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diary entries of Franz Ferdinand

Jagdlager am Laroki, 17. Juni 1893

Schon nach 5 Uhr war Tagreveille. Unseren Schlaf hatten nur unzählige Ameisen einigermaßen gestört, die, teils winzig klein, teils, wie die roten Ameisen, welche während des gestrigen Rittes von den Bäumen auf uns niedergefallen waren, von ansehnlicher Größe, mit ihren bösartigen Stichen den Wanderer auf Neu-Guinea bei Tag und Nacht plagen, ja fast rasend machen können. Einer der Herren hatte zu seiner nicht eben freudigen Überraschung in der Hängematte überdies einen großen Skorpion vorgefunden.

Die Stunde des Aufbruches zur Jagd war so frühzeitig angesetzt worden, da jedenfalls der Morgen die günstigste Zeit war, um Vögel zu erlegen, und eben begann der Tag zu grauen, als wir aus den Hängematten sprangen, um Tee zu kochen sowie die zur Jagd notwendigen Vorbereitungen zu treffen; denn jeder von uns wollte den ganzen Tag über ausbleiben und die kurze, uns in Neu-Guinea noch gegönnte Zeit gründlich ausnützen.

Eine originelle Szene stellte die Morgentoilette der Gepäckträgerinnen dar, welche diese ohne jegliche Scheu, beständig lachend und miteinander schäckernd, in Evas Kostüm vor unseren Augen im Fluss besorgten. Dieser Nymphenreigen gab unwillkürlich Anlass, die Verschiedenheit der Hautfarbe der Eingeborenen zu beobachten; die Nuancen des Teints variierten zwischen dunkelbraun und hellbraun, vorherrschend war indessen der kaffeefarbene, goldbronzene Ton mit einem Stich ins Olivengrün, also jene Hautfarbe, welche gerade für polynesisches Blut als charakteristisch gilt. Allen gemeinsam war die auffallende Schönheit der dunklen Augen und die Gutmütigkeit, ja Freundlichkeit der Physiognomie.

Wir marschierten in fünf Partien aus, welche sich jenseits des Laroki mit dem Ruf „Waidmannsheil!“ trennten und in verschiedenen Richtungen im Dunkel des Urwaldes verschwanden.

Ich wandte mich mit Bedford, meinem Borddiener Biaggio sowie mit einigen Eingeborenen zuerst dem Nordufer zu und verfolgte dann den Flusslauf in westlicher Richtung. Lautes Vogelgezwitscher aus Hunderten von Kehlen scholl uns entgegen, was ich als gute Vorbedeutung für den Erfolg des Tages ansah.

Man macht sich keinen Begriff, wie schwer es ist, in dem undurchdringlichen Gewirr von Baumkronen, Ästen, Zweigen, Lianen und Schmarotzerpflanzen eines solchen Urwaldes die Vögel zu entdecken, insbesondere da diese zumeist auf den höchsten Stellen riesiger Bäume sitzen, zu welchen man vom Boden aus bloß durch einzelne Lücken emporsehen kann. Nur ein scharfes und zugleich geübtes Auge vermag da endlich die Vögel zu finden; zuweilen gelingt dies erst nach langem, geduldigem Warten. Überbaumt der Vogel, dann ist alles vergeblich. Bedford und die Wilden legten, als ständige Bewohner des Waldes, eine erstaunliche Geschicklichkeit im Erspähen von Vögeln an den Tag, und jeder der Eingeborenen wollte hiebei der erste sein, so dass alle umherliefen und mehr Lärm als nötig verursachten. Wir hatten große Mühe, diesen Übereifer zu zügeln; endlich befahl ich meinem Diener, die Eingeborenen insgesamt in seiner Nähe zu halten und uns die ganze Schar auf 100 Schritte folgen zu lassen, während ich mit Bedford und einem Papua vorsichtig weiterschleichen wollte. Doch so oft wieder eine Vogelstimme ertönte, stand auch schon die ganze Bande knapp hinter uns, bis es Bedford gelang, sie mit Hilfe kerniger Flüche in papuanischem Idiome definitiv zurückzutreiben. Dass der Vogel im Laufe der jedesmaligen Auseinandersetzungen das Weite gesucht hatte oder verstummt war und infolge dessen auch nicht mehr wahrgenommen werden konnte, ist selbstverständlich.

Worauf ich heute in erster Linie ausging, war, eines der prachtvollen Königsparadiesvögel (Cincinnurus regius) habhaft zu werden. Wir fanden auch, dem Rufe nachgehend, einen Baum, auf dem sich solche Vögel aufhielten; doch leider war kein Männchen dabei, so dass ich bloß ein Weibchen schoss, welches von schlichter Farbe war und die charakteristischen himmelblauen Ständer aufwies.

An mehreren Stellen des Waldes sah ich die Riesennester des Talegallahuhnes. Dieser merkwürdige Vogel scharrt auf dem Boden liegende Blätter, Zweige, Erde, mit einem Worte die ganze Waldstreu zu einem großen Haufen von 6 bis 8 m Länge und 2 bis 3 m Höhe zusammen, in welchen er seine Eier legt, um sie durch die Bodenwärme oder vielmehr durch die Wärme, die sich bei dem Verwesungsprozesse dieser angehäuften vegetabilischen Stoffe entwickelt, ausbrüten zu lassen. Die Mühe, welche das verhältnismäßig kleine Huhn aufwenden muss, um solch eine große Menge Materials für sein Wallnest zusammenzuscharren, lässt sich darnach ermessen, dass im Umkreis des hügelartigen Nestes der Boden auf Hunderte von Schritten hin wie glattgefegt erscheint. Meine Wilden gruben in einem dieser Nester nach, fanden aber leider keine Eier vor.

Aus einem dichten Busch strichen vor mir drei Riesenchwalme (Podargus papuensis) auf, deren einen ich erlegte; knapp daneben schoss ich eine Rohrdommel (Zonerodius heliosylus), welche sich an einen Zweig des Baumes, auf dem sie gesessen, gedrückt hatte.

Oft hörte ich Töne im Walde, die an das Melden einer Auerhenne erinnerten und zum Schluss in ein lautes Geschrei ausklangen; auch vernahm ich über mir das starke Flügelrauschen eines anscheinend sehr großen Vogels. Bedford erklärte mir auf meine Frage, dass das der Horn-Bill, ein großer Nashornvogel, welcher ungemein scheu sei, wäre und es schwer sein würde, ein Exemplar zu erlangen. Vergeblich versuchten wir es, diese Vögel dem Melden nach anzuschleichen, aber jedes Mal strichen sie, noch bevor wir sie erblicken konnten, mit großem Geschrei ab, hiedurch alle ihre Genossen avisierend, so dass bald im ganzen Walde die Warnungsrufe hörbar wurden. Ich hatte die Hoffnung auf ein günstiges Ergebnis bereits aufgegeben, als ich zwei selten schön purpurrot und zitronengelb gefärbte Tauben (Ptilopus iozonus) entdeckte, die ich erbeutete. Die Schüsse schienen nun unter den Horn-Bills eine große Aufregung verursacht zu haben, denn ich hörte überall ihren Flügelschlag, bis endlich einer zufällig über mir auf einem hohen Wipfel aufbaumte, so dass es mir gelang, ihn herabzuschießen. Es war ein Rytidoceros (Buceros) plicatus, ein altes Männchen und ein wunderbares Exemplar, charakterisiert durch den Riesenschnabel, den rotbraunen Hals, das metallisch glänzende, schwarze Gefieder und den schneeweißen Stoß. Das Alter des Vogels wurde unter Zugrundelegung der Schnabelwülste auf sieben Jahre taxiert, da die Eingeborenen rechnen, dass er auf seinem Schnabel jedes Jahr eine neue Hornwulst aufsetze. Der Wilde, welcher mir das Tier brachte, führte einen äußerst drolligen Freudentanz auf, indem er beständig in exzentrischer Weise mit den Füßen ausfeuerte; sobald sich der Mann einigermaßen beruhigt hatte, schickte ich ihn mit dem Vogel direkt ins Lager zurück, damit dieser ehestens in die Hände des Präparators gelange.

Allmählich hatten wir bergigeres Terrain erreicht, in welchem sich die Szenerie änderte. Der Wald wurde lichter, hohes Gras bedeckte den Boden, und die steinigen Stellen sowie die Felsblöcke waren ringsum von Eucalypten umgeben. Hier schoss ich noch ein Wallaby und einen schönen Falken (Accipiter cirrhocephalus).

Es ging gegen Mittag, und da die Hitze sehr drückend, in der Vogelwelt aber Ruhe eingetreten war, proponierte mir Bedford, Rast zu halten. Wir lagerten uns mit den Papuas zwischen Felsblöcken im Schatten einiger Bäume, verzehrten unsere Konserven und versuchten dann ein wenig zu schlafen, was aber leider durch eine Unzahl quälender Ameisen unmöglich gemacht wurde.

So ließ ich mich denn mit Bedford in ein „englisches“ Gespräch ein, dem ich schließlich entnahm, dass dieser von dem Gouverneur gewählte Jagdplatz ein ungünstiger, die beste Jagdgelegenheit aber im ganzen Gebiet eine von Moresby etwa 40 km entfernte Niederung am Vei Maori River sei, wohin auch der Gouverneur Jagdzüge zu unternehmen pflege. Allein, fügte Bedford hinzu, er hoffe mir nachmittags in einem nahen Tal doch noch Paradiesvögel zum Schuss zu bringen.

Die Papuas verbrachten die Rastzeit in einer ihnen sicherlich ganz angenehmen Weise; denn sie rauchten Tabak, welchen sie von mir erbettelt hatten, brieten das frischgeschossene Wallaby und verzehrten den seltsamen Braten mit Behagen.

Ungeachtet der starken Hitze brachen wir schon vor 2 Uhr auf und erkletterten eine steile Berglehne, was ebenso schwierig als ermüdend war, da wir keinem bestimmten Pfade folgten, sondern, wie es eben kam, über Steinblöcke und mit Gras überwucherte Felsspalten emporklimmen mussten, kaum wissend, wo den Fuß hinsetzen, und jeden Augenblick ausgleitend. Atemlos und in Schweiß gebadet kamen wir auf der Höhe an, wo wir uns ins Gras warfen, um ein wenig Atem zu schöpfen und neue Kräfte zu sammeln; denn jetzt hieß es die andere Seite der Berglehne hinabklettern, was womöglich ein noch schwierigeres Beginnen war. Der Abstieg ging nur ganz langsam vonstatten, da wir bloß allmählich vorwärts kommen konnten; auf halbem Weg ermatteten nach und nach selbst die Eingeborenen, die sich niedersetzten und nicht weiter gehen wollten. Erst einige nachdrückliche Ermahnungen Bedfords sowie der Umstand, dass wir die Strikenden jetzt vor uns gehen ließen und sie vorwärts trieben, brachten sie von der Stelle.

Zerschunden und zerrissen kamen wir schließlich in das kleine, dichtbewachsene Tal, in dem Bedford Paradiesvögel zu finden hoffte. Zum Überfluss begann aber eben jetzt ein heftiger Gussregen niederzugehen, so dass alle Hoffnung auf Jagdbeute schwand; denn sobald es regnet, verstecken sich die Paradiesvögel, um ihr Gefieder besorgt, in die dichtesten Baumkronen, drücken sich an den Stamm und sind dann absolut nicht zu erblicken. Ich stieg zwar trotz des Regens noch den jenseits des Tales aufsteigenden Hügel hinan und erblickte da auch eine Paradieshenne, aber ein Männchen war nicht zu erspähen.

Da Bedford nun weiteres Suchen nach Paradiesvögeln für unnütz erklärte, wir überdies eine bedeutende Strecke Weges bis zum Lagerplatz zurückzulegen hatten, wurde die Direktion dahin genommen.

Das Tal war so dicht bewachsen, dass uns nichts anderes übrig blieb, als in dem Bache vorwärts zu dringen, welcher in der Talsohle dahinlief. Von dessen Ufer aus stürzten sich die Eingeborenen sofort in die Flut, um in langen Zügen ihren Durst zu löschen, fanden aber in dem warmen Wasser wenig Erquickung.

In dem Bach weiter watend, merkten wir gleich zu Beginn, dass sich unsere Schuhe mit feinem Sand füllten, was insbesondere mir peinlich war, da ich mich wundgegangen hatte. Wo der mit zahlreichen tiefen Stellen durchsetzte Bach das Waten verwehrte, mussten wir den Wasserlauf umgehen, indem wir uns zwischen den am Ufer stehenden Bäumen durchzwängten oder über umgestürzte Stämme kletterten. Endlich langten wir am nördlichen Ende des Tales an, woselbst ich am Vormittag gejagt hatte, und von wo es nun heimwärts ging, das heißt dem Lager zu, welches ich spät abends ganz durchnässt und herzlich müde erreichte. Eine derartige, zehnstündige Expedition im tropischen Urwald bei drückend schwüler Atmosphäre wirkt erschöpfender als ein doppelt so langer Marsch in unseren Breiten.

Die übrige Jagdgesellschaft war vor mir eingetroffen und jeder der Herren hatte etwas Interessantes mitgebracht, so Clam einen herrlichen Paradiesvogel und drei Kronentauben, Wurmbrand zwei Fischreiher (Ardeiralla flavicollis), eine schneeweiße Weihe mit lichtbraunen Flügeln (Haliastur girrenera) sowie zwei eigentümliche, rallenartige Vögel, sogenannte Blätterrallen (Parra gallinacea), Prónay endlich einen Kakadu, eine violette Taube u. a. m.
Nach dem ursprünglichen Plan sollte den nächsten Tag über noch im Ufergebiete des Laroki gejagt werden, doch bewogen mich die Angaben Bedfords, den Gouverneur zu bitten, eine Expedition nach dem mir so sehr gerühmten Jagdgefilde am Ufer des Vei Maori zu inszenieren. Um die Bedenken zu beheben, welche der Gouverneur unter Hinweis auf die Kürze der mir zugebote stehenden Zeit diesem Plan entgegenstellte, und um diese Exkursion zu ermöglichen, erklärte ich mich bereit, meinen Aufenthalt in Neu-Guinea um zwei Tage zu verlängern. Diese Fristerstreckung entschied die Sache. Sir William war mit dem Jagdausflug zum Vei Maori unter der Voraussetzung einverstanden, dass ihm die zur Ausrüstung nötige Zeit gewährt würde, worauf wir einhellig den Beschluss fassten, schon am kommenden Morgen nach Port Moresby zurückzukehren.

An diesem Abend ließ trotz Ameisen und Skorpionen der Schlaf nicht lange auf sich warten; denn selbst die Eingeborenen waren von den Mühen des Tages so erschöpft, dass sie Gesang und Tanz vergaßen und daher schon zu früher Stunde völlige Ruhe im Lager herrschte.

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  • Ort: Port Moresby, Neu Guinea
  • ANNO – am 17.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Jungfrau von Orleans“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Port Moresby — Jagdlager am Laroki, 16. Juni 1893

Der Verabredung gemäß sollten wir um 7 Uhr morgens zur Expedition an den Laroki-Fluss aufbrechen, jedoch erst von Bord abstoßen, sobald ein bestimmtes Signal, das Hissen einer roten Fahne auf dem Government House, angezeigt haben würde, dass alles bereit sei. Endlich, um die neunte Morgenstunde, erschien die rote Flagge, worauf wir uns ans Land begaben, wo mich der Gouverneur und vier seiner Beamten erwarteten, welche die Absicht hatten, an der Expedition teilzunehmen.

