeln aus Bronze lagen. Eine Veranda führte um den ganzen Bau und bot einen hübschen Ausblick auf einen kleinen Garten sowie weiterhin auf einen Wallgraben, der mit blühenden Bäumen bewachsen war.

Die Japaner verstehen es ganz vortrefflich, ihren Behausungen durch Veranden und offene Gänge, welch letztere mitunter ein förmliches Labyrinth bilden, einen ganz eigentümlichen, uns unbekannten Reiz zu verleihen, und so machte unser Häuschen einen wahrhaft idyllischen Eindruck, der jedoch abends wesentlich durch eine der modernsten kulturellen Einrichtungen, nämlich durch elektrische Beleuchtung, beeinträchtigt wurde, die so gar nicht mit der Umrahmung und am wenigsten mit den auf der Veranda angeordneten zahlreichen altjapanischen Lampions harmonierte.

In der Besorgnis, dass die Küche, deren Erzeugnisse wir bei dem bevorstehenden Festmahl verkosten sollten, uns wenig zusagen dürfte, nahm ich vorsichtsweise ein grundlegendes kompletes Diner ein, erquickte mich an einem erfrischenden Bad von Eiswasser und fuhr sodann durch die mittels Lampions hell erleuchteten Straßen nach dem Kumamoto-Club, wo mich Prinz Joschihisa an der Spitze der Generalität sowie der Truppenkommandanten empfing und in den Garten geleitete, der im blendenden Licht unzähliger Lampions feenhaft erglänzte.

Die Japaner sind wahrhafte Meister im Illuminationswesen, da sie mit den einfachsten Mitteln wunderbare Effekte zu erzielen wissen: hier wurden nur kleine, rote Lampions verwendet, welche den Konturen der Bäume, Sträucher und Felspartien folgten, so dass feurige Linien in scheinbar ganz natürlich verlaufenden Biegungen und Wendungen gebildet waren, die gleichwohl auf einer künstlerischen Verteilung und Gruppierung der Beleuchtungskörper beruhten. Diese spiegelten sich hundertfach in den kleinen Teichen und den Bächlein, welche den dunklen, mit einem feurigen Gewebe durchzogenen Garten ungemein belebten.

Das Festmahl fand in einer geräumigen, im ersten Stockwerk des Clubhauses gelegenen, offenen Halle statt, die mit weißen Matten belegt war; dem Eingange gegenüber prangten an der Wand herrlich gearbeitete Kakemonos, Hängebilder, unterhalb welcher sich die für den Prinzen und mich bestimmten Ehrensitze befanden, während die Plätze für die anderen Gäste in langer Reihe zu beiden Seiten angeordnet waren. Auf kleinen Lederpolstern, fast auf den Fersen hockend, nahmen wir Platz, worauf alsbald der Obersthofmarschall und der Adjutant des Prinzen sich vor diesem und mir niederwarfen, mit der Stirne den Boden berührten und die Frage stellten, ob das Mahl seinen Anfang nehmen dürfe. Diese Art, ein Diner anzusagen, war mir neu und machte unwillkürlich lächeln, weil die absonderliche Zeremonie durch die Beleibtheit des Obersthofmarschalls und die ihm ersichtlich verursachte, mit Gestöhne verbundene Anstrengung der drastischen Komik nicht entbehrte. Die Würdenträger erhoben sich, der Obersthofmarschall klatschte in die Hände, und alsbald erschienen in der Türöffnung paarweise liebliche Mädchen, die in kostbare Kimonos mit prächtig gestickten Obis gekleidet waren und Tabako-bons mit dem Hi-rei, einem Gefäß für glühende Kohlen, sowie mit dem Hai-fuki, dem Aschenbecher aus Bambusholz, vor sich hertrugen. Bis in die Mitte des Saales trippelnd, hockten die Mädchen nieder, berührten mit der Stirne den Boden und rutschten dann auf den Knien zu den einzelnen Gästen. um diesen das Tabako-bon anzubieten. Unsere Dienerinnen waren die jugendlichen Töchter der reichsten und angesehensten Familien Kumamotos und hatten ihre heutige Rolle übernommen, um uns ganz besondere Ehren zu bezeugen. Leider konnte ich mit den aufmerksamen und dienstbeflissenen Musumes nicht sprechen, so dass unser Verkehr auf die Zeichensprache beschränkt blieb. Jedenfalls erregte ich die lebhafte Heiterkeit der jungen Damen, da ich infolge der herrschenden drückenden Schwüle und der zahlreichen, stark gewürzten Fischgerichte, welche uns vorgesetzt wurden, genötigt war, dem eingekühlten Champagner, ein Glas nach dem andern begehrend und leerend, fleißig zuzusprechen. Hiebei wusste ich es dem liebenswürdigen Wirt sehr zu Danke, dass er mit europäischem Durste gerechnet und uns mit jenem labenden Nass reichlich bedacht hatte.

Nach dem Tabako-bon wurden uns von den Mädchen unter den gleichen Zeremonien wie früher geschlossene Holzkästchen überreicht, welche in ihrem Innern je eine große Gelatinetafel bargen, die von künstlichen, aus Zucker und Tragant gefertigten Blumen umrahmt war und Flaggen, in den österreichischen und japanischen Farben dargestellt, zeigte. Dies war eines der bei japanischen Diners üblichen Schaugerichte, welche nach beendetem Mahl vom Festgeber den Gästen in der Regel nach Hause gesendet werden.

Jetzt erst begann das eigentliche Diner, welches mit einer Schale Tee eingeleitet wurde. Die emsigen Musumes setzten uns Lacktischchen vor, welche eine Unzahl von Gerichten trugen, hauptsächlich Meerestiere, nämlich Fische, Krebse und Krabben, ferner Gemüse, Reis, Schwämme, Früchte u. dgl. m., in mannigfacher Zubereitung und auf kleinen Lack- und Porzellantellerchen appetitlich verteilt; selbstverständlich fehlten auf keinem Tischchen die Esstäbe aus Elfenbein und bunte Papierservietten.

Obgleich die japanische Küche viel Ähnlichkeit mit der chinesischen aufweist, fand ich hier, wie schon früher in Nagasaki, die Gerichte schmackhafter und jedenfalls so zubereitet, dass man die Provenienz und die Bestandteile der einzelnen Speisen zu erkennen vermochte, wogegen die chinesischen Kochkünstler hierüber ganz im Unklaren ließen. Während ein Teil der Musumes mit dem Herbeitragen der Tischchen beschäftigt war, schenkten andere der niedlichen Dienerinnen den Gästen aus kleinen Porzellanflaschen in Schälchen Sake ein, der uns, in kleinen Mengen genossen, ganz gut mundete.

Die Piece de resistance des Diners bildeten Gerichte, und zwar Fische, Braten, Obst und Gemüse, welche in kunstvollster, phantasiereichster Art auf drei Tischchen arrangiert waren, die von je zwei Mädchen vor den Prinzen und vor mich hingestellt wurden. Da gab es, aus Kartoffel- und Bohnenpuree angefertigt, Felsen und Grotten, zwischen denen Fische ihre Köpfe hervorstreckten, ferner Kraniche und Störche aus roten und weißen Rüben und Zwiebeln gebildet und mit Lichtern aus Rosinen versehen; unter diesem Getiere dräute ein aus Pflaumen geformter Drache, neben welchem eine Schildkröte einer Melone entkroch; lebende Zwergbäumchen, die in diesen Kunstwerken zu wurzeln schienen, bogen sich unter der Last der daran befestigten Früchte.

Die üppigsten Blüten hatte die Phantasie der Köche bei der Zubereitung des Backwerkes gezeitigt, da dieses in der Gestalt der fabelhaftesten Tiere und der merkwürdigsten Wunderblumen erschien. Nachdem wir diese Orgie kulinarischer Formen — an sich eine Spielerei, aber interessant, weil äußerst schwierige und mühsame Arbeit verratend und für die Freude der Japaner an figuraler Gestaltung charakteristisch — genügend bewundert hatten, ließen sich einige der Mädchen bei den Tischchen auf die Knie nieder und begannen die Herrlichkeiten zu zerlegen sowie auf Tellerchen zu verteilen, welche uns die anderen Mädchen zutrugen, so dass jeder von uns seinen Anteil am Drachen, am Kranich, an der Schildkröte u. s. w. erhielt. Soweit das Tischchen jedes Gastes zur Aufnahme all der Teller und der Schüsseln keinen Raum mehr bot, wurden die Gerichte neben den Gast auf die Matte gestellt.

Dank der Vorübung, welche wir in Kanton und in Nagasaki durchgemacht, waren wir mit der Handhabung der Esstäbchen schon ziemlich vertraut, obwohl sich noch manche heitere Intermezzi ereigneten, welche die Lachlust anregten und Stoff zur Konversation gaben. Diese gestaltete sich dem Umstand zufolge, dass wir uns mit dem Gastgeber und einem Teil seiner Landsleute sogar in deutscher Sprache verständigen konnten, äußerst lebhaft.

