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diary entries of Franz Ferdinand

Nikko, 21. Aug. 1893

Der Japaner sagt: „Nikko minai utschi-wa kekko-to iuna“ — wer Nikko nicht gesehen, rede nicht vom Schönen. Die Natur hat in der Tat alles aufgeboten, um das Gebiet von Nikko, „der Sonne Glanz“, zu dem, wie allgemein behauptet wird, landschaftlich anziehendsten Japans zu gestalten. Was jenen Namen führt, ist nicht eine städtische Ansiedlung, sondern ein etwa 600 m über dem Meer liegender, bergiger Distrikt vulkanischen Charakters; im engeren Sinn wird aber von den Japanern unter Nikko das Weichbild zweier Ortschaften im Tal des Daja-gawa, Hatschiischi und Irimatschi verstanden, wovon die erstere eine lange gerade, bis zu dem Ufer des Flusses sich erstreckende Straße bildet.

Als Mittelpunkt des Gebietes und einer Reihe aufragender Berge erhebt sich bis zu 2540 m der Nantai-san, auch Nikko-san genannt, gleich dem Fudschi einer der heiligen Berge Japans, zu dessen Gipfel die Gläubigen emporwallen. Seltener Reichtum an Gewässern belebt die Waldesruhe, klare Seen spiegeln die umrahmenden Höhen wieder, Bäche rauschen zutal, kleine Fälle bildend, deren im Umkreis von 25 km etwa dreißig gezählt werden. Was aber der Landschaft einen unvergleichlichen Schmuck verleiht, ist die üppige Vegetation, welche Berg und Tal bedeckt, sind die gewaltigen Baumriesen, monumentale Cryptomerien, die in ihrer Unversehrtheit und ihrem feierlichen Ernst dem Tal höhere Weihe geben, in dessen Erde zwei der glänzendsten Gestalten des alten Japan ruhen, der große Ijejasu und sein Enkel Ijemitsu.

Angelockt durch die herrliche Natur, verbringen viele Vertreter fremder Staaten sowie Engländer und Amerikaner im Gebiet von Nikko die heiße Jahreszeit, so dass hier die Tempelstadt auch eine Sommerfrische bildet, das Heilige und das Profane sich friedlich miteinander vertragen.

Leider war mir das Wetter nicht günstig, und von den Reizen jener Gegend, über welche ich in lebendigsten Farben gemalte Beschreibungen gelesen, die mir in Worten des Entzückens geschildert worden. bekam ich nur wenig, um nicht zu sagen, nichts zu sehen. Es goss in Strömen, die Nebel hingen tief zur Talsohle nieder, die Berge und die Wälder verschleiernd, als wollten die geheiligten Stätten sich dem Blick des Fremden entziehen, der gekommen war, nicht zu opfern und zu glauben, sondern nur zu schauen und zu genießen. Doch nicht allein die Natur, auch die Kunst hat beigetragen, Nikko zu einem Glanzpunkt Japans zu gestalten, und an deren Werken konnten wir uns des argen Wetters ungeachtet erfreuen, so dass wir früh morgens unseren Rundgang antraten.

Vorerst drangen wir in einen lieblichen Tempelgarten, um einen Oberpriester aus seiner Behausung herbeizurufen, welcher, durch so frühzeitigen Besuch sichtlich überrascht, sich endlich gefasst hatte und das Sambutsu-do, das ist die Halle der drei Buddhas, aufsperrte. Diese gleicht völlig den Bauwerken, welche wir bisher schon gesehen, und ist nur ausgezeichnet durch drei in riesigen Dimensionen gehaltene, vergoldete Bildnisse, deren eines die Göttin Kwan-on mit ihren tausend Händen, das zweite Amitabha und das dritte abermals Kwan-on mit einem Pferdehaupt darstellt.

Größeres Interesse flößt eine außerhalb der Halle befindliche Säule, Sorinto genannt, ein, die 1643 errichtet wurde und zwar zu dem Zweck, um böse Einflüsse abzuwehren; sie ist 13 m hoch, aus Kupfer in zylindrischer Form hergestellt und in ihrem unteren Teil von zwei Paar horizontalen, rechtwinkelig sich schneidenden Querbalken durchkreuzt, die mit ihren Enden auf niedrigen Kupfersäulen ruhen. Das obere Ende der Mittelsäule ist mit einer Reihe übereinander angeordneter, der Lotosblume nachgebildeter Zierate versehen, von welchen kleine Glocken niederhängen.

Unter dem Dach der mit ihren Asten sich berührenden und so einen vollständigen Schluss bildenden Cryptomerien dahinschreitend, wandten wir uns dem Tempelmausoleum Ijejasus zu. Tiefe Stille, feierliche Ruhe herrscht im Bereiche der ehrwürdigen Bäume, deren dichte Benadelung kaum einem Sonnenstrahl gestattet durchzudringen und deren kerzengerade, rotbraune, oft mehrere Meter im Umkreis messende Stämme mit dem zarten, lichtgrünen Moos kontrastieren, welches den Boden bedeckt. Während man sonst so häufig durch den Anblick einer vielgepriesenen Naturschönheit enttäuscht wird, tritt hier gerade der gegenteilige Effekt ein; ich hatte mir, aller Schilderungen ungeachtet, die Wirkung dieser bedeutende Flächen bedeckenden Riesenbäume nicht so großartig vorgestellt und war hievon geradezu überwältigt.

Schon im Jahre 767 hatte hier in Nikko der Priester Schodo Schonin den ersten buddhistischen Tempel errichtet und dadurch den Grund zur Heiligung des Ortes gelegt; aber seine eigentliche Bedeutung hat Nikko erst erlangt, seit der große Schogun Ijejasu, vom Mikado als „Hoheit des ersten Ranges, Licht des Ostens, große Inkarnation Buddhas“ unter die Zahl der Götter versetzt, im Jahre 1617 hier bestattet wurde. Die Tempelanlage besteht aus einem Komplex terrassenförmig angeordneter Gebäude und Höfe, welche durch Treppen und Tore miteinander in Verbindung stehen. Durch die Aste zweier Reihen Cryptomerien blinkt uns das über 8 m hohe, aus Granit gefügte Portal entgegen, zu dem einige breite Stufen emporführen; der Fürst von Tschikusen hat dasselbe 1618 mit dem seinen Steinbrüchen entnommenen Material erbaut. Im ersten Hof wird das Auge durch die in leuchtendem Rotlack erglänzende Pagode gefesselt, welche in fünf Stockwerken aufragt und in der Höhe des untersten Stockwerkes von Darstellungen des Tierkreises umrahmt ist.

Die in einiger Entfernung weiter emporführende Treppe ist gekrönt durch das Ni-o-mon, das Tor der zwei Könige, mit zum Teil kunstvoller Darstellung von Löwen, Tigern, Einhörnern, Tapiren und fabelhaftem Getier reich versehen, die hier teils als Wächter, teils in anderer mystischer Funktion angebracht sind. Aus dem Tor heraustretend, befinden wir uns auf der ersten, durch eine intensiv rot bemalte Holzwand umfassten Terrasse der Tempelanlage und sind förmlich gebannt durch die harmonische Gesamtwirkung, zu welcher die stilvollen Bauten, die reiche Fülle künstlerischer Details, die Pracht der Farben, die lebhafte Bewegtheit und doch vornehme Ruhe der Dekoration ineinanderfließen. In drei durch ihre gefälligen Formen ausgezeichneten Gebäuden werden hier alle für die religiösen Zeremonien zu Ehren Ijejasus erforderlichen Gegenstände, ferner solche, deren der Schogun sich bediente, und Tempelschätze aufbewahrt, während ein anderer, prächtig geschmückter Bau eine Sammlung buddhistischer Schriften birgt. Aus dem Jahre 1618 stammt eine Zisterne, welche das geheiligte, für die Waschungen bestimmte Wasser liefert und, aus einem Stück Granit gemeißelt, durch ein Dach geschützt ist, das auf zwölf Granitsäulen ruht.

Ein kleinerer Hof, dessen Front durch eine steinerne Balustrade abgeschlossen ist und den man über eine Treppe erreicht, enthält nicht weniger als 118 Bronzelaternen, jede einzelne ein Kunstwerk, Weihegeschenke von Daimios und anderen vornehmen Spendern, deren
Namen auf den Laternen verewigt sind. Eine weitere Anzahl von Bronzelaternen und Kandelabern — einige hievon sollen aus Korea, andere aus den Niederlanden stammen — fallen durch ihre Größe sowie durch ihre reiche, künstlerische Gestaltung auf.

Durch das zweite große Tempelportal, das Jo-mei-mon, gelangten wir in den dritten Tempelhof. Dieses Portal verdient ein Juwel der japanischen Bau- und Dekorationskunst genannt zu werden; hier haben sich Meister ihres Faches die Hand gereicht, um das Gewaltige mit dem Zarten zu paaren, um dem Können ihrer Zeit ein dauerndes, unser Staunen und unsere Bewunderung erweckendes Denkmal zu setzen. Ein reich geschmücktes, geschweiftes und auf vergoldeten Drachenköpfen ruhendes Dach schützt das Tor, welches von mächtigen Säulen getragen wird, die mit einem klein gehaltenen, geometrischen Dessin bedeckt und weiß bemalt sind. Die Kapitäler der Säulen zeigen Köpfe des Einhorns, während die Tragbalken entlang rings um das Tor Drachenköpfe laufen und im Mittelfeld der Kampf zweier Drachen dargestellt ist.

Ein Gebäude des Hofes enthält die Bühne für die Kagura-Tänze, ein anderes das Goma-do, einen Altar zur Verbrennung von Räucherwerk, während ein drittes die Tragsessel birgt, welche am 1. Juni jedes Jahres angeblich von drei Gottgeistern, Ijejasu und zwei anderen zu Gottheiten erhobenen großen Männern, eingenommen und dann in einer feierlichen Prozession herumgetragen werden. Auf der Tanzbühne machte eine der Tänzerinnen rastlos tiefe Verbeugungen vor uns, wahrscheinlich gerne bereit, mit ihren Genossinnen eine Probe ihrer Kunst zum besten zu geben, die wir doch schon in Nara kennen gelernt hatten. Die Ränder und die Wände der Terrasse werden von kunstvoll gearbeiteten Steinreliefs bedeckt, welche allerlei Vögel und Pflanzen wiedergeben.

Durch das Chinesische Tor oder Kara-mon nähern wir uns dem Haupttempel, dessen Flügeltüren mit Arabesken in vergoldetem Relief verziert sind. Von mehreren Priestern geleitet, betraten wir, nachdem wir über unsere Schuhe noch Wollpantoffel angelegt hatten, das Innere des Tempels, welcher beiderseits Vorräume besitzt, die durch meisterhaft ausgeführte Holzschnitzereien und durch Malereien auf Goldgrund sowie durch reiche Ornamentik ausgezeichnet sind. Das Bethaus des Tempels ist sehr einfach gehalten und birgt im Hintergrunde das Gohei sowie den Spiegel; denn auch in dem Tempelmausoleum Ijejasus wurde nach dem Jahre 1868 durch Einschreiten der Regierung der buddhistische Kultus zugunsten des schintoistischen verdrängt, so dass aus dem Bethaus alle dem ersteren dienenden Symbole und Gerätschaften entfernt wurden.

Das Allerheiligste, zu dem der Weg durch das Bethaus führt, ist mittels vergoldeter Pforten abgeschlossen. Angesichts dieser offenbarte sich der Vorzug, dessen ein Reisender sich erfreut, der nicht als einfacher Tourist durch die Lande zieht, mag immerhin letzterer wieder manche Unannehmlichkeit, welche das Reisen in offizieller Eigenschaft mit sich bringt, nicht zu bestehen haben. Das Allerheiligste zu schauen, ist strenge verpönt, keines Fremden Fuß soll bisher diese heiligsten der Räume betreten haben; vor mir aber taten sich die Pforten auf. Ich gestehe, dass mir dies zur besonderen Befriedigung gereichte, dass sich meiner ein Gefühl des Reisestolzes bemächtigte bei dem Gedanken, eines Anblickes teilhaftig zu werden, der bisher in der Tat noch keinem Europäer gegönnt war, vielleicht auch nicht gegönnt sein wird, und ich werde es zeitlebens dem wackeren Freunde Sannomija zu Dank wissen, dass er mir die hier geborgenen Wunderwerke menschlicher Kunst und Phantasie zu erschließen verstanden hat.

Das Sanctuarium zerfällt in mehrere Räume, deren einer einen Altar mit dem goldenen Gohei und dem Metallspiegel enthält; die hier befindlichen kunstvollen bildlichen Darstellungen buddhistischer Auffassung sind mit Tüchern verhängt. Begreifliches historisches Interesse erweckt die daselbst verwahrte Rüstung des tapferen Schoguns, welche, sehr einfach ausgestattet und mit schwarzem Lack überzogen, den nunmehr zum Gott erhobenen Mann geschützt hat, da er im Schlachtengetümmel den Grund zur Macht seines Hauses legte. Bei schwachem Kerzenschein besahen wir das prunklose Eisenkleid, bis die Priester mittels einiger Laternen den in geheimnisvolles Dunkel getauchten Raum erhellten und unsere Blicke auf einen reich vergoldeten Schrein fielen. Vor diesem warfen sich die Priester nieder, berührten mit der Stirn den Boden und öffneten schließlich eine Art Tabernakel, in dem sich hinter einem Vorhang als letzter Hülle das Sanctissimum befand — eine bemalte Figur, Ijejasu in sitzender Stellung wiedergebend. Dieses Gottesbild vermag wohl in niemandem religiöse Ergriffenheit zu wecken; dafür aber versetzten mich der Schrein, welcher den Götzen birgt, die Dekoration der Wände und die an den Türen ersichtliche Arbeit in helles Entzücken. Mit Bedauern erfüllte mich nur, dass durch die Umstände, namentlich durch Mangel an der erforderlichen Beleuchtung, eine eingehende Besichtigung der Kleinode japanischer Kunst, welche sich uns darboten, erschwert war, so dass ich mich mit dem Gesamteindruck begnügen musste. Hier war in der Tat Verschwendung getrieben worden mit der Ausschmückung des Schreines, der Wände und der Türen durch Bemalung, Vergoldung und Schnitzerei; der entfaltete künstlerische Reichtum an Motiven und deren vollendete Wiedergabe scheint im ersten Momente fast sinnverwirrend, ordnet sich aber bei näherer Betrachtung zu völliger Harmonie, zu wohltuender Ruhe. Ijejasu, der als Mensch Großes, Gewaltiges geleistet, indem er der Geschichte seines Landes eine fast dreihundertjährige Bahn vorzeichnete, hat hier als Götze Wunder gewirkt, da er durch sein Andenken zu so hoher Kunstleistung, wie sie uns hier entgegentritt, zu begeistern vermocht hat.

Von der Stätte, welche des Gottes Bild umschließt, schreiten wir jener, welche des Toten Asche birgt, zu, klimmen über 240 Stufen aus Stein, die von Moos bedeckt sind, empor und stehen vor dem Grab Ijejasus. Ein hoher Steinsockel trägt eine Urne aus Bronze, welche die Überreste des Schoguns enthält; vor dem Sockel sind auf einem Steinaltar als Symbole aufgestellt ein Räuchergefäß, eine Vase mit Lotosblüten und anderen Blumen sowie ein großer Kranich, der auf dem Rücken einer Schildkröte steht und ein als Leuchter dienendes Blatt im Schnabel hält — alles wertvolle Bronzearbeit. Eine Steinbalustrade umfriedet das Grabmal; der Eingang führt durch ein massives Tor aus Bronze, das von zwei Löwen bewacht wird. Ernst ist der Platz, den sich Ijejasu selbst als Ruhestätte auserkoren, und die erhabene Einfachheit des Grabmales ergreifend; die Kunst, die sich in den zu Füßen des Grabes liegenden Bauwerken ein hohes Lied gesungen, scheint hier verstummt, als sollte derjenige, welcher emporgepilgert ist, in seinen dem Toten zugewandten Gedanken nicht durch bildnerischen Schmuck abgelenkt werden.