Der Beamtenkörper, über den der Gouverneur verfügt, umfasst nur wenige Personen, und das Aufgebot der militärischen Landmacht besteht in einer bewaffneten Polizeitruppe, welche 70 Mann zählt und gegenwärtig hauptsächlich aus Eingeborenen der Fidschi- sowie der Salomon-Inseln zusammengesetzt ist. Als Befehlshaber dieser Truppe fungiert der Commandant of Armed Constabulary. Die Policemen gelten als verwegene, gewandte Leute und rücken, sobald irgendein innerhalb Britisch Neu-Guineas angesiedelter Stamm Eingeborener sich etwas zuschulden kommen lässt, aus, um die Ordnung wieder herzustellen. Ist von den Eingeborenen ein Weißer ermordet worden, so werden die Schuldtragenden hingerichtet, und zwar, da die Eingeborenen das Erschießen als weniger schmählich ansehen, mit dem Strang; die Ermordung Eingeborener hingegen wird in der Regel weniger streng geahndet und mit Verurteilung zu Zwangsarbeit bestraft, zu welchem Zweck die Verbrecher auf eine nahegelegene Insel deportiert werden.

Zum Marsch nach dem Laroki waren für mich und die Herren, welche an der Partie teilnehmen wollten, Pferde bereit, während unsere Leute gehen mussten. Das Gepäck, der Proviant und die Munition wurden von Eingeborenen getragen, keineswegs aber von Männern, da sich diese zu solch knechtischem Dienste nicht herbeilassen, sondern von jungen Mädchen, welche die schwere Last mit bewundernswerter Ausdauer schleppten. Die Verwendung von ungefähr dreißig Mädchen zum Tragdienst verlieh selbstverständlich unserer Karawane ein ganz absonderliches Gepräge.

Als Führer für die schwierige Route zum Laroki-Flusse diente uns ein von einem Samoaner und einer Engländerin abstammender Mischling, namens George Bedford, der sich durch kräftige, untersetzte Gestalt auszeichnete. Dieser verbringt, ein echter Waldläufer, den größten Teil seiner Lebenszeit jagend und für Forscher sammelnd in den Urwäldern der Insel, um ab und zu in Port Moresby vorzusprechen und die auf seinen Streifzügen erworbenen Bälge an den in der Kolonie ansässigen Kaufmann zu veräußern.

Die Pferde, welche wir ritten, treiben sich, wenn man ihrer nicht bedarf, frei im Busch umher und wurden erst des Morgens mittels eines Lassos eingefangen; sie stammen alle von einigen australischen Pferden her, welche vormals von Goldgräbern an die Küste gebracht worden waren.

Der Tag war heiß und schwül. Wir überquerten zunächst die kahlen Kalksteinhügcl, die zu Häupten Port Moresbys ansteigen, und gelangten nach Überwindung eines steilen Abstieges in das jenseits dieser Hügelkette gelegene Tal; dort erblickten wir Bananen- und Yamspflanzungen, umgeben von starken Zäunen, deren Pfähle in regelmäßigen Abständen befestigt und durch Fibern einer Rebe, Sei genannt, untereinander verbunden sind.

Das Tal, welches wir nun, stets in nördlicher Richtung vordringend, durchritten, brachte mir in seinem Pflanzenkleide das Vegetationsbild des Tafellandes von Neu-Süd-Wales in Erinnerung; denn hier wie dort war der Boden von einzeln stehenden Büscheln hoher, bis zu 2 m aufstrebender Gräser übersäet; zwischen den Grasinseln der einer Savanne ähnlichen Fläche aber erhob sich ab und zu ein immergrüner Eucalyptus-Baum. Unregelmäßig angeordnete Hügelreihen verschiedenster Form und Größe begrenzten das Grasland.

Am nördlichen Horizonte tauchten in zartem Blau die Konturen des Owen Stanley-Gebirges und die Spitzen des zu 4002 m aufragenden Mount Victoria auf, dessen majestätisches Haupt am 11. Juni 1889 zum ersten Mal von einem Europäer, dem Gouverneur Macgregor, bestiegen worden ist.

Die Besteigung war mit den größten Schwierigkeiten verbunden, und die ganze Tour hatte 64 Tage in Anspruch genommen. Macgregor sowie seine Begleiter waren am 22. April 1889 in eine der Mündungen des Vanapa-Flusses und in diesem 6 Tage lang stromaufwärts gefahren, hatten dann hier, während Träger und Lebensmittel aus Port Moresby herbeigeholt wurden, campiert und waren am 17. Mai zu Fuße weiter gezogen. Unwetter, Sümpfe, Abgründe, schroffe Höhen, Hindernisse aller Art hemmten das Vorschreiten der Expedition, welche sich zumeist den Pfad Schritt für Schritt, die Axt in der Hand, durch Urwald bahnen musste, bis endlich am 11. Juni die Höhe erklommen war, welcher Macgregor den Namen Mount Victoria beilegte. Der Rückweg nahm die Zeit vom 13. bis zum 25. Juni in Anspruch. Verzögert und erschwert wurde die mühsame Partie auch dadurch, dass Macgregor nicht besonders gut zu Fuß ist.

Große Unternehmungslust scheint eine der Eigenschaften Macgregors, welchen die geographische Welt zu den hervorragenden Forschungsreisenden zählt, zu bilden, da er den größten Teil der Zeit hindurch auf Entdeckungsexpeditionen und Inspektionsreisen in das Innere des ihm unterstellten Gebietes begriffen ist, wobei er sich durch ebensoviel Ausdauer als Mut auszeichnet. Manches noch unerschlossene Gebiet, zahlreiche Eingeborenen-Dörfer hat er als der erste Weiße betreten und war freilich mitunter, wenn die Wilden ihn überfielen oder bekämpften, auch bemüssigt, seine Angreifer die verheerende Wirkung moderner Schusswaffen fühlen zu lassen.

Eine Expedition, welche Macgregor stets mit einem gewissen Selbstgefühl zu schildern liebt, ist jene den Fly River aufwärts. Dieser, im Zentrum Neu-Guineas entspringend und in einem ungeheuren Delta in den Golf von Papua mündend, ist 1845 von Captain Blackwood entdeckt und später von L. M. d’Albertis sowie von dem Missionär Mac Farlane auf dem Dampfer »Ellengowan« 800 km aufwärts befahren worden. Macgregor nun ist es gelungen, den mächtigen, in unzähligen Krümmungen strömenden Fluss noch 168 km über den Endpunkt der Fahrt d’Albertis hinaus, bis an die Grenze Britisch Guineas und des Deutschen Territoriums zu befahren, wobei zunächst der Dampfer „Merrie England“, weiterhin ein Walfischboot benützt wurde.

Der Bericht über Macgregors Forschungsfahrten ließ in mir eine wahre Sehnsucht erstehen, gleichfalls in jungfräuliche Gebiete vorzudringen, Flüsse, die weder gelotet noch vermessen sind, zu befahren, Landstriche, die vor mir noch kein Europäer betreten, zu schauen, als Sammler und Jäger kostbare, reichliche Beute heimzuführen.

So sinnend, ritt ich bei glühend heißem Sonnenbrand durch das eintönige Land fort, in dem wir drei Stunden lang ringsum nichts als die mit Gräsern und Gummibäumen bestandene Fläche erblickten, worin die Tierwelt gar spärlich vertreten war. Ab und zu fielen, wenn wir unter Eucalypten dahinritten, rote Ameisen auf uns nieder, die uns recht quälten. Nächst einem von Bäumen umschlossenen Sumpf flogen mit lautem Gekreische Kakadus und große Papageien auf, während von anderen lebenden Wesen in diesen Gefilden keine Spur zu entdecken war.

Im Bereiche des Laroki-Flusses endlich wurde die Vegetation üppig und mannigfaltig; mächtige Bäume, wie der Eisenrindenbaum (Notelaea ligustrina), Casuarinen, Mangroven und Ficus, traten hier an die Stelle der durch ihre Einförmigkeit ermüdenden Gräser und Eucalypten, und bald nahm uns schattiger, schöner Urwald auf, welcher, wie wir, am Südufer des Laroki angelangt, beobachten konnten, diesen Fluss zu beiden Seiten weithin begleitet. Da erschienen zwischen den hohen Stämmen allerlei Farne, rankende Rotangpalmen (Calamus Rotang), Orchideen, Misteln und andere parasitische Gewächse.

Der Laroki entspringt im Osten von Port Moresby jenseits der Astrolabe-Kette am westlichen Fuße der Richardson-Hügelreihe, nimmt anfänglich einen westlichen Lauf, um sich nach Aufnahme des Goldie River nordwestlich zu wenden und schließlich in die Redscar-Bai zu münden. An der Stelle, wo wir den Fluss erreichten, hatte dieser bei beträchtlicher Tiefe eine Breite von etwa 30 m, doch beträgt diese weiterhin 60 m und darüber; er beherbergt angeblich, wie alle anderen Gewässer dieses Gebietes, zahlreiche Krokodile, deren wir aber keines zu Gesicht bekamen.

Wir hielten an einer freieren Stelle des Ufers unter mächtigen Bäumen, um das Eintreffen der uns folgenden Karawane abzuwarten, mit welcher auch die ortskundigen Führer marschierten, die uns in den Urwald am Nordufer geleiten sollten.

Nach anderthalb Stunden kam die Karawane, von dem in den heißesten Tagesstunden zurückgelegten Wege vollkommen erschöpft und einer längeren Ruhepause bedürftig, an, während der wir in aller Eile unser aus Konserven bestehendes Mahl einnahmen, um sodann in Begleitung der Führer den Fluss zu überschreiten und uns der Jagd zu widmen. Mittlerweile richteten die Zurückgebliebenen auf dem Rastplatz das Lager auf.

Von dem Nordufer des Laroki aus schlugen wir verschiedene Direktionen in dem Urwald ein, und zwar drang ich, von dem Mischlinge Bedford sowie einem Papua begleitet, in nordwestlicher Richtung vor, wobei ich immer wieder, langsam vorwärtsschreitend, die Pracht und die feierliche Stille des von Baumriesen erfüllten Urwaldes bewundern musste.

Der Zweck, den ich hier verfolgte, war, eine möglichst große Zahl von Exemplaren der verschiedenen, auf Neu-Guinea so mannigfaltigen Arten der Vogelfauna zu erlegen, wobei ich es hauptsächlich auf Paradiesvögel, auf den großen Nashornvogel, auf Kronentauben (Goura albertisi) und auf Talegallahühner (Buschhühner) abgesehen hatte. Doch stieß, da ich weder englisch noch papuanisch spreche, die Verständigung mit meinen Begleitern auf einige Schwierigkeiten, die ich durch die Zeichensprache zu beheben suchte.

Die erste Beute war ein schön gefärbter Papagei, der, von weitem gesehen, auf dem Wipfel eines mächtig hohen Baumes nicht größer erschien als ein Zaunkönig. Bald darauf blieb mein Führer stehen und deutete auf eine Stelle im Unterwuchse, wo ich auf 80 Gänge weit einen großen, hühnerartigen Vogel entdeckte und schoss. Es war zu meiner Freude ein Talegallahuhn (Talegallus cuvieri).

Nur mit Aufwand aller Energie vermochte ich in dem dichten Urwald vorwärts zu kommen; denn fast unablässig musste ich mich wie eine Schlange durch das Gewirre der Ranken und Schlinggewächse winden, welches die mächtigen Stämme mit einander verkettete, zu den herabhängenden Ästen emporlief, von den Zweigen niederfiel, die Büsche verfilzte, den Boden bedeckte. Dornen und mit Widerhaken besäete Blattspitzen, dicke, kreuz und quer liegende, von Ranken überwucherte Stämme umgestürzter Bäume vermehrten die Hindernisse auf Schritt und Tritt. Des Schattens ungeachtet, welchen das dichte Blätterdach des Urwaldes spendete, war ich mit Schweiß bedeckt; doch staunte ich nicht wenig, in der Nähe des Flusses keine Moskitos vorzufinden, und so blieb mir mindestens diese Qual erspart.

Plötzlich vernahmen wir laute Vogelrufe, und es bemächtigte sich meiner, als Bedford mir bedeutete, es seien die Rufe des Paradiesvogels, eine gewisse Aufregung; denn wie der Tiger in Indien, so bildet in dem Gebiete der Südsee das erlesenste Ziel, die kostbarste Beute des Jägers der Paradiesvogel! Ist doch dieser ein ganz besonders scheuer Vogel, und vermag man seiner, da ihn in der Regel das leiseste Geräusch erschreckt und verjagt, meist nur durch Leimruten oder Schlingen, selten durch einen Schuss, habhaft zu werden. Die Schwierigkeit, Paradiesvögel zu erjagen, die Farbenpracht ihres Gefieders, insbesondere der Schwungfedern der Männchen, der Zauber auch, den Sage und Märchen um diese Bewohner der Lüfte gewoben haben — alles dies vereint erklärt wohl zur Genüge meine Begier, solche Beute zu erringen.

Mit äußerster Vorsicht schlichen wir zu den Bäumen hin, von welchen herab der Ruf ertönt hatte und schauten uns fast die Augen aus, bis uns endlich klar wurde, dass da droben nur Hennen saßen. Die schmucklosen Hennen aber waren mir kein erstrebenswertes Ziel; denn umgekehrt wie beim Menschen hat die Natur in der Tierwelt vorwiegend das männliche Geschlecht durch Schönheit begünstigt, so dass auch beim Paradiesvogel nur das Männchen den herrlichen Federnschmuck trägt, während das Weibchen ganz unauffällig gezeichnet ist.
Da kein Männchen den zärtlichen Rufen der Weibchen folgen wollte, musste ich nach einiger Zeit den Platz unverrichteter Dinge wieder verlassen. Auf einer kleinen, mit Gras bedeckten Lichtung sprangen plötzlich zwei kleine Wallabies zu meinen Füßen auf, deren eines ich, das andere Bedford erlegte.

Meine nächste Beute waren zwei sehr große Fruchttauben (Carpophaga pinon) und ein Exemplar einer mir ganz neuen, schwarz, gelb und weiß gefärbten Maina-Art (Eulabes dumonti), welches auf einem Eucalyptus-Baume saß. Ein Nachtreiher (Nycticorax caledonicus), den ich schoss, als er über meinen Kopf strich, ließ mich die Nähe von Wasser ahnen, und in der Tat kam ich bald an einen mit Röhricht überzogenen Tümpel, in dem sich allerhand Wasserwild umhertrieb. Die Enten schienen hier ihre gewohnte Scheu vergessen zu haben oder die Anwesenheit des Menschen nicht zu spüren; denn sie fielen, selbst nachdem ich bereits einige Schüsse abgefeuert hatte, immer wieder in den Tümpel ein, und so gelang es mir, zwei Baumenten zu erlegen, deren jede einer mir bisher unbekannten Art (Dendrocygna arcuata und guttata) angehörte. Von solchen Enten sah ich einen ganzen Flug von etwa 30 Stücken in meiner Nähe auf einem großen Ficus aufbaumen; auch Taucher und Rohrhühner gab es hier. Ferner schoss ich eine prächtige Ralle, vermochte aber leider den Vogel nicht zu bekommen, da der mich begleitende Papua um keinen Preis zu bewegen war, die Ralle aus dem sumpfigen Wasser herauszuholen.