Gegen Schluss des Mahles ertönte in einem anstoßenden Saal Gesang und Musik, unter deren Klängen jugendliche Mädchen, dem Kindesalter kaum entwachsen, einen Tanz der vier Jahreszeiten und der Blumen aufführten und hiebei in elegantem Faltenwurf ihrer Kimonos und in graziösem Fächerspiel Erstaunliches leisteten, so dass wir der Geschicklichkeit des Lehrers der kleinen Künstlerinnen alles Lob spendeten.

Erst spät abends kehrten wir in unsere freundliche Behausung zurück, auf deren Veranda wir, als Japaner in Kimonos gehüllt, die erfrischende Kühle genossen und uns an den Effekten einer Gartenbeleuchtung sowie eines Feuerwerkes erfreuten, das durch ein Meer von Licht und Flammen feenhaft wirkte. Man sollte glauben, dass die Pyrotechnik sich erschöpft habe und nur mehr schon Dagewesenes wiederholen könne; in Japan aber hat man Gelegenheit, sich angesichts der Überraschungen, welche die Feuerwerker hervorzaubern, vom Gegenteil zu überzeugen.

Links

  • Ort:  Kumamoto, Japan
  • ANNO – am 04.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Aida“ aufführt.

Nagasaki, 3. Aug. 1893

Dichter, bis zum Meeresspiegel niedergehender Nebel verwehrte jeden Ausblick und obendrein strömte unaufhörlicher Regen herab. Jupiter Pluvius, der mich während der Reise schon einige Mal verfolgt hatte, schien auch hier nicht aus der Rolle fallen zu wollen. Dass aber der launische Wettergott gerade heute des Himmels Schleusen öffnete, nahm ich ihm um so mehr übel, als innerhalb der letzten sechs Wochen kein Tropfen über der Landschaft gefallen war, so dass die Einwohner bereits Bittgänge veranstaltet hatten, um bei den Göttern Hilfe durch reichlichen Regen für die aufs höchste gefährdete Reisernte zu erflehen. Konnte die Erfüllung dieser Bitte nicht schon früher gewährt werden, so wäre mir ein kleiner Aufschub erwünscht gewesen.

Immerhin hätte mich die Unbill des Wetters nicht gehindert, Nagasaki vormittags zu besuchen, wenn nicht ein Platzregen von Audienzen und Aufwartungen zu bestehen gewesen wäre.
Kaum war mit dem Flaggenschuss die Standarte gehisst worden, so widerhallte der Hafen von dem Donner der Geschütze der hier ankernden Kriegsschiffe, deren jedes mit 21 Schüssen den Salut leistete, ein Ehrengruß, der auf mich immer eine ungemein erhebende Wirkung hervorbringt, da er ja unserer Standarte gilt.

Unmittelbar nach dieser Begrüßung wurde unser Fallreep durch eine Flotille von Barkassen und Booten belagert, welchen in schier endloser Reihe Dignitäre entstiegen: Admirale und Schiffskommandanten; der Gouverneur des Kens (Departements) Nagasaki, Takeaki Nakano; der Bischof und apostolische Vikar J. A. Cousin; der Bürgermeister von Nagasaki; die Mitglieder des Konsularkorps und die mir zugeteilte japanische Suite. Diese besteht aus dem Vize-Großmeister des kaiserlichen Zeremonienamtes (Schikibu Schiki), Yoschitane Sannomija, welchem in der Regel die Leitung von Reisen, wie jener, die ich unternehme, zufällt; ferner aus dem Küchenmeister (Meister der kaiserlichen Küche, Daisen Schiki) K. Jamanoutschi; endlich aus dem Linienschiffskapitän Kurvaka und dem Geheimsekretär des Kriegsministers, Major
M. Muraki. Die erschienenen Herren waren teils der deutschen, teils der französischen Sprache mächtig; drei derselben hatten Europa bereist und insbesondere auch Wien besucht, um den Haushalt und das Zeremoniell unseres Hofes zu studieren.

Nachdem das Gewimmel der Dignitäre im Laufe des Nachmittages ein Ende genommen, fuhr ich ans Land, Nagasaki zu besuchen. Zum ersten Mal betrat ich japanischen Boden und fand mich, obschon die Stadt nicht mehr rein japanischen Charakter trägt, sondern mannigfache Wirkungen europäischen Einflusses zeigt, alsbald von all jenen zur Wirklichkeit gewordenen zierlichen, bunten, lebhaften Szenen umgeben, welche den Inhalt unserer Vorstellung vom japanischen Leben ausmachen, die wir aus Büchern schöpfen und durch Darstellungen auf künstlerischen sowie industriellen Erzeugnissen bereichern.

Die engen und, weil die kleinen Häuser selten mehr denn ein Stockwerk tragen, doch luftigen, lichten Straßen entlang schlendernd, trieben wir „fensterlnd“ praktische Ethnographie. Die aus Holz und Papier erbauten Behausungen gestatten Einblick nicht nur in die Wohnräume der Japaner, sondern auch in deren daselbst sich abspielendes Leben; denn der Abschluss der Häuser gegen die Straße wird meist nur durch verschiebbare Wände gebildet, die tagsüber oft entfernt sind, so dass das ganze Innere sich den Blicken der Vorbeieilenden darbietet. Auch die Abteilung der Innenräume ist mittels hölzerner, mit Papier überspannter, häufig kunstvoll bemalter Wände gebildet, welche nach Bedarf ausgehoben und verschoben werden können.

Ein japanisches Häuschen hat daher die Fähigkeit, sich den räumlichen Bedürfnissen seiner Bewohner in einer Weise anzupassen, welche uns, die wir an die starren, unverrückbaren Mauern unserer Bauwerke gewöhnt sind, in höchstes Erstaunen setzt und in dem japanischen Wohnhaus kein „unbewegliches Gut“ in heimatlichem Sinn erblicken lässt. Was wir an Hausrat ersehen, bewegt sich in den bescheidensten Grenzen; mit Ausnahme einiger Geräte für den allernotwendigsten Gebrauch, wird jener hauptsächlich durch schöne, hellgelbe Strohmatten gebildet, welche den Fußboden aller Wohnräume bedecken. Um so mannigfaltiger sind all die gewerblichen Arbeiten, die sich in den Werkstätten und Verkaufsläden vollziehen und als Belege der Emsigkeit, des Kunstsinnes der Japaner wohltuende Wirkung hervorbringen.

In den Straßen immer weiterschreitend, waren wir Zeugen häuslicher Verrichtungen, wie sie das Alltagsleben des japanischen Volkes mit sich bringt, aber auch manche anmutige Familienszene spielte sich vor uns ab, und nicht wenige Söhne und Töchter Nippons konnten wir bei allerlei Phasen des intimen Lebens beobachten. Während nach unseren heimatlichen Sitten und Gebräuchen zwischen der Häuslichkeit und der Öffentlichkeit eine scharfe Grenze dort gezogen ist, wo die Türe geräuschvoll in das Schloss fällt, besteht hier eine ähnliche Scheidung nicht; denn das Leben im Haus, welches so offen vor uns daliegt, geht unmerklich in jenes auf der Straße über und umgekehrt scheint letzteres unbehindert in die Behausungen zu fluten.

Wo immer wir auch hinblickten, begegnete uns Reinlichkeit und Nettigkeit in wohltuendem Gegensatz zu der für das Chinesentum charakteristischen Unsauberkeit.

Die abendländische Kultur, welche sich in Nippon in überraschend kurzer Zeit Bahn gebrochen, kommt auch schon in der Kleidung zum Ausdruck, nicht eben zum Vorteil der Japaner, deren Gestalten und Formen für die europäische Tracht kaum geeignet sind. Die höheren Schichten der japanischen Gesellschaft bedienen sich fast ausschließlich europäischer Kleidung, welche für die Hofkreise und die Beamten geradezu vorgeschrieben ist, während die Masse des Volkes an der altgewohnten, durch Generationen ererbten Art, sich zu kleiden, noch festhält, obschon auch in den unteren Klassen bald dieses, bald jenes Zugeständnis an die neue Mode gemacht und so in die Landessitte eine Bresche um die andere gelegt wird. Als ausgesprochener Freund jeglicher Nationaltracht beklage ich die Verdrängung des so kleidsamen japanischen Kostüms durch unsere nivellierende, charakterlose Kleidung. So mancher Japaner, der sich in landesüblicher Gewandung recht gut präsentieren würde, wirkt befremdlich, um nicht zu sagen erheiternd, wenn er, mit langem Gehrock angetan und mit hohem Zylinder geschmückt, gravitätisch einherschreitet oder sich unaufhörlich verneigt.

Männlein und Weiblein eilen an uns vorbei, und zwar, soweit sie der Landessitte treu geblieben sind, immer fächelnd, auf Sandalen und Holzstöckelschuhen (Getas) einhertrippelnd und klappernd. Die Männer schienen mir, von einzelnen sympathischen und beinahe wohlgestalteten Erscheinungen abgesehen, im Durchschnitt unschön zu sein; in den Gesichtszügen finden sich die Merkmale der mongolischen Rasse scharf ausgeprägt, die Körperhöhe ist eine geringe, und die Beine sind auffallend häufig säbelförmig verkrümmt.
In Vergleichung mit den Männern ist der weibliche Teil der Bevölkerung fast hübsch oder, genauer gesprochen, äußerst zierlich zu nennen; alle Japanerinnen, welche wir zu sehen bekamen, zeigten den gleichen Typus und machten, während sie lächelnd und scherzend die Straßen entlang trippelten, den Eindruck lebendig gewordener, allerliebster Porzellanfigürchen.