Nochmals kehrten wir zum Haupttempel zurück, um den stimmungsvollen Effekt zu genießen, welchen der Einklang des architektonischen Aufbaues der Tempelanlage mit deren landschaftlicher Umrahmung und mit dem majestätischen Walde hervorbringt — und der Zauber dieser Wirkung wird noch erhöht durch den tiefen, über dem Grabmal des gewaltigen Kriegers ausgebreiteten Frieden, zu welchem heute der Regen eine melancholische Weise rieselte.

Der Tempelschatz, dem wir ebenfalls unseren Besuch abstatteten, enthält wie andere Räume gleicher Art kostbare Weihgeschenke hervorragender Personen, so Waffen, Rüstungen, Sattelzeug, allerlei Gerätschaften für feierliche Umzüge, Gebetrollen, ferner 50 m und mehr messende Rollen mit Darstellungen aus der Geschichte des Landes oder der Götterlehre. Besondere Erwähnung verdienen alte Kakemonos, welche Falken in täuschender Naturtreue und Szenen, die der in Japan angeblich noch immer betriebenen Falkenjagd entnommen sind, wiedergeben. In früheren Zeiten soll es möglich gewesen sein, von den habgierigen Bonzen durch Geld und gute Worte — und zwar durch mehr von dem ersteren als von den letzteren — einzelne der im Tempelschatz verwahrten Objekte zu erwerben. Als jedoch dieser Unfug infolge der großen Dimensionen, die er angenommen, Aufsehen erregt hatte, wurde demselben durch genaue Inventierung der Tempelschätze gesteuert.

Nach dem Tempelgrab Ijejasus konnten uns zwei andere Tempelanlagen, welche wir mehr durcheilten, als genau besahen, nicht mehr dasselbe Interesse einflößen.

Der uns begrüßende, in prachtvolle, violette Gewandung gehüllte Oberpriester des einen dieser Tempel war früher ein mächtiger Daimio der Nordprovinzen und hatte sich in dem Kampfe zwischen dem Mikado und dem Schogun auf die Seite des letzteren gestellt; besiegt und seines Landes verlustig, wurde dem Daimio Gnade zuteil und nebst dem ihm zuerkannten Grafentitel als eine Art Pension die Stelle des Oberpriesters an diesem Tempel verliehen.

Die zweite Tempelanlage, das Mausoleum Ijemitsus, teils einem tief eingeschnittenen Tal entlang, teils auf der Lehne eines Berges erbaut, liegt unweit der Grabstätte Ijejasus und ist weit weniger glänzend ausgestattet, immerhin aber beachtenswert, weil sich hier der Buddhaismus behauptet hat und daher der ganze Ausstattungsapparat, dessen jener sinnfällige Kultus bedarf, noch vorhanden ist. Die bei den Tempeltoren postierten Tempelwächter repräsentieren eine stattliche Versammlung der scheußlichsten Fratzen; wir sehen hier einen roten und einen grünen Teufel, die zwei kühnen, goldenen Könige und zwei Figuren in Menschengestalt, welche mit dem ganzen Aufgebote der üppigen buddhistischen Phantasie greulich ausgestattet sind; die eine, rot gefärbte stellt die Gottheit des Donners dar. welche vergoldete Schlägel in der Hand hält und einen über den Rücken geschwungenen Reif mit neun flachen Trommeln trägt, aus denen Blitze sprühen; das andere Scheusal, in hellblaue Farbe getaucht, repräsentiert den Gott des Windes und blickt uns mit aus Krystall gefertigten Augen sowie mit satanischer Miene an, indem es auf einem Steinblock sitzt und einen über den Rücken geworfenen Windsack mit den Händen zuhält. Votivlampen aus Bronze deuten auf die Verehrung hin, deren sich Ijemitsu erfreut.

Von hier fuhr ich direkt nach Nikko oder richtiger nach Hatschiischi und passierte abermals den schäumenden Daja-gawa, dessen beide Ufer durch zwei Brücken verbunden sind; die eine dient dem allgemeinen Verkehr, während die andere, Mihaschi, dem Mikado vorbehalten ist und nur zweimal des Jahres für Pilgerzüge geöffnet wird. An der Stelle, wo der Buddha-Priester Schodo Schonin vor mehr als tausend Jahren eine wunderbare Erscheinung gehabt haben soll, erbaut, ruht die Brücke, in hellrotem Lack leuchtend, auf steinernen Pfeilern, welche in die Felsen eingelassen sind.

Im Städtchen wandte ich mich dem Einkauf von Pelzwaren zu, deren es hier eine große Auswahl gibt und die insofern kulturhistorische Anklänge wachrufen, als vor den Umwälzungen des Jahres 1868 neben anderen auch alle jene, die sich mit Lederbearbeitung, mit Rauhwaren u. dgl. m. befassten, im Gegensatz zu den Heimin oder Angehörigen des gewöhnlichen Volkes, den Etas oder Unreinen, zugezählt wurden, das heißt einer verachteten, von der sonstigen Gesellschaft ausgeschlossenen Kaste, die in besondere Ortschaften oder Stadtteile verwiesen war — eine Stellung, die vermutlich auf buddhistischen Einfluss zurückzuführen ist. Noch tiefer standen nur die Hinin, die Nichtmenschen, eine erst unter den Tokugawas entstandene Klasse Armer, welchen nur gestattet war, sich auf unkultiviertem Lande niederzulassen.

Unter den vorrätigen Rauhwaren fand ich auch solche, die bei uns unbekannt sein dürften, so Felle der japanischen Antilope, von Affen, von Bären der Insel Jeso, von Dachsen zweierlei Arten, von Ottern, deren Art von der bei uns vorkommenden verschieden zu sein scheint, von Seehunden und von großen Eichhörnchen; auch zwischen chrom- und ockergelb variierende Felle von Mardern sowie originelle, aus Fellen gefertigte Hausschuhe waren erhältlich. Bald wanderte ein Rickscha schwer beladen mit den erstandenen Waren in unser Hotel. Da die Wege in der Umgebung Nikkos, wie man mir sagte, mit Rücksicht auf meinen bevorstehenden Besuch mit großen Kosten in guten Stand gesetzt worden waren, wollte ich dies Opfer nicht nutzlos gebracht wissen und entschloss mich trotz des strömenden Regens, eine Fahrt nach dem Urami-go-taki genannten Wasserfall zu unternehmen. Von der vielgerühmten landschaftlichen Schönheit der durchfahrenen Strecke bekamen wir des Regens halber leider nichts zu Gesicht und mussten, unter unseren Regenschirmen hervorlugend, mit dem Anblick der in nächster Nähe gelegenen, in frischem Grün prangenden Wiesen und Wälder vorlieb nehmen, welch letztere hier mannigfache Baumarten aufweisen, so auch Eichen und Ahorne. Kleine Weiler und Ortschaften, trübselig genug im Regen dreinsehend, lagen am Weg.

Unsere Rickschaläufer hatten ein schweres Stück Arbeit in der schlüpfrigen, grundlosen Fahrbahn zurückgelegt, als sie bei einem Teehaus hielten, von wo wir den Marsch zu Fuß eine romantische Schlucht aufwärts antraten. Bald hören wir das Rauschen des Wasserfalles und sind endlich in einem von hochaufragenden Felsen eingeschlossenen Talkessel; hier stiebt ein Gebirgsbach aus einer Höhe von 15 m eine prächtige Kaskade bildend, über eine Felswand herab in ein trichterförmiges Becken. Infolge des starken Gefälles oberhalb der Felswand und deren senkrechter Stellung stürzt die Wassermasse in einem weiten Bogen ab, so dass es möglich ist, unterhalb des Falles und hinter demselben vorbeizuschreiten, ohne größere Gefahr zu laufen, als von einem feinen Sprühregen benetzt zu werden. Der Urami-go-taki gehört nicht zu den Wundern seiner Art, bietet aber immerhin im Rahmen der engen Schlucht ein sehenswertes Schauspiel, namentlich weil die Erde hier aus zahllosen Falten, Schlitzen und Löchern Wässerchen zutage sendet, die eilfertig sprudelnd über die Felsen der Talsohle zurieseln.

Hinter dem Wasserfall steht eine Buddha-Statue, bei welcher die eingeborenen Ausflügler Visitkarten abzugeben pflegen, um der Nachwelt Kunde von dem staunenerregenden Ereignis ihrer Anwesenheit zu geben. Die Ortseitelkeit scheint also nicht nur bei uns, sondern auch im fernen Osten eine Heimat zu haben, allerdings in einer Form, die geschmackvoller ist als die bei uns übliche, verunstaltende Beklecksung von Mauern und Felsen, und es wäre daher unseren Reisenden und Touristen die Adoptierung des japanischen Gebrauches dringend anzuraten.

Während der Rückfahrt machte ich halt vor einer kleinen, am Ufer des rauschenden Daja-gawa reizend gelegenen Villa, welche Sannomija gehört und ihn zur Sommerszeit beherbergt; ich sprach hier bei dessen Gattin vor, die längere Zeit in Wien verbracht hat und das Deutsche vollkommen beherrscht.

Bei einer Avenue von 100 steinernen Buddhas vorbeifahrend, kehrten wir nach Nikko zurück, um noch einige Einkäufe zu besorgen und sodann eine Strecke in der herrlichen Cryptomerien-Allee dahinzurollen, die ich gestern während der Fahrt nach Nikko nur im Dunkel der Nacht gesehen. Unter diesen Bäumen wandelnd, fühlt man sich von dem Hauch einer stolzen Vergangenheit umweht. Bemerkenswert, sind namentlich zahlreiche Zwillingsbäume, die etwa bis auf den dritten Teil ihrer Höhe miteinander verwachsen sind.

Eine vielgepriesene Landschaft, welche die bösartige Anwandlung hat, sich gelegentlich einmal nur im Regenkleide zu zeigen, gleicht einem des besten Rufes sich erfreuenden Menschen, der auf einem Fehler ertappt, Gefahr läuft, von den bösen Zungen in Bausch und Bogen verdammt zu werden. Ich will gegen Nikko gerechter sein; es hat sich wie eine Schöne benommen, die, ihrer Reize und deren Wirkung sicher, Gefallen daran findet, ein schmollendes Gesicht zu zeigen — und mir gegenüber hat Nikko ununterbrochen geschmollt. Gleichwohl war ich, des unvollkommenen Eindruckes, den ich empfangen, ungeachtet, entzückt und kann auf den ganzen Zauber schließen, welchen der heilige Boden Nikkos, von dem Glanz eines schönen Sommertages überhaucht, auszuüben vermag.

Abends taten wir, was unter den Umständen das Geratenste war; wir ließen uns die Laune nicht verderben und vereinigten uns zu einem heiter verlaufenden Diner, welches durch die drolligen Geschichten gewürzt wurde, die Schiffskapitän Kurvaka von der japanischen Suite, immer mehr auftauend, in komischem Durcheinander französischer, englischer und japanischer Worte zum besten gab. Schließlich gestattete Jupiter pluvius, gerade als uns der schwarze Kaffee durch neckische Musumes serviert wurde, sogar die Abbrennung eines Feuerwerkes.

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  • Ort: Nikko, Japan
  • ANNO – am 21.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Cavalleria Rusticana“ aufführt.

Tokio — Nikko, 20. Aug. 1893

Vor der kleinen katholischen Missionskirche, wo ich einer Messe beiwohnte, waren die Zöglinge der dortigen Ordensschwestern aufgestellt. Die Klosterfrauen tun durch die Erziehung der Kinder sehr viel Gutes; belassen ihnen aber vernünftigerweise das japanische Kostüm sowie den in Japan üblichen Gruß und sonstige traditionelle Äußerlichkeiten; die kleinen Musumes sind alle gleich adjustiert und wirklich sehr niedlich. Die Oberin, Mater Domitilla, eine würdige, alte Dame, weilt schon lange, ihrem frommen und nützlichen Beruf obliegend, in Japan.

Bei dem Besuch, den ich dem Erzbischof von Tokio, einem liebenswürdigen Franzosen machte, erfuhr ich durch ihn und einen dort anwesenden Missionär manche interessante Details über Land und Leute, bedauerlicherweise aber auch, dass die Verbreitung der christlichen Religion in Japan nicht die wünschenswerten Fortschritte macht; denn die Japaner besitzen nicht viel religiösen Sinn und sind in Glaubensangelegenheiten meist sehr apathisch.

Bis jetzt hatte sich die Zahl der Festlichkeiten so sehr gedrängt, dass ich noch nicht Gelegenheit gefunden hatte, die Kaufläden Tokios zu besuchen, und dies sollte heute, am ersten freien Tag, nachgeholt werden. Bei der Wanderung kam ich zwar durch einen großen Teil der Stadt, deren enorme Ausdehnung mir jetzt erst klar wurde, doch änderte sich der erste Eindruck, dass sie nämlich hinter den anderen besuchten japanischen Städten an Originalität zurückbleibt, nicht; allenthalben drängt sich ein Stück Europa in wenig stilvoller und unharmonischer Weise vor, und die Straßen, deren eine sogar 7 km misst, sind übermäßig lang und wirken ermüdend.

Die Läden Tokios, namentlich die Curio Shops, bieten große Mannigfaltigkeit der Gegenstände und hiedurch reiche Auswahl; man glaubt alle originellen Schätze schon entdeckt und an sich gebracht zu haben, doch findet man immer wieder neue Formen und ganz unbekannte Objekte.

Auf Bronze, Lack, Porzellan, Holz und Papier erscheinen alle die heiligen Tiere und besonders häufig der Drache, welcher ja in der japanischen Mythe, Symbolik und Kunst eine so hervorragende Rolle spielt; auch dem Staatswappen, nämlich der schematisch geformten Blüte des Chrysanthemums, Kiku, und dem Hauswappen der Mikados, welches durch die Blätter und Blüten der Paulownia imperialis, Kiri, dargestellt wird, begegnen wir häufig.

In einem der Läden wurde plötzlich eine wellenförmige Bewegung des Bodens bemerkbar, die Wände bebten, das Wasser in den Aquarien spritzte hoch auf — offenbar erlebte ich eines jener Erdbeben, welche Tokio so oft heimsuchen, und mir däuchte, dass die unterirdischen Mächte mich nicht ziehen lassen wollten, ohne mir ihre grauenhafte Macht zu zeigen, doch nur in mäßigem Grad, also gerade hinlänglich, um das Interesse zu wecken, aber nicht um verheerend zu wirken. In einem entlegenen Teil der Stadt hatte auch einer meiner Herren die Erdbewegung wahrgenommen.

Leider blieb mir keine Zeit mehr, Seidenstoffe zu erwerben, an denen Tokio, wie man sagt, so reich ist, da ich vor meiner Abreise noch einen Besuch bei dem Gesandten Baron Biegeleben in dem Tokio-Hotel abstatten wollte; dieses ist ein Gasthof ersten Ranges, welcher einem Japaner gehört und von Japanern geleitet wird, gleichwohl aber jedem Hotel in England oder in der Schweiz würdig angereiht werden kann.

Die kurze Frist, die mir in Tokio noch gewährt war, benützte ich, um ein japanisches Theater zu sehen, welches ungefähr so angelegt ist wie unsere großen Singspielhallen. Dem Eingang gegenüber liegt die große Bühne; der Zuschauerraum zerfällt in Logen, Parket und Gallerien, wovon die beiden ersteren durch halbmeterhohe Bretterwände in quadratische Felder geteilt sind, deren jedes vier bis sechs Personen Raum bietet; Bänke oder Stühle existieren nicht, alles sitzt nach Landessitte auf dem Boden. Die Insassen der Logen, ganze Familien oder Gesellschaften, richten sich dort in Anbetracht der Länge der Vorstellungen — sie dauern von Mittag bis 10 Uhr abends — häuslich ein und bringen Speise sowie Trank mit.