Sehr erstaunt war ich, in dieser Einsamkeit plötzlich Rindvieh zu begegnen, welches mich eine Zeitlang anglotzte und dann scheu die Flucht ergriff. Auf meine Fragen wurde mir die Erläuterung zuteil, dass diese Rinder einer Herde entstammten, die vormals in Port Moresby gehalten, jedoch, da sie den Gärten der Eingeborenen argen Schaden zugefügt hatte, in diese Wildnis verbannt worden war, wo sich nun das Vieh in halbwildem Zustand umhertreibe. So oft man ein Stück Rindvieh brauche, werde es aus der Herde herausgeschossen.

An dem Rande des Tümpels standen zwei schneeweiße Reiher, an welche ich mich eben anpürschen wollte, als sie, von einem flüchtenden Zwergkänguruh verjagt, mit heiserem Geschrei abstrichen. Ungeachtet der Dämmerung, die schon hereingebrochen war, bemerkte ich, wenn auch nur undeutlich, noch einen weißen Vogel dasitzen; ich gebe Feuer, und vor mir liegt eine wunderschöne Ente (Tadorna radjah) mit schneeweißem Leibe, Kopf und Schnabel und mit metallisch schillernden, dunkelbraunen Flügeln.

Mittlerweile war vollkommene Dunkelheit eingetreten, so dass es dringend geboten war, in das Lager zurückzukehren. Von Leuchtkäfern umschwirrt, tappte ich nach dem Ufer des Flusses zurück, passierte diesen und fand am jenseitigen Gelände unweit des Lagerplatzes bereits meine Herren vor, welche gleichfalls einige Beute mit sich führten.

Das am Laroki unter riesenhaften Bäumen installierte Lager bot ein wahrhaft malerisches Bild; denn es war ein echtes und rechtes Waldläufer- oder Goldgräbercamp, keineswegs ein mit komfortablen Schlaf- und wohlausgestatteten Küchenzelten versehenes Lager, wie jene, welche mir auf meinen Expeditionen in Indien allerorten bereitet worden waren. Jeder von uns verfügte nur über eine an Bäumen befestigte Hängematte, oberhalb welcher zum Schutze gegen Regen ein etwa 2 ur großes Stück Wachstuch aufgespannt war, während man unterhalb das notwendigste Handgepäck und die Gewehre gestaut hatte. Gekocht wurde an offenem Feuer, und die Abendmahlzeit, aus Risotto und dem Inhalt einiger Konservenbüchsen bestehend, war einfach genug; sie mundete uns aber nach den Mühen des Tages weit besser, als die feine Küche Bussattos. Neben uns hatten sich rings um das große Feuer die papuanischen Führer und die Gepäckträgerinnen gelagert, welche von Zeit zu Zeit ihren einförmigen Gesang ertönen ließen; weiterhin standen die gefesselten Pferde. Zu unseren Füßen rauschte der Fluss und durch die dichten Laubkronen der Baumriesen flimmerten die goldenen Sterne, glänzte der silberne Mond.

Lange Zeit lag ich, in eine Decke gehüllt, am Ufer des Flusses, und wie ich so zum nächtlich strahlenden Himmel, auf die flackernden Lagerfeuer und die gespenstisch über die Stämme und Ranken des Urwaldes huschenden Schatten blickte, traten aus der Tiefe meiner Seele Erinnerungen aus meinen Kinderjahren hervor. Ja, so hatte ich einst, den »Letzten der Mohikaner« in der Hand, das Lagerleben der Cooper’schen Helden in den endlosen Wäldern Nordamerikas träumend geschaut . . .

Als ich endlich meine Hängematte aufgesucht hatte, begannen die Eingeborenen abseits zu tanzen und zu singen. Ihr Gesang und die einzelnen Freudenrufe, die sie ausstießen, gemahnten mich zuweilen an die Lieder und Juchezer, mit welchen in unseren Alpen die Burschen ihre „Diandln“ begrüßen, weckten manch schöne, heimatliche Erinnerung in mir und wiegten mich in Schlaf, in dem mich Traumbilder einer fernab von Laroki und von Neu-Guinea liegenden Landschaft umgaukelten.

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  • Ort: Port Moresby, Neu Guinea
  • ANNO – am 16.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Grille“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Port Moresby, 15. Juni 1893

Das Ende der Regenzeit machte sich in unangenehmer Weise bemerklich, da morgens ein tropischer Gussregen herabströmte und die See, der Brandung am Barrier-Riffe nach zu schließen, vom Winde stark aufgeregt war. Nebel lag auf den Bergen, und eine Böe trieb, während fleißig an der Einschiffung von Kohle gearbeitet wurde, die andere, so dass das nasse Wetter zwar die Arbeit erschwerte, aber uns doch den lästigen, in alle Räume dringenden Kohlenstaub ersparte. Der Regen und der hohe Seegang vereitelten auch unser Vorhaben, dem Rat des Hafenmeisters folgend, in der fischreichen Bucht mittels Dynamites zu fischen, und so blieb uns denn nichts anderes übrig, als weiterhin auszulugen, ob sich die Yacht des Gouverneurs noch immer nicht zeige. Da diese bis 10 Uhr vormittags nicht in Sicht gekommen war, fuhr ich, des Wartens müde, in einem Boot nach dem nahegelegenen Dorf Hanuabada.

Die Wohngebäude in Hanuabada waren, gleich den meisten Behausungen Eingeborener im Gebiete Neu-Guineas, auf Pfahlwerken ruhende Hütten. Diese Gepflogenheit, die Wohnungen hoch über dem Erdboden oder, wo ein Dorf im Wasser steht, — sei es an der Seeküste, sei es in Wasserbecken oder an Flussufern im Innern des Landes — hoch über dem Wasserspiegel zu errichten, hat den Zweck, den Bewohnern solcher Pfahlbauten Schutz wider menschliche und tierische Feinde zu bieten.

Auch hier sowie in den anderen Dörfern bei Moresby sind die Pfähle, auf welchen die eigentliche, zumeist aus zwei Stockwerken bestehende Hütte ruht, aus Mangroveholz und 3 bis 4 m hoch. Die Wände und das Dach der Hütte sind aus gut getrockneten Palmenblättern oder aus verflochtenem Gras hergestellt; die Bedachung springt weit vor und beschattet an der Stirnseite der Hütte einen laubenartigen Vorbau.

Jene Hütten, die zwei Stockwerke betragen, haben auch zwei übereinanderliegende Aufbaue, welche durch Leitern miteinander verbunden sind, während der Zutritt in das Innere der Hütten ebenfalls mittels dünner Leitern ermöglicht wird. Hier werden allerlei Gerätschaften, so insbesondere das Fischzeug verwahrt, und hängen an Palmenfaserschnüren als Trophäen die Schädel erschlagener Feinde, Schwanzflossen großer Fische u. dgl. Diese Aufbaue bilden tagsüber die Ruhestätte für einen Teil der Bewohner, namentlich für die älteren Familienglieder, welche daselbst nach gut papuanischer Art hockend zu verweilen pflegen und fast unbeweglich auf das Leben und Treiben zu ihren Füßen herabsehen.

Das Innere der Hütten ist unsauber und ziemlich dunkel, weil das Tageslicht, da Fenster unbekannt sind, nur durch die an beiden Enden des Raumes angebrachten Türöffnungen sowie durch das Rauchloch an der Decke eindringen kann. In einer der Ecken des Innenraumes steht der Herd, eine rudimentäre Feuerstätte, deren Unterlage eine auf Flechtwerk ruhende, dicke Tonschicht bildet; bei zweistöckigen Hütten jedoch ist der Raum mit dem Kochherd im unteren, die Schlaf- und Wohnstätte im oberen Stockwerk.

Die Einrichtung der Wohnräume ist nicht minder einfach als jene der Hütten auf den Salomon-Inseln; Sitzgeräte und Tische sind den Eingeborenen unbekannt und, weil diese die hockende Stellung bevorzugen, überhaupt nicht erforderlich; bloß einige Matten und dicke Bambusstücke als Kopfkissen bilden die Schlafstätte; irdene oder aus Bambus hergestellte Gefäße, Beutel aus Flechtwerk und die unentbehrlichsten Handwaffen vervollständigen die armselige Ausstattung. Der Gesamteindruck dieser primitiven Behausungen ist für den Kulturmenschen ein wenig erfreulicher, stehen dieselben ja doch auf keiner höheren Stufe als die prähistorischen Wohnungen der europäischen Pfahlbauzeit.

Gleich beim Eintritt in Hanuabada wurde mir ein merkwürdiges Schauspiel zuteil — ein Freudentanz, ein „Erntefest“. Tanzen ist auch hier, wie begreiflich, das Ausdrucksmittel für allerlei Stimmungen und Lustgefühle, und heute gab die Freude über eine ausnehmend reichliche Bananenernte den Bewohnern Hanuabadas besonderen Anlass, den Tag festlich zu feiern. Während die älteren Männer und die verheirateten Weiber, in trautem Beisammensein mit Hunden und Schweinen auf den Veranden der Hütten hockend und rauchend, die Zuschauer abgaben, umtanzte die Jugend beiderlei Geschlechtes die langen Stangen, an welchen Bananenbüschel in Form von Girlanden recht zierlich befestigt waren.

Jeder der Tänzer trug eine hölzerne Trommel, auf die er im Takt schlug. Rhythmischer Gesang begleitete die Bewegungen der Tanzenden, welche eine Art Quadrille zur Ausführung brachten, indem die Paare sich zuerst in zwei Kolonnen aufstellten, wonach eine ähnliche Figur wie jene, die bei uns auf das Commando „Traversez“ erfolgt, exekutiert wurde. Hiebei wiegten die Tänzer den Oberkörper in den Hüften, dann tanzten die Paare der Reihe nach zwischen den immer wieder neu formierten Kolonnen durch, bis sich schließlich diese in eine große Ronde auflösten.
Die Paare, wie bei uns aus „Herr“ und „Dame“ bestehend, indem stets ein junger Mann eines der hübschen Mädchen an der Hand führte, gaben sich dem Tanzvergnügen mit seltener Ausdauer und Leidenschaftlichkeit hin, in vollem Farben- und Federnschmuck, geschmeidig und mit natürlicher Grazie schreitend und springend.

Besonders anmutig erschienen die jungen Mädchen; denn von Jugend auf an ungezwungene, durch keinerlei lästige Kleidungsstücke beengte Haltung gewohnt, schwebten diese Schönen, sich graziös in den Hüften wiegend, den Oberleib ein wenig zurückgeneigt, leicht beschwingten Fußes einher, dass die aus Gras geflochtenen Röckchen lustig flatterten.

Farbige Bemalung, Halsketten und Armspangen bildeten den Schmuck der Mädchen, die mit ihrem Krauskopf und den schelmisch blitzenden, schwarzen Augen allerliebst aussahen. Gleich den Mädchen waren auch die Jünglinge sorgfältig blauschwarz tätowiert und mit roter, schwarzer und weißer Farbe bemalt. Die Tätowierung erstreckte sich, mit Ausnahme der Gesichter, die nur sehr wenig von dieser Zier aufwiesen, über alle Teile des Körpers und namentlich über die zart geformten Beine. Auf der unbedeckt zur Schau getragenen Brust der heiratsfähigen Mädchen von Port Moresby pflegt ein Herz eintätowiert zu sein, durch welches ausgedrückt werden soll, dass nunmehr die Trägerin dieses Symbols umworben werden dürfe.

Als Schmuck finden hier, wie dies angeblich in ganz Neu-Guinea der Fall ist, Blumen und Blätter vielfach Verwendung; sehr beliebt sind zu gleichem Zwecke Federn von greller Farbe, welche die Eingeborenen mit großer Geschicklichkeit untereinander zu verbinden und zu Kronen oder Stirnbändern zu gestalten wissen oder auch lose ins krause Haar stecken. Ich fand zumeist Federn des großen Nashornvogels, des Helm-Kasuars, des weißen Kakadus, insbesondere aber jene verschiedener Arten des Papageis und des Paradiesvogels in der gedachten Art verwendet.

Halsschmuck ist hier ungemein geschätzt und wird, da derselbe meist Erbstücke bildet, nur in äußerst seltenen Fällen verkauft oder eingetauscht. Muscheln und Zähne, dann Korallen, Federn u. dgl. bilden das Material, aus welchem die zuweilen mit Amuletten gezierten Halsketten verfertigt werden; die Armbänder und Beinringe bestehen zumeist aus geflochtenem Stroh oder aus durchbohrten Muscheln, während glänzende Metallstückchen und kleinere Muscheln die Ohrgehänge darstellen.

Die ganze Erscheinung dieser Tanzpaare, der kräftige, hohe, wohlgestaltete Wuchs, die anmutige Beweglichkeit, die angenehmen, ja hübschen Gesichtszüge, die lebhaften Augen — alles dies vereint bildete einen lebhaften Kontrast zu den eingeborenen Völkern und Stämmen, welche ich die letzten Monate über zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Wie schmächtig und weichlich erschienen mir dagegen die Hindus, wie matt und unschön die schlitzäugigen Javanen!

Allerdings stehen die zum Motusstamme gehörenden Papuas des Gebietes von Port Moresby in physischer wie in psychischer Hinsicht den Polynesiern weit näher als den Melanesiern; auch sprechen zu Gunsten der Papuas von Moresby noch insbesondere die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit der Gefühlsäußerungen, die lachende Heiterkeit und die offenkundige, durch Neugierde, stetes Fragen und Imitationstalent zutage tretende Bildungsfähigkeit jener Individuen, welche ich hier beobachtete.

Weitere Proben dieser Eigenschaften gewährte mir, nachdem das Erntefest zu Hanuabada beendigt war und ich mich von den Tänzern verabschiedet hatte, der Rundgang durch das Dorf, wobei wir von Jung und Alt geradezu umlagert wurden, da alle, namentlich die Kinder, die neuen Ankömmlinge sehen und betrachten wollten. Jedermann bestürmte uns mit Fragen, lächelte freundlich, winkte mit der Hand und drängte sich heran, um uns aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Einige ahmten unsere Bewegungen nach, andere schüttelten sich vor Lachen, da ihnen augenscheinlich manches an uns überaus komisch vorkam.

Endlich streckte die holde Jugend uns bittend die Hände entgegen, um irgend eine Gabe zu erlangen, und die Kleinen kletterten, sobald sie eine Münze, eine Zigarette oder dergleichen erhalten hatten, mit affenartiger Behändigkeit die Leitern zu den Hütten hinan und lieferten, was sie eben bekommen, pünktlich den Eltern ab, um dann sofort wieder zu uns zurückzueilen und abermals ein Geschenk zu erbetteln. Wir konnten uns dieser Kinderschar, die im Gegensatz zu den an früheren Punkten meiner Reise gemachten Erfahrungen keine Spur von Scheu vor Fremden zeigte, kaum erwehren.