Ab und zu begegneten wir einem Mädchen mit auffallend regelmäßiger, schöner Physiognomie, welche, selbst mit den Gesichtszügen europäischer Beautés verglichen, volle Anerkennung gefunden hätte; doch war mir schon bei der Wanderung durch Nagasaki die Möglichkeit geboten, mein Urteil dahin zu bilden, dass in so mancher Reisebeschreibung, die ich gelesen, in so mancher Mitteilung, welche ich erhalten, Japans Weiblichkeit über die Gebühr gepriesen wird, wenn die Mädchen dieses Himmelsstriches als die schönsten Töchter Evas geschildert werden.

Solches Lob dürfte doch nur auf Rechnung ganz individueller Geschmacksrichtung und besonderer Motive zu setzen sein. Die anmutige Wirkung der stets Heiterkeit atmenden Mädchengestalten liegt in der harmonischen Nettigkeit und Zierlichkeit der Erscheinungen, die aber dem europäischen Schönheitssinn doch zu puppenhaft dünken, um darauf Anspruch erheben zu können, einen idealen weiblichen Typus darzustellen. Leider verwelkt die Jugendfrische der Japanerin sehr rasch, so dass nur selten eine hübsche Frau zu sehen ist, wozu wohl auch die uns unbegreifliche Sitte beiträgt, dass Frauen ihre Zähne schwarz färben und die Augenbrauen abrasieren — entstellende Gebräuche, welche in den höheren Schichten der Gesellschaft allerdings kaum mehr vorkommen sollen, aber in den unteren Klassen noch immer üblich sind.

Obschon Japans Frauen durch die Volksanschauung zum Teil auch heute gezwungen sind, ihr Äußeres dem Ehegatten zum Opfer zu bringen, gehen die Damen hierin doch nicht weiter, als unbedingt notwendig erscheint; denn jede Japanerin, ob Frau ob Mädchen, wendet ihrer Kleidung und Haartracht besondere Sorgfalt zu. Wir hatten Gelegenheit, hierin Erfahrungen zu sammeln, da wir Zeugen waren, wie so manche Schöne Toilette machte; und nicht etwa nur in verstohlener Weise durften wir dies Schauspiel genießen, sondern frank und frei, von der Straße aus in das Boudoir blickend, machten wir Bekanntschaft mit den intimsten Geheimnissen der Künste, durch welche die Japanerin zu bestricken weiß. Unsere Neugierde ward uns übrigens gar nicht übel genommen, und keine der zierlichen Papierwände wurde vorgeschoben, um Schutz vor den Blicken Unberufener zu gewähren, ja ganz im Gegenteil, die belauschten Damen winkten uns freundlich zu oder brachen gar in helles Lachen aus, wenn sie unseres Erstaunens über die ungeahnte Freiheit der Sitten gewahr wurden.

Den kompliziertesten Bestandteil der Toilette bildet die Frisur, welche die größte Aufmerksamkeit erheischt und nur jeden dritten oder vierten Tag neuerdings hergestellt wird, weil die Konstruktion eines solchen Wunderwerkes, ganz ebenso wie bei den Frauen Chinas, enorme Mühe und einen Zeitaufwand von etwa zwei Stunden erfordert. Ich hatte begreiflicherweise nicht die Geduld, dem Werden eines kunstvollen Aufbaues vom Beginn bis zum Ende anzuwohnen, sondern begnügte mich mit der Erkenntnis, dass dem kühn aufstrebenden und nach rückwärts in koketten Linien ausladenden Arrangement eine Unzahl von Unterlagen aus Papiermache inneren Halt gewährt, sowie reichlich angewandte Pomaden und Öle äußere Glätte und Glanz verleihen.

Nadeln, Kämme, Blumen, Federn, Bänder und allerlei Flitter werden im Haar angebracht und tragen zur Gesamtwirkung wesentlich bei. Angeblich existieren an 60 verschiedene Arten von Frisuren, welche für den Wissenden sogar besondere Bedeutung haben, indem sie über Stand und Absichten der Trägerin Aufschluss geben, so dass Japans Frau, während in unseren Landen die Schönen nur durch Blumen und Fächer zu reden verstehen, auch eine „Haarsprache“ kennt. So soll eine Witwe, die nicht abgeneigt wäre, in einem neuen Bund ihr Glück zu suchen, das Haar in einer ganz bestimmten Form tragen, während eine Witwe, welche Hymen abgeschworen, dies durch eine einfache, offenbar Resignation ausdrückende Haartracht anzudeuten vermag. Dieser Verwendung der Frisur lässt sich praktische Bedeutung nicht absprechen, wie wenigstens diejenigen, welche auf Freiersfüßen wandeln, einräumen werden; denn es bedarf nur eines Blickes nach dem Haupt der Ersehnten, um das höher klopfende Herz darüber zu belehren, ob Erhörung zu hoffen ist oder nicht.

Von geradezu reizendem Effekt ist die nationale Tracht der Japanerinnen. Dieselbe besteht aus dem Kimono, einem bis auf die Knöchel herabreichenden, vorne etwas offenen Gewande mit weiten, bauschigen Ärmeln, welcher durch eine breite Schärpe, den Obi, die rückwärts zu einer großen Schleife geschlungen ist, zusammengehalten wird. Der Kimono schmiegt sich der Gestalt weich und zwanglos an, verleiht derselben etwas ungemein Graziöses und lässt sie in vorteilhaftester Weise zur Geltung kommen; allerdings aber glaube ich, dass eben nur die zierlichen, diskret modellierten Formen der japanischen Weiblichkeit sich für den Kimono eignen. Dieser ist übrigens auch das Kleidungsstück der Japaner, soweit letztere sich nicht schon europäischer Tracht bedienen, und wird nur kürzer sowie einfacher als jener der Frauen getragen. Der Obi der Männer stellt sich als wiederholt um die Lenden geschlungener Zeugstreifen dar, durch welchen die Samurais — die Vasallen des Schöguns, der als faktischer Herr des Landes die kaiserlichen Regierungsrechte ausübte, sowie der Daimios, der großen Feudalherren — früher zwei Schwerter steckten, während der Gürtel seit dem im Jahre 1876 ergangenen Verbote des Waffentragens nur mehr die friedlichere Bestimmung hat, neben dem Kleidungsstück selbst auch Fächer und Rauchrequisiten festzuhalten.

Anfänglich macht es auf den Europäer einen befremdenden Eindruck, die Kinder ebenso gekleidet zu sehen, wie die Erwachsenen, doch ist man an diesen Anblick bald gewöhnt und ergötzt sich an den putzigen, kleinen Menschen, die in ihren Gewändern mehr zu sein scheinen, als sie in der Tat sind. Da unter Japans Himmel die körperliche und geistige Entwicklung der Jugend sich offenbar sehr rasch vollzieht, sahen wir nicht wenige Kinder, die, ihres zarten Alters ungeachtet, überaus altkluge Mienen machten und sich so gesetzt benahmen, dass sie oft genug unsere lebhafteste Heiterkeit erregten.

Nagasaki, dessen Straßen wir mit wachsender, weil immer von neuem angeregter Schaulust durchzogen, ist vom höchsten historischen Interesse für den Europäer und für den Christen insbesondere. Noch immer eine der bedeutendsten Handelsstädte Japans, blühte Nagasaki aus einem ärmlichen Fischerdorf empor, nachdem um die Mitte des 16. Jahrhunderts der Daimio von Omura den Portugiesen gestattet hatte, sich daselbst anzusiedeln. Auf Kiuschiu schlug das Christentum seine tiefsten Wurzeln unter der eingeborenen Bevölkerung; hier hatte der Apostel Japans, ein Jünger Ignazens von Loyola, der heilige Franz Xaver, im Jahre 1549 in Kagoschima den Boden Nippons betreten. Innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit breitete sich das Christentum, begünstigt durch mannigfache Umstände, in überraschendem Maß aus; doch war vielleicht gerade dieser große Erfolg der nächste Anlass zu einer Reaktion, welche sich in immer blutigeren Verfolgungen äußerte, die auf Grund einer vom Schogun Ijejasu im Jahre 1614 erlassenen Proklamation im ganzen Land bald allgemein wurden. Durch diese Christenverfolgungen dürften jene im römischen Reich in den Schatten gestellt sein; denn Tausende und Tausende haben in bewundernswürdiger Standhaftigkeit ihre Glaubenstreue mit dem qualvollsten Tod besiegelt, und ruhmvolle Blutzeugen sind der Kirche in jenen fernen Weltteilen erstanden. Während jedoch die neubegründete Religion im römischen Reich aus den Blutbädern immer gekräftigter hervorgegangen ist, gelang es in Japan, die Lehre des Heiles durch das grausame Vorgehen wider ihre Bekenner auszurotten.