Das Theater fasst circa 3000 Menschen, und alle diese, ohne Unterschied des Geschlechtes, rauchen; allerorten stehen Feuerbecken mit glühenden Kohlen und werden die Zündhölzchen meist nur auf den Boden geworfen; die feuerpolizeilichen Vorschriften scheinen nicht sehr streng zu sein, was doch der Fall sein sollte in Anbetracht des Umstandes, dass das Gebäude nur aus Holz, Stroh und Papier errichtet ist. An Stelle von Mandelmilch, Limonade und ähnlichen Erfrischungen, die bei uns üblich sind, werden hier Reis, Früchte und Sake feilgeboten. Das fortwährende Rauschen der eifrig bewegten Fächer, Kindergeschrei und das Ausklopfen der Pfeifen verursacht andauernden und abwechslungsreichen Lärm, welcher den Kunstgenuss einigermaßen beeinträchtigt.

Die ziemlich geräumige Bühne ist sehr primitiv für den Szenenwechsel eingerichtet, indem dieser nur durch Drehung einer Scheibe erfolgt, welche die verschiedenen Dekorationen trägt. Das aus wenigen Musikern bestehende Orchester befindet sich in der Höhe des ersten Stockwerkes neben der Bühne in einem käfigartigen Raum, aus welchem ab und zu unmelodische Töne an unser Ohr dringen. Rechts und links vom Parket und über die ganze Länge desselben gezogen, führen zwei Bretterstege, Blumenpfade genannt, zur Bühne; diese bieten für den An- und Abmarsch von Gruppen Bewaffneter sowie für Aufzüge Raum, dienen aber auch überhaupt für die Annäherung der Schauspieler, die schon vom Brettersteg aus zu agieren und zu sprechen beginnen. Während der langen Zwischenpausen begibt sich der elegante Teil des Publikums in die umliegenden Teehäuser, um erst bei Fortsetzung des Schauspieles in das Theater zurückzukehren.

Die Vorwürfe der im japanischen Theater zur Aufführung gelangenden Stücke sind zumeist der vaterländischen Geschichte entnommen, welche in ihren fortwährenden Daimio- Kriegen unerschöpflichen Stoff liefert; hitzige Kämpfe, Mord, Totschlag und Harakiri, das jetzt außer Übung gekommen ist, bilden meist den Höhepunkt der dramatischen Entwicklung; doch fehlt es auch nicht an Darstellungen aus dem Volksleben und an Sittenstücken, wenn man diesen Ausdruck anwenden darf. Ist ein Stück gar zu lang oder zu tragisch im Ausgang, so werden, wie man mir sagte, beliebige Kürzungen vorgenommen und einzelne Akte aus anderen Bühnenwerken eingeschoben. Als Schauspieler treten ausschließlich Männer auf, die es jedoch verstehen, weibliche Partien in Stimme, Haltung, Gebärde und Kleidung vortrefflich wiederzugeben. Dass wir von der Handlung des Stückes, welches eben aufgeführt wurde, nicht viel verstanden, brauche ich nicht erst besonders hervorzuheben; dasselbe gehörte der Kategorie der Eifersuchtsdramen an und gipfelte, nach den Gesten und dem Mienenspiel der Akteure zu schließen, in dem heftigen Zerwürfnisse eines Liebespaares. Offenbar gestaltete sich der Verlauf überaus traurig, weil die Zuhörerschaft sichtlich ergriffen war, namentlich der weibliche Teil derselben in Tränen schwamm und wir mitunter lautes Schluchzen vernahmen. Bald aber mussten wir uns von dem Schauspiel losreißen, um nach dem ziemlich entfernten Ujeno-Bahnhof zu fahren, wo sich die kaiserlichen Prinzen und die Minister eingefunden hatten, von mir Abschied zu nehmen.

Die Bahn zieht in nördlicher Richtung, gutgepflegtes Land durchsetzend, bis Utsunomija, um von hier aus nordwestwärts gewendet den dem Japaner heiligen Boden von Nikko zu erreichen. Von den Ufern des Tone-gawas an bis knapp vor Nikko reicht eine Allee aus Cryptomerien, welche wohl ohnegleichen dasteht und in dem Dunkel der Nacht, schattenhaft umrissen, einen großartigen Eindruck macht. Ein frommer Mann, zu arm, um zu den Heiligtümern in Nikko eine Bronzelaterne zu stiften, soll diese Allee gepflanzt haben. Wo wir heute auf einer Schienenspur flüchtig dahinrollten, zog unter den Tokugawa-Schogunen der Reiheischi auf der nach ihm benannten Straße dahin, der Abgesandte des Mikados, welcher Gaben im Mausoleum Ijejasus zu Nikko darzubringen hatte.

Um 11 Uhr nachts waren wir in Nikko angelangt, wo ungeachtet der vorgerückten Stunde Neugierige in großer Zahl den schier endlosen Zug von Dschinrickschas anstaunten, welcher sich einer Schlange gleich vom Bahnhof nach dem über 2 km entfernten Nikko-Hotel bewegte, das in der Talenge außerhalb der Tempelstadt, nahe einem Tempelhain liegt und uns treffliche Aufnahme bereitete.

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  • Ort: Nikko, Japan
  • ANNO – am 20.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater als Ersatz ein Ballet und „Wiener Walzer“ aufführt.

Tokio, 19. Aug. 1893

Bevor ich zu der auf den heutigen Tag angesetzten Parade fuhr, welche auf dem großen Exerzierplatz im Westen der Stadt stattfinden sollte, wurde ich mit meiner japanischen Suite in verschiedenen Positionen photographiert.

In einem Galawagen, begleitet von einer Kavallerie-Eskorte, legte ich den ziemlich weiten Weg bis zum Paradeplatz zurück, wo mich der Kaiser in einem reichgeschmückten, mit Goldbrokat ausgeschlagenen Zelt bereits erwartete und vorerst die üblichen Zigaretten geraucht wurden. Die Truppen, 7530 Mann, waren nicht in Treffen, sondern im Carré formiert, dessen eine Seite für die Aufstellung des kaiserlichen Zeltes sowie für das diplomatische Korps, die Hofchargen und die dienstfreien Offiziere offen gelassen war.

Der Kaiser und ich bestiegen bereit gehaltene Pferde und ritten im Schritt, gefolgt von den Prinzen, dem Kriegsminister, den Militärattaches und mehreren höheren Offizieren, an den Empfangsflügel heran und sodann die Front entlang. Die Infanterie stand in Bataillonsmassen mit entwickelten Kompanien, die Kavallerie, Artillerie und der Train in entwickelter Linie. Die höheren Kommandanten meldeten den Stand der ausgerückten Truppen und ritten dann in der Suite mit.

Wie schon in Kumamoto, hatte ich auch hier wieder Gelegenheit, über die Leistungen zu staunen, die von der japanischen Armeeverwaltung in kurzer Zeit vollbracht wurden. Dies ist das Verdienst der fruchtbringenden Studien, welche die Regierung im Ausland durch ihre militärischen Vertreter hat machen lassen, die, nicht so aufdringlich wie mitunter jene anderer Mächte, in ihrer stillen, bescheidenen Weise verstehen, das Gute zu erfassen und sich anzueignen. Mit seltenem Geschick hat die Armeeverwaltung fremde Einrichtungen ohne gedankenlose Nachäffung den Landesverhältnissen anzupassen und so wirklich Gediegenes zu schaffen gewusst. Charakteristisch ist, dass aus der Haltung der im Ausland herangebildeten Offiziere unschwer zu entnehmen war, wo sie ihre militärische Schulung erhalten haben, da sich der strammer einhermarschierende Offizier als aus deutscher Abrichtung hervorgegangen sofort von jenem unterschied, der in seinem Wesen leichtere Auffassung verriet und sich so als Zögling Frankreichs zu erkennen gab.

Dem Abreiten der Front folgte die Defilierung, die unglaublich gut vonstatten ging, mich jedoch insofern auf einen Fehler im Excerzier-Reglement schließen lässt, als meiner Ansicht nach das Kommandieren der Kopfwendung zu spät erfolgt, so dass die Flügelchargen unwillkürlich vorprellen, woraus sich eine unschöne, halbmondartige Form der entwickelten Kompanien ergibt. Das Marschieren, abwechselnd begleitet von den Klängen eines japanischen und des österreichischen Radetzky-Marsches, erfolgte frei und raumgreifend. Bemerkenswert ist das vortreffliche Material, mit welchem die höheren Infanterieoffiziere beritten gemacht sind, wenngleich denselben nicht durchaus eine entsprechende Reitkunst eigen ist. Artillerie und Kavallerie — eine Escadron von einem sehr kleinen Prinzen auf einem sehr großen Pferde geführt — defilierten in kurzem Trabtempo; die Batterien waren sehr gut alligniert, die Kavallerie hingegen geriet etwas außer Ordnung. was wohl den zahlreichen Hengsten zuzuschreiben war, die sich unter den Mannschaftspferden befanden. Als während der Parade das Pferd des Kaisers unruhig wurde, sprang der Oberststallmeister aus dem Sattel, erfasste eine Handvoll Erde und rieb hiemit Maul sowie Nüstern des Gaules — ein mir ganz neues hippisches Beruhigungsmittel.

Kaum war die letzte Abteilung des Trains vorbeidefiliert, saßen wir ab; der Kaiser nahm Abschied, und ich fuhr in der Gala-Equipage nach unserem Palais zurück, um mich nach einer kurzen Ruhepause zu einem Dejeuner beim Prinzen Komatsu Akihito zu begeben.

Außer dem Prinzen und seiner Familie, worunter auch die hübsche Schwiegertochter des Prinzen, waren etwa 15 Gäste versammelt. Mein Gastgeber erkundigte sich lebhaft nach dem Befinden meines Vaters, bei welchem er gelegentlich eines Aufenthaltes in Wien diniert hatte, und sprach überhaupt viel von unserer Kaiserstadt. Die ganze Familie kam mir sehr herzlich entgegen, so dass das Dejeuner in zwangloser, heiterer Stimmung verlief.

Nachmittags wurde ich durch eine von Sannomija im Garten des Palais veranstaltete Produktion der Schüler der kaiserlichen Fechtschule überrascht, wodurch ich zu meiner Genugtuung Einblick in das Wesen der altjapanischen Fechtkunst erlangte. Bei der Schauübung wurde mit Schwert gegen Schwert, mit einem Schwert gegen zwei Schwerter, mit Lanze gegen Schwert, endlich mit Lanze gegen Lanze gefochten; die Schwerter und Lanzen waren aus starkem Bambus geschnitten. Kopfmasken aus Draht, schwarz und rot lackierte Plastrons sowie Fußschienen schützten die Fechter; Arme und Knie blieben unbedeckt und zeigten manche von kräftigen Hieben herrührende Schramme. Als zulässige Hiebe galten jene auf den Kopf, den Rumpf, den Unterarm und den Hals. Die Fechter machten ihre Sache recht geschickt, man sah, dass sie Schule und Übung hatten; Finten und Paraden scheinen unbekannt, da den Hieben eigentlich nur durch Körperbewegungen sowie durch Beiseite-, Vor- und Rückwärtsspringen ausgewichen wird; hingegen fehlt das bei allen orientalischen Völkern im Kampf übliche aneifernde Geschrei nicht. Ein unterhaltendes Intermezzo war es, als plötzlich mein japanischer Leibjäger die Maske aufstülpte und wacker zu fechten begann. Nach Beendigung jedes Assauts, bei dem ein Richter die Points markierte, begrüßten sich die Fechter, indem sie niederknieten und den Oberkörper zur Erde neigten.

An diese Produktion reihte sich ein Fischfang in dem mit dem Meer in Verbindung stehenden Teiche des Palaisgartens; das Resultat war jedoch ein klägliches, da es in der Erbeutung eines einzigen Fisches bestand. Wie ich hörte, soll die Kaiserin hier zuweilen mit der Angel fischen, doch dürfte auch in solchem Fall die Ausbeute, nach dem heutigen Ergebnisse zu schließen, keine glänzende sein.

Mittlerweile war die Stunde des Gala-Diners gekommen, das für 4 Uhr bei den Majestäten angesagt war. Das Diner fand unter dem gleichen Zeremoniell wie das Dejeuner statt; glücklicherweise herrschte im großen Festsaal wegen der vorgerückten Nachmittagsstunde keine so hohe Temperatur wie gestern. Als Gäste hatten sich dieselben Persönlichkeiten eingefunden, welche schon dem Dejeuner zugezogen waren. Kaiser Mutsu Hito brachte einen Toast aus, welchen der Dolmetsch übersetzte, worauf die Volkshymne gespielt wurde und ich mit einem Trinkspruch auf die Majestäten sowie das ganze kaiserliche Haus antwortete; selbstverständlich erklang hiezu die japanische Hymne. Nach dem Diner verabschiedete ich mich von der Kaiserin, den Prinzen und Prinzessinnen. Der Kaiser machte mir gegen seine sonstige Gepflogenheit noch einen Abschiedsbesuch im Hama-Palais und sprach bei dieser Gelegenheit seine Befriedigung über die günstigen Eindrücke aus, die ich in Japan empfangen; zur Erinnerung übergab er mir das Modell eines Repetiergewehres, die Erfindung eines Japaners, welches demnächst in der Armee eingeführt werden soll.

Die letzte Mahlzeit des heutigen Tages, das Souper in unserem Lustschloss, wurde durch das Schauspiel einer prächtigen Gartenbeleuchtung sowie eines Feuerwerkes gewürzt. Der Garten, weitaus die größte Zierde des Hama-Palais, schon um der Aussicht willen, die er auf das mit Segelbooten besäete Meer bietet, kam in dem hellen Licht der zahllosen Lampions, die sich in dem Teich vielfach wiederspiegelten, und in dem Feuer der Raketen zu vorteilhafter Geltung.

Während des Soupers produzierte sich ein Schnellmodelleur, der, lediglich mittels der Finger arbeitend, mit kaum glaublicher Raschheit aus klebrigen, wie Wachs aussehenden, verschiedenfarbigen Reismassen jeden beliebigen Gegenstand nachbildete; wir ließen von dem Künstler zuerst allerlei Tiere, dann eine Japanerin, zuletzt einen Herrn aus der Gesellschaft modellieren — Aufgaben, die in vollendeter Weise gelöst wurden.

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  • Ort: Tokio, Japan
  • ANNO – am 19.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

Tokio, 18. Aug. 1893

Ein Tag hoher Freude für jeden treuen Untertanen — der Geburtstag unseres vielgeliebten Allergnädigsten Kaisers und Herrn! Das Herz jedes Einzelnen von uns schlug heute höher; denn obgleich wir durch viele tausend Meilen von der teueren Heimat getrennt waren, genossen wir doch das Glück, den heutigen Festtag auf heimatlichem Boden zu verbringen. Das erste Mal in meinem Leben weilte ich an dem Geburtsfeste Seiner Majestät außerhalb Österreichs — um so bewegter gedachte ich unseres allverehrten Herrschers und mit mir alle auf der „Elisabeth“ vereinigten Untertanen Seiner Majestät, deren tiefempfundenes Gefühl der Ergebenheit für den geliebten Herrn, das ja jeden Sohn des Vaterlandes, wo immer er auch sein mag, beseelt, in dem innigen Wunsch gipfelt: „Gott erhalte, Gott beschütze Seine Majestät den Kaiser!“

Morgens um 8 Uhr hissten wir unter Abfeuerung von 21 Schüssen die große Flaggengala und am Großtopp die Standarte, worauf alle im Hafen befindlichen japanischen, englischen, amerikanischen und deutschen Kriegsschiffe den Salut für die Standarte leisteten. An dem feierlichen Gottesdienst, bei welchem unser Marinekaplan eine warme, der Feier des Tages würdig angepasste Ansprache hielt, nahmen außer mir und meiner Suite noch teil unser bevollmächtigter Minister mit dem Gesandtschaftspersonal, der Generalkonsul, der Schiffsstab und die gesamte Mannschaft; als das Te Deum angestimmt wurde, erdröhnten abermals 21 Schüsse.