Ich versuchte es, einige Schmuckgegenstände zu erhandeln, doch kannten die Leute bereits den Wert des Geldes; denn die üblichen Tauschobjekte verfehlten jeden Effekt und immer wieder wurde für jedes Stück lediglich „Money“ oder „Shilling“ verlangt. Sobald die Leute merkten, dass wir uns für das eine oder andere Stück interessierten, stieg es sofort bedeutend im Preis. Die guten Wilden scheinen mit Europäern traurige Erfahrungen gemacht zu haben, da sie vor Ablieferung ihrer Ware jedes Geldstück zu den Dorfältesten trugen, um von diesen die Echtheit der Münze bestätigen zu lassen; ja selbst dann noch weigerten sich einzelne der Verkäufer, uns die erworbenen Dinge herauszugeben, oder verlangten plötzlich das Doppelte des zuvor bestimmten Preises.

Bessere Geschäfte machte ich in dem anscheinend armen, weiterhin in der Bucht gelegenen Dorfe Elewara, wo ich eine große Anzahl ethnographischer Gegenstände erwarb, darunter zierliche Behälter, in welchen die Eingeborenen den Kaubetel, mit Korallenkalk gemischt, verwahren. Ebenso beraubte ich ungefähr zwanzig Damen ihres einzigen Toilettestückes, nämlich rot und gelb gefärbter Röckchen aus Grasgeflecht, die zu einem Shillinge das Stück gerne hergegeben wurden. In Elewara entwickelte sich nun nach und nach ein förmlicher Markt, indem die Leute alles Erdenkliche herbeischleppten und selbst ganz kleine Kinder Muscheln sowie Korallenstückchen feilboten; das Hauptgeschäft wurde von Weibern und jungen Männern besorgt, während die älteren Männer ruhig rauchend auf den Veranden hockten.

In Neu-Guinea raucht alles, Männer, Weiber, selbst kleine Kinder, und in jenen Gebieten, wo Geld noch ein unbekanntes Ding ist, kann man für Tabak alles erhalten. Für diesen gibt der Eingeborene Land, Bodenprodukte, Schweine, Waffen, mit einem Worte sein Letztes her. Zum Rauchen bedient man sich langer Bambusstöcke, die mit schönen, eingebrannten Zieraten versehen sind, und an deren Ende sich eine kleine Öffnung befindet, in welche der Tabak, von einem Palmenblatt eingehüllt, gesteckt wird; ist derselbe entzündet, so geht die Pfeife von Mund zu Mund. In Ermangelung einer Pfeife wird der Tabak in ein Blatt eingewickelt und wie eine Zigarette geraucht.

Nachdem ich mein Boot mit den erhandelten Gegenständen ziemlich gefüllt hatte, machte ich trotz des noch immer niederströmenden Regens einen kleinen Streifzug auf den umliegenden Höhen und passierte zunächst die niedrigen Gebäude der anglikanischen Mission, welche sich jedoch keines nachhaltigen Erfolges zu erfreuen scheint, da die Wilden, wie man sagt, nur durch Geschenke bestimmt werden können, den Gottesdienst zu besuchen. Dann durchquerten wir mehrere Bananengärten, die eben abgeerntet wurden, und begegneten hier einer Schar Weiber, welche auf dem Kopf große Bündel Bananen heimtrugen.

Weiters erklommen wir noch die nächst dem Government House aufsteigende Anhöhe, wurden aber von dem mit erneuerter Wucht niederstürzenden Regen an Bord zurückgetrieben.

Hier hatte sich ebenfalls ein lebhafter Handel entwickelt; die Eingeborenen waren mit Weib und Kind in ihren schlanken Kanus herbeigekommen, um Pfeile, Bogen, Äxte, Schmuck und anderes zum Kauf anzubieten, und fanden an den Offizieren und der Mannschaft willige Käufer — wollte doch jedermann an Bord ein Zeichen der Erinnerung aus dem Land der Menschenfresser mit in die Heimat nehmen. Ich glaube kühn behaupten zu können, dass die „Elisabeth“ an diesem Tage viele Hunderte von Pfeilen, Bogen, Speeren u. dgl. als Cargo aufgenommen hat. Auch die Mannschaft des Kohlendampfers versah sich mit einer bedeutenden Ladung ethnographischer Gegenstände, offenbar in der Absicht, sie nach der Rückkehr in Sydney zu bedeutend höheren Preisen loszuschlagen.

Die Insassen der Kanus zeigten sich gar nicht scheu, mehrere Mädchen kamen sogar an Bord, wo sie neugierig alles besahen und kleine Geschenke annahmen. Allgemeinen Jubel erregte es bei den Eingeborenen, als wir eine der Schönen mit einer violetten Jacke und einem Beinkleid aus lichtgrüner Seide bedachten und auf der Stelle damit bekleideten; die Leute konnten sich vor Freude nicht fassen, und stolz glitt die Beschenkte wieder über die Bordwand in ihr Kanu.

Da von dem Gouverneur noch immer nichts zu sehen war, fuhr ich nachmittags abermals nach Hanuabada, in der Absicht, von dort aus eine kleine Felseninsel zu erreichen, wo, wie mir gesagt worden war, jeden Abend Tauben einzufallen pflegen.

Leider aber hatte ich den Zeitpunkt für diesen Ausflug nicht richtig gewählt, da inzwischen Ebbe eingetreten war und ich mit dem Boote nirgends anlegen konnte, so dass ich nun wieder einige hundert Schritte durch Wasser und tiefen Schlamm waten musste, bis ich Hanuabada erreichte.

Eine Unzahl nackter Jungen trieb sich mit kleinen Netzen in dem Schlamm umher und sammelte verschiedene Muscheln und Seetiere, welche die Ebbe ausgeworfen hatte. Der Sammler ist immer unersättlich, und so feilschte ich mit den heute morgens erworbenen Freunden wieder um eine Menge Gegenstände, vorzüglich um Amulette und Hausgeräte.

Mittlerweile war es schon 4 Uhr geworden und stand ich auf dem Punkte, von Hanuabada gegen die Taubeninsel hin abzustoßen, als am Eingang des Hafens eine Dampf-Yacht in Sicht kam, welche Kurs auf Moresby nahm. Da kam also endlich der langersehnte Gouverneur! Die Expedition auf Tauben wurde sofort aufgegeben, und ich eilte an Bord zurück, um dort die Ankunft des Gouverneurs zu erwarten. Die kleine Yacht lief ein und vertäute sich an einer Boje, aber nichts regte sich, so dass ich schließlich einen Offizier absandte, um den Gouverneur zu ersuchen, sich bei mir einzufinden.

Die Verhandlungen mit diesem hatten zur Folge, dass zunächst prinzipiell eine auf drei Tage berechnete Expedition in das Innere des Landes, an den Laroki-Fluss, festgesetzt wurde; die Bestimmung der näheren Details erfolgte noch im Laufe des Abends an Bord der Yacht.

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  • Ort: Port Moresby, Neu Guinea
  • ANNO – am 15.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Faust“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Port Moresby auf Neu-Guinea, 14. Juni 1893

Eine dichte, dunkle Wolkenwand, aus welcher strichweise Regengüsse herniederströmten, verbarg am Morgen die Küste Neu-Guineas völlig, und wir vermochten daher, weil die Orientierung über das Fahrwasser vor Port Moresby angesichts der Unvollkommenheit der Seekarten dieses Gebietes ohnedies große Schwierigkeiten bietet, die äußerst schmale Passage in den Hafen erst anzulaufen, nachdem an der Küste orientierende Punkte in Sicht gekommen waren.

Die See erglänzte schon längst im Schimmer des strahlenden Tageslichtes, als endlich, gegen 8 Uhr morgens, das über der Küste lagernde Gewölk emporstieg und das Land erblicken ließ, dessen in weiter Ferne liegende Berge und Hügel mit sattem Grün bekleidet erschienen. Port Moresby selbst ist fast gänzlich von Kalksteinhügeln umgeben, deren baumlose Hänge vielfach mit hohem Gras bedeckt sind; kaum ein Fleckchen ebenen Landes ist ringsum zu sehen. Es war, im ganzen genommen, ein freundliches Bild, welches hier vor unseren Augen erstand; doch blieb es hinter den tropisch üppigen Veduten, welche uns die Salomon-Inseln geboten hatten, weit zurück.

Unsere Aufmerksamkeit wurde bald wieder durch Anderes, Näherliegendes in Anspruch genommen, nämlich durch die Schwierigkeiten der Passage. Der Hafen von Moresby ist gegen die offene See zu von einer langgestreckten, aus Korallen bestehenden Barriere begrenzt, die für größere Schiffe nur eine ganz schmale, beiderseits von Riffen begleitete Durchfahrt freilässt; mächtig schlug die Brandung an diese Korallenbänke, welche aus der Ferne schon durch die hellgrüne Färbung des angrenzenden Wassers kenntlich waren. Zu den Fährlichkeiten der Navigation in dieser Passage an und für sich gesellte sich ein neues Moment; denn seitdem die Wolkenwand geschwunden war, hatten wir die Sonne voll im Gesicht, daher wir, von ihr und dem glitzernden Wasser geblendet, die Einzelheiten der Passage nur undeutlich wahrzunehmen vermochten. Doch gelang es, allen Hindernissen zum Trotz, dem Kommandanten und dem vortrefflichen Navigationsoffizier der „Elisabeth“, diese um halb 11 Uhr morgens glücklich durch die Basilisk-Passage zu führen. Um 11 Uhr fiel endlich der Anker in Port Moresby.

Von Captain Moresby, dem Erforscher des südöstlichen Gebietes und der Südküste von Neu-Guinea, 1873 entdeckt und nach ihm benannt, ist Port Moresby gegenwärtig der Sitz der Administration Britisch Neu-Guineas, und wird von hier aus die der britischen Krone gehörende, Queensland unterstellte Kolonie durch einen besonderen Gouverneur verwaltet. Die Insel Neu-Guinea, einschließlich der Prinz Frederick-Insel, der Papua-Inseln, der Inseln des Louisiaden-Archipels und anderer Eilande ist heute unter drei Mächte geteilt. Den größten Teil dieser 807.956 km2 betragenden Fläche nimmt die niederländische Besitzung Westlich-Neu-Guinea mit 397.204 km2 ein; der nordöstliche Teil der Insel mit 181.650 km2 ist ein Schutzgebiet des Deutschen Reiches; über den südöstlichen Teil endlich, Britisch Neu-Guinea mit 229.102 km2, wurde im Jahre 1884 ein formelles Protektorat Englands verkündet und am 4. September 1888 in feierlicher Weise die Souveränität der Königin ausgesprochen. Die Grenzen dieser Besitzungen erscheinen nun zwar auf den Landkarten festgesetzt, die staatliche Verwaltung aber erstreckt sich vorläufig nur auf aliquote Teilchen des Gebietes, da Neu-Guinea, einige Küstenstriche, Flusstäler und Inseln ausgenommen, im ganzen und großen heute noch eine Terra incognita ist und es schon in geringer Entfernung von der Küste Eingeborenenstämme gibt, welche noch nie einen Weißen erblickt haben.

Der Hafen ist sehr geräumig, er zieht sich mit vielen, kleinen Buchten 9 km von Süd nach Nord ins Land und dehnt sich westlich bis Fairfax Harbour aus, bietet jedoch keinen guten Ankergrund. Im Nordosten der Küste steigt eine Bergkette auf, deren höchste Erhebung der Mount Astrolabe (1166 m) ist.

Port Moresby trägt völlig das Gepräge einer jungen Schöpfung und macht dabei einen ziemlich trübseligen Eindruck. Das Government House, ein kleines, ebenerdiges, auf einem Hügel postiertes Gebäude, ist von einer geringen Anzahl aus Wellblech erbauter, recht elender Bungalows, den Wohnhäusern der wenigen hier ansässigen Weißen, umgeben. Unweit davon, in einer geschützten Bucht, liegen drei von Eingeborenen bewohnte Dörfer, nämlich Elewara, auf einer zur Zeit der Flut vom Festland abgeschnittenen Halbinsel, dann Tanubada und Hanuabada. Oberhalb Tanubadas erheben sich die Häuser einer anglikanischen Missionsstation.

Bei unserer Ankunft war der ganze Außenhafen innerhalb des Barrier-Riffes, da die Eingeborenen eben auf den Fischfang auszogen, mit Kanus übersät, welche äußerst schmal, zum Teil mit Auslegern für die Ruder, durchwegs aber mit viereckigen, aus Strohmatten gebildeten Segeln versehen sind. Ungeachtet dieser höchst primitiven Ausrüstung lenkte die Bemannung die stark besetzten Kanus mit großer Geschicklichkeit rasch über die ziemlich bewegte See hin.

Neben uns lag ein kleines Kohlenschiff, welches wir von Sydney aus hieher dirigiert hatten, um unsere Heizvorräte zu ergänzen. Der Kapitän desselben kam sofort an Bord der „Elisabeth“ und berichtete, er sei etwa 80 Seemeilen vor Moresby auf ein Korallenriff aufgefahren, ohne jedoch wesentlichen Schaden erlitten zu haben, da es gelungen war, das Schiff nach Eintritt der Flut wieder frei zu machen. Auch überbrachte der Kapitän die Poststücke, welche bis zu seiner Abfahrt von Sydney dort für uns eingelaufen waren. Unter anderem enthielt diese Sendung auch Zeitungen mit Illustrationen der „Elisabeth“ und einiger Episoden unseres Aufenthaltes in Sydney — Bilder, deren manche darnach angetan waren, unsere Heiterkeit zu erregen.

Wer aber nicht an Bord kam, war der Gouverneur, Sir William Macgregor, den wir lebhaft herbeisehnten, da nur er die von uns projektierte Expedition nach dem Innern der Insel ins Werk setzen konnte. Endlich erschien jedoch in Vertretung desselben der Hafenmeister und meldete, Sir W. Macgregor habe sich auf seiner Dampf-Yacht tagszuvor nach Yule Island, etwa 80 Seemeilen nordwestlich von hier, begeben, um Besitzstreitigkeiten zwischen der dort befindlichen Missionsstation und den Eingeborenen zu schlichten, und werde voraussichtlich entweder noch heute abends oder den nächsten Morgen nach Moresby zurückkehren. So fassten wir uns denn in Geduld und beschlossen, das Eintreffen des Gouverneurs abzuwarten.
Betreffs eines Ausfluges in das Innere des Landes vermochte uns der Hafenmeister allerdings nur mangelhaft zu orientieren, doch erklärte er sich schließlich bereit, uns nachmittags in eine der nahe gelegenen Buchten führen zu wollen. Hinsichtlich ethnographischer Objekte wies mich derselbe an das einzige Handelshaus der Ansiedlung, welches solche Dinge sammle, und tatsächlich fanden sich hier eine reichhaltige Kollektion schöner Schilde, Speere und anderer Waffen sowie Bälge von allerlei Arten der auf Neu-Guinea bekanntlich einheimischen Paradiesvögel vor. Ich brachte diese Sammlung an mich und stieß dann mit der Barkasse, dem Jollboot und der kleinen Putzjolle unverzüglich wieder vom Land ab, um den Hafen der Länge nach zu durchfahren und in die nördlichste, zwischen dem Festland und der Insel Tatana gelegene Bucht zu gelangen.

An dem Ufer von Tatana erblickten wir zwei größere Dörfer, deren Hütten auf Pfählen hoch über dem Wasser errichtet waren.