Im Jahre 1636 griffen endlich, durch die zwei Jahrzehnte dauernden Greuel zur Empörung getrieben, 30.000 bis 40.000 Christen des Fürstentumes Arima und anderer Gebiete der Insel Kiuschiu zu den Waffen, setzten sich in dem alten Schloss von Arima auf Schimbara sowie auf benachbarten Inseln in Verteidigungszustand und leisteten unter Nirada Schiro im Jahre 1637 dem zu ihrer Bekämpfung entsandten Itakura Schigemasa durch drei Monate heroischen Widerstand. Endlich aber ward die Feste bezwungen, und ihre tapferen Verteidiger wurden niedergemacht. Ströme Blutes flossen, Tausende gefangener Katholiken wurden nach der über 60 m aus dem Meere steil aufragenden, dem westlichen Hafeneingange Nagasakis vorgelagerten Insel Taka-boko geschleppt und von deren schwindelnder Höhe in den Ozean gestürzt. Die Holländer nannten diese Insel zum Gedächtnisse der schauerlichen Szenen, deren Schauplatz das Eiland gewesen, „Papenberg“, haben sich aber hiedurch, wenn die geschichtliche Überlieferung auf Wahrheit beruht, selbst kein ehrendes Denkmal gesetzt; denn durch den Hass gegen den Katholizismus und durch Handelsneid verblendet, sollen die Holländer den Schogun in seinem Kampf gegen die aufständischen Katholiken mit Waffengewalt unterstützt haben.

Dem Blutbad von Schimbara folgten die Vertreibung der Portugiesen, die nahezu gänzliche Unterdrückung des Christentums, das sich nur stellenweise und namentlich unweit Nagasakis in der großen Gemeinde Urakami bis in unsere Tage erhalten hat, und der Beginn jener Ära vollständigster Abschließung, durch welche Japan sich bis in die Neuzeit herein völlig isoliert hat. Die Chinesen und die Holländer unterhielten nahezu ausschließlich den Verkehr mit dem Westen und auch diesen nur in bescheidenem Umfange. Letztere mussten 1641 ihre Faktorei zu Hirado auflassen und sich auf Deschima (Vorinsel) ansiedeln, einer künstlichen Bodenantragung, die mit Mauer und Graben umgeben und mit Nagasaki durch eine steinerne Brücke verbunden war, deren Tor von einer japanischen Wache besetzt gehalten wurde. Derart in strengem Gewahrsam, um nicht zu sagen, in Gefangenschaft gehalten, vermittelten hier jeweils etwa 20 Holländer den Handel zwischen Japan und dem Mutterland, aus dem anfänglich jährlich nur ein Schiff, später aber deren acht zugelassen wurden.

Die Vorteile, welche aus diesem Handel geflossen sind, müssen in der Tat sehr bedeutende gewesen sein, um auch für all die wahrlich nicht geringen Demütigungen entsprechend zu entschädigen, denen die Holländer durch mehr als zwei Jahrhunderte unterworfen waren. So musste der Resident von Deschima alljährlich eine mit großen Kosten verbundene, unter strengster Bewachung erfolgende und nach genau geregeltem Zeremoniell sich vollziehende Reise nach Jedo (Yedo, Tokio) unternehmen, um dem Schogun Geschenke zu überbringen und Ehrerbietung dadurch zu bezeugen, dass er in einer feierlichen Audienz gegen den durch einen Vorhang verborgenen Schogun auf allen Vieren zukroch, das Haupt zu Boden senkte und wie ein Krebs wieder zurückschlich.

Bei einer darauf folgenden, minder feierlichen Vorstellung war es Aufgabe der holländischen Begleiter des Residenten, den Frauen und den übrigen Mitgliedern des Hofstaates zur Kurzweil zu dienen, indem jene auf Befehl des Schoguns singen, tanzen, Betrunkene vorstellen und derartiger Allotria mehr treiben mussten. Was doch der Homo sapiens um schnöden Mammons willen zu tun fähig ist! Das alte Deschima, der ewig denkwürdige Schauplatz blühenden Handelsgeistes und tiefer Erniedrigung, ist einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen und hat einer neuen Ansiedlung Platz gemacht — als hätte die in unserer Zeit erfolgte gewaltige Umwälzung der Verhältnisse sich auch auf die Vergangenheit erstrecken und durch Umgestaltung jener Stätte den Europäern die unrühmliche Mahnung an das alte Japan ersparen wollen!

Bei der Wanderung durch Nagasaki hielten wir oft genug inne, um unsere Blicke, soweit es das etwas günstiger gewordene Wetter gestattete, an der Szenerie zu weiden, welche der Hafen in seiner Umrahmung bietet und die uns schon bei der Einfahrt entzückt hatte. Die Bucht von Nagasaki wird, wie schon bemerkt, im Westen durch Taka-boko abgeschlossen, während die übrigen Seiten von Hügeln und bis zu 400 m sich erhebenden Bergen mit sanft ansteigenden Geländen umsäumt sind, so dass der Hafen ganz den Charakter eines lauschig verborgenen Gebirgssees an sich trägt. Diese Höhen weisen in ihren unteren Teilen Kulturen aller Arten und bald da, bald dort kleine Haine, Dörfer, Tempel und Häuschen auf; die höheren Partien sind zum Teil überaus malerisch mit Kiefern, Cryptomerien und Kampherbäumen bekleidet. Alle Töne der Farbenskala leuchten uns von den Gipfeln der Berge bis herab zu den bebauten, blumengeschmückten Gefilden und zu der bläulich schimmernden See entgegen, auf deren glattem Spiegel mächtige Kriegsschiffe und große Fahrzeuge friedlicher Bestimmung vor Anker liegen, zahlreiche Fischerboote dahinziehen und sich allerlei Barken tummeln.

Obwohl Nagasaki, welches 58.000 Einwohner zählt, kein produktives Hinterland wie die Städte Jokohama und Kobe hat, ist es dank seinem Hafen, in den Schiffe jeder Größe einlaufen können, noch immer eine bedeutende Handelsstadt, welche Schildpattarbeiten, Lack- und Tonwaren, ferner Steinkohle, Reis, Tee u. dgl. zur Ausfuhr bringt.

Dass vorzugsweise auf Ankäufe durch Fremde gerechnet wird, beweisen die zahllosen, die Straßen füllenden Läden, welche japanische Erzeugnisse aller Arten, namentlich solche, die wir als Kuriositäten zu betrachten gewohnt sind, bergen. Jene Läden, welche durch englische Aufschriften gekennzeichnet, also am fortschrittlichsten geartet sind, scheinen mir die geschmackvollsten und solidesten Artikel zu bieten; doch sind auch die exorbitanten Preise darnach, welche der Ladenbesitzer schmunzelnd ausspricht, um dann durch Ermäßigung im richtigen Augenblicke den kauflüstern gewordenen Fremdling zu weiteren Erwerbungen anzuspornen. Die Landschaft Kiuschiu, die gleichnamige Insel und deren Gebiet umfassend, ist der Sitz einer seit altersher berühmten Porzellan- und keramischen Industrie; daher sahen wir auch allenthalben Arita- oder Hisen-Porzellan, ferner Amakusa-Porzellan aus dem auf der Inselgruppe von Amakusa vorkommenden Porzellanstein und Satsuma-Steingut mit seiner farbenbunten und prächtigen Bemalung auf gelblichem Grunde, das zwar in Europa hochgeschätzt ist, meinem Geschmack aber nicht besonders entspricht.

Eine stattliche Reihe von Kaufläden hatten wir bereits abgelaufen und lenkten unsere Schritte nun einem der zahlreichen Teehäuser zu, welche hier die Stelle der Restaurants vertreten. Die Teehäuser sind überaus zierlich, beinahe filigranartig gebaut und enthalten eine Reihe von Räumen, welche jedoch infolge Verstellbarkeit der Wände nach Bedarf vergrößert oder verkleinert werden können, und offene Veranden. Hier finden sich die Gäste ein, nicht nur um die üblichen Erfrischungen, wie Tee, Sake, das ist Reiswein, der ähnlich wie Sherry schmeckt, u. dgl. m. zu schlürfen, sondern auch um vollständige Diners einzunehmen. Da hierzulande die Gepflogenheit herrscht, derartige Symposien durch die Produktionen von Sängerinnen und Tänzerinnen zu beleben, hatten auch wir Auftrag gegeben, solche Künstlerinnen, Geischas, welche nie im Teehaus, sondern außerhalb desselben wohnen und hieher berufen werden, kommen zu lassen.

Wir hatten uns in einer offenen Veranda auf weichen Matten kaum niedergelassen, als schon die Wirtin mit einer Schar von Kellnerinnen, — man pflegt sie mit dem Worte „Nesan“ zu rufen — Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren, erschien, um uns das Diner in einer Unzahl von Lackschächtelchen, Näpfchen, Tässchen und Tellerchen zu servieren. Obwohl die Küche begreiflicherweise nicht ganz nach unserem Geschmack war, fand ich die Gerichte doch viel appetitlicher als jene der chinesischen Kochkunst; Fische und Reis bildeten die Hauptbestandteile des Menüs, zu welchem wir anfänglich Reiswein tranken, bis ich das Vorhandensein von Bier entdeckte, worauf wir uns mit edlem Gerstensaft labten.