Nach der heiligen Messe fand die Aufwartung sämtlicher Anwesenden sowie aller Kommandanten der fremden Kriegsschiffe statt, die ihre Glückwünsche anlässlich des Geburtsfestes Seiner Majestät zum Ausdruck brachten. Das Anlegen der Gigs, in welchen die Kommandanten gekommen waren, gestaltete sich ziemlich schwierig, da eine sehr steife Brise die See selbst im Hafen hoch gehen ließ.

Kaum war das Mittagssignal abgegeben, so ertönte abermals Kanonendonner, womit die Kriegsschiffe und die Landbatterien unseren Festtag begrüßten.

Um 2 Uhr nachmittags hätte auf dem mit Flaggen geschmückten sowie durch Blumen und Girlanden in einen Garten umgewandelten Eisendeck das Fest-Diner stattfinden sollen, zu welchem ich nebst dem Schiffsstab auch die Herren der Gesandtschaft eingeladen hatte; doch ging leider knapp vor Beginn des Mahles eine heftige, stürmische Regenböe nieder, die in wenigen Minuten die Dekoration zum Teil zerstörte und die bereits gedeckte Tafel sowie das Eisendeck überschwemmte. Überhaupt herrschte tagsüber böses Wetter, bedingt durch einen im Norden von Jokohama passierenden starken Taifun, der arg gewütet haben musste; denn als ich an Seine Majestät meine ergebensten Glückwünsche telegraphisch übermitteln wollte, kam mir die Meldung zu, dass die Telegraphenleitung durch den Taifun zerstört worden sei. War die See im Hafen schon sehr bewegt, so tobte das Unwetter auf der offenen See erst recht mit voller Wucht, Berge von Wellen aufwühlend.

Endlich konnte das Diner, nachdem die Tafel in den zwar beengten aber sturmsicheren Räumen des Offizierscarrés, so gut es eben ging, wieder gedeckt war, mit einer Stunde Verspätung seinen Anfang nehmen. Als ich den Toast auf Seine Majestät unseren Kaiser ausgebracht hatte und ein brausendes, dreifaches Hurrah die Schiffsräume durchhallte, die Geschütze in die Klänge der Volkshymne dröhnend einfielen, da war wohl keiner unter uns, der nicht tief ergriffen gewesen wäre. Zwei Stunden konnten wir noch gemütlich beisammen bleiben, bis es endlich hieß, nach Tokio aufzubrechen, wo ich an einem von unserem Gesandten gegebenen Diner und an einer demselben folgenden Soiree teilnehmen wollte.

Der Wind hatte bis zur Stärke 6 und 7 aufgefrischt und ein heftiger Gussregen ging nieder, als wir von der „Elisabeth“ abstießen; unsere Barkasse war die letzte, welche noch ans Land gelangte, und dann wurde der Verkehr im Hafen eingestellt, so dass die Offiziere der anderen Schiffe sich auch später zu der Soiree nicht mehr einfinden konnten. Ganz durchnässt, da wir eine See nach der anderen in die Barkasse bekommen hatten, langten wir am Mole an und waren eine Stunde später in Tokio.

Zu dem Diner, welches in den großen Räumlichkeiten eines Clubs stattfand, erschienen außer Mitgliedern des Hofes auch die fremden Diplomaten und hohe Würdenträger. Prinz Arisugawa sprach, als der Champagner kredenzt war, auf Seine Majestät unseren Kaiser in japanischer Sprache einen Toast, der uns verdolmetscht wurde, und durch einen von mir auf das Wohl des Mikados ausgebrachten Trinkspruch, den Coudenhove ins Japanische übersetzte, Erwiderung fand.

Im unmittelbaren Anschluss an das Diner war eine große Soirée angesagt, zu welcher sich die Gäste im ersten Stockwerk des Clubgebäudes versammelten; bei dieser Gelegenheit wurden mir zahlreiche Persönlichkeiten vorgestellt, darunter fremde Vertreter und Attaches. Begreiflicherweise konzentrierte sich mein Interesse auf die koreanische Gesandtschaft, da deren Mitglieder in einem höchst originellen Nationalkosttim erschienen waren; dieses bestand in einer Art Priestergewand von farbigem Brokat und in einer an unsere Tiroler Hüte erinnernden Kopfbedeckung, aus feinem, weißem Rosshaar angefertigt, welche die Koreaner nicht ablegten.

Trotz der Augusthitze wurde im Verlauf des Festes ein Tanz organisiert, zu dem die Musik einlud; ich konnte mich aber, in voller Gala adjustiert und geschmückt mit allen Großkreuzen, diesem Vergnügen nicht hingeben und ließ mir an einer Ehrenquadrille genügen, an der die Prinzessinnen und einzelne Damen des diplomatischen Kreises teilnahmen. Äußerst ergötzlich war Sannomija, welcher, den Dreispitz in der Hand, unausgesetzt in Bewegung war und geradezu eine Art Solo-Menuet aufführte, indem er sich ohne Unterbrechung nach allen Seiten hin verneigte. Der Tanz bedingte ein Souper, und so zog sich das Fest bis in die späte Nacht hinein.

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  • Ort: Yokohama, Japan
  • ANNO – am 18.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Das goldene Kreuz“ aufführt.

Mijanoschita — Tokio — Jokohama, 17. Aug. 1893

Bei strömendem Regen, der mit geringen Unterbrechungen den ganzen Tag anhielt, mussten wir Mijanoschita schon um 5 Uhr morgens verlassen, um, von unserem befrackten Kutscher desselben Weges, den wir gekommen waren, geführt, rechtzeitig in Kosu einzutreffen und so den von hier um 7 Uhr abgehenden Zug zu erreichen, der uns nach Jokohama brachte. Hier bestiegen der Gesandte Baron Biegeleben, Coudenhove, Generalkonsul Kreitner sowie unser Kommandant Becker den Zug. Vom Bahnhof aus ersah ich, über die Häuser hinwegblickend, im Hafen die „Elisabeth“, die aus der Menge aller anderen Schiffe durch die mächtigen und doch eleganten Formen hervorstach — ein Anblick, der mein Herz erfreute.

Während der Fahrt von Jokohama bis Tokio musste ich mich in Gala werfen, was innerhalb des nicht eben geräumigen Waggons mit Schwierigkeiten verbunden und des Kohlenstaubes halber nur mit Gefährdung des weißen Rockes möglich war; doch das Werk gelang innerhalb der Fahrtdauer von 40 Minuten. Ein Blick aus dem Fenster belehrte mich zu meiner nicht geringen Erheiterung, dass die Regierung in ihrer Besorgnis um meine Sicherheit so weit gegangen war, selbst das Meer polizeilich besetzen zu lassen; denn ich nahm dort, wo die Bahn hart an der Küste hinzieht, Wachleute wahr, die, auf Strecken von je einigen hundert Metern in Booten postiert, bei Vorbeifahrt des Zuges salutierten. Bei der Ankunft in Tokio gab eine 7 cm Gebirgsbatterie auf einer Wiese den Salut ab.

Auf dem Bahnhof der Schimbaschi-Station, welcher völlig abgesperrt war, so dass nur offizielle Persönlichkeiten Zutritt gefunden hatten, begrüßte mich im Auftrag des Kaisers der kaiserliche Prinz Arisugawa, — des Mikados Oheim und der Verfasser des erwähnten Sinnspruches im Offizierscasino zu Otsu — welcher schon im Bürgerkrieg des Jahres 1868 und im Satsuma- Aufstand des Jahres 1877 als Oberbefehlshaber die Truppen des Kaisers zum Sieg geführt hatte und gegenwärtig Armee-Oberkommandant ist. Auch alle Minister und Hofwürdenträger waren zum Empfang erschienen; Baronin Biegeleben, die Schwester unseres Gesandten, und Frau von Kreitner überreichten mir im Namen der österreichisch-ungarischen Kolonie duftende Blumensträuße. Nach der üblichen Vorstellung der beiderseitigen Suiten und der obersten Würdenträger bestieg ich, während eine Ehrenkompanie unter den Klängen des japanischen Generalmarsches präsentierte, mit dem Prinzen einen Hofgalawagen und fuhr, von einer Escadron Garde-Lanciers escortiert, durch ein Spalier von Truppen nach dem kaiserlichen Lustschloss O-hama-goten, welches ziemlich weit außerhalb der Stadt am Meeresstrand gelegen ist.

Der erste Eindruck, welchen Tokio während unserer Fahrt nach dem Palais machte, war kein sehr freundlicher, weil der Blick nur auf kleine, wenig reinliche Häuser, lange Kanäle, Fabriken und schmucklose Mauerfronten fiel. Unser Absteigequartier, bei welchem gleichfalls eine Ehrenkompanie aufmarschiert war, die präsentierte und das Spiel rührte, trägt eigentlich mit Unrecht den Titel eines Lustschlosses, da es sich als eine kleine Villa erweist; sie ist in europäischem Stil erbaut und stellt sich hinsichtlich der inneren Einrichtung als Versuch dar, abendländischen Komfort mit japanischem zu verschmelzen, wobei ich jedoch hervorheben muss, dass die Gegenstände indigenen Ursprunges sich durch ihre geschmackvolle Ausführung vorteilhaft auszeichnen.

Bald nachdem Prinz Arisugawa sich verabschiedet hatte, erwiderte ich dessen Besuch und ließ meine Karten bei den kaiserlichen Prinzen Komatsu Akihito, gleichfalls einem Oheim des Mikados und Kommandanten der Garde-Division, und Kan-in Kotohito, dem Adoptivbruder des Kaisers und Escadrons-Chef.

Der Weg, welchen ich behufs Abstattung dieser Besuche zurückzulegen hatte, führte mich durch das Herz Tokios, welcher Umstand mir in Verbindung mit den bedeutenden Entfernungen — ich brauchte, obschon ich keinen der Prinzen zu Hause traf, zwei Stunden — die Möglichkeit gab, einen Überblick über die Stadt zu gewinnen. Tokio oder Jedo, wie die Stadt früher hieß, ist an der Stelle erstanden, wo in der Mitte des 15. Jahrhunderts eine kleine Festung, umringt von vereinzelt liegenden Ortschaften, erbaut worden war, die im Jahre 1524 in den Besitz des zu Odawara residierenden Hodscho Udschitsuna gelangt ist.

Nach Zertrümmerung der Hausmacht dieser Hodschos und Belehnung Ijejasus mit den jenem Geschlecht gehörigen acht Provinzen des Kwanto, erhob Ijejasu im Jahre 1598 Jedo zu seiner Residenz, welche rasch wuchs und gedieh, da sämtliche Fürsten des Landes verpflichtet waren, hier Paläste zu bauen und einen Teil des Jahres daselbst zu verbringen. Die Glanzzeit Jedos ist mit jener der Schogune aus dem Hause der Tokugawa enge verknüpft, deren Residenz die Stadt bis zur Abschaffung des Schogunates blieb. Einer neuen Epoche ging und geht Jedo, welches 1869 den Namen Tokio, das ist Osthauptstadt, erhalten hat, entgegen, seit der Mikado hier seinen Sitz aufgeschlagen hat.

Die Stadt erhebt sich, etwa 260 km2 bedeckend, nördlich der seichten Bucht von Jedo und westlich sowie östlich des Sumida-gawa, an dessen rechtem Ufer Tokio gegen Norden und Westen zu etwa 30 m hohen, flachen Hügeln ansteigt. Die Anzahl der Einwohner wird auf 1.628.000 angegeben, wobei allerdings auch Tokio-Fu, das ganze städtische Gebiet, also etwa Groß-Tokio, in Rücksicht gezogen ist. Von den 15 Distrikten, Ku genannt, in welche die Stadt eingeteilt ist, bilden jene den Mittelpunkt des Gemeinwesens, welche innerhalb der äußersten, mit ihren Gräben in die Jedo-Bucht und in den Sumida endenden Enceinte des O-Schiro liegen, des alten, durch Festungswerke, Ringmauern und Gräben versicherten und nach dem Bürgerkrieg in Flammen aufgegangenen Schlosses der Schogune.

Kodschimatschi, einer dieser Distrikte, ist der Sitz der Regierung des modernen Japan; denn hier befinden sich außer dem kaiserlichen Palast auch die Gebäude, in welchen die Ministerien sowie andere Behörden und Ämter untergebracht sind, und die Palais der Gesandtschaften; diese Baulichkeiten sind dort emporgewachsen, wo einst die Jaschiki genannten Behausungen der Daimios das Schloss umgaben.

Seit dem Jahre 1872 hat sich die neueuropäische Baukunst Bahn gebrochen, so dass die öffentlichen Gebäude und viele andere den Eindruck moderner Baulichkeiten einer englischen oder einer mitteleuropäischen Stadt machen; an den in Gärten gelegenen Palais und Villen sind alle erdenklichen Stile und Stilvariationen zu beobachten, und ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren, als ich die rein gotische Fassade des Palais eines der Prinzen erblickte. In unmittelbarer Nähe erheben sich gleichwohl noch Behausungen japanischen Gepräges, so dass ein baulicher Widerspruch in diesem Teil Tokios zutage tritt, der nicht schlimmer sein könnte, wenn ein original japanisches Stadtviertel etwa in der Mitte von Linz erstünde, worüber die wackeren Oberösterreicher gewiss nicht weniger erstaunt wären als der Europäer bei dem Anblick des befremdlichen Kontrastes, welchen das moderne Tokio bietet.

Dass die Stadt der fremdenfeindlichen Tokugawa-Schogune mit Jokohama schon vor 20 Jahren durch eine Eisenbahn verbunden wurde, dass sie sich einer Tramway, einer Gesellschaft für elektrische Beleuchtung, des Telephons und einer elektrischen Bahn erfreut, ja dass sie schon zwei große industrielle Ausstellungen hinter sich hat, mag als Kulturfortschritt anerkannt werden, aber in der Entnationalisierung ihrer Bauten gehen die Japaner weiter, als gebilligt werden kann. Haben sie ja doch einen so charakteristischen Baustil, der harmonisch mit der Landschaft zusammenklingt, der aufs engste mit der hochentwickelten Kunst und Industrie, mit dem Menschen selbst und seinem Leben zusammenhängt! Es scheint, dass man auch der Stadt ein anderes Kleid anziehen wollte, seit die Zwei-Schwertmänner aus ihren Straßen verschwunden sind, seit der Ruf des dem prunkvollen Aufzuge des Daimios voranschreitenden, mit dem Fächer winkenden Herolds: „Schita-ni-oru!“ (Werfet Euch nieder!) nicht mehr erschallt. Zugunsten der europäischen Bauart und der Verwendung von Stein lässt sich freilich auf die hiedurch verminderte Feuersgefahr hinweisen, unter welcher Tokio zu leiden gehabt; denn ein Teil seiner Geschichte ist in Flammen geschrieben, wiederholt wurde die Stadt eingeäschert, und ein japanisches Sprichwort sagt: „Das Feuer ist Jedos Blume“.

Glücklicherweise bekam ich diese Blume nicht zu schauen, sondern nur jene Kinder Florens, welche in den freundlichen Gärten leuchten; diese sind stilgerecht gepflegt, hier haust noch das Japan der alten Zeit — auf dem Gebiete der Horticultur sind die Japaner offenbar konservativ.

Unsere Fahrt ging des öfteren über Wassergräben der alten Schlossumwallung, worin im Winter Tausende von Wildenten hausen, die hier geschont, auf anderen Kanälen der Stadt aber mit Netzen gefangen werden.