Das Landen in der Bucht stieß wegen der inzwischen eingetretenen starken Ebbe auf große Schwierigkeiten. Die Dampfbarkasse musste bald stoppen, worauf wir versuchten, uns mit dem Jollboote der Küste zu nähern, aber binnen kurzem auf Korallenriffen festsaßen, so dass nun die Putzjolle an die Reihe kam. Als auch diese nicht von der Stelle rückte, mussten wir uns bequemen, in das Wasser zu springen und an das Ufer zu waten; hier trafen wir in der Nähe einer kleinen Ansiedlung auf einen daselbst ansässigen malayischen Händler, welcher sich willig zeigte, uns an Stellen zu führen, wo Aussicht sei, Vögel zu erbeuten.

Wir formierten zwei Abteilungen: ich drang mit Clam und dem Malayen in westlicher Richtung vor, während Wurmbrand und Prónay, von einem Papua geführt, gegen die im Norden befindlichen Hügel zogen. Der Weg war sehr beschwerlich; denn hohes Gras wechselte mit kleinen Gruppen von Bäumen und Gebüschen ab, in dem Gras aber lagen zahlreiche morsche Stämme umher.

Sobald die Regenzeit beendet ist und das Gras abzusterben beginnt, zünden die Eingeborenen dieses an, stellen Netze vor und fangen auf diese Weise die vor dem Feuer flüchtenden Wallabies und Wildschweine; natürlich leidet dadurch der Baumwuchs in so hohem Maße, dass eine üppige Entwickelung desselben nur an den Wasserläufen der Täler stattfindet

Die Angabe des Hafenmeisters, dass die Umgebung von Port Moresby kein Haarwild und auch nur wenige Vogelarten aufweise, überdies von den Eingeborenen sowie von Sammlern stark ausgeplündert sei, bewahrheitete sich völlig; unsere Ausbeute betrug nur wenige unbedeutende Exemplare. Überdies schien unser Führer, der Malaye, wenig Interesse für diese Art Sport zu hegen, da er uns immer im Kreis spazieren führte und wiederholt erklärte, dass man viele Meilen weit ins Innere der Insel dringen müsse, um Erfolg zu haben. Die anderen Herren waren etwas glücklicher als wir, da sie Papageien einer mir noch neuen Art (Geoffroyus aruensis) zur Strecke brachten.

Dieser Malaye, dessen Haus wir besahen, soll ein sehr wohlhabender Mann sein, der die Küsten Neu-Guineas in kleinen Segelbooten befährt und gegen Tabak von den Eingeborenen Kokosnüsse, Sandelholz sowie andere Producte eintauscht, welche er an die in Port Moresby einlaufenden Schiffe verkauft.

Der Südostmonsun hatte stark aufgefrischt, ja sogar im Hafen war der Seegang so bedeutend, dass wir See um See in das Boot bekamen.

An Bord wurde uns die Nachricht zutheil, dass der Gouverneur Macgregor noch nicht eingetroffen sei, und es hieß daher neuerdings geduldig warten.

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  • Ort: Port Moresby, Neu Guinea
  • ANNO – am 14.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Tochter des Hern Fabricius“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

In See nach Neu-Guinea, 11., 12. und 13. Juni 1893

Am 11. waren wir auf ganz offener See, am 12. kam der Archipel der Louisiaden in Sicht, und zwar zunächst Rossel Island mit dem Cap Deliverance, dann die große Insel Tagula, die in einem Kranz kleinerer, grüner Eilande liegt. Auch über die Louisiaden hat Großbritannien seine Schutzherrschaft ausgedehnt.

Früh morgens am 13. nahmen wir die Umrisse von Neu-Guinea. nämlich die südöstlichste Spitze bei South Cape, wahr. Wir steuerten auf ungefähr 40 Seemeilen längs der Küste gegen Port Moresby zu; doch verschwand die Küste unseren Blicken wieder, um nur ab und zu auf Augenblicke aufzutauchen; denn schwere Regenwolken lagen über der Insel und verhinderten jede Aussicht. Das Wetter war, abgesehen von der zunehmenden Temperatur in den Kabinen, sehr gut; die ersten zwei Tage herrschte zwar Wind aus Norden, also aus einer für diese Zeit ungewöhnlichen Richtung, der aber am dritten Tag in den normalen Südostmonsun umsprang.

Die ganze Fahrt über zeigten sich auffallend viele fliegende Fische, teils in Schwärmen, teils einzeln; manche derselben flogen auch an Bord, wurden gefangen und wanderten gleich in die Spiritusbehälter. Zahlreiche Möwen verschiedener Arten umschwärmten uns, besonders
große, ganz dunkelbraune Vögel, — eine Art von Tölpeln (Sula piscator) — deren ich sechs Stück erlegte; drei hievon fielen auf Deck. Einen solchen Vogel Mengen die Matrosen auch in der Nacht, als er sich, müde vom langen Flug und angezogen von den vielen Lichtern, auf einen Bootskrahn niedergelassen hatte. Die Anzahl und Verschiedenartigkeit der Möwen und Sturmvögel in den tropischen Meeren ist übrigens nicht zu vergleichen mit jener der nördlichen Meere, welche durch zahlreiche Flüge belebt weiden.

Schwere Arbeit verursachte das Waschen, Putzen, Trocknen und Verpacken unserer Korallenausbeute von Ugi; denn die erfischten Stücke mussten zuerst 24 Stunden lang in Süßwasser liegen, womit wir drei Boote, um in diesen die Korallen zu stauen, gefüllt hatten, und dann unter der Dampfspritze von den abgestorbenen Weichteilen und aufsitzenden Algen gereinigt werden, worauf die Formen im schönsten Weiß erglänzten. Abermals durch 24 Stunden hatten die Korallen endlich in freier Luft zu trocknen und wurden zum Schluss, von Sägespänen umgeben, in Kisten verpackt. Leider ging der Vorrat an Sägespänen bald zu Ende; doch hatte unser leitender Ingenieur in Gemeinschaft mit Clam bald eine Art Zirkularsäge erfunden, die mittels einer Transmission an die Aschenhissmaschine gehängt wurde und, gut funktionierend, aus zerschlagenen Kisten, gebrochenen Riemen u. dgl. Sägespäne erzeugte. Die Prozedur ging zwar langsam vor sich; trotzdem waren wir über die Erfindung sehr erfreut, da sie uns aus der Verlegenheit half.

Die Expeditionen in Ugi, namentlich das Durchwaten sumpfiger Stellen und in Verbindung hiemit wohl auch das Korallenfischen, hatten leider mehrere Fieberfälle unter der Mannschaft zur Folge.

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  • Ort: nächst Neu Guinea
  • ANNO – am 11.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die alten Junggesellen“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

In See nach Neu-Guinea, 10. Juni 1893

Obgleich um 6 Uhr dampfklar, verließen wir die Selwyn-Bai doch erst um 8 Uhr, da noch ans Land um Süßwasser geschickt werden musste, welches wir in größerer Menge zum Reinigen der gestern erbeuteten Korallen brauchten.

Der Küste von San Cristoval entlang ging’s, bis wir gegen Mittag deren nordwestlichsten Punkt, das Cap Recherche, erreichten, worauf wir südwestlichen Kurs auf das Südostcap des Louisiaden-Archipels nahmen und uns unserem nächsten Ziele, Port Moresby an der Südküste Neu-Guineas, zuwandten.

Den ganzen Tag hindurch hatten wir die beiden großen Inseln Malaita und Guadalcanar mit den auf letzterer bis zu 2442 m, auf Malaita bis zu 1304 m emporsteigenden Bergen und den üppigen Urwäldern in Sicht. Diese Eilande sind ebenfalls noch wenig durchforscht und von zahlreichen, ganz wilden Stämmen bewohnt, welche durchwegs Anthropophagen sind. In dieser Hinsicht sind namentlich die Bewohner von Malaita berüchtigt, die sogar, von der Gier nach Menschenfleisch getrieben, in ihren leichten Kanus die Fahrt über den Malaita von San Cristoval trennenden, etwa 30 Seemeilen breiten Meeresarm wagen, um Bewohner der letztgenannten Insel zu überfallen und dieselben nach Malaita zu bringen.

Insbesondere zu der Zeit, wo auf Malaita religiöse Feste gefeiert werden, pflegen die Eingeborenen nach allen Richtungen hin auf die Menschenjagd auszugehen; doch gelang es den Cristovalern in jüngster Zeit, einen Überfall seitens zahlreicher Malaiten glücklich und unter empfindlichen Verlusten für die Angreifer abzuschlagen. Das Schicksal der so auf Cristoval in Gefangenschaft geratenen Malaiten dürfte freilich ein nicht minder schreckliches gewesen sein als jenes, welches den Cristovalern bevorstand, wenn diese unterlegen wären. Das Fleisch der Erschlagenen wird in Würfel zerschnitten, in eine Art Pasteten, aus Yamswurzeln hergestellt, verbacken und in dieser Zubereitung verzehrt!

Das Wetter war heute ausnehmend schön, ein leichter Nordwind brachte angenehme Kühlung, deren insbesondere die Inhaber der Steuerbordkabinen, also auch ich, teilhaftig wurden. In außerordentlicher Farbenpracht flammte die Sonne bei ihrem Untergang am Himmel auf.

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  • Ort: Louisiaden Inseln
  • ANNO – am 10.06.1893 in Österreichs Presse. Im Raum Galizien herrscht Hochwasser.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Egmont“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Ugi, 9. Juni 1893

Um den zweiten und leider letzten Tag unseres Aufenthaltes auf Ugi gehörig auszunützen, das heißt um noch anderweitiges Material für meine Sammlungen aufzubringen und die Insel näher kennen zu lernen, sollten heute schon bei Anbruch des Tages mehrere Expeditionen ausgehen und erst am Abend an Bord zurückkehren. Die Disposition war die folgende: ich wollte mit Prónay und Regner längs der Südküste jagen und zwar bis zu dem Cap Panna nihi, wo unser einige Boote warten sollten, mit deren Hilfe wir den Nachmittag über die interessanten Korallenbänke zu durchforschen beabsichtigten; Wurmbrand und Clam stellten sich die Aufgabe, unter Führung eines Eingeborenen rund um die ganze Insel zu gehen, was sie in acht Stunden zu leisten hofften, während Bourguignon, Sanchez und Preuschen beschlossen, bis zu einem Dorf an der Nordküste vorzudringen, um dort für mich ethnographische Gegenstände zu sammeln, Mallinarich aber sollte mit zwei Unteroffizieren Schmetterlinge fangen.

So stießen wir denn von der „Elisabeth“ ab, nicht ohne dass der um seine Schutzbefohlenen besorgte Kommandant uns noch ans Herz gelegt hätte, bei Sonnenuntergang ja wieder an Bord zurückzukehren. Auf dem Land trennten sich die einzelnen Expeditionen mit herzlichem „Waidmannsheil“. Jede derselben hatte Matrosen zur Begleitung und führte den nötigen Proviant mit sich.

Ich wandte mich zunächst wieder gegen das Dorf Ete-Ete, unterwegs nach Vögeln spähend, doch sah es, da kurz vor Tagesanbruch ein Regen niedergegangen war und auch jetzt noch Regen mit Sonnenschein abwechselte, mit der Vogelwelt, deren Vertreter in den dichten Laubkronen versteckt waren, übel aus, und ich konnte daher nur einen großen, grünen Papagei erlegen, während Prónay eine selten schön gefärbte Taube mit gelben, violetten und grünen Federn zur Strecke brachte. Der Boden war durch den Regen fast grundlos geworden, und bei jedem Schritt sanken wir bis über die Knöchel in die durchweichte Humusschicht ein, welche hier den Boden bedeckte. Im Wald fand ich einen eben verendenden Eber des Hausschweines, der mir durch seine kolossalen, spiralförmig nach rückwärts gebogenen Waffen auffiel. Einige Zeit hindurch verweilten wir im Dorf, um das Leben und Treiben der Wilden noch genauer zu beobachten, da sich diese heute weit weniger scheu und misstrauisch zeigten als tagszuvor.

Bei den Bewohnern der Salomon-Inseln herrscht eine Art „Zweikindersystem“ vor, so dass angeblich ein namhafter Teil der Neugeborenen umgebracht wird; tatsächlich fiel uns auf, dass wir nur eine geringe Zahl Kinder sahen. Polygamie ist hier die Regel; doch pflegt die Zahl der Frauen in einem und demselben Haushalt selten mehr als zwei zu betragen. Die Stellung des Weibes ist eine gar trübselige, da dieses dem Gatten völlig untergeordnet, mit jeglicher Arbeit in Haus und Feld belastet und der rohesten Behandlung seitens des Mannes überhaupt preisgegeben ist. Letzteres erklärt wohl, weshalb die Frauen uns gegenüber anfänglich noch mehr Scheu an den Tag legten als die Männer, obwohl es heute schien, als hätte unser Auftreten in Ete-Ete am vorhergehenden Tag auch die Frauen zutraulicher gemacht; ja ein junges Weib, das in paradiesischem Kostüm vor einer der Hütten stand, ließ sich sogar herbei, mit freundlichem Grinsen eine Zigarette anzunehmen, welche ich ihr angeboten hatte.

Weiterschreitend kam ich nach einer halben Stunde Weges zu einer Lichtung, auf welcher ich eine Anzahl aus Holz geschnitzter Götzenbilder und Fetische vorfand. Die Figuren, sowie die ringsum wahrnehmbaren Überbleibsel von Hütten schienen darauf hinzudeuten, dass auf dieser Lichtung sich einst ein Dorf sowie eine Heilige Stätte befunden hatten, und ich beschloss sofort, auf dem Heimweg mit den Booten an der Küste unweit der Lichtung anzulegen und mich der anscheinend herrenlosen, interessanten Fetische zu bemächtigen. Um nun späterhin die Lichtung wieder zu finden, markierte ich von dieser bis zur Küste hin einen Weg, indem ich eine zum Meeresufer reichende Reihe von Bäumen anplätzte, an der Küste aber den Beginn dieses „Weges durch Markierung zweier der größten Palmen bezeichnete. Dieser Vorgang mochte den Wilden aufgefallen sein und ihnen mein Vorhaben kundgetan haben; denn als einige Herren des Schiffsstabes, bald nachdem ich die Lichtung verlassen, hier vorbeikamen, fanden sie, wie ich später erfuhr, vor jedem der angeplätzten Bäume bereits einen bewaffneten Eingeborenen als Schildwache vor, so dass ich den Plan, in den Besitz der genannten Fetische zu gelangen, wohl oder übel aufgeben musste.

Gegen 10 Uhr endlich war ich in der Nähe von Panna nihi, wanderte jedoch, da die Sonne nun schon intensiver zu brennen angefangen hatte und infolge dessen alle Vögel in den dichtesten Baumkronen verborgen waren, der Küste zu, wo zwei Jollboote und die Putzjolle warteten.
Korallen fischend, fuhr die kleine Flotille dem Ufer entlang auf und nieder. An jeder der Stellen, wo derartige Gebilde zum Vorscheine kamen, wurde halt gemacht, vier der Matrosen sprangen ins Wasser und holten tauchend allerlei Korallen hervor. Während wir im Bereiche der Küste verweilten, kam plötzlich die Expedition Wurmbrand-Clam an der Küste in Sicht und stieß, unseren Spuren folgend, bald zu uns; die Herren hatten sich ihrem eingeborenen Führer nicht verständlich machen können, so dass er sie stundenlang in dichtem Wald umhergeführt und schließlich an den Ausgangspunkt ihrer Wanderung zurückgebracht hatte. Da es inzwischen Mittag geworden war, gaben sie ihren ursprünglich gefassten Plan notgedrungen auf und beschlossen, mindestens unsere Expedition aufzusuchen, was ihnen auch unschwer gelang.
Die Putzjolle war bald mit Korallen so ziemlich vollgefüllt, und hielten wir dann in kühlem Schatten Mittagsrast, ein keineswegs schwelgerisches Mahl einnehmend, dessen Hauptbestandteil die von Sydney mitgebrachten Konserven bildeten.