Während des Diners traten zuerst die Sängerinnen auf; es waren dies junge Mädchen, durchwegs gleich gekleidet und frisiert sowie stark geschminkt, welche sich unter zahllosen Verbeugungen uns zur Seite niederließen und zu den Klängen mandolinartiger Instrumente, Gekin und Biwa, die mit Klöppeln geschlagen wurden, einen Gesang anstimmten; dieser bewegte sich nur innerhalb weniger Töne und brachte eine ungemein monotone Wirkung hervor. Der Versuch, die Damen durch Genuss von Sake zu einem heiteren Lied oder wenigstens zu einem rascheren Tempo in ihrem Vortrag zu bewegen, schlug gänzlich fehl.

Äußerst zierlich und ansprechend war die Produktion der Tänzerinnen, welche choreographische Bewegungen in einer Weise zum besten gaben, dass wir die Gewandtheit und Beweglichkeit, hauptsächlich aber das erfolgreiche Streben, jede Figur in formvollendetster Weise zur Ausführung zu bringen, nicht genug bewundern konnten. Obschon die Künstlerinnen aus der Schule von Tanzmeistern hervorgehen, ist es doch unverkennbar die natürliche, im Wesen des japanischen Volkes liegende Grazie, welche die Tänzerinnen auszeichnet; denn die Art, wie sie vor- und rückwärtsschreiten, sich drehen und wenden, sich senken und heben, den Fächer halten und bewegen, ihre Gewandung in Falten schlagen und mit dem langen Ärmel spielen — dies alles atmet die vollkommenste Anmut. Stunde auf Stunde vermögen die Japaner, ruhig auf den Matten hockend und Tee schlürfend, dieses Schauspiel zu genießen; ich hätte bei aller Anerkennung, die ich den Künstlerinnen zolle, nicht die Geduld, mich ebenso lange an derartigen Produktionen zu weiden, die zwar sehr interessant sind, aber namentlich für einen Fremden und mit der Sache nicht völlig Vertrauten auf die Dauer eintönig werden. Die Tänze sollen bestimmte Handlungen veranschaulichen, die uns natürlich ganz unverständlich blieben.

Am Schluss der Vorstellung wurde noch eine Koryphäe vorgeführt, ein Mädchen im Alter von 13 Jahren, die Prima Ballerina des Viertels und der Stolz ihres Tanzmeisters; diese Künstlerin produzierte eine Reihe von schwierigen Tänzen und Evolutionen unter Zuhilfenahme von Masken, Blumen u. dgl. m. in wirklich vortrefflicher Art. Ein in unserer Gesellschaft befindlicher Japaner war ganz entzückt und lächelte glückselig angesichts so vollendeter Kunstleistung; ich aber konnte mich in einer übrigens den Verhältnissen Japans vielleicht nicht genügend Rechnung tragenden, heimatlichen Anwandlung des Widerstrebens nicht entschlagen, das ich gegen jede wie immer geartete Schaustellung von Kindern empfinde.

Von der Veranda des Teehauses genossen wir einen lohnenden Blick auf Nagasakis Umgebung sowie auf die Stadt selbst. Farbenbunten Bändern gleich ziehen sich in dieser die kleinen Hausgärten, zum Teile wahre Miniaturanlagen, hin, welche innerhalb sehr enge gesteckter Grenzen allerlei Zierrat, ferner blühende Blumen in großer Zahl und barock verschnittene Bäumchen bergen.

In den engen Straßen der Stadt rollen flüchtige Dschinrickschas auf und nieder. Ich vertraute mich, nachdem wir die verschiedenartigen kulinarischen und künstlerischen Genüsse, welche uns das Teehaus geboten, zur Genüge durchgekostet hatten, einem jener Vehikel an und unternahm so noch eine Spazierfahrt durch die Stadt, um dann am vorgerückten Abend an Bord zurückzukehren, wo es galt, noch die Vorbereitungen für die Ausschiffung und die Reise durch das Land zu treffen.

Während ich in der Stadt weilte, hatte mir der Gouverneur eine Anzahl von Photographien, welche teils Partien Nagasakis und seiner Umgebung, teils allerlei Szenen und Typen darstellten, sowie ein Paar allerliebster Zwerghühner an Bord gesandt — eine Aufmerksamkeit, für die ich dem liebenswürdigen Spender Dank weiß.

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  • Ort:  Nagasaki, Japan
  • ANNO – am 03.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Das goldene Kreuz“ aufführt.
The Wiener Salonblatt No. 32 notes the safe arrival of Franz Ferdinand in Nagasaki.

Das Wiener Salonblatt No. 32 vermeldet die wohlbehaltene Ankunft Franz Ferdinands in Nagasaki.

 

Nagasaki, 2. Aug. 1893

Des Morgens stellten sich heftige Regenböen aus dem Südwesten und dem Südsüdosten ein. Infolge starken Seeganges rollte die „Elisabeth“ zeitweise bis zu 18°. Vormittags wurde für kurze Zeit die Insel Udsi gesichtet; gegen Mittag erblickten wir die Gruppe der Koschiki-Inseln. Dann ergossen sich schwere Regen über uns, die jeden Ausblick verhinderten, und erst nach 4 Uhr nachmittags hellte es sich etwas auf, so dass das Cap Nomo in Sicht kam und wir nun den Kurs auf den Hafen von Nagasaki nehmen konnten.

Nagasaki liegt auf Kiuschiu (Neunland), der südlichsten der großen japanischen Inseln. Das Kaiserreich Japan, auch Nippon oder Nihon genannt, mit 382.412 km2 und 40,718.677 Seelen, umfasst bekanntlich eine Anzahl von Inseln, worunter vier von beträchtlicher Größe sind, nämlich Kiuschiu, Schikoku, Nippon oder Hondo, das Hauptland, welche das eigentliche Japan bilden, und endlich das nördlich hievon gelegene Jeso. Der Rest der Oberfläche Japans verteilt sich auf eine Anzahl kleinerer Inseln.

Eine hohe Rauchsäule verriet uns die am Eingang der langgestreckten Bucht von Nagasaki gelegene kleine Insel Taka, auf welcher die herzlich schlechte Fettkohle gewonnen wird, mit der sich die in Nagasaki einlaufenden Dampfer in der Regel versorgen.

Die Insel Kiuschiu oder, richtiger gesagt, deren westliche, vielfach zerrissene Halbinsel Hisen lässt von grünender Vegetation völlig bedecktes Bergland erscheinen; die Küste und insbesondere die ihr vorgelagerten Eilande weisen an vielen Stellen groteske Formen auf. Im allgemeinen erinnert die Einfahrt in den bei aller Großartigkeit anmutigen Hafen von Nagasaki an einen norwegischen Fjord; denn in vielfachen Krümmungen führt eine etwa drei Seemeilen lange Wasserstraße zwischen Inseln und Landzungen hindurch, bis sich endlich der Hafen öffnet und im Hintergrunde der Bucht die in einem Talkessel und an Berghängen gelegene Stadt Nagasaki — das „lange Vorgebirge“ — sichtbar wird. Scharf sondert sich das helle europäische Villenviertel, aus welchem die Signalmaste der Konsulate emporragen, von dem japanischen Teil der Stadt, dessen einförmig graues Häusermeer sich an dem nordöstlichen Strand dahinzieht. Am Eingang des Innenhafens sind die seetechnischen Etablissements, Docks u. s. w. der japanischen Marinestation angelegt.

Auf hoher See schon hatte uns der japanische Torpedokreuzer „Jajejama“ erwartet und war, nachdem er sich durch Signale zum Wegweiser erboten, als Lotsenschiff vor der „Elisabeth“ hergelaufen. Vom Deck des „Jajejama“ ließ dessen Musikkapelle Klänge zu uns herüberschallen, welche offenbar unsere Volkshymne wiedergeben sollten, — eine Aufmerksamkeit, die wir bemüssigt waren, durch Abspielen der japanischen Hymne zu erwidern.

Ich lief ohne Standarte in den Hafen von Nagasaki ein, was die Japaner abhielt, auf ihren zahlreichen, vor Anker liegenden Kriegsschiffen den Geschütz- und Raaensalut zu leisten, wozu bereits alle Vorbereitungen getroffen waren. Ein Torpedoboot umkreiste uns im Hafen mit Blitzesschnelle und wies uns den Ankerplatz, der durch eine im Wasser schwimmende, unsere Farben tragende Flagge bezeichnet war. Am Eingang des Hafens lag ein größerer englischer Kreuzer, „Leander“, den eine Maschinenhavarie genötigt hatte, hier einzulaufen; außerdem befand sich eine Eskadre japanischer Kriegsschiffe im Hafen, und zwar: das Flaggenschiff „Itsukuschima“, ferner die Schiffe „Matsuschima“, „Takawo“, „Takatschiho“, „Kaimon“ und „Katsuragi“, zu denen sich nun auch unser Wegweiser „Jajejama“ gesellte. Alle diese Kriegsfahrzeuge stellten sich als imposante, schöne Schiffe dar, die nach den modernsten Modellen gebaut, sowie mit allen Neuheiten maritimer Technik und Armierung versehen sind; denn Japan hat für seine Flotte eben nicht geringe Opfer gebracht und ist nicht wenig stolz auf seine Seemacht, welche gegenwärtig einen Stand von 55 Schiffen mit 55.053 t, 79.694 indizierten Pferdekräften und 439 Geschützen sowie mit einer Besatzung von 6815 Mann aufweist.