Um die Mittagsstunde sollte die Aufwartung bei den Majestäten vor sich gehen und fuhr ich zu diesem Behuf in voller Gala, bei strömendem Regen in einem purpurroten Wagen „eskortiert, ansalutiert, angeblasen und bekomplimentiert“ nach dem kaiserlichen Palais.

Der Weg führte über einen freien Platz innerhalb der äußersten Schloss-Enceinte, wo früher wohl ebenfalls Jaschikis gestanden hatten und sich jetzt in grellem Widerspruch zu dem Schauplatz ehemaliger feudaler Herrlichkeit das Gebäude des japanischen Parlamentes erhebt. Letzteres wurde bereits im Jahre 1890 eröffnet, doch spross schon zwei Monate später aus dem Gebäude Jedos Blume, so dass es in Asche versank, um jedoch im folgenden Jahre wieder neu zu erstehen. Immerhin scheint der Parlamentarismus sich hier noch keiner ungeteilten Sympathien zu erfreuen; wenigstens verlauteten, wie mir erzählt wurde, in japanischen Kreisen anlässlich jenes Brandes Ausdrücke des Bedauerns darüber, dass während der Katastrophe keine Sitzung stattgefunden habe. Unweit des Parlamentsgebäudes wächst ein für das Marineministerium bestimmtes Palais empor, das eine im Hinblick auf die zahlreichen Erdbeben recht bedenkliche Höhe erreicht hat. Die fortifikatorischen Anlagen des alten O-Schiro passierend, gelangten wir in den Garten des kaiserlichen Palais und befanden uns, nachdem wir unter mehreren Torbogen hindurchgefahren waren, sowie eine steil berganführende, mit Kies bestreute Wegstrecke — das Palais liegt auf einem dominierenden Hügel — überwunden hatten, vor der kaiserlichen Residenz. Diese stellt sich, im Jahre 1889 an der Stätte des einstigen Schlosses der Schogune errichtet, als ein in japanischem Stil gehaltener kolossaler Holzbau dar — doch wie lange wird es dauern, bis auch dieses Stück Alt-Japan fallen und einem modernen Bauwerke Platz machen wird!

An der Treppe empfing mich der Kaiser Mutsu Hito in der Uniform eines japanischen Marschalls, welche der französischen sehr ähnelt, und geschmückt mit dem Band des Stephans-Ordens. Die den Kaiser cortegierenden Würdenträger waren teils im golddurchwirkten Staatsfrack, teils in militärischer Paradeuniform erschienen. In der Reihe der Mikados der 121., oder nach einer anderen Zählung der 123., ist der Kaiser im Jahre 1852 geboren und regiert seit 1868; eine kräftige Erscheinung, zeigt der Kaiser in seinen Zügen den Typus, welcher, wie man sagt, dem Japaner der nördlicheren Gebiete eigen ist. Die Konversation wurde, weil dem Kaiser keine europäische Sprache geläufig ist, durch Vermittlung eines Dolmetsches geführt, was den Verkehr natürlich hemmt und um so bedauerlicher ist, als der Mikado ein reges Interesse für die verschiedensten Fragen an den Tag legt.

Unter den schwierigsten Verhältnissen in jungen Jahren zur Regierung gelangt, hat der Kaiser, obschon seine Erziehung noch völlig von dem alten System beherrscht war, in Japan nicht nur Reformen eingeführt, sondern das Land auch auf eine ganz neue Grundlage gestellt. Bei diesen Umwälzungen galt es, dem Mikado, welcher bisher in der Zurückgezogenheit eines göttliche Verehrung genießenden Wesens dahingelebt hatte, während die kaiserliche Macht in den Händen des Schoguns ruhte, die ganze Fülle der Herrschaft zurückzuerobern, die Feudalherren und die Samurais ihrer Prärogative zu entkleiden, die das Volk teilenden rechtlichen Schranken zu beseitigen und mit dem Systeme der Abschließung gegenüber dem Ausland zu brechen. Das Geschick und die Entschlossenheit, womit Japan durch schwere innere Erschütterungen hindurch den ins Auge gefassten Zielen zugeführt wurde, sind aller Anerkennung würdig, und Bedeutendes gewollt zu haben, muss allein schon dem Kaiser Mutsu Hito in der Geschichte seines Landes einen hervorragenden Platz sichern. Ein abschließendes Urteil darüber, inwieweit die modernen Errungenschaften tiefe Wurzeln geschlagen haben und so in den dauernden Besitzstand des Volkes übergegangen sind, kann heute umsoweniger gefällt werden, als ja der großartige Prozess, eine nach vielen Millionen zählende Nation ihrer ererbten staatlichen und der damit innig zusammenhängenden gesellschaftlichen Einrichtungen zu entkleiden, gewiss noch lange nicht zu Ende gediehen ist und daher Rückschläge sowie die Notwendigkeit theilweiser Umgestaltungen des bisher Erreichten nicht unwahrscheinlich sind.

Aber soviel dürfte wohl jetzt schon feststehen, dass Japan endgiltig aus der Zahl der asiatischen Theokratien und Despotien ausgeschieden und in das Konzert der zivilisierten Staaten eingetreten ist. Hiedurch kann Japan bei der Verschiedenheit der Interessen, welche die europäischen Staaten in Asien verfolgen, dereinst leicht zu einem Faktor werden, mit dem in Fragen der äußeren Politik anders gerechnet werden muss als früher, ja es ist nicht ausgeschlossen, dass Japan die europäische Lage mindestens indirekt zu beeinflussen vermag. Ob dies gerade ein wünschenswerter Erfolg der auf die Erschließung Japans gerichteten Bestrebungen ist und nicht vielleicht eine Mahnung sein sollte, nicht gar so viel Kultur nach dem Osten zu tragen?

Durch lange Korridore geleitete mich der Mikado, während die Suiten in den großen Speisesaal geführt wurden, in die Audienzhalle, wo mich die Kaiserin Haru-ko, eine auffallend kleine, aber zierliche, anmutige Frauengestalt in tadelloser Pariser Toilette und umgeben von ihren gleichfalls europäisch gekleideten Hofdamen, erwartete.

Die Kaiserin, welcher der Ruf vorangeht, die ihr durch die neuen Verhältnisse auferlegten Pflichten in anerkennenswerter Weise zu erfüllen und namentlich der Erziehung des weiblichen Geschlechtes Aufmerksamkeit zuzuwenden, ist die Tochter des Itschitscho Tadaka aus dem Geschlecht der Fudschiwaras, einer Kugen-Familie von höchstem Rang. Die Kugen, den Hofadel bildend, leiten sich von Mikados ab, ja einige dieser Geschlechter, darunter die Fudschiwaras, führen ihren Stammbaum so weit zurück wie der Mikado, und dieser darf die Kogo, die ebenbürtige Frau, nur aus den fünf ersten Kugen-Familien erwählen, während den niedrigeren Kugen-Familien zwölf Nebenfrauen, Go-tenschi, entnommen werden können. Ursprünglich die einflussreichste Klasse, verloren die Kugen ihre Macht zugunsten der Feudalherren, giengen diesen aber im Rang immer voran und hatten wie die Mitglieder der kaiserlichen Familie das Recht, sich bei Reisen von Ochsen ziehen zu lassen. Die Kaiserin Haru-ko ist die Kogo des Mikados, welcher noch fünf Nebenfrauen besitzt, deren dritte, Madame Janagiwara Aiko, ihm 1879 einen Sohn, Joschihito benannt, geschenkt hat, der — die Kaiserin ist kinderlos — 1889 zum Erben des Reiches erklärt wurde.

Das Kaiserpaar und ich nahmen in der Mitte des Saales Platz und konversierten des längeren, wobei die Majestäten sich namentlich über Wien sehr genau unterrichtet zeigten. Nach einiger Zeit traten die in Tokio eben anwesenden Prinzen und Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses ein, welch letzteren ich bei der Vorstellung die zarten Hände küsste, was zwar noch nicht ganz in die japanische Etiquette übergegangen zu sein scheint, gleichwohl aber von den Damen gut aufgenommen wurde.

Außer dem Prinzen Arisugawa waren erschienen die Prinzen Komatsu Akihito und Kan-in Kotohito, welcher, dank der in Frankreich genossenen Erziehung und der bei einem französischen Kavallerieregiment erworbenen Ausbildung, vortrefflich französisch spricht; ferner die Prinzessinnen Tadako, Arisugawas Gemahlin; Jasuko, des letzteren Schwiegertochter; Joriko, Komatsu Akihitos, und Kan-in, Kan-in Kotohitos Gemahlin; endlich jene des Prinzen Jorihito, des Sohnes von Komatsu Akihito. Die Letztgenannte, eine außerordentlich schöne und liebreizende Dame, war von dem traurigen Schicksal betroffen worden, dass ihr Gemahl sie nach nur achttägiger Ehe verlassen hat, um eine einjährige Reise nach Chicago und Europa anzutreten. Leider konnte ich der Prinzessin mein Mitgefühl nicht ausdrücken, da sie nur der japanischen Sprache mächtig ist.

Nachdem Freund Sannomija, der heute als Zeremonienmeister fungierte, das Dejeuner angesagt hatte, reichte ich der Kaiserin den Arm, was ebenso wie das Schritthalten bei unseren so wesentlich differierenden Körpergrößen einige Schwierigkeiten bot; der Kaiser geleitete die Prinzessin Arisugawa, und so schritten wir durch die langen Gänge des Schlosses in den Speisesaal, welchen wir unter den Klängen der Volkshymne betraten. An dem Dejeuner nahmen vierzig Personen teil, darunter auch die Herren unserer Gesandtschaft und des Konsulates, Kommandant Becker mit mehreren anderen Herren vom Stab der „Elisabeth“, ferner alle Minister und die obersten Hofchargen. Ich saß neben der Kaiserin, welche eine sehr lebhafte Konversation mit mir führte, an der sich auch der Kaiser beteiligte, indem er sich insbesondere nach den Details der Reise erkundigte. Die Kaiserin scheint mit äußerst sympathischem Wesen ernstere Richtung zu verbinden und nicht die leichtblütigere, heitere Auffassung ihrer Stammesschwestern zu besitzen; dies dürfte wohl damit zusammenhängen, dass ihre Stellung, wie man sagt, zuweilen eine recht schwierige gewesen ist.

Das aus französischer Küche hervorgegangene Dejeuner war vortrefflich, die Getränke reihten sich den Werken der Kochkünstler würdig an, während die Tafelmusik noch nicht ganz auf der Höhe der Situation stand; hingegen servierten reich galonierte Diener — trippelnde Musumes in japanischer Tracht wären zweifellos interessanter gewesen — rasch und geschickt. Heimatlich fühlte ich mich dadurch berührt, dass bei dem japanischen Hofe das Zeremoniell unseres Hofes eingeführt ist. Die Tafelfreuden wurden mir übrigens einigermaßen dadurch verbittert, dass ich unter der hohen Temperatur zu leiden hatte, deren Wirkungen noch durch jene der vorzüglichen Weine und meiner dem Klima nicht angepassten Galauniform in unangenehmer Weise gesteigert wurden. Nach dem Dejeuner wurde Cercle gehalten und erfolgte die Vorstellung der Herren meiner Suite sowie der japanischen Würdenträger.

Von dem Prinzen Komatsu Akihito und von Sannomija geleitet, besichtigte ich sodann das Palais, welches ebenfalls europäische mit japanischer Einrichtung verbindet und ungemein reich, aber doch auch geschmackvoll ausgestattet ist. Die Wände der Korridore und Gemächer sind bedeckt mit Tapeten aus Seide und Goldbrokat, zumeist wahren Meisterwerken der Kunstwebereien in Kioto, während die Plafonds in kleine, durch Malerei und Vergoldung geschmückte Vierecke eingeteilt und die spiegelglatten Parketten mit Prachtteppichen europäischen Ursprunges belegt sind. Das Meublement in dem Audienzsaal, in dem Speisesaal und in den Vorräumen ist fast durchwegs europäisch, die Dekorationsgegenstände hingegen sind Produkte der japanischen Kunst und Industrie. In allen Räumen des Palastes ist elektrische Beleuchtung eingeführt worden, die jedoch, seit das Parlamentsgebäude infolge eines Schadens an einer gleichen Anlage ein Raub der Flammen geworden ist, nicht mehr in Funktion gesetzt werden darf, so dass gegenwärtig nur Kerzenbeleuchtung im Gebrauch steht, zu welchem Zweck an den Wänden kolossale, prächtig gearbeitete und reich vergoldete Bronzekandelaber angeordnet sind.

In unserem Palais, woselbst alle Prinzen vorgesprochen und viele Würdenträger ihre Karten abgegeben hatten, empfing ich noch den Besuch Seiner Majestät und kehrte hierauf nach Jokohama zurück, wo ich abends eintraf und mich sofort auf der ziemlich weit vom Land verankerten „Elisabeth“ wieder einschiffte. Lange saß ich mit den Herren des Stabes auf dem Eisendeck beisammen, über die Erlebnisse der letzten Zeit plaudernd und die empfangenen Eindrücke austauschend.

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  • ANNO – am 17.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Don Juan“ aufführt.

Mijanoschita, 16. Aug. 1893

Der Tag war völlig der Ruhe, dem dolce far niente gewidmet, da es weder Tempel zu besichtigen, noch des Wetters halber Ausflüge zu machen gab. Den Vormittag füllte ich mit dem Besuch der Kaufläden, woselbst ich eine Unzahl von recht nutz- und wertlosen Objekten der verschiedensten Art erstand, mit der Fütterung von Goldfischen und damit aus, dass ich zusah, wie die kunstvolle Frisur einer japanischen Dame entstand, die trotz ihres Negliges unsere Assistenz nicht verübelte. Dann legten wir alle den Kimono an und ließen uns in dieser Tracht photographieren, welche namentlich an unserem Chefarzt, der sich einer stärkeren Körperfülle erfreut, die Heiterkeit mehrerer jungen Amerikanerinnen erregte.

Besonders gelungen fiel eine Aufnahme aus, die mich umgeben von allen begleitenden Herren, diese aber nach japanischer Sitte kniend und mit der Stirne den Boden berührend darstellt. Da wir uns nun schon in landesüblichen Gebräuchen vergnügten, unterzog ich mich auch einer Tätowierung, aus welcher nach vierstündiger ziemlich schmerzvoller Prozedur, die nicht weniger als 52.000 Stiche erforderte, ein auf meinem linken Arme prangender Drache hervorging — ein Scherz, den ich wahrscheinlich seiner unvertilgbaren Spuren wegen noch bereuen werde. Ein Spaziergang sowie ein treffliches Diner beschlossen diesen, nicht eben sehr nützlich, aber ruhevoll verbrachten Tag.

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  • Ort: Miyanoshita, Japan
  • ANNO – am 16.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Königin von Saba“ aufführt.

Nagoja — Kosu, 15. Aug. 1893

Nagoja war nur als Nachtstation ausersehen, aber wir machten, zur Bahn fahrend, einen Umweg, um einen flüchtigen Blick auf das Kastell zu werfen und einen, wenn auch nur in den allgemeinsten Umrissen gehaltenen Eindruck von der Stadt zu empfangen. Diese liegt am rechten Ufer des Flüsschens Schonai und unweit der Owari-Bai, offenbart sich sofort als eine blühende Provinzstadt und war einst der Sitz der Fürsten von Owari, deren Haus durch einen Sohn Ijejasus begründet worden ist.

179.000 Einwohner zählend, ist Nagoja die viertgrößte Stadt des Landes und Hauptort des Departements Aitschi, sowie der Provinz Owari, welche zu der Landschaft des Tokaido gehört, das ist der Ostseestraße, der berühmten Landstraße zwischen Tokio und Kioto. In der Ebene gelegen, entbehrt die Stadt landschaftlich schöner Umrahmung, macht aber selbst einen ansprechenden Eindruck, nicht zum wenigsten, weil allenthalben in den zahlreichen, wohlausgestatteten Läden die Zeugnisse des strebsamen Gewerbefleißes ihrer Bewohner zutage treten.