Während der Rast sprach der Bootsmann die Vermutung aus, dass wir an dem westlichen Strand der Reede, also jenseits des Ankerplatzes der „Elisabeth“, noch weit schönere Korallen finden dürften als in der Nähe des Ortes, an welchem wir uns eben befanden. Diesem Winke folgend, ruderten wir, sobald unser Mahl beendet war und auch die Mannschaft abgegessen hatte, die vier Seemeilen betragende Strecke bis zur „Elisabeth“ zurück, gaben die bisher
gemachte Beute an Bord ab und steuerten ohne weiteren Aufenthalt dem bezeichneten neuen Reviere zu, das sich in der Tat als ein ausnehmend reicher Fundort erweisen sollte. In einer Entfernung von etwa 20 m von der Küste lagen hier die herrlichsten Korallen in einer Tiefe von 1 bis 2 m unter dem Wasserspiegel; weiterhin fiel die Bank zwar in bedeutendere Tiefen ab, allein auch da schimmerten durch das blaue Wasser die schönsten Gebilde empor. Wir sprangen sämtlich sofort aus dem Boot, tummelten uns, teils watend, teils schwimmend, rings um die Bank umher und holten jede besonders schöne Koralle, die wir in dem klaren, bis auf den Grund hinab durchsichtigen Wasser ersahen, tauchend hervor; größere Stücke, insbesondere massige Formen, waren jedoch nicht einfach mit der Hand abzulösen, so dass wir uns, um solcher habhaft zu werden, einer eisernen Brechstange bedienen mussten, welche von einem der Taucher angesetzt wurde, während die anderen drückten und schoben, bis das begehrte Stück absprang.

Hier stand Koralle an Koralle; wir zählten deren an dieser Stelle nicht weniger als vierzehn von einander verschiedene Arten, und nirgends auf diesem Riffe berührte der Fuß etwas anderes als immer wieder Korallengebilde. Zwischen diesen aber schwammen allenthalben rote, blaue und grüne Fischchen, lagen prachtvoll gefärbte Holothurien, Seesterne, Muscheln und andere Seebewohner, deren wir eine größere Anzahl erbeuteten.

Die unter Wasser befindlichen Korallen schillern in den herrlichsten Farben, deren Gewirre schon von oben her, insbesondere jedoch beim Tauchen aus nächster Nähe betrachtet, den Eindruck hervorruft, als seien hier alle nur erdenklichen Abtönungen in einer unendlichen Skala der feinsten, aufs zarteste abgestuften Nuancen kunstvoll aneinandergereiht.

So immer von neuem angeregt, schwammen, tauchten, fischten wir in dem lauen Seewasser mehrere Stunden lang mit größtem Eifer, wobei jeder den anderen durch seine Funde zu überbieten, jeder die allerschönsten Exemplare aus der Tiefe zu holen suchte. Endlich waren zwei Boote bis an den Rand mit Beute vollgefüllt, worauf wir noch die Küste in einer Länge von etwa 500 m eingehender Untersuchung unterzogen, um auch hier eine große Anzahl von Muscheln, Schnecken und Krabben zu finden. Der ganze Strand ist fußhoch mit weißglänzenden Muschel- und Korallenstückchen bedeckt, so dass es aus der Ferne den Anschein hat, als sei jener mit weißem Sande bestreut. Diese Trümmer sind durch die zerstörende Gewalt der Brandüng entstanden und durch die Flut an die Küste geworfen; ab und zu erscheinen zwischen den Bruchstücken eingeklemmt auch noch völlig unversehrt gebliebene Muscheln oder Schnecken. Weiterhin wimmelte es von Krabben, während an den Stämmen der am Rande des Ufers stehenden Bäume Landschnecken hafteten, deren Gehäuse mitunter Einsiedlerkrebsen als Wohnung dienten. Nachdem wir den Strand durchsucht und mit der gewonnenen Beute zwei Baljen vollgefüllt hatten, traten wir im Scheine der sinkenden Sonne die Heimfahrt an, welche jedoch nicht ganz glatt ablief, da unsere Boote wiederholt auf hoch emporragenden Korallenriffen aufsaßen und nur mit Mühe wieder flott gemacht werden konnten; zudem ereilte uns eine heftige Regenböe, welche wir aber, von dem Korallenfischen ohnehin völlig durchnässt, wenig beachteten.

An Bord der „Elisabeth“ wurde das ganze Achterdeck von der Beute des heutigen Tages in Anspruch genommen; bis in die späte Nacht hinein wurde hier gestaut, um die Korallen zu bergen und zu schichten.

Inzwischen war auch die dritte Expedition, jene, welche die Insel durchquert hatte, heimgekehrt. Die Herren waren von ihrem Ausflüge ganz entzückt; in Begleitung des Häuptlings Rora und einiger seiner Untertanen hatten sie, stets im Wald weiter schreitend, nach ziemlich mühevollem Marsch in drei Stunden die Nordküste erreicht und dort auf einer höchst einladenden, mit feinem Sand bedeckten Plage ein erquickendes Bad genommen. Weiterhin an das Ziel der Wanderung, in das an der Nordküste gelegene Dorf gelangt, hatten sie dessen Bewohner anfangs noch weit scheuer gefunden als jene von Ete-Ete; doch wurden dieselben bald dadurch zutraulich gemacht, dass die Herren ihre Waffen ablegten und ihr Frühstück mit den Eingeborenen teilten. Auch der würdige Rora hatte im Vollbewusstsein seiner Wichtigkeit nach Kräften dazu beigetragen, die Eingeborenen zu beruhigen, so dass es den Herren sogar gelungen war, nebst einer großen Menge anderer Objekte zwei Fetische und einzelne Schmuckgegenstände für mich zu acquirieren.

Als die Expedition die von ihr erworbenen Gegenstände auf die „Elisabeth“ bringen wollte, zeigten sich drei junge Eingeborene bereit, die Dinge zu den Booten zu tragen, und ließen sich sogar bewegen, an Bord zu kommen. Die Wilden erschraken aber ganz gewaltig, als eben beim Einholen der Flagge die Musikkapelle einschlug und der Flaggenschuss abgefeuert wurde.

Den ganzen Tag über hatte schon eine größere Anzahl von Kanus das Schiff umfahren, auch ließen sich die Wilden, die nun einsahen, dass ihnen keine Gefahr drohe, in eifrigen Tauschhandel ein, wobei hauptsächlich kleine Geldstücke, Virginia-Zigarren und Zigaretten anziehende Kraft äußerten. Nur wollten die Eingeborenen um keinen Preis eines ihrer Kanus hergeben; und gerade um ein solches war es mir zu tun, da diese Fahrzeuge mit ihrem leichten, eleganten Bau und ihrem Schmuck — aus Muscheln und Seegras hergestellten Zieraten — die schönsten Kanus der Südsee darstellen sollen. Erst als unser Artillerieoffizier mit zwei Werndl-Karabinern herausrückte und diese zum Tausch anbot, wurden zwei Kanus unser Eigentum.

Die vierte, von Mallinarich geführte Expedition kam mit reichen Funden an Schmetterlingen und Hautflüglern aller Art heim.

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  • Ort: Ugi, Salomon Inseln
  • ANNO – am 09.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „College Crampton“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

 

Owa raha — Ugi, 8. Juni 1893

Wieder gingen, als wir zeitig morgens die Anker lichteten, um Owa raha zu verlassen, heftige Regenböen nieder. Die Ausfahrt, besonders aber das Wenden des Schiffes in dem von den Korallenriffen so beengten Hafen war, wie bei der Ankunft, schwierig. Zum Glück besserte sich das Wetter, als wir mit nordwestlichem Kurs längs der Küste von San Cristoval dahinfuhren, so dass wir freie Aussicht auf diese dicht bewachsene Insel mit ihren bis zu 1250 m aufsteigenden Bergen hatten. Nach Doublierung des Cap Kibeck oder Mahua kamen steuerbord die Inselgruppe Three Sisters, deren größtes Eiland Malan paina ist, und bald darauf die Insel Ugi, unser heutiges Reiseziel, in Sicht. Zahlreiche Delphine und einzelne Seevögel belebten die ruhige See, welche, dem schönen Tag entsprechend, eine intensiv blaue Färbung angenommen hatte.

Die Selwyn Bay, an der Westseite von Ugi, wo wir vor Anker gingen, ist eigentlich nur eine ziemlich offene Rhede in landschaftlich schöner Umgebung. Wir mussten an die das Ufer umsäumende Korallenbank ganz nahe heranfahren, welche so plötzlich abfällt, dass die Bai sich rasch vertieft und die Lotung, nachdem der Anker in 20 Faden Tiefe gefallen war, beim Fallreep schon 32 Faden zeigte.

Auf Ugi lebt ein Engländer mit einem Gehilfen, welche hier ein kleines Kohlendepot bewachen, das zur Zeit unserer Ankunft eben durch einen Segelschoner ergänzt wurde. Außerdem bestehen auf Ugi nur noch, zwischen Bäumen lauschig verborgen, einige Ansiedlungen von Eingeborenen, welche demselben Stamm angehören, wie jene auf Owa raha.

Mit einem Boot sofort ans Land eilend, suchte ich die beiden Europäer auf. Diese Kohlenwächter, die wohl mit Recht als einsame Menschen bezeichnet werden dürfen, führten mich in das Innere der aus Brettern hergestellten Hütte, in der nur die Menge von Waffen bemerkenswert erschien, mit welchen die beiden ausgerüstet sind, um sich etwaiger Überfälle seitens der Eingeborenen zu erwehren.

Hodek photographierte die Gruppe Wilder, welche neugierig die Station umstanden, und dann drangen wir in das Innere der Insel ein, wobei als Führer einige Eingeborene fungierten, die uns von den beiden Engländern als halbwegs verlässliche Begleiter bezeichnet worden waren.

Das sich unseren Blicken darbietende Vegetationsbild war nicht minder herrlich als jenes, welches uns auf Owa raha so sehr entzückt hatte; doch bemerkten wir zu Gunsten der landschaftlichen Reize Ugis hier überdies eine große Anzahl kleiner Bäche, die als kristallklare Gewässer rauschend und plätschernd zwischen den prächtigen Bäumen hindurch der Küste zueilten. Den Ufern der Bäche entlang erstanden im Schatten der Baumriesen, von zahllosen, bunten Schmetterlingen umgaukelt, märchenhaft schöne Plätzchen vor unseren Augen.
Auch die Vogelwelt war hier in lieblichster Weise vertreten, wiewohl der eine der beiden Stationswächter, welchen wir eingehend über das Vorkommen von Wild und insbesondere von Vögeln befragt hatten, uns versicherte, dass es auf Ugi nur eine Art von großen Tauben, aber keine Papageien u. dgl. gäbe.

Ich war kaum 100 Schritte in den Wald eingedrungen, als mir der erste Schuss schon einen prachtvollen, ganz roten Papagei (Eos cardinalis) brachte, und ich gleich darauf eine wunderschön gefärbte Taube (Ptilopus eugeniae) mit schneeweißem Kopf, karminrotem Brustfleck, gelbem Bauch und grün und violett gestreiften Flügeln schoss. Unmittelbar nachher strich von einer hohen Dracaene ein größerer Vogel ab, den ich erlegte. Es war dies das männliche Exemplar eines Edelpapageis (Eclectus pectoralis); derselbe ist grün, mit blauen Flügelenden; unter den Flügeln befinden sich hellrote Federn, der Schnabel ist orangegelb. Die Größe dieses Papageis entspricht jener einer starken Haustaube. Das Weibchen ist ganz abweichend gefärbt, nämlich intensiv scharlachrot, auf dem Nacken, dem Bauch und den
Flügeln aber himmelblau. Im weiteren Verlauf meines Umherstreifens schoss ich noch eine scharlachrote Nectarine (Mysomela pulcherrima), eine ganz kaffeebraune Taube von der Gestalt einer Turteltaube und zwei große Fruchttauben (Carpophaga pistrinaria), ferner ein Paar der prachtvollen Banda-Papageien (Lorius chlorocercus), die an ihrem Gefieder alle Farben des Regenbogens tragen und zu den schönsten Papageien überhaupt zählen dürften. Die Vögel waren, obschon sie sich unablässig hören ließen, in den dichtlaubigen, riesenhaften Bäumen des Urwaldes äußerst schwer zu erblicken.

So mochte ich, die tropische Waldes- und Blütenpracht bewundernd und ab und zu nach bunten Vögeln auslugend, ungefähr eine Stunde lang fortgeschritten sein, als ich zu einem klaren Bach gelangte, den ich, ein bei der großen Hitze angenehm kühlendes Bad nehmend, durchwatete. Jenseits desselben befand ich mich unvermutet mitten in einem Dorf, Ete-Ete genannt, und traf hier auf eine größere Anzahl der Herren vom Stab, welche mit Eingeborenen schon im regsten Tauschhandel begriffen waren. Nach und nach fanden sich auch meine Herren ein, deren jeder interessante Jagdbeute, namentlich an Papageien, gemacht hatte. Wie die Offiziere berichteten, hatten sich bei ihrer Ankunft die gesamten Einwohner des Dorfes, allen voran die Weiber, geflüchtet und im Wald versteckt und waren erst nach geraumer Zeit die beherzteren, da sie sich nicht bedroht gesehen, wieder erschienen, worauf sie nach längerem Parlamentieren Speere und andere Tauschobjekte herbeibrachten. Der Wert geprägten Geldes schien den Leuten geläufig zu sein; denn während sie Tabakfabrikate, Gewebe oder Perlen gleichgültig betrachteten, gaben sie für eine Münze, namentlich für amerikanische Dollars, welche besonderen Anwert fanden, alles hin, was sie besaßen, bis auf den aus Muscheln oder Hundezähnen bestehenden Halsschmuck, der ihnen um keinen Preis feil war. So erstanden wir hier Waffen und Fischereigerätschaften, worunter eigentümlich geformte, mit sechsteiliger Zahnung versehene, hölzerne Harpunen, ferner Haarkämme u. a. m.

Als Vermittler bei dem Tauschhandel dienten uns neben einem der Stationswächter, welcher die Herren vom Stab als Dolmetsch begleitet hatte, zwei seltsame Käuze, Rora und Belingi mit Namen, die Häuptlinge der zwei Stämme umfassenden Dorfschaft. Roras höchst abschreckendes Äußere war durch das Abzeichen seiner Würde, einen alten, lichtgrauen, des Deckels entbehrenden Filzhut von abnormer Höhe, der gleichzeitig auch sein einziges Kleidungsstück bildete, keineswegs verschönt; das zylindrische Ungetüm soll aus dem Besitz eines erschlagenen und sodann verspeisten Missionärs herrühren. Die rechte Hand Roras stak, da er beim Fischfang Wunden davongetragen hatte, in einem Sack. Belingi, der Mitregent, schien in hohem Alter zu stehen und mochte manchen harten Strauß mitgemacht haben; denn der Körper dieses Häuptlings war mit tiefen Narben bedeckt, und wir konnten insbesondere auf der Brust deutlich die Stelle wahrnehmen, wo ein schwerer Speer eingedrungen und quer durch den Leib gefahren war.