Noch am Abend kam unser Gesandter Baron Biegeleben in Gala an Bord, um mir das Programm für den Aufenthalt in Japan mitzuteilen. wobei ich zu meinem Erstaunen erfuhr, dass mein Wunsch, auf der „Elisabeth“ bis Jokohama fahren zu können und erst von dort die Reise offiziell fortzusetzen, unerfüllbar sei. Die Vorbereitungen für die Fahrt durch das Land waren bereits getroffen und die Mitglieder der japanischen Suite, welche ich telegraphisch für Jokohama erbeten hatte, schon in Nagasaki angelangt. So musste ich denn darauf verzichten, die Fahrt durch die vielgepriesene Inland-See auf der mir liebgewordenen „Elisabeth“ zurückzulegen, sowie mindestens einen Teil Japans in nicht-offizieller Weise, in aller Ruhe zu besichtigen, und mich bereits von Nagasaki aus in feierlicher Weise, in einer Art Triumphzug, von den japanischen Würdenträgern durch das Land geleiten lassen.

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  • Ort:  Nagasaki, Japan
  • ANNO – am 02.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Don Juan“ aufführt.

In See nach Nagasaki, 1. Aug. 1893

Die Fahrt verlief heute bei gutem, leicht mistigem Wetter und begünstigt durch frischen Monsun aus dem Südsüdwesten sowie durch vorteilhafte Strömungsverhältnisse. In der Nacht zeigte der Luftdruck abermals Neigung, abzunehmen.

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  • Ort:  Im Ostchinesischen Meer
  • ANNO – am 01.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Lohengrin“ aufführt.

In See nach Nagasaki, 31. Juli 1893

Früh morgens auf der Höhe von Amoy. Das Wetter blieb uns hold, und nur zeitweise aufgeregtere See deutete an, dass ein Zyklon vor kurzem seinen Weg durch die Straße von Formosa genommen haben musste. Diese gefürchtete Passage war eben der Schauplatz des schrecklichen Taifuns, durch welchen die „Bokhara“ einer Katastrophe zugeführt wurde, während unsere kleine „Fasana“ den Sturm fast unversehrt zu bestehen gewusst hat.

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  • Ort: In der Straße von Formosa
  • ANNO – am 31.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Excelsior“ aufführt.

In See nach Nagasaki, 30. Juli 1893

Offenbar war es uns dank der Voraussicht des Kommandanten gelungen, der Depression, die nicht nach dem Westen zog, zu entgehen; denn die Ergebnisse der Wetterbeobachtung waren günstige und der Horizont zeigte sich klar.

Gegen 6 Uhr vormittags wurde daher bei dem kleinen, aus den Meer ragenden Felsen Pedro bianco wieder in den Kurs auf den Formosa-Kanal gelenkt und so rasch als möglich unserem nächsten Ziel, Nagasaki, entgegengesegelt, im wahren Sinn des Wortes gesegelt; denn wir hatten zum ersten Mal während der bisherigen Fahrt — der Wind kam günstig von achter — unser einziges Segel beigesetzt. Dies machte allerdings mehr den Eindruck einer Spielerei als jenen eines die Fahrt wirksam beschleunigenden Mittels; bei den modernen Kriegsschiffen tritt die Takelage vollkommen in den Hintergrund, und das Segel ist gänzlich durch die Maschine verdrängt. Ein Stück Seemannspoesie weniger, welches unserem erfindenden Jahrhundert zum Opfer gefallen ist! Die Maschine wollte übrigens augenscheinlich zeigen, was sie gegenüber dem Segel vermochte; denn sie arbeitete so wacker, dass wir heute die Höchstzahl der bisher an einem Tag zurückgelegten Seemeilen erreichten und so einen guten Teil des Zeitverlustes wieder einbrachten, welchen das Zurückwenden des Kurses verursacht hatte. In der Nacht liefen wir in die Formosa-Straße ein.

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  • Ort: In der Straße von Formosa
  • ANNO – am 30.07.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet, dass der König von Siam das französische Ultimatum akzeptiert hat und Teile seines Reiches an Frankreich abtreten wird.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Wiener Walzer“ etc. aufführt.

In See nach Nagasaki, 29. Juli 1893

Bei der Abfahrt von Hongkong erfreuten wir uns herrlichen Wetters, so dass wir, obschon der Luftdruck seit zwei Tagen fallende Tendenz zeigte, auf gute Fahrt durch die chinesische See hoffen durften, welche der häufigen und heftigen Wirbelstürme halber berüchtigt ist. Doch hatten wir kaum offenes Meer erreicht, als sich auch schon alle Anzeichen herannahenden schlechten Wetters einzustellen begannen: der Horizont wurde, wie sich die Seeleute ausdrücken, „mistig“; leichte Cirruswolken liefen von Norden nach Süden; aus Osten kam eine mit der Annäherung an die Formosa-Straße zunehmende Dünung.

Der Sonnenuntergang gestaltete sich nichts weniger als schön; abends nahm der Luftdruck rapid ab und die Dünung begann gekreuzt aus Ostnordosten und Ostsüdosten zu laufen. Die See ging hoch und die „Elisabeth“ stampfte gewaltig, es konnte daher kein Zweifel mehr obwalten, dass ein Zyklon im Anzug war. Der Kommandant ließ nun zunächst, um die weitere Entwicklung der Dinge abwarten zu können, die Geschwindigkeit der Fahrt vermindern, entschloss sich aber, nachdem das Barometer noch weiter gefallen war und die Dünung zugenommen hatte, dem offenbar bevorstehenden Zyklon auszuweichen. Wir wendeten daher, als wir um Viertel nach 9 Uhr abends das durch Taifune oft genug heimgesuchte Gebiet von Swatau erreicht hatten, und steuerte gegen Hongkong zurück. In eben dem Maß, als wir gegen Weste fuhren, hörte das Fallen des Luftdruckes auf, eine frische Westbris sprang auf, und das Schiff rollte noch kurze Zeit hindurch in der vo achter kommenden Dünung, die sich jedoch bald verflachte.

The Wiener Salonblatt notes FF's departure from Hong Kong to Nagasaki,

Das Wiener Salonblatt vermeldet, dass FF Bangkok nicht besuchen konnte, obwohl das Blatt bereits über diesen Besuch berichtet hat. FF is nun auf dem Weg nach Japan, um den Kaiser zu treffen,

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  • Ort: In See nahe Shantou
  • ANNO – am 29.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

Hongkong, 28. Juli 1893

Der heutige Aufenthalt in Hongkong bedeutete eine Verlängerung gegen das Programm; aber wir hatten mit dem Verpacken und Expedieren der in Kanton erworbenen Gegenstände so viel zu tun, dass die Verzögerung der Abfahrt unvermeidlich erschien. Vormittags blieb ich, mit derlei Geschäften befasst, an Bord und empfing unseren sehr verspätet eingetroffenen Konsulargerenten, einen Deutschen namens Kramer, der sich mit Erkrankung seiner Frau, die er in Japan hatte abholen müssen, entschuldigte.

Nachmittags „bummelte“ ich noch, von Hongkong Abschied nehmend, in den Straßen der Stadt umher und abends gab ich ein Diner an Bord, zu dem ich die Österreicher, nämlich Generalkonsul Haas und Gemahlin, Coudenhove und den Lloydagenten, sowie Herrn Kramer geladen hatte. Bismarck, der deutsch sprechende Chinese, hatte mir als Tafelschmuck einen Blumenstrauß von riesigem Umfang verehrt. Nach dem Mahl lockte der wunderbare Mondschein die ganze Tischgesellschaft zu einer Rundfahrt in unserer Barkasse durch den Hafen.

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  • Ort: Hongkong
  • ANNO – am 28.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Coppella“ und andere Nummern aufführt.

Macao — Hongkong, 27. Juli 1893

Früh morgens lag Macao vor uns. Nächst einem portugiesischen Kriegsschiff und umgeben von einem Wald von Dschunken und zahlreichen anderen, kleineren Fahrzeugen waren wir vor Anker gegangen — angesichts einer Stadt, um deren Namen für immer der Ruhm gewunden ist, eine der ältesten Stätten christlicher Kultur im fernen Osten gewesen zu sein, eines Handelsplatzes, der eine glänzende Blütezeit erlebt hat, um dann deren bittere Vergänglichkeit durchkosten und das wunderbare Gedeihen Hongkongs erleben zu müssen.