Das Kastell, O Schiro, im Jahre 1610 als Residenz für Ijejasus Sohn gegründet und in der Anlage an die festen Burgen von Kumamoto und Osaka erinnernd, wurde ungeachtet der künstlerischen Ausstattung seiner Innenräume, nach dem gewaltigen Umschwung der Dinge in Japan dem Militär überantwortet, um später eine sachgemäßere Pflege durch das Departement des kaiserlichen Haushaltes zu finden. Der Raum zwischen dem äußeren und dem inneren Wall, vormals das Quartier der fürstlichen Samurais, umfasst jetzt Militärbaracken und Exerzierplätze. Von der Spitze des fünf Stockwerke hohen Donjons glänzen weithin über die Stadt zwei goldene Delphine, 26 m hoch und auf 462.800 fl. ö. W. geschätzt, welche im Jahre 1610 auf Kosten des berühmten Generals Kato Kijomasa, des Erbauers des Donjons, hergestellt wurden. Der eine dieser Delphine hat ein merkwürdiges, überraschenderweise mit Wien zusammenhängendes Schicksal gehabt, indem er, zur Wiener Weltausstellung gesandt, auf dem Rückweg mit dem Dampfer „Nil“ versank, jedoch mit Überwindung großer Schwierigkeiten wieder gehoben und an seiner alten Stelle angebracht wurde.

Von Nagoja ab beschreibt die Bahnstrecke einen gewaltigen Bogen zuerst in südöstlicher Richtung bis Hamamatsu, dann nordöstlich gewendet über Schisuoka bis Iwabutschi, um von hier bis Numasu östlich zu verlaufen. Die Trace zieht sich im großen und ganzen die Küste des Stillen Ozeans entlang, der durch den Tokaido vorgezeichneten Richtung folgend; hochstämmige Cryptomerien und Zypressen säumen diese uralte Verkehrslinie, die häufig an die Bahn herantritt, ein. Auf der ganzen Strecke ist der Schienenstrang über zahllose, elegant gebaute Brücken geführt, welche eine Reihe größerer und kleinerer Flussläufe, Brackwassersümpfe, Lagunen und Buchten überqueren. Unmittelbar vor der Station Maisaka setzten wir auf einem endlos scheinenden Systeme von Brücken und Deichen über den See oder richtiger die Bucht Hamano hinweg, um bald nachher auf einer zu den Musterbauten Japans gerechneten, gewaltigen Brücke den Tenriu-gawa zu überschreiten.

Im ersten Teil der Fahrt bilden unabsehbare Reiskulturen, unterbrochen von Bambushainen, den Grundzug der Gegend, welche stellenweise einem Garten gleicht, aber keine landschaftlichen Reize bietet; wo die Bahn sich der Küste nähert, gewinnt das Bild ein lebhaftes Colorit durch Ausblicke auf die See. Später ändert sich die Szenerie; denn Hügelketten reichen aus dem Innern des Landes weiter hervor, gleichsam als wollten sie den Schienenstrang immer mehr gegen die See hindrängen. Bald treten wir in den Bereich des japanischen Hochgebirges; denn die Bahn berührt den Fuß des mächtigen Fudschi und umfahrt das Hakone-Gebirge.

Wer kennt nicht den Fudschi-san oder Fudschi-no-jama, in Europa meist Fusijama genannt, dieses Wahrzeichen Japans, welches uns als einer der beliebtesten Vorwürfe japanischer Kunst auf Lackarbeiten, auf Porzellan, auf Papier, in Holz und in Metall entgegentritt? Als heiliger Berg, zu dessen Gipfel alljährlich Tausende von Pilgern wallen, als alter Vulkan, der seit dem Jahre 1707 Landfrieden gehalten, erhebt sich der Fudschi, für den höchsten Berg Japans gehalten, zu 3760 m Höhe, isoliert, auf breiter Basis kegelförmig aufragend. Leider wurde die Spitze des uns aus hundertfältigen Nachbildungen geläufigen Originales sowie der anderen Höhen durch einen leichten Nebelschleier verdeckt. Immerhin bildete es einen wirksamen Kontrast, linkerhand zu dem gewaltigen Bergmassiv emporzublicken, rechterhand die Brandung des Stillen Ozeans und weithin die See mit den zahlreichen Fahrzeugen, deren Segel eine frische Brise blähte, zu überschauen.

Einem Wall gleich, sperrt das Hakone-Gebirge den Eintritt in den Kwanto, das ist den Osten des Tores, in die Tiefebene der Reichshauptstadt, gegen welche der Tokaido über den Hakone-Pass und eine Reihe anderer Übergänge führen. Hier auf dem Hakone-Pass befand sich unter der Tokugawa-Herrschaft die große, Kwan (Tor) genannte Wache, welcher die Sicherung der Zugänge zur Ebene oblag. Allenthalben öffnen sich freundliche Täler und tief eingeschnittene Schluchten, welchen rauschende Flüsschen und Bächlein entquellen. Wenn jene immerhin respektablen Gebirge, einschließlich des imponierenden Fudschi, auf uns nicht den Eindruck des Hochgebirges machen, so liegt der Grund wohl in der abgerundeten, zarteren Formation, während wir gewohnt sind, mit dem Hochgebirge die Vorstellung von steil aufragenden, schroff abfallenden, kantigen, rissigen Felsgebilden zu verbinden.

Leider wurde der Genuss der an uns in wechselreichen Bildern vorbeiziehenden Landschaft arg gestört durch die Nachwirkungen der schlechten als Heizmaterial verwendeten Kohle, deren Staub alles bedeckte, wie denn auch in anderer Hinsicht noch nicht in europäischer Weise für den Komfort der Reisenden gesorgt ist.

In Kosu, einem beliebten Badeort, verließen wir den Zug, um uns nach der Sommerfrische Mijanoschita in dem an Thermen reichen Hakone-Gebirge zu begeben, bevor wir uns in Tokio in den Strudel der offiziellen Festlichkeiten stürzten. Ein Teehaus, welches Ausblick auf die brandende See hat, nahm uns durch kurze Zeit gastlich auf, bis wir die Fahrt nach Mijanoschita mittels Tramway antraten, die uns in westlicher Richtung dem Tokaido folgend, nach Überquerung des Sakawa-gawa und eines kleinen Baches zunächst nach Odawara brachte, dem Hauptort der Provinz Sagami und einstens verknüpft mit dem berühmten Haus der Hodschos, welches hier von dem gewaltigen Taiko-sama im Jahre 1590 vernichtet worden ist. Gegenüber den Ruinen des Schlosses von Odawara wurden die Pferde gewechselt, während die Leute hier wie anderwärts aus den Häusern liefen, uns neugierig zu betrachten, da unser Aufzug einigermaßen komisch sein mochte. Der Kutscher, welcher meinen Wagen lenkte, versah diese Aufgabe im Frack und in weißer Kravatte, sowie mit hohem Zylinder angetan und zog, von der Wichtigkeit seiner Funktion durchdrungen, die Bremse jeden Augenblick an, dass die armen Pferde den Wagen nur dampfend und keuchend vorwärts brachten; der Leibjäger aber spielte, in voller Parade, mit Sturmhut und Schwert ausgerüstet, rückwärts auf dem Wagen den Conducteur.

Wir überschritten den Haja-gawa und waren nicht lange nachher in Jumoto angelangt, wo wir die Tramway mit Dschinrickschas vertauschten, welche sich, von je drei Läufern gezogen, alsbald gegen Mijanoschita zu in Bewegung setzten und der Bergstraße folgten, die sich dem windungsreichen Tal des rauschenden Flusses anschmiegt. Jumoto, ausgezeichnet durch eine heilkräftige Schwefeltherme, ist eine Sommerfrische mit zahlreichen, zierlichen Häuschen, welche, an die Lehne des Bergzuges gebaut, im Sommer kühlen, angenehmen Aufenthalt bieten mögen.

Unser Pfad führt in Serpentinen am rechten Flussufer steil hinan, während tief unter uns, von Bäumen fast verborgen, der Haja-gawa dahinströmt; die Lehne, welche uns die wackeren Läufer emporschleppen, zeigt Baumwuchs, während die gegenüberliegende, die sonnseitige, wie wir in der Heimat sagen würden, baumlos und nur von hohem Grase bedeckt ist, da offenbar auch hier schonungslos abgestockt, aber auf Wiederaufforstung nicht Bedacht genommen wurde. In anmutiger Weise ist die Szenerie dadurch belebt, dass, wo immer ein Quell dem Felsen entsprudelt, ein Teehäuschen den Wanderer aufzunehmen bereit ist und fröhlich blickende Musumes dem Ermüdeten Tee zur Stärkung reichen.

Bei Tonosawa, etwa im ersten Drittel des Weges gelegen und gleichfalls im Besitz heißer Quellen, bleibt das Auge an einem weißen, auf dem gegenüberliegenden Hügel errichteten Bauwerk haften, welches mir als eine griechisch-orthodoxe Kapelle, gestiftet von einer russischen Gräfin, die lange in Japan gelebt hat, bezeichnet wurde; doch soll sich die Mission jenes Bekenntnisses keiner besonderen Erfolge erfreuen.

Wir waren über 400 m emporgefahren, als wir gegen 7 Uhr abends Mijanoschita erreichten, den Badeort, welcher um seiner Quellen und der reinen Luft sowie der angenehmen Spaziergänge willen viel gepriesen ist und, soweit ich überblicken konnte, eigentlich nur aus Hotels und hiezu gehörigen anderen Häusern nebst einigen Kaufläden besteht. Meine Erwartungen waren durch Schilderungen zu hoch gespannt worden, so dass ich mich einigermaßen enttäuscht fand; die Gegend kann nicht Anspruch erheben, fesselnden landschaftlichen Reiz zu bieten oder durch charakteristische Gebirgsformation besonders ausgezeichnet zu sein.

Die Ansiedlung selbst ist, wenigstens was das große Hotel, in dem wir untergebracht waren, anbelangt, ganz europäisch eingerichtet und auf Engländer sowie Amerikaner berechnet, und nur die Bedienung durch weibliche Kräfte erinnert an Japan, ohne welche ich ebensogut glauben konnte, mich in einem Schweizer Etablissement zu befinden. Ich war von dem Wunsch erfüllt gekommen, in der Landschaft und in der Ansiedlung Original-Japan — Hochgebirge mit japanischen Alpenhütten — zu finden, und ein gemütliches Stilleben, wie in Mija-schima unvergesslichen Andenkens, hatte mir vorgeschwebt, während ich nun in einer Allerweltslandschaft ein fashionables Hotel fand, in welchem der Klang des Gongs zu Breakfast, Lunch und Dinner rief und englische Laute ertönten. Hingegen wirkten der völlige Mangel sich verneigender Würdenträger und die frische, erquickende Bergesluft erfreulich.

Ich schlenderte noch einige Zeit in der weithin sich ziehenden Talschlucht umher, nebenbei von der Absicht geleitet, etwas von der Fauna, namentlich Wild dieser Gegend zu Gesicht zu bekommen und zum mindesten Vögel singen zu hören — aber vergeblich. Nur die gemeine Krähe war häufig zu sehen, obschon ihrem Geschlecht völlige Vernichtung geschworen sein soll, seit sich einer dieser Vögel gegen einen im Garten seines Schlosses lustwandelnden Mikado unehrerbietig benommen hat und daher die aller Ehrfurcht und Etiquette baren Tiere durch ein Edikt in Acht und Bann getan worden sind. Zwar sind Japan interessante Raubtierarten sowie eine Hirsch- und eine Antilopenart eigen, worauf zu jagen mir ebenso erwünscht gewesen wäre, wie auf die allenthalben vorkommenden Fasanen; doch befanden wir uns weder in der richtigen Saison, noch auch wäre es mit Rücksicht auf das Reiseprogramm möglich gewesen, dem Waidwerk zu obliegen, so dass die Büchse in Japan ruhen musste.

Die Schwefelquellen, welche nachhaltige Wirkung wider allerlei Leiden haben sollen, sind hier in ein großes Badeetablissement japanischen Charakters geleitet.

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  • ANNO – am 15.08.1893 in Östereichs Presse.
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Kioto, 14. Aug. 1893

Da ich den lebhaften Wunsch hegte, den vielgepriesenen Biwa-See zu besuchen, setzten wir uns dahin mittels der Tokaido-Eisenbahn in Bewegung. Nach kurzer Fahrt durch unabsehbare Reisplantagen lag — wir hatten eben einen Tunnel passiert und eine scharfe Wendung gegen Nordosten gemacht — der liebliche See von der Morgensonne übergossen vor uns. In der Station Baba wurde das Coupe mit Hofwagen vertauscht, die uns nach der am Seeufer gelegenen Stadt Otsu brachten, dem Hauptort der Präfektur Schiga und der Provinz Omi, welche bereits zu der Landschaft des Tosando, das heißt der Ostberglandstraße gehört. Diese Stadt hat eine ihr selbst recht unliebsame Berühmtheit erlangt durch das tückische Attentat, welches im Jahre 1891 in einer der Straßen, die auch wir passierten, auf den Cesarewitsch verübt worden ist. Diesem Umstand hatte ich offenbar zuzuschreiben, dass hier noch umfassendere polizeiliche Maßregeln getroffen waren als gewöhnlich; alles starrte von Wachleuten.

Der Biwa-See soll den Namen seiner Gestalt verdanken, welche der Form des „Biwa“ genannten Instrumentes gleicht. Zahlreiche Sagen knüpfen sich an dieses Gewässer, das in japanischen Erzählungen eine große Rolle spielt und zugleich mit dem Berg Fudschi einem Erdbeben seine Entstehung verdanken soll. Mit dem bläulich schimmernden Spiegel ist der See liebreizend eingebettet zwischen grünende Hügel und Haine; kleine Ortschaften umsäumen die Ufer, da die lebensfrohen Japaner den landschaftlichen Zauber dieses Juwels zu würdigen gewusst haben; eine Idylle liegt hier vor uns, und die Lust wandelt den Beschauer an, zu verweilen, und einige Zeit hier zu verträumen. Sieht man von der Bauart der Häuschen ab, so könnte man glauben, an die Ufer des Starnberger Sees versetzt zu sein. Zahlreiche Dampfer und Segelschiffe ziehen hin und her, den Verkehr zwischen den verschiedenen Punkten des Seeufers vermittelnd.

Wir schifften uns auf einem kleinen Dampfer ein, welcher pustend und stöhnend — er war wohl noch nie so rasch gefahren — die blauen Fluten teilte, aber leider den Genuss der Fahrt dadurch störte, dass er rastlos die Dampfpfeife ertönen ließ, was als eine recht schlechte Eigenschaft unseres Fahrzeuges oder, besser gesagt, seines Kommandanten, der übrigens nur dem herrschenden Gebrauch folgte, bezeichnet werden muss; jede Begegnung, jede Begrüßung, jedes Signal wird von dem schrillen Pfiffe begleitet.