Selbst diese alten Herren zeigten sich ängstlich und misstrauisch, da sie durch die große Anzahl Weißer, das Schießen und Jagen in der Nähe des Dorfes nicht wenig erschreckt waren. Endlich brachten wir die Beiden dennoch so weit, dass sie mir selbst zwei jener großen, mit Perlmutter eingelegten, hölzernen Kochgeschirre, deren sich die Insulaner bei großen Festmählern, namentlich beim Schmause von Menschenfleisch, zu bedienen pflegen, überließen. Es sind dies aus ausgehöhlten Stämmen verfertigte, 1 m lange Tröge, die an der Außenwand mehr oder minder reich verziert sind. Ja, mit der Zeit erklärten sich die Häuptlinge sogar bereit, ihre Frauen und Mädchen herbeizurufen und sie, malerisch gruppiert, von Hodek photographieren zu lassen; nur wurde die Bedingung gestellt, dass, den Photographen ausgenommen, kein Weißer das Antlitz der Damen beschaue. Infolge dessen mussten wir, während Hodek die Aufnahme durchführte, hinter eine Hütte treten und konnten erst dann das Dorf weiter durchstöbern. Hier zeigten sich in der Nähe ihrer Hütten einige der sehr decolletierten Damen denn doch unseren Blicken; sobald wir aber diese neugierigen Schönen von Ete-Ete in Augenschein genommen hatten, wünschten wir, dass auch diese verborgen geblieben wären.

Die Hütten Ete-Etes ähnelten in Anlage und Ausschmückung so ziemlich jenen von Owa raha, doch waren die Heiligen Stätten auf Ugi ärmlicher ausgerüstet. Es mangelten hier die Delphinsärge, die Schnitzereien waren dürftiger und die Fetische schmuckloser. Dafür fanden wir in Ete-Ete Kriegskanus vor; doch war es unmöglich, eines derselben oder einen Fetisch zu erwerben, da weder Geld noch gute Worte fruchteten, obgleich ich schließlich für die Überlassung dieser mir interessanten, den Insulanern aber geheiligten Gegenstände sogar mehrere Sovereigns anbot.

Die Bewohner von Ete-Ete glichen ebenfalls jenen von Owa raha, litten jedoch zum Teil an einem garstigen Hautausschlag, der sich bei einzelnen Individuen recht unangenehm bemerkbar machte. In den Schmuckgegenständen fanden sich nur kleine Unterschiede; so waren die Halsketten reicher, die meisten Armringe aber aus weißem Steingute, somit offenbar europäischer Provenienz.

Der Erwähnung wert ist noch eine Begräbnisstätte, welche zur Aufbewahrung der Reste Vornehmer dient und in einer kleinen, mit Palmenblättern gedeckten Hütte besteht, in der eine Estrade die zum Bleichen ausgelegten Schädel trägt. Unweit von hier, zum Teile verborgen, lagen Bruchstücke menschlicher Knochen, die wohl keinen Zweifel daran gestatteten, dass wir hier die traurigen Überbleibsel scheußlicher Gastereien vor uns hatten.

Meinen Weg durch den Wald fortsetzend, erlegte ich noch einige Vögel, musste aber nach kurzer Zeit der Küste zuschreiten, da wir alle hier bei Sonnenuntergang einzutreffen hatten. Der Ausflug schloss damit, dass wir dem Strand entlang langsam und fast stets in der See watend nach Ete-Ete zurückwanderten und die harrenden Boote bestiegen, welche uns an Bord brachten.

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  • Ort: Ugi, Salomon Inseln
  • ANNO – am 08.06.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse liefert einen langen Bericht über Franz Ferdinands Java-Aufenthalt im April.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Meister von Palmyra“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Owa raha, 7. Juni 1893

Die tropische Regenzeit, in die wir jetzt wieder eintreten, macht sich in unangenehm fühlbarer Weise immer mehr geltend; sehr heftige Böen wechseln mit kurzen Phasen schönen Wetters ab. Gegen Mittag tauchten aus einer Wolkenwand, die sich bisher vor unsere Blicke gelagert hatte, die Höhen der Insel San Cristoval und die der Südostspitze dieser Insel vorliegenden Eilande Owa raha (Sta. Anna) und Owa riki (Sta. Catalina) empor.

Die Gruppe der Salomon-Inseln zieht sich in der Richtung von Nordwest nach Südost durch 10 Breitegrade; der nördlichste Punkt der Salomonen, das Cap North der Insel Buka, liegt unter 5° südlicher Breite und 154° 35′ östlicher Länge, der südlichste, die vorerwähnte Insel Owa riki, unter 10° 54′ südlicher Breite und 162° 30′ östlicher Länge. Der gesamte Flächeninhalt der Salomonen wird auf etwa 43.900 km2, die Zahl der Einwohner auf beiläufig 180.000 geschätzt. Die zahlreichen Inseln dieses Archipels sind zum größten Teil von einer spanischen Expedition unter dem Befehl Alvaro Mendana de Neyras entdeckt und von ihm in dem Glauben, ein neues goldreiches Ophir vor sich zu haben, dem biblischen König Salomo zu Ehren Salomon-Inseln benannt worden. Diese Expedition, aus zwei Schiffen, „Almirante“ und „Capitano“, bestehend, war von Lope Garcia de Castro, Gouverneur von Peru, ausgesandt worden, um Entdeckungen im Stillen Ozean zu machen. Sie hatte 1567 den Hafen von Callao verlassen, das Jahr 1568 der Entdeckung der Salomonen gewidmet und war 1569 wieder nach Callao zurückgekehrt. Im Jahre 1768, also genau zweihundert Jahre später, hat Bougainville auf seiner Weltreise die Salomonen neu entdeckt und die beiden großen nordöstlichen Inseln, Bougainville und Choiseul, neu benannt.

Wiewohl im Lauf unseres Jahrhunderts einige Male besucht, bilden die Salomon-Inseln doch auch heute noch, namentlich was die vielen, kleinen Inseltrabanten anbelangt, ein fruchtbares, weil nahezu noch unbekanntes Gebiet für den Forscher und ganz speziell für den Ethnographen.

Die Salomonen sind in zwei Reihen angeordnet. Der nordöstlichen Reihe gehören vier größere Inseln an: Bougainville, Choiseul, Ysabel — diese drei sind deutsches Schutzgebiet — und Malaita, welch letztere Insel nebst den die südwestliche Reihe bildenden drei größeren Inseln, Neu-Georgia, Guadalcanar und San Cristoval, britisches Schutzgebiet darstellt. Beide Reihen sind, wie bereits bemerkt, von zahlreichen kleinen, mitunter geradezu winzigen Eilanden begleitet.

Das Ziel der Reise bildete zunächst das Eiland Ugi, nördlich von San Cristoval. Da uns am Mittage des 7. noch 70 Seemeilen von der Küste von Ugi trennten, das Anlaufen bei Dunkelheit jedoch, zumal zahlreiche Regenböen Schwierigkeiten beim Landen voraussehen ließen, nicht rätlich erschien, beschloss der Kommandant, eine näher liegende Bucht (Port Mary) auf der Südwestseite der östlich von San Cristoval gelegenen Insel Owa raha aufzusuchen.
Weil die Lotungen und Küstenaufnahmen im ganzen Gebiet der Salomonen noch sehr unverlässlich sind, gestaltete sich unsere Einfahrt in die kleine, aber durch Randriffe gegen Seegang gut geschützte Bucht ebenso schwierig als interessant. Zwei Jollboote wurden vorausgesandt, um die schmale, zwei Kabel breite Einfahrt auszuloten und in derselben als Markierungspunkte zu dienen, zwischen welchen hindurchgesteuert wurde.

Die Bucht selbst, in der wir uns dann verankerten, hat nur wenige hundert Meter im Durchmesser und ist von der Seeseite überall von Korallenriffen umgeben, die bei Ebbe sogar zutage liegen. Von der Landseite geht dichter Wald, in welchem zahlreiche Palmen sichtbar waren, bis hart an das Ufer heran, und wir konnten die Hütten einer Ansiedlung Eingeborener unter den Bäumen wahrnehmen. Schöne, friedliche Natur lag schlummernd ringsum, nur gestört von den ob unseres Erscheinens in Aufregung versetzten Wilden von Owa raha.
Schon während der Einfahrt in die Bucht hatten wir ein kleines Kanu, in Welchem Eingeborene ihre primitiven Ruder gebrauchten, vom Land abstoßen gesehen, und entdeckten, als das Fahrzeug nahe gekommen war, in demselben einen Weißen, der sofort an Bord kam und vorerst, da er die „Elisabeth“ für ein französisches Kriegsschiff hielt, Misstrauen bezeugte. Sobald ihm über die Nationalität unseres Schiffes Aufklärung geworden war, wurde der Weiße gesprächiger und berichtete, dass er auf Owa raha erst seit einigen Monaten sich aufhalte, hier Handel treibe und mit den Eingeborenen, welche übrigens seinen Vorgänger wegen einiger Meinungsverschiedenheiten erschlagen hätten, auf freundlichem Fuße stehe.

Wir waren sehr erstaunt, hier einen Europäer zu finden, da sich nach allen Aussagen dermalen nur in dem südöstlichen Teile der Salomon-Inseln, und zwar in Ugi, zwei oder drei Weiße aufhalten sollen. Über die Nationalität des sich der englischen Sprache bedienenden Mannes konnten wir nicht recht klar werden, da er in dieser Beziehung keinerlei Andeutungen machte und sich überhaupt wortkarg zeigte, was den Verdacht rechtfertigte, dass derselbe ein Deserteur oder ein entsprungener Sträfling aus den Kolonien sei.

Die noch ganz wilden und anthropophagen Bewohner der Salomon-Inseln sind äußerst heimtückisch, hinterlistig und besonders den Weißen gefährlich, wie wohl aus der Tatsache hervorgeht, dass vom Juni 1889 bis Anfang 1890, also in wenigen Monaten, nicht weniger als sechs Weiße an verschiedenen Plätzen von den Eingeborenen der Salomonen ermordet worden sind.

Behufs Landung auf Owa raha wurde unverzüglich eine Expedition organisiert, die in zwei Partien abging; die eine derselben, unter meine Führung gestellt und aus einigen Herren sowie dem Weißen bestehend, dem die Aufgabe zufiel, als Dolmetsch zu fungieren, bezweckte die Erforschung der Ansiedlung, während die andere, Mallinarich und zwei Matrosen umfassend, möglichst viel Korallen und andere Seetiere fischen sollte.

Wenige Ruderschläge brachten unser Boot in der Nähe der Ansiedlung ans Land, doch hatten wir dieses kaum betreten, als ein wahrhaft tropischer Regenguss niederging, der uns in wenigen Minuten bis auf die Haut durchnässte. Weil die wilden Bewohner der Südsee die liebliche Gewohnheit haben, Weißen, welche eine Landung bewerkstelligen, ohne die Boote zu schützen, diese zu rauben und dann den Gelandeten den Rückzug abzuschneiden, ließen wir bei dem Boot einen Teil von dessen Bemannung unter Kommando eines Kadetten zurück, während vier Matrosen, mit Mannlicher Gewehren bewaffnet, uns ans Land begleiteten.

Zunächst besichtigten wir die Behausung des Weißen, eine recht nett eingerichtete und ganz wohnliche Hütte, rings um welche sich eine kleine Veranda zog, an deren Rückwand Käfige mit bunten Papageien hingen. Das Innere zeigte mehrere Räume, die teils als Wohnung, teils zur Aufbewahrung von Vorräten dienten. In der Küche begrüßte uns mit freundlichem Händedruck eine Melanesierin von rußschwarzer Hautfarbe, angeblich die Gattin des Ansiedlers, der wir galant eine Zigarre anboten, welche sie entgegennahm, sofort anzündete und zu rauchen begann. Die Gewandung der dunklen Dame war dem Klima und der Landessitte gemäß eine sehr dürftige und bestand im wesentlichen aus einem Schurz der kleinsten Gattung. Dank dieser Toilette vermochten wir die Gestalt der Melanesierin in Augenschein zu nehmen; sie war von mittlerer Statur und ebenmäßig, schlank gebaut; die Gesichtsbildung machte jedoch keineswegs einen anziehenden Eindruck, da diese flache, vorspringende Stirne, breite, semitisch geformte Nase, großen, dicklippigen Mund zeigte. Auch war das ohnehin schon hässliche Gesicht durch Nasenringe sowie dadurch entstellt, dass die Melanesierin, putzsüchtig, wie die ozeanische Rasse überhaupt zu sein pflegt, in den durchbohrten Ohren Gehänge trug, welche aus runden, an langen Nadeln befestigten Stücken Holz von ansehnlicher Größe bestanden.

Unsere ethnographischen Studien über den weiblichen Teil der Bevölkerung beschränkten sich auf jene, welche wir an der Frau des Ansiedlers anstellen konnten; diese war nämlich das einzige weibliche Wesen, das wir hier zu Gesicht bekamen; denn als wir in dem Dorf
angelangt waren, versteckten sich die schwarzen Schönen in das tiefste Innere ihrer Hütten, verrammelten die Türen mit Matten und ließen sich durchaus nicht mehr blicken.

Neben der Hütte des Weißen erhob sich eine größere Hütte, eine Heilige Stätte, Tabu genannt, in welcher die Eingeborenen ihre Kriegskanus aufbewahren und zugleich die Häuptlinge und Vornehmen ihres Stammes begraben. Solcher Stätten trafen wir vier im Dorf, und sind dieselben originell genug, um einer näheren Beschreibung wert zu erscheinen. Jede dieser Hütten bildet eine Art hoher Scheune, deren Stirnseite offen ist; das Dach ist mit Rinde gedeckt, und die Trag- sowie die Strebepfeiler und Sparren, mit einem Worte das ganze Gebälk, sind mit Schnitzerei geschmückt und bunt bemalt, wobei rot, weiß und schwarz vorherrschen. Dieser Zierrat stellt fratzenartige Götzenbilder in den erschrecklichsten Formen und in höchst realistischer Auffassungsweise dar, zumeist Menschengestalten mit sehr kurzen Füßen, langen, geraden Leibern und scheußlichen, von der üblichen hohen Kopfzier umgebenen Gesichtern. Eines dieser Holzbilder, das aus einem Pfeiler herausgeschnitzt war, erweckte meine besondere Aufmerksamkeit, da es sich als Karikatur eines englischen, die Bibel in Händen haltenden, mit Tropenhut und Schleier versehenen Missionärs erwies. Diese Fetische sollen von besonderen, im Ahnenkult eine Rolle spielenden Dämonen, Ataro, bewohnt sein. Als Schmuck dienten hier ferner, zu Hunderten, Unterkiefer des Schweines. Auf dem Boden der Scheune und auf Gestellen lagen die Kriegskanus, die sich durch ihre schlanke Form, durch Leichtigkeit und reiche Verzierung auszeichnen; insbesondere der Bug der Fahrzeuge, doch auch deren Seiten sind mit vielen Schnitzereien, vor allem aber mit Intarsiatura aus Perlmuscheln, von wahrhaft künstlerischem Geschmack versehen, deren Motive Tiergestalten sowie Blumen bilden. Die Boote, aus dünnen Brettern zusammengefügt und mit Harz verklebt, sind bis zu 7 m lang und kaum 1/2 m breit, doch findet man auch ganz kleine, anscheinend nur für einen einzigen Mann bestimmte Fahrzeuge.