Die Gründung Macaos fällt in die Glanzzeit des portugiesischen Volkes — die Stadt erstand als Lohn einer Tat, durch welche die Portugiesen sich um das chinesische Kanton verdient gemacht hatten; denn ihrer Mitwirkung musste Kanton die Befreiung von den dieses hart bedrängenden Piraten zuschreiben. Der Dank der Chinesen bestand in der angeblich im Jahre 1557 erteilten Erlaubnis zur Niederlassung auf einem halbinselartigen Vorsprung der im Delta des Perlflusses gelegenen Insel Hong-tschan, und an dem Gestade des den chinesischen Seefahrern wohlbekannten Hafens Ngao-Men oder A-Ma-Ngao erwuchs Macao oder, wie die Kolonie mit vollem Namen hieß, „Cidade do Santo nome de Deos de Macao“. Im Jahre 1628 sandte der König von Portugal nach der zum städtischen Gemeinwesen erblühten Ansiedlung den ersten Gouverneur, Jeronimo de Silveira. Dieses Hoheitsrecht und deren andere hat das Mutterland auch in der Folge ausgeübt, aber China beanspruchte gleichfalls und mit Erfolg derartige Rechte.

Der hieraus sich ergebende Zustand der staatsrechtlichen Unklarheit hat zwar nie ein förmliches Ende gefunden, die fernere Entrichtung des von Portugal früher jährlich an China geleisteten Tributes von 500 oder 501 Taels (1 Hai-kwan Tael = 3373 fl. ö. W.) ist jedoch endlich im Jahre 1848 durch den Gouverneur Ferreira do Amaral, welcher die gänzliche Unabhängigkeit Macaos von China aussprach, verweigert worden. Diese Entschlossenheit hat den Genannten zum Opfer von Meuchelmördern, welche der Gouverneur von Kwang-tung bestellt hatte, gemacht, und der hierauf von China fruchtlos unternommene Versuch, Macao mit Waffengewalt zu zwingen, der kleinen, aber mutigen Garnison Gelegenheit gegeben, sich durch Tapferkeit auszuzeichnen. Seither ist Macao als portugiesische Kronkolonie von allen Mächten mit Ausnahme Chinas anerkannt worden.

Lange Zeit hindurch hatte Macao den Handel mit China faktisch nahezu monopolisiert, und Wohlstand, Reichtum, ein ungeahnter Aufschwung der Kolonie waren die Folge. Die vollständige Umgestaltung, welche die Handelsverhältnisse durch die Begründung Victorias auf Hongkong, durch die Eröffnung der Vertragshäfen und durch Veränderungen in der Schiffahrt erlitten haben, sowie wohl auch verfehlte Verwaltungsmaßregeln brachten Macao den Ruin in commerzieller und nicht lange darnach auch in moralischer Hinsicht. Nachdem durch die strengen Bestimmungen des im Jahre 1855 erflossenen Chinese Passengers Act die Verschiffung von Kulis nach fremden Ländern für englische Schiffe aufgehört hatte, gewinnbringend zu sein, wurde Macao der Mittelpunkt für dieses sich als Menschenhandel schlimmster Sorte darstellende Geschäft; das Gouvernement in Macao erwies sich als zu schwach, den mit jenem Unfug verbundenen, den Namen Macaos befleckenden Greueln zu steuern, so dass eine Wendung zum Besseren hier erst seit dem Jahre 1874 platzgegriffen hat, wie denn gegenwärtig überhaupt die Verschiffung von Kulis gesetzlich geregelt ist.

Heute hat Macao seine Bedeutung als Handelsplatz fast ganz eingebüßt; denn die Schiffahrt beschränkt sich auf chinesische Küstenfahrzeuge, auf andere kleinere und auf wenige größere Schiffe, welche regelmäßige Verbindungen, hauptsächlich mit Hongkong und Kanton, aufrechthalten. Die Einnahmen der Kolonie beruhen hauptsächlich auf der Verpachtung der Spielhöhlen, auf dem Ertrage von Monopolsgegenständen, insbesondere von Opium, auf verschiedenen Taxen und sonstigen Abgaben. Macaos finanzielle Verhältnisse werden als sehr desolate geschildert; das chronische Defizit, an dem die Finanzverwaltung leidet, ist nicht zum wenigsten durch den Aufwand bedingt, den Macao für seine Dependenz, nämlich den portugiesischen Teil der Insel Timor, zu machen hat.

Der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung Macaos besteht aus Chinesen, nahezu 70.000, und, abgesehen von wenigen Fremden, teils aus vollbürtigen Portugiesen, teils aus Mischlingen von solchen und Chinesen.

Die Stadt präsentierte sich, vom Hafen aus betrachtet, viel günstiger und vortheilhafter, als ich nach so manchem, was ich gehört, erwartet hatte; denn Macao war mir geradezu als Trümmerhaufen geschildert worden, in den es nach dem furchtbaren Taifun des Jahres 1874 versunken sei und von dessen Folgen es sich nicht zu erholen vermocht habe.

Vom Gouverneur gesandt, kam, uns als Führer durch die Stadt zu dienen, Oberlieutenant Richetti an Bord. Ich war nicht wenig erstaunt, als dieser Offizier, einer landesüblichen Sitte und wohl auch Vorschrift huldigend, mir bei der Vorstellung die Hand küsste. In seinem Respekt für meine Person erging sich der kleine Portugiese mit südlicher Lebhaftigkeit in unaufhörlichen Verbeugungen und Knixen vor mir. Wir konnten der Besichtigung Macaos zwar nur drei Stunden widmen, gewannen aber dieser kurzen Frist ungeachtet, unter Richettis Leitung und von den raschen Rickschas an alle interessanteren Punkte gebracht, bald einen vollständigen Überblick über die Stadt und über deren Umrahmung.

Dem südlichen Hafen entlang, der sich hier eigentlich nur als die sanft gewölbte Bucht einer Rhede darstellt, liegt der europäische Teil der Stadt und zieht sich der Quai, die Praya, hin, in deren Nordosten sich das Castell Säo Francisco, im Südwesten aber das kleine Fort Bomparto erheben. Auf der Praya entwickelt sich eine Front dicht gedrängt stehender, zum Teil imposanter Gebäude, welche, in lebhaften Farben geschmückt, im eigentlichen Sinn des Wortes eine malerische Wirkung hervorbringen; auch einzelne Gärten mit schönen Bäumen sind sichtbar; fn regellosen Terrassen steigen von der Praya die Häuser der Stadt an. Heiß brannte die Sonne in den enggewundenen, steilen Straßen, welche wir durchwanderten und die — prunkender Schein — stolze Namen führen, wie „dos Embaixadores“, „do Rei“, „do Sol“ u. s. w., während ich glaube, dass sich nie Embaixadores in diese Gässchen verirrt haben dürften. Wir kamen hier an zahlreichen massigen Gebäuden, an Klöstern und Kirchen vorbei, welche Spuren des Verfalles, wohl auch der Zerstörung durch den Taifun zeigten; augenscheinlich fehlen die Mittel, aber auch das Interesse, diese zum Teil bemerkenswerten Bauten in ordentlichem Stand zu halten.

In stolzer Höhe, die Stadt und die Kolonie beherrschend, thront das Fort Säo Paulo do Monte, über dem noch eine Batterie auf der Guya-Höhe liegt. Einzelne der Befestigungen sollen mit Krupp’schen Geschützen bestückt sein, doch haben jene keinen fortifikatorischen Wert mehr, da sie, ohne erneuert worden zu sein, bereits das Jubiläum ihres 150jährigen Bestandes in der ursprünglichen Anlage feiern. Oberlieutenant Richetti versicherte uns jedoch, dass er vom König hiehergesandt sei, um insbesondere die Befestigung Macaos zu studieren.

Westlich von der europäischen Stadt liegt der chinesische Teil der Ansiedlung, jenem von Victoria gleichend, ähnliche Bilder wie dieser und wie die Straßen in Kanton bietend, wenn auch in beschränkterem Rahmen. Dort breitet sich der westliche, der Dschunkenhafen aus, in dem sich hauptsächlich vereinigt, was Macao an maritimem und kommerziellem Leben geblieben ist; doch scheint selbst die Erklärung Macaos zum Freihafen, ein letztes Mittel, den drohenden Verfall dieses Platzes aufzuhalten, zur Belebung des Handels wenig beigetragen zu haben.
Richetti geleitete uns auch nach dem Offiziersclub, dessen Lokale sich, nach unseren Begriffen, mehr als eine Kantine darstellt. Ein wackeliges Billard führt hier ein staubbedecktes Dasein; die Porträts einiger Generale mit langen Knebelbärten hängen schief an der Wand — voilä tout!