Bei Kurasaki, nicht ganz 6 km von Otsu westlich am Ufer des Sees gelegen, wurde gestoppt. Den Anziehungspunkt bildet hier die berühmte Kiefer, die noch vor Christi Geburt gepflanzt worden sein soll, jedesfalls aber in die grauesten Zeiten des Altertumes zurückreicht und mit Recht als ein durch den Verlauf von Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, geheiligter Baum Verehrung genießt. Die Höhe des Stammes beträgt allerdings nur 27 m, da der Baum wahrscheinlich in seiner Jugend als ein Opfer der ersten Regungen japanischer Gartenkunst gestutzt worden sein dürfte; hingegen beläuft sich der Umfang des Stammes auf mehr als 22 m und die durch die Enden der Aste gebildete Peripherie auf etwa 300 m. Die Äste laden teils fächerförmig weithin und nach abwärts geneigt aus, so dass man stellenweise nur in gebückter Haltung unter ihnen hinwegschreiten kann, teils ziehen sie sich in schlangenartigen Windungen dahin und sind durch förmliche Gerüste von Holz sowie durch Unterlagen aus Stein gestützt; unter den Ästen birgt der Baum, welcher einen ebenso riesenhaften als ehrwürdigen Eindruck hervorbringt, einen ganzen Schinto-Tempel. Wo sich im Stamm Löcher zeigen, sind dieselben fürsorglich verklebt; auch in der Krone ist der Baum, da er gegen Regen empfindlich sein soll, zwar durch ein kleines Dach geschützt, scheint aber aller Sorgfalt ungeachtet zu kränkeln, wie das Aussehen vermuten lässt, und heuer haben dem Greis überdies Raupen arg zugesetzt.

Unweit der Riesenkiefer wurden wir Zeugen eines Fischfanges; im See sind nämlich labyrinthisch angeordnete Gänge, Gitterwerke aus Bambus in Verbindung mit Reusen, so angelegt, dass die eintretenden Fische schließlich in einen verhältnismäßig kleinen Raum von wenigen Metern im Durchmesser geraten, aus welchem es kein Entrinnen mehr gibt. Vor unseren Augen wurde nun ein derartiger Raum ausgefischt, wobei mehrere hundert Kilogramm an Fischen, unter diesen insbesondere Karpfen von respektabler Größe, an das Tageslicht gelangten. Offenbar ist hier der Fang recht einträglich, weil der See, wie alle japanischen Binnengewässer, sehr fischreich ist. Die Dampfer fahren, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen, allenthalben an die hoch aus dem Wasser emporragenden Bambusgitter an, so dass man glaubt, diese müssten gebrochen und zerrissen werden; doch mit nichten — das elastische Material schmiegt sich unter dem Bug und dem Körper des Schiffes hindurch, um sich unverletzt hinter dem Hecke des Dampfers wieder zu erheben.

Nach Otsu zurückgekehrt, stieg ich die zahlreichen Stufen einer steinernen Treppe zu einer mit Nadelholz bedeckten Anhöhe empor, welche von einem Buddha-Heiligtum, dem Mii-tera, gekrönt wird, der angeblich schon im 7. Jahrhundert erbaut worden sein soll, aber wiederholt bauliche Umgestaltungen erfahren hat. Von hier bot sich eine herrliche Rundschau über den See und die denselben umfassende Landschaft; weniger entzückend wirkt der Anblick der ganz in europäischem Stil erbauten öffentlichen Gebäude, welche sich in ihrem dreisten, weißen Anstrich recht selbstbewusst, um nicht zu sagen protzig, von der Umgebung abheben.

Mit großer Anerkennung muss eines Meisterwerkes moderner Technik erwähnt werden, nämlich des Kanals, welcher mittels des Kamo-gawa-Kanals, des Kamo-gawas selbst und des Jodo-gawas den Biwa-See mit dem japanischen Binnenmeer in Verbindung bringt. Die höchst bemerkenswerte, in den Jahren 1885 bis 1890 ausgeführte Anlage besteht aus dem 11 km langen, westlich von Kioto in den Kamo-gawa mündenden Schiffahrtskanal und einem 8 km langen Nebenkanal, welcher für Zwecke der Bewässerung dient und auch die zum Betriebe verschiedener industrieller Etablissements erforderliche Wasserkraft liefert.

Die Schwierigkeiten dieses Bauwerkes lagen einmal darin, die Kanalanlage durch das harte Felsgestein des zwischen dem See und dem Kamo-gawa aufgetürmten Höhenzuges zu führen, und dann in der Überwindung einer Niveaudifferenz von 44 m. Das erstgenannte Hindernis wurde durch Erbauung von drei Tunnels, das zweite aber durch Einführung eines Systems schiefer Ebenen überwunden, auf denen die Fahrzeuge mittels starker Drahtseile, die von der im Nebenkanal verfügbaren Wasserkraft betrieben werden, auf- und niedergleiten. Der Entwurf dieser Kanalanlage stammt von Tanabe Sakuro, einem Hörer der Ingenieurschule zu Tokio, welcher — beiläufig gesagt — die sämtlichen Pläne und Zeichnungen hiezu mit der linken Hand ausgeführt hat. Während ich die Aussicht bewunderte und mich über den Kanal des Näheren informieren ließ, wurde ein prächtiges Tagfeuerwerk abgebrannt, so dass rings um uns in der Luft farbige Ballons schwebten und bunte Schleifen und Bänder flatterten.

Oberhalb einer neu erbauten, reinlichen Kaserne, welche ein Infanterieregiment birgt, ist auf einer Anhöhe das Offizierscasino situiert. Seiner Lage und Umgebung nach wohl das meistbegünstigte Casino, das ich kennen gelernt, ist dieses aus Holz erbaut und in landesüblicher Weise ausgestattet. An den Wänden hängen Photographien, kriegerische Szenen aus dem Satsuma-Aufstande darstellend, sowie zahlreiche Widmungstafeln mit Gedenksprüchen und Unterschriften von fürstlichen Persönlichkeiten, Generälen und anderen Würdenträgern. Ich ließ mir einige Gedenksprüche übersetzen, deren manche offenbar an bestimmte Vorkommnisse anknüpfen oder in einem dritten Personen unbekannten Zusammenhange stehen und daher nicht recht verständlich sind, während aus anderen der Schalk spricht, so zum Beispiel aus dem Worte des Prinzen Arisugawa: „Wir werden uns mit Bauernmädchen unterhalten.“ Ein Dejeuner, das wir hier einnahmen, mundete dank der angenehmen Kühlung, welche mächtige Eisblöcke spendeten, und angesichts der entzückenden Landschaft vortrefflich.

Die Abfahrt von Otsu erfolgte um halb 3 Uhr, und zwar wieder mit der Tokaido-Eisenbahn, welche den See an dessen Ostseite umfährt, um sich bei Maibara ostwärts gegen Gifu zu wenden. Ein Ort, der in der Geschichte Japans für immerwährende Zeiten denkwürdig bleiben wird, bildet heute eine der Bahnstationen, und zwar Seki-ga-hara, wo Ijejasu im Jahre 1600 an der Spitze von 75.000 Mann über das 130.000 Mann starke Heer der gegen ihn gebildeten Liga einen entscheidenden Sieg erfochten und so das Schoögunat an das Haus der Tokugawa gebracht hat. Nach dreistündiger Fahrt waren wir in Gifu, nicht ohne dass ich im Laufe der Reise, von der Hitze und Ermüdung überwältigt, einer kurzen Ruhe gepflogen hätte, zu welchem Zweck ich mich als Japaner verkleidet und lediglich in meinen Kimono gehüllt hatte, was die lebhafteste Heiterkeit des Zugspersonals erweckte.

Auf dem Bahnhof begrüßte mich im Auftrag des Kaisers Kapitän Jamagutschi, der Direktor des kaiserlichen Jagdamtes, des Schurio Kjoku, und ein Kammerherr, beide in schmucken, grünen Uniformen; dann folgte der übliche, festliche Einzug in die Stadt. Da das Volk in hellen Massen herbeigeströmt war und die Straßen dicht erfüllte, fuhren einige Polizeiorgane in Dschinrickschas voraus, um Raum für uns zu schaffen, wobei die von der Neugierde hergelockten, harmlosen Zuseher in recht unsanfter Weise angefahren und niedergestoßen wurden, ohne dass jedoch diese Opfer, deren Ruhe mir Bewunderung einflößte, auch nur mit einem Scheltwort erwidert hätten; der Japaner bleibt eben in allen Lebenslagen höflich. Auffallend war die große Zahl reizender Gesichter, durch welche der weibliche Teil der Einwohnerschaft zur Verherrlichung des Einzuges beitrug.

Gifu, die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur und der Provinz Mino, ist, weil im Jahre 1891 durch ein Erdbeben und eine infolge desselben entstandene Feuersbrunst gänzlich zerstört, neu erbaut und macht daher einen überaus reinlichen, schmucken Eindruck. Einen im Osten der Stadt liegenden Hügel hatte der große Nobunaga seinerzeit als geeigneten Punkt für ein festes Schloss auserkoren. Die Provinz Mino ist ausgezeichnet durch Fruchtbarkeit und den Gewerbefleiß der Bewohner, welcher hier im Betriebe der Seidenzucht, der Seidenweberei, der Krepperzeugung, der Töpferei und der Papierindustrie zutage tritt; das Minopapier, besonders für Fenster beliebt, Lampions, Sonnen- und Regenschirme sowie Servietten, aus Papier gefertigt, bilden gesuchte Artikel. In einem Clubhaus wurden allerlei Erzeugnisse der genannten Arten zum Kauf ausgeboten und waren auch verschiedene mir von der Stadtvertretung dargebrachte Ehrengeschenke ausgelegt.

Der Zweck unseres Besuches in Gifu war, den hier üblichen Fang von Fischen durch hiezu abgerichtete Cormorane kennen zu lernen; daher ging es alsbald in Dschinrickschas nach dem etwa eine Wegstunde oberhalb der Stadt im Nagara-gawa ausgewählten Fischplatz, die Hauptstraße Gifus entlang, auf einer hübschen Brücke über den Nagara und auf dem rechten Ufer flussaufwärts, an reizenden, kleinen, in Gärtchen gelegenen Häusern sowie an Bambusgebüsch vorbei. Die bereits ersichtlichen Lampions ließen für den Abend eine großartige Beleuchtung erwarten. An der Stelle, wo wir uns einschiffen sollten, harrte ein gedecktes, reich geschmücktes und illuminiertes Boot, in welchem, nachdem wir die Mitte des Flusses erreicht hatten, zunächst ein vortreffliches Diner serviert wurde, da der Fischfang erst bei Eintritt der Dunkelheit beginnen konnte. Die japanische Hofküche verdient ganz besondere Anerkennung, da sie uns nichts weniger als Hungers sterben ließ, sondern stets ein „Tischlein deck‘ dich“ für uns vorbereitet hatte.

Beide Flussufer waren von Menschen dicht besetzt, die hieher gekommen waren, das Schauspiel zu sehen, und zahlreiche Boote, in welchen die Honoratioren Gifus sowie mehrere Reporter, deren einige uns immer das Geleit gaben, Platz genommen hatten, tanzten auf den Wellen des Flusses. Dieser ist hier 30 bis 40 m breit, hat eine starke Strömung, bildet im oberen Teil des Laufes, durch Granitblöcke eingeengt, Stromschnellen, ähnlich wie der Katsura-gawa, und verrät seinen Charakter als Gebirgsfluss insbesondere durch das bedeutende Inundationsgebiet, welches auf die verheerende Tätigkeit des Gewässers im Frühjahr hindeutet.

Als völlige Dunkelheit eingetreten war, wurde unser Fahrzeug noch einige hundert Meter nauwärts gestoßen, bis auf ein Raketensignal 12 Boote, jedes etwa 6 m lang, um eine Krümmung des Flusses hervorkamen. Ein mächtiges Kienspanfeuer, bestimmt, die Fische anzulocken, flammte in einem eisernen Korb am Buge jedes Bootes, in dem ein Fischer stand, der acht vorausschwimmende Cormorane an Schnüren hielt, während an jeder Seite des Fahrzeuges je ein anderer Fischer zwei Cormorane leitete; ein vierter Mann lenkte das Boot. Wie man mir sagte, wird der jung eingefangene Cormoran nur soweit gezähmt, dass er handfromm wird, das heißt aus der Hand frisst und sich berühren lässt. Ist dies erreicht, so wird er alsbald zum Fischfang verwendet, und zwar in der Weise, dass er, mittels einer starken, um den Hals geschlungenen Schnur vom Fischer an der Flucht gehindert, ins Wasser gesandt wird, Fische zu fangen und in den Kropf aufzunehmen; dies tut der Vogel, seinem Trieb entsprechend, mit Begierde; um jedoch hintanzuhalten, dass Fische aus dem Kropf in den Magen gelangen, wird die Schnur sehr eng um den Hals geschlungen. Hat nun der tauchende Cormoran eine Anzahl Fische erhascht und im Kropf untergebracht, so wird der Vogel ins Boot gezogen und von seinem Herrn durch einen Druck gegen den Hals der Beute beraubt.
So geschah es auch hier. Als der Schein der Flammen eine hinlängliche Anzahl von Fischen angelockt hatte, setzte sich die Flotille in Bewegung; gleichzeitig wurden die Leinen der Cormorane nachgelassen, und die beutegierigen Vögel begannen nun, durch Schlagen an die Bootswände und laute Zurufe angefeuert, rastlos tauchend, eine mörderische Jagd. Ein Nachtbild von eigentümlichem Reiz entwickelte sich vor uns: die gegen uns zutreibenden Boote; vor ihnen die unter oder empor tauchenden Cormorane, deren bald dieser, bald jener in das Fahrzeug gehisst wurde, um, der Beute entledigt, wieder in der Flut zu verschwinden; das aufregende Schreien und Lärmen der Fischer; das Prasseln der weithin das Dunkel der Nacht erhellenden Feuer; die zahlreichen den Fluss bedeckenden Fahrzeuge und die im roten Schein der Flammen sich an den Ufern drängende Menge.

Als die Boote bis zu uns gelangt waren und, unser Fahrzeug in die Mitte nehmend, weiter flussabwärts trieben, konnten wir aus nächster Nähe die Cormorane bei ihrer Arbeit sehen. Die Feuer erhellten das Wasser bis auf die Sohle des Flussbettes, Schwärme von Fischen schossen erschreckt hin und her, stets verfolgt von den Cormoranen, und besondere Lebhaftigkeit entwickelte sich unter Wasser, wenn zwei der braven Taucher einen und denselben Fisch verfolgten, da sich dann ein wahrer Wettstreit entspann, bis aus diesem einer der Vögel als Sieger hervorgieng. Wir selbst gerieten schließlich in Aufregung und begannen so lebhaften Anteil an dem Fischfang zu nehmen, dass auch wir die Cormorane durch Zurufe anfeuerten, was aber eigentlich nicht nötig war, weil die braven Tiere, vom Jagdeifer erfasst, sich, kaum in das Boot gehoben, sofort wieder kopfüber ins Wasser stürzten. Kapitän Jamagutschi hatte an unserem Interesse seine helle Freude, die auch dann nicht gemindert wurde, als ich, um dem Schauspiel besser folgen zu können, aufstand und infolge einer Schwankung des Bootes eine Tasse schwarzen Kaffees in den Schoß des trefflichen Mannes goss.

Anerkennung verdiente die von den Fischern in der Ausübung ihres Berufes dargetane Geschicklichkeit, mit welcher sie die Boote in der starken Strömung lenkten und die Cormorane so zu leiten verstanden, dass dieselben, ohne die langen Schnüre in Verwirrung zu bringen, nach allen Richtungen hin tauchen konnten. Innerhalb der Frist von kaum einer Stunde hatten die 144 Cormorane an 3000 Fische gefangen, deren einige so groß waren, dass die tauchenden Vögel sich ihrer nicht ohne Kampf bemächtigt haben konnten. Einem Cormoran wurden vor unseren Augen nicht weniger als 16 Fische aus dem Kropf genommen — eine Zahl, die ganz außer Verhältnis zu der Größe des Vogels steht.