In der Mitte der „Heiligen Halle“ erhebt sich ein Gerüst oder eigentlich ein Katafalk, auf dem in einer hölzernen Kiste die Gebeine des letztverstorbenen Häuptlings ruhen. Rings um diesen Katafalk sind bis zur Decke der Hütte gar sonderbare Särge angebracht, nämlich große, aus Holz geschnitzte Delphine von täuschender Naturtreue, die, innen hohl, die Schädel und Knochen der Angesehenen des Stammes zu bergen haben. Jeder dieser Holzdelphine ist in einem anderen Niveau befestigt, damit durch den Abstand des Sarges von der Decke der Hütte die Anzahl der Menschen markiert werde, welche der in dem Holzdelphine Beigesetzte zeitlebens getötet hat. Je höher, das heißt je näher der Decke der Sarg hängt, desto größer ist die Zahl der von dem Beigesetzten erschlagenen Feinde; je niedriger der Sarg Platz gefunden, desto kleiner ist dieselbe.

Die Eingeborenen der Salomon-Inseln gelten als leidenschaftliche Kannibalen, so dass die Erbeutung von Menschenleichen, um deren Fleisch gekocht zu verzehren, den Hauptzweck der unaufhörlichen Kämpfe und Kriegszüge der Insulaner bildet. Da die Einwohner jedes der Eilande und auf diesen wieder die einzelnen Stämme, ja sogar regelmäßig die Insassen benachbarter Dörfer untereinander in steter Fehde leben, lässt sich denken, wie häufig hier den Anthropophagen Gelegenheit geboten sein mag, ihrem scheußlichen Gelüste zu höhnen. Schon Mendana, dem Entdecker der Salomonen, wurde am 15. März 1568 auf Santa Ysabel zubereitetes Menschenfleisch angeboten. 1872 und noch später fanden englische Seefahrer gekochte Leichen und Reste solcher auf Santa Ysabel und San Cristoval, und selbst heute noch dauert dieser entsetzliche, jedem besseren Gefühle Hohn sprechende Barbarismus in gleichem Maße fort. Unsere Freunde von Owa raha fahren, wie uns versichert wurde, ziemlich häufig insbesondere nach dem benachbarten San Cristoval hinüber, um dort Feinde zu überfallen und zu töten, deren Leichnam hieher zu führen und daheim mit Behagen zu verzehren!

Die zwischen den Heiligen Stätten liegenden viereckigen Hütten der Eingeborenen sind klein, aber verhältnismäßig gut gebaut; jede derselben ist mit einem hohen, weit vorspringenden, aus Rinde, Palmenblättern oder Gräsern gefügten Dach versehen. An einer der aus Rohr konstruierten Wände erhebt sich stets ein Vorbau, auf dessen meterhohem Sockel die hier hausende Familie sich zur Zeit der Ruhe, in hockender Stellung gelagert, dem Rauchen von Tabak hingibt, welches Genussmittel die Europäer auf den Salomon-Inseln verbreitet haben. Die Rückwand des Vorbaues oder Söllers ist mit den Keulen, Speeren, Bogen, Pfeilen und Schilden der Bewohner geschmückt, und auch die geschnitzten Stöcke, welche die Eingeborenen bei ihren Festtänzen in den Händen zu tragen pflegen, sind hier verwahrt. Unter dem Söller findet sich eine Art Stall für die zahmen Schweine, welche in keiner Hütte fehlen dürfen und wie Hausgenossen betrachtet werden. Solch ein Söller mit seinem Schmucke, den lagernden, schmauchenden Eingeborenen, wobei die im Unterbau verwahrten Schweinchen ab und zu die Unterhaltung ihrer „Herrschaft“ durch Gegrunze beleben, liefert ein Genrebild seltsamer Art.

Das Innere der Hütte, welche durch eine niedrige, mit Bastmatten verdeckte Türe abgeschlossen ist, besteht, soweit wir von außen her sehen konnten, aus einem großen Raum, an dessen Wänden allerhand Gerätschaften hängen, und in dem an offener Feuerstelle, einer runden, mit großen Steinen ausgelegten, muldenartigen Vertiefung, gekocht wird. Eine Art spanischer Wand, aus rohem Geflechte, teilt in manchen der Hütten diesen Raum in kleinere Abteilungen, in welche sich die Frauen bei unserer Ankunft geflüchtet zu haben schienen, während die Männer bei unserer Wanderung von Hütte zu Hütte entweder uns ungescheut entgegenkamen oder doch auf der Schwelle ihrer Behausung standen und erstaunt auf die fremden Eindringlinge blickten.

Wie in Neu-Caledonien zeichnen sich auch die Bewohner von Owa raha durch ihre muskulöse, kräftige Gestalt aus, die Gesichtszüge aber, besonders bei älteren Leuten, sind durchwegs sehr hässlich; das krause, ungemein dichte Haar wird hier hinaufgekämmt und in einen Schopf gebunden. Im allgemeinen jedoch pflegen die Bewohner der Salomonen das Haar zu scheren oder herabhängend und zu kleinen Zöpfen geflochten zu tragen; bei einzelnen Leuten bemerkte ich hingegen als Eigentümlichkeit das Vorkommen von schlaff herabhängenden Haaren, die sich büschelweise zusammenlegen, so dass das Ganze der Decke eines Schnürlpudels vollkommen ähnelt. Manche der Eingeborenen haben eine etwas lichtere Hautfarbe und sind dadurch von ihren Genossen unterschieden, deren Farbe dunkelkaffeebraun, beinahe schwarz ist. Die Kleidung beschränkt sich fast allgemein nur auf Schmuckgegenstände; vor allem stecken die Eingeborenen von Owa raha die verschiedenartigsten Dinge in die Ohren, deren Läppchen durchstochen und künstlich derart vergrößert sind, dass Holzstücke, die mehrere Zentimeter im Durchmesser haben, hineingezwängt werden können. Als weitere Zier sehen wir den Hals- und Stirnschmuck, der aus Glasperlen oder aus Hundezähnen oder aus ganz kleinen, aneinandergereihten Muscheln besteht. Arm- und Fußringe sind meistenteils aus Geflecht, in das ebenfalls Muscheln oder Schnecken eingewoben sind, Nasenringe nicht selten aus Schildpatt hergestellt. Sehr beliebt sind europäische Hüte, und es gewährt einen äußerst komischen Anblick, so einen schwarzen Kerl nur mit einem alten Zylinder oder einem Strohhut bekleidet aus seiner Hütte treten zu sehen.

Die Natur bietet hier freiwillig so Vieles, dass die Eingeborenen fast gar nicht bemüssigt sind zu arbeiten; denn ihren Lebensunterhalt liefert ihnen die fischreiche See und das unerschöpfliche Pflanzenkleid des Landes; Schweine, Geflügel, Fische, Schildkröten, Muscheln bilden die Fleischnahrung der Eingeborenen. Doch sind diese im wesentlichen Vegetarier und nähren sich von allerlei Wurzeln, die ihnen Feld und Garten gewähren, so von der Yamswurzel und dem Taro, die hier auf Stellen, welche durch Feuer gerodet sind, kultiviert werden, ferner von den Früchten der Areca- und Sagopalme, der Musa sapientium und der Musa paradisiaca u. s. w. Als Genussmittel dienen, wie schon Mendana berichtet, Betel und ein aus den Wurzeln von Piper methysticum bereitetes, nicht nur stimulierendes, sondern auch berauschendes Getränk, Kawa genannt.

Das größte Vergnügen der Insulaner ist Rauchen und Betelkauen; nie sieht man die männlichen Eingeborenen ohne Tabak, den sie sich durch Tauschhandel verschaffen, noch ohne Betelbüchse, ja auch die meisten Frauen pflegen aus kurzen Pfeifen zu rauchen. Das Geschenk von einigen Zigarren machte die Männer, die wir zu Gesicht bekamen, sofort vertrauter, die ursprüngliche Scheu wich, und einer von ihnen zeigte sich, dank der angebotenen Zigarre, so vergnügt, dass er, mit den Armen in der Luft herumfuchtelnd, eine Art Tanz begann, den er mit Geschrei und den komischsten Gestikulationen begleitete.

Wir baten nun unseren europäischen Führer, uns ein wenig in das Innere der Insel zu führen, wozu er sich nach längerem Parlamentieren bereit zeigte, und wurden von ihm zuerst einige Zeit die Küste entlang und dann auf einem schmalen Saumpfad in den Wald geleitet. In diesem Augenblick entfuhr uns allen ein Ruf des Erstaunens; denn die Pracht der Pflanzenwelt, in die wir uns mit einem Schlageversetzt sahen, war geradezu überwältigend: die schmale Schlucht, die uns aufnahm, wurde zu beiden Seiten von porösen, aus Tuffstein gebildeten Mauern eingefasst, und diese sowie der Boden zeigten sich über und über mit den herrlichsten Palmen, namentlich Elfenbeinpalmen (Phytelephas), Pandanen, Farnbäumen, besetzt, zu deren Wipfeln sich, Ast und Stamm umschlingend, hunderterlei wuchernde Blattgewächse emporrankten.
Jeder Schritt ließ vor unseren entzückten Blicken neue Formen erstehen, noch nie geschaute merkwürdige Pflanzen auftauchen und Gewächse erscheinen, die keines unserer Warmhäuser birgt, kein Buch zu nennen weiß. Ich bedauerte lebhaft, nur unsere heimische, nicht
aber auch die Flora der tropischen Länder zu kennen, um doch mindestens einen Teil der Ordnungen, Familien und Gattungen der mir hier entgegentretenden Pflanzen bestimmen zu können.

Die in phytologischer Beziehung noch so wenig bekannten und mangelhaft durchforschten Salomon-Inseln scheinen in Bezug auf Mannigfaltigkeit, Formenreichtum und Üppigkeit geradezu einzig dazustehen; ja zuweilen war hier selbst das herrliche Vegetationsbild Javas in den Hintergrund gedrängt. Feuchtigkeit, Wärme und Boden vereinen sich hier, um in den undurchdringlichen Urwäldern der Niederungen bis hoch empor zu den höchsten Gipfeln der Bergzüge tropische Pflanzen aller Arten in größter Üppigkeit zur Entfaltung zu bringen, so dass eine Wanderung durch die märchenhafte Pflanzenwelt Owa rahas jeden Freund der Natur mit aufrichtigem Entzücken erfüllen muss. Jedes Fleckchen, zu dem wir kamen, schien dem allerreichsten unserer Warmhäuser zu entstammen; was wir daheim als köstlichste Gaben des Glashauses, Glaskastens oder Blumentisches en miniature anstaunen, gedieh hier als mächtiger Baum, als Strauch, Kraut, Gras, Blüte gigantischer, üppigster Form. Der Boden — geologisch junge, eruptive Gesteine bilden die Hauptmasse der Salomon-Inseln — bietet eben in den humosen Zersetzungsprodukten der so reichen Pflanzensubstanzen im Verein mit der tropischen Wärme und den nicht beständigen, aber doch häufigen, großen Niederschlägen dieses Gebietes den Gewächsen einen unvergleichlichen Keim- und Wurzelgrund.

Hier stehen Ficus-Bäume, welche Stämme von wohl mehr als 80 m Höhe in die Lüfte emporsenden und mit ihren Riesenästen einen mehr als 100 m2 umfassenden Raum bedecken. Daneben erheben sich riesige Dracaenen, Araliaceen, Gummibäume, dazwischen die schönsten Fächerpalmen, und jeder der pfeilgeraden Stämme ist mit hunderterlei Schmarotzerpflanzen und Orchideen bedeckt, von Lianen aller Arten umfangen. Alles wächst, gedeiht, wuchert. Wo ein Baum von der Last der Jahre oder vom Windbruch gefällt zu Boden liegt, erstehen auf seinem Stamm in kurzer Frist wieder armdicke Bäume, und Luftwurzeln werden, sobald sie wieder die Mutter Erde erreicht haben, aufs neue zu selbständigen pflanzlichen Individuen. Jedes Gewächs trägt Frucht, jeder Same keimt, jeder Keim treibt Knospen und Blätter; überall sprießt junges Leben aus der Wiedergeburt der Pflanze. Nie hat die Hand eines Menschen an die Stämme dieses Urwaldes gerührt; schier unermesslich ragen sie empor gegen die Wolken. Um die Höhe eines dieser Riesen des Waldes annähernd zu bestimmen, bedienten wir
uns des einzigen Hilfsmittels, das hier zugebote stand, wir feuerten nämlich aus unseren besten Gewehren einen Schrotschuss nach Vögeln ab, die auf einem Wipfel aufgebaumt hatten, ohne diese jedoch mit der Ladung erreichen zu können.

Immer wieder behinderten in diesem jungfräulichen Wald die glatten Wurzeln und das zerrissene Tuffgestein unsere Schritte; doch kamen wir heute rascher fort als in anderen der bereits betretenen tropischen Wälder, weil die Lianen hier den Boden nicht allzu dicht überwuchern; ja selbst die sumpfigen Stellen, die häufig unseren Weg kreuzten und von den schönsten Blattpflanzen aller Größen und Arten erfüllt waren, konnten wir ausnahmslos unschwer überschreiten. So drangen wir, unaufhörlich bewundernd und beobachtend, vor, bis wir plötzlich am Gestade eines reizenden Sees standen, dessen Uferbäume, mit Stamm und Ästen zum Wasser niederhängend, so dicht aneinandergereiht waren, dass wir seinen Spiegel nur durch die Spalten der grünen Blätterwand übersehen konnten. Zu Ehren der „Elisabeth“, als des ersten Kriegsschiffes unserer Marine, welches die Salomon-Inseln besucht hat, gab ich dem weder in den Segelhandbüchern noch in den Karten verzeichneten, schönen Wasserbecken den Namen „Elisabeth-See“. Seine Breite beträgt etwa 400 m; die Länge war, da uns hiezu die Zeit mangelte, nicht zu ermitteln.

Die jagdliche Ausbeute dieser Expedition gestaltete sich zu einer sehr geringen; denn einerseits scheint Owa raha wenig faunistische Besonderheiten zu besitzen, und andererseits hatten sich die Vögel, des strömenden Regens halber, fast sämtlich in den Baumkronen verborgen. Nur am Rande des Elisabeth-Sees gelang es mir, zwei Tauben (Ptilopus richardsi und Carpophaga pistrinaria) zu erlegen.

Allmählich war der Abend hereingebrochen, so dass wir den neugetauften See verlassen mussten, um nach dem Dorf von Owa raha zurückzukehren, wo sich, da der Regen zum Glück nachgelassen hatte, bald ein lebhafter Tauschhandel entwickelte. Nach Tabakfabrikaten, besonders Virginia-Zigarren, war die Nachfrage seitens der Eingeborenen eine äußerst lebhafte, während Toiletteartikel flauer blieben. Für zwei Zigaretten erhielt ich einen schönen Speer, hingegen nur einen geflochtenen