Das Arsenal machte der gähnenden Leere halber, die in demselben herrschte, seinem Namen keine Ehre; einige Bajonnette und Revolver bildeten den ganzen vorrätigen Waffenbestand, im übrigen aber waren nur leere Stellagen zu sehen. Richetti entschuldigte diesen Zustand in lebhaftesten Worten mit dem Hinweis auf den in Timor kürzlich ausgebrochenen großen Krieg, — ich und wahrscheinlich auch der größere Teil meiner Mitmenschen haben von diesem bedeutenden Ereignisse nichts gehört — welcher die Entleerung des Arsenales von allen Waffen notwendig gemacht habe. Überhaupt war Richetti fortwährend bemüssigt, den Zustand der Kolonie bald aus diesem, bald aus jenem Grunde zu entschuldigen; er hätte dieselbe eben in seinem patriotischen Eifer am liebsten in glänzendstem Licht gezeigt. Wo unser Führer nicht mehr zu beschönigen vermochte, da versprach er rastlos Abhilfe für die Zukunft.

Ein hübscher Fleck Erde, eine ebenso große Zierde als Annehmlichkeit Macaos ist der große Garten, welcher früher der Familie Marques gehört hat und dann in das Eigentum der Regierung übergegangen ist. Mit wahrhaft kunstsinniger Anlage vereinigt sich hier der Zauber prachtvoller Vegetation, um den Ruf, dessen der Garten genießt, vollauf zu rechtfertigen; eine besondere Weihe aber ist diesem Orte dadurch verliehen, dass Portugals großer Sohn Camoens, welcher, 1524 zu Lissabon geboren und eines satirischen Gedichtes halber aus Goa verbannt, durch fünf Jahre in Macao lebte, hier in einer Felsengrotte sein berühmtes Epos „Os Lusiadas“ verfasst haben soll. Der Nachwelt ist es vorbehalten geblieben, dem Andenken des Dichters den Lorbeer zu weihen, den die Zeitgenossen versagt haben; erst nachdem Camoens in einem Spital seine Seele ausgehaucht, ist dessen poetischer Verherrlichung der portugiesischen Nation die verdiente Bewunderung zuteil geworden. In Macao wurde die Stätte dichterischen Schaffens für immer durch eine Art Tempel gekennzeichnet, welcher in die Felsengrotte eingebaut wurde und des Dichters in Erz gegossene Büste enthält.

Nicht ohne Schwierigkeit gelangt man bis zu der Grotte, da die Wege steil und mit glatten Ziegeln belegt sind, so dass der kleine Portugiese infolge seiner Lebhaftigkeit zu Falle kam, was ihn veranlasste, sich in unendlichen Entschuldigungen zu ergehen.

Der Blick von der Höhe des Gartens auf beide Teile der Stadt und das dahinter liegende chinesische Gebiet, auf die Rhede und den Hafen, auf die belebenden Inselchen, auf den unabsehbaren, im Lichte des klaren Tages grün und lichtblau erglänzenden Ocean, welchem der Perlfluss unaufhörlich seine Wassermassen zuwälzt, ist wahrhaft fesselnd. Unwillkürlich werden die Gedanken angesichts einer Stätte, die gleich einem Markstein aus der Blüteepoche Portugals in unsere Tage hereinragt, der Betrachtung jener fernen Vergangenheit zugelenkt, in der portugiesische Schiffe kühn und stolz die weiten Meere durchfurchen, neue Seewege erschließen und des kleinen Heimatsstaates koloniale Herrschaft begründen. Die Geschichte ist hinweggeschritten über das, was der kühne Unternehmungsgeist jener Zeit geschaffen, und hat Portugal nur die Erinnerung an seine einstige Macht gelassen. Spurlos aber sind die Ereignisse an der ewigen Jugend der Natur vorübergegangen, die sich ihren Reiz im Wandel der Zeiten zu erhalten gewusst hat und so das versöhnliche, das erhebende Moment im unaufhörlichen Wechsel der Dinge ist — auch hier in Macao.

Am Eingang der Kaserne empfing mich der Oberst des Infanterieregimentes mit dem Officierskorps und küsste mir gleichfalls die Hand, eine Ehrenbezeigung, die mich, obschon ich durch Richettis Vorgang bereits darauf vorbereitet war, abermals in Erstaunen setzte. Die Musik schmetterte eine Art Festmarsch, unter dessen Klängen ich die Kaserne betrat, um zunächst die Mannschaftszimmer zu besichtigen, welche luftig und geräumig sind und gute Schlafstellen bieten; hingegen ließen das Äußere der Mannschaft, die abgemagert und kränklich erschien, sowie deren Adjustierung zu wünschen übrig. Die Uniform, welche uns an den einzelnen Trägern in mannigfachsten Varianten entgegentrat, ist unschön und erinnert an jene unserer Landfeuerwehren. Auch das Officierskorps machte durchaus keinen sehr kriegerischen Eindruck. Bei einer Abteilung des Regimentes traf ich einen guten Bekannten aus Österreich, nämlich das Kropatschek’sche Repetiergewehr, die anderen Abteilungen hingegen waren noch mit alten Snider Gewehren bewaffnet. Während die Musik mit nachahmenswertem Eifer ohne Unterlass die feurigsten Piecen aufspielte, besah ich noch die Küchen und Magazine der Kaserne, um mich sodann, nach Verabschiedung vom Obersten, der mir neuerlich die Hand küsste, in dem uns schon bekannten Offiziersclub an einem Glas Bier zu erfrischen, wobei uns der redselige Freund Richetti mit größter Bereitwilligkeit die merkwürdigsten Aufschlüsse über militärische und allerlei sonstige Verhältnisse seines Heimatlandes gab.

Das Munizipalitätsgebäude bot wenig des Sehenswerten; mehr Interesse hingegen erweckte eine mit Dampf betriebene Seidenspinnerei, in welcher ich Gelegenheit hatte, die Geschicklichkeit der hier beschäftigten Mädchen im Einfädeln des Kokonfadens zu bewundern; alles vollzieht sich mit staunenerregender Schnelligkeit, und ehe man sich dessen versieht, ist ein ganzes Bündel Kokons abgespult und sind die Fäden gesponnen, worauf die Seide gedreht und in das Magazin abgeliefert wird.

Am Hafen erwartete mich ein, wie es schien, von dem Glauben an sich selbst stark durchdrungener englischer Zollbeamter, der mich herablassend ansprach und mir „une petite visite“ an Bord ankündigte; doch verzichtete ich auf dieses Vergnügen und nahm Abschied von dem durch die Lebhaftigkeit und Wärme seines Temperamentes ausgezeichneten Richetti, der bei der Trennung noch die schönsten Verbeugungen und Komplimente zum besten gab. Dann lichteten wir den Anker. Ich schied von Macao mit der Teilnahme, welche wir jedem
Schauplatz interessanter geschichtlicher Entwicklung und wechselvoller Schicksale entgegenbringen, aber auch mit dem Gefühle des Bedauerns, welches uns angesichts einer ehemals stolzen Schönheit beschleicht, die jetzt altert und dahinsiecht. Wird der Stadt noch eine zweite Jugend, selbst nur ein Johannistrieb einstiger Blüte beschieden sein? Die Nachbarschaft Hongkongs dürfte für Macao immer verhängnisvoll bleiben.

Gegen 3 Uhr nachmittags liefen wir in den Hafen von Hongkong ein. Die See war spiegelglatt, das Wetter prächtig, und wie ein Kranz der lieblichsten Blumen lagen alle die kleinen Inseln und Eilande, die seinerzeit bei dem ersten Einlaufen dichter Nebel verhüllt hatte, vor uns, und ich begreife heute vollkommen, dass man diesen Hafen den schönsten Seehäfen an die Seite stellen kann.

An Bord der „Elisabeth“ galt es, Abschied zu nehmen von treuen Reisegefährten, die uns manche Kurzweil geboten hatten, von unseren Affen nämlich, die auf einem Lloyddampfer nach Triest gebracht werden sollten, um von hier aus ihren künftigen Bestimmungsort, Schönbrunn, zu erreichen. Fips machte ein recht trauriges Gesicht und auch Mucki war nicht so bei Stimmung wie sonst; es schien beinahe, als hätten die Tiere gemerkt, dass die Stunde der Trennung von dem Schiff, dem Schauplatz ihrer heiteren Streich, geschlagen.

Abends fuhr ich in Begleitung des Generalkonsuls Haas und seiner Frau sowie unseres Kommandanten abermals auf den Victoria Peak und genoss diesmal eine ganz reine und unvergleichlich schöne Aussicht nach allen Seiten der Insel, so dass wir lange auf der Plattform bei der Signalstation weilten. Unseren „Tschuen-tiao“ konnten wir als ein kleines Pünktchen, der Bestimmung als Zolldampfer gemäß einer der nördlichen Buchten zusteuern sehen. Allmählich brach die Dämmerung an, der volle Mond ließ sein zauberhaftes Licht über Berge, Inseln, Stadt und See herniederfließen, und die Temperatur wurde derart angenehm, dass wir uns entschlossen, den Weg nach der Stadt zu Fuße zu machen. Lange Serpentinen führen vom Peak herab; ihrer Steilheit ungeachtet bot uns der erquickende Abendspaziergang doch unvergleichlichen Genuss.

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  • Ort: Macao
  • ANNO – am 27.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Rouge et Noir“ und weitere Nummern aufführt.