Die erbeuteten Fische gehörten alle zu den Salmoniden, die sehr geschätzt sind und ein Lieblingsgericht des Mikados bilden sollen, so dass sie angeblich nie auf seiner Tafel fehlen dürfen. Bei dem Diner im Boote hatten wir Gelegenheit, Fische dieser Gattung zu verkosten; wir fanden sie schmackhaft, aber nicht so vortrefflich wie unsere Forelle. Das Fischwasser, in dem heute gefangen wurde, ist Eigentum des Kaisers, während andere Strecken der Stadt oder Privaten gehören. Für den geradezu ans Fabelhafte grenzenden Reichtum dieses Flusses und wohl auch anderer Gewässer an Fischen spricht der Umstand, dass die Fangmethode, deren wir heute Zeugen waren, wie man sagt, durch fünf Monate hindurch allnächtlich, mit Ausnahme der klaren Mondnächte, angewendet wird und die durchschnittliche jedesmalige Ausbeute 5000 bis 10.000 Stück Fische beträgt, welche sofort auf Eis gelagert und dann in alle Teile des Landes versendet werden. Trotz dieses Raubfanges — der Cormoran ist eben der ärgste Fischräuber, der wahllos fängt, was er zu erhaschen vermag — ersetzt sich der Fischbestand immer wieder. Dies kann, da es weder Schonzeiten noch andere Einrichtungen zur Förderung der Fischerei gibt, nur aus den in den Gewässern Japans vorhandenen, der Fischfauna günstigen Existenzbedingungen, ganz insbesondere aber daraus erklärt werden, dass eine Verunreinigung der Fischgewässer durch industrielle Etablissements entweder nicht oder doch nicht in jenem Maß wie bei uns daheim stattfindet.

Beide Ufer des Flusses waren in der Nähe der Brücke von Menschen besäet, ja die Leute liefen sogar, um uns sehen zu können. ins Wasser, dass es ihnen bis zur Brust reichte; in der Menge schwirrte und summte es wie in einem Bienenschwarm, bald da, bald dort schlug helles Lachen auf, und lebhafte Zurufe drangen zu unseren Ohren — alle diese Töne und Laute verschmolzen mit dem Rauschen und Brausen des Flusses zu einer seltsamen Harmonie.

Die Stadt der Lampions schien ihren Ruf übertreffen zu wollen; denn sie verabschiedete sich von uns mit einer alle Erwartungen übertreffenden Illumination. Längs der Flussufer sowie auf der Brücke erglänzten viele Tausende von roten Lampions; über den Straßen wölbten sich kühn geschwungene Bogen, von welchen festonartig gezogene Guirlanden von Lampions herabhingen, die in hellem Rot erstrahlten; die bizarren Formen der Tempeldächer sowie die Fronten der Häuser entlang liefen feurige, durch weiße Lampions gebildete Linien; in den Straßen flammten allenthalben Transparente auf. Rot und weiß leuchtete und glänzte es aus allen Richtungen, so dass sich der Stadtteil bis zum Bahnhof wie in Licht gebadet vom dunkeln Nachthimmel abhob.

Unter Vorantritt des Bürgermeisters und gefolgt von einer gewaltigen Menge Volkes, bewegte sich der lange Zug von Dschinrickschas nach dem Bahnhof, wo mir das Oberhaupt der Stadt für den Besuch Gifus dankte. Nach einigen Worten der Erwiderung meinerseits entführte uns der Zug auf der Tokaido-Bahn in südöstlicher Richtung nach Nagoja. Hier begrüßte mich der Divisionsgeneral Katsura in fließendem Deutsch, mir unter anderem mitteilend, dass er viele Jahre in Wien zugebracht habe und diesem Aufenthalt die wärmste Erinnerung bewahre.

Während der Einfahrt in die Stadt wurde ein Feuerwerk, diesmal ein solches nächtlicher Natur abgebrannt, welches zu den schönsten gerechnet werden muss, die ich gesehen. Ungeachtet der vorgerückten Stunde hatten sich vor dem Hotel, in welchem wir die Nacht verbringen sollten, die Bewohner Nagojas in hellen Scharen eingefunden und applaudierten, da ich zufällig auf der Veranda erschien, lebhaft, als wäre ich eine gefeierte Operndiva, worauf ich mich dankend verneigte.

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  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Excelsior“ aufführt.

Kioto, 13. Aug. 1893

Den Sonntag zu feiern, wohnten wir der heiligen Messe in der französischen Missionskirche bei und widmeten dann den Tag, den letzten unseres Aufenthaltes in Kioto, fast zur Gänze der Besorgung von Einkäufen. Da die Ladenbesitzer zu wissen schienen, dass auf Rückkehr nicht mehr zu rechnen sei, wenn sie uns unverrichteter Dinge ziehen ließen, ermäßigten sie ihre Ansprüche.

Die Atmosphäre war rein, das Wetter herrlich — so fühlte ich mich denn gegen Abend buddhistisch angehaucht und geneigt, mich ruhiger Beschaulichkeit hinzugeben, in Betrachtung des Sonnenunterganges zu meditieren. Nach einem geeigneten Punkt suchend, entschied ich mich für das Hotel, Jaami genannt. Die Wahl erwies sich als gute, weil das Etablissement auf einem dominierenden Hügel steht und die Veranda eine weithin reichende Rundschau gestattet; auch der Sonnenuntergang war nach Wunsch. Für einige Stunden ließ ich mich hier zur Ruhe nieder und weidete mein Auge an dem Panorama. Unter uns liegen die ernsten Tempelhaine mit ihren gewaltigen Cryptomerien, erstreckt sich die Stadt, aus deren Meer von Dächern die Tempel aufragen wie stattliche Schiffe aus der ruhigen See; in der Ferne schimmern die sanft gewellten Hügelketten im Glanz der scheidenden Sonne. Ich saß, sann und träumte von Kiotos ruhmvollen Zeiten, von den Glanzepochen des alten Japan, von den gewaltigen Kämpfen, in welchen das Inselvolk sich heldenhaft durch Jahrhunderte hindurchgerungen — bis mein Auge an rauchenden Fabriksschloten haften blieb und ich durch diesen ärgerlichen Anblick daran gemahnt wurde, dass auch für Japan die Epoche der europäischen Zivilisation angebrochen ist, deren Grundzug die Nüchternheit ist.

Wir blicken nicht mehr zu Idealen, sondern zu Fabriksschloten empor, und Japan hat bereits gelernt, uns nachzublicken. Weit entfernt, die Bedeutung dieser wichtigen Bauten zu verkennen und ihnen die gebürende Hochachtung zu versagen, fühle ich doch, wie in mir, wenn so ein kecker, junger Schlot von heutzutage neben einem greisen Tempel, der Jahrhunderte kommen und verschwinden gesehen, naseweis emporragt, der Widerspruch gegen eine Profanation rege wird und der Egoist erwacht, welcher im Genuss des Schönen, des Ehrwürdigen nicht durch den Anblick des nur Nützlichen gestört sein will. So mancher Japaner wird, und mit Recht, stolz die Errungenschaften Europas überschauen, welche sein Vaterland sich in so kurzer Zeit angeeignet, aber wenn die alten Sektenstifter und Tempelgründer aus ihren Gräbern erstünden, zu sehen, was aus ihrem Japan geworden, und dem alten Buddha zu Nara erzählten, was sie geschaut, ich glaube der Daibutsu würde sein Haupt schütteln, dass er es von neuem verlöre.

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  • Ort: Kyoto, Japan
  • ANNO – am 13.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Walküre“ aufführt.

Kioto, 12. Aug. 1893

Durch die noch leeren Straßen ging es in westlicher Richtung aus der Stadt, um die Katsura- Fälle oder, besser gesagt, die Stromschnellen des Katsura-Flusses zu erreichen, über welche wir in Booten hinabzufahren gedachten.

Einige Minuten außerhalb der Stadt machten wir halt bei Ginkakudschi, einer Villeggiatur, welche Aschikaga Joschimasa im Jahre 1479, nachdem er die Würde eines Schoguns niedergelegt, erbaut hat, und woselbst jetzt ein Garten, in dem auch der Mikado sich zu ergehen pflegt, wenn er in Kioto weilt, zum Besuch ladet. Dieser Garten ist streng nach den Grundsätzen der japanischen Hortikultur angelegt, so dass man auch hier zwerghaften Bäumen, gestutzten Sträuchern, grotesken Felspartien, gewundenen Wegen, kleinen Teichen und den Garten durchziehenden Wässerchen begegnet.

Während anderwärts alles geschieht, um die Natur in ihrer freien Entfaltung zu unterstützen, und große, weithin mit dem Geäst ausladende Bäume zu erzielen, ist der japanischen Gartenkunst ein Zug ins Kleine, das Streben eigen, die Natur auf einen möglichst geringen Raum zu beschränken, sie in ihrer Entfaltung zu beengen und zu zwingen, absonderliche Formen anzunehmen. So habe ich in Japan Fichten und Kiefern gesehen, welche, wie man mich glaubhaft versicherte, fünfzig, ja selbst achtzig Jahre alt und doch kaum einen halben Meter hoch waren. Unleugbar tritt in der Hortikultur der Japaner deren große Liebe zur Natur hervor; aber es scheint mir, als ob es dieser Liebe an Verständnis für die Größe der Natur fehlte und der Sohn Japans sich nicht zu dieser zu erheben, sondern sie nur zu sich herab zu verkleinern vermöchte. Um die Natur dem Menschen näher zu rücken, wird getrachtet, alles niedlich, klein, zwerghaft zu gestalten und ihr den Stempel der Laune des Gartenkünstlers aufzuprägen; alles, was wir in Japans Gärten sehen, ist „herzig“ — kaum ein anderes Wort ist hiefür so charakteristisch. Ein sonderbar geformter Haufe weißen Sandes in dem Garten des Landhauses, einst dem Schauplatz der ästhetischen Schwärmereien und Gastereien Joschimasas, heißt die „Silberne Sand-Plattform“; das Wasseräderchen, welches die Anlage durchrieselt, führt den Namen „Quelle, in welcher der Mond badet“, ein Stein im Teichlein ist „Stein der Betrachtung“ benannt, u. dgl. m.

In fünfzig Dschinrickschas, deren jeder von drei Läufern gezogen wurde, durchfuhren wir anfänglich eine von Ortschaften bedeckte Ebene, in der allenthalben die jüngst geernteten Teeblätter auf Tüchern zum Trocknen ausgelegt waren. Zahlreiche Lastfuhrwerke, mit schönen, schwarzen Stieren oder mit Hengstponies bespannt, kommen uns entgegen, Staub aufwirbelnd, der uns nicht wenig belästigt. Längs der Straße wimmelt es von kleinen Teehäusern, welche den müden Wanderern Labung spenden und auch den Läufern, deren Ausdauer bei der Hitze und dem Staub doppelt erstaunlich war, ab und zu durch einen Trunk Wasser Erfrischung bieten. Unser Weg, hier eine gut gehaltene Bergstraße, führte uns in den nordwestlich von Kioto gelagerten Höhen durch ein schluchtartiges Tal und in Serpentinen empor; hier genossen wir den Reiz prächtiger Vegetation, da zu beiden Seiten des romantischen Pfades Cryptomerien, Thujen, Pinien, Bambus sowie allerlei andere Baumarten, die steilen Lehnen bedeckend, aufragen. Endlich ist, nach Passierung eines ziemlich langen Tunnels, der Kamm erreicht und wir steigen in das vom Katsura-gawa, der hier Hosu-gawa heißt, durchflossene Tal von Hiroma-dschi hinab, um nach einer Stunde Weges auf recht holperiger Straße Jumamoto und damit die Stromschnellen des Katsura-Flusses zu erreichen.

Drei Boote lagen hier bereit, gar merkwürdige Fahrzeuge, welche, 6 m lang und 2 m breit und aus dünnen, nur durch hölzerne Bolzen zusammengehaltenen Planken gezimmert, nicht eben den Eindruck besonderer Widerstandskraft machten; gaben doch die Planken schon beim Besteigen des Bootes unter jedem Tritt bedenklich nach. Die Bemannung bestand aus vier kräftigen Burschen, deren einer am Steuer saß, während zwei ruderten und der vierte die wichtige Aufgabe hatte, das Fahrzeug mittels einer langen Bambusstange an den Felsen des Ufers und des Flussbettes vorbeizuleiten.

Kaum waren wir in den Booten verteilt, so ging die tolle Fahrt auch schon an, und nach wenigen Augenblicken hatten wir bereits die erste Stromschnelle erreicht, welche wir pfeilschnell hinabschossen. Je nach dem Gefälle glitten die Boote bald ruhig dahin, bald sausten sie durch den Gischt des hochaufschäumenden Wassers mit schwindelerregender Schnelligkeit talab. Der Kurs kann nicht etwa die gerade Richtung einhalten, denn plötzlich, gerade wenn die Boote im raschesten Lauf sind, stellt sich bei einer Wendung ein Granitblock in den Weg, und schon glaubt man das schwache Fahrzeug zerschellt, doch siehe, ein Druck mit dem Steuer, ein leichter Stoß mit der Bambusstange und auf Handbreite schießt das Fahrzeug an der gefährlichen Stelle vorbei. Häufig gerät der Kahn in den tosenden Wellen und Wirbeln in gewaltiges Schwanken, die Bodenplanken heben und senken sich, wie unter dem Einfluss eines Erdbebens, zuweilen fühlt man, wie das Fahrzeug über Steine und Felsen hinweggleitet — aber das elastische Material des Bootes widersteht in gleicher Weise dem Wasser wie den Felsen.

Die Fahrt, welche wir an einzelnen Stellen in einem unserer heimatlichen Wildbäche zu machen vermeinen, ist in höchstem Grad anregend, aber unleugbar auch gefährlich, so dass es wohl nur der Geschicklichkeit und Kraft der Schiffer zuzuschreiben ist, wenn sich fast nie ein Unglück ereignet.

Zur Erhöhung des Reizes trägt die entzückende Szenerie bei, welche wir je nach der größeren oder geringeren Schnelligkeit Muße haben zu bewundern oder aber nur im Flug erhaschen. Hier perlen des Flusses grünliche Wellen sanft talwärts, dort wälzen sie sich rauschend, brausend, zischend und donnernd über und gegen hochaufragende, den Weg verlegende Felsen; jetzt wird das Tal breiter, lieblicher, gleich darauf schließt es sich, und durch romantische Engen fliegen wir dahin; bei jeder Krümmung des Flusses taucht ein anderes Bild vor unserem Blick auf, bald eine steile, grünende Lehne, bald die Hänge bedeckende Wälder, bald zackiges Gestein; ab und zu öffnet sich ein seitliches Tal, aus welchem eine versteckte Mühle hervorlugt; hie und da guckt neugierig ein Teehäuschen aus lichtem Grün zu uns herüber.

Anderthalb Stunden sind so auf das angenehmste verflogen, bis sich das Tal erweitert, der Katsura-Fluss, welcher hier den Namen Oi-gawa führt, einen völlig ruhigen Lauf annimmt und bald darauf unsere Flotille bei Araschi-jama gelandet ist. Hieher pilgern Kiotos Bewohner mit Vorliebe im Frühlinge, wenn die Kirschbäume in voller Blüte stehen, und geben sich den Genüssen hin, welche die landschaftlichen Reize dieses von grünenden Hügeln umsäumten, anmutigen Erdenwinkels in Verbindung mit den Vorzügen einiger Teehäuser zu bieten vermögen. Utile cum dulci! Auch wir gingen hin und thaten desgleichen, denn die wackeren Hofköche hatten in einem dieser Teehäuser ein schmackhaftes Dejeuner vorbereitet.

In einem Hofwagen, welchem die Dschinrickschas, Tempo haltend, folgten, kehrte ich von jenem gelungenen Ausfluge nach Kioto zurück und benützte den Nachmittag, um Kaufläden zu durchwandern und zu plündern.

Abends produzierten sich im Palais Künstler, welche in phantastischer Maske und seltsamem Kostüm, wie von der Tarantel gestochen, einen wilden, verwegenen Tanz ausführten, bis ihnen der Atem ausging und sie sich empfahlen, worauf auch ich mich schleunigst zurückzog und mein Lager aufsuchte.

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  • Ort: Kyoto, Japan
  • ANNO – am 12.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Freund Fritz“ aufführt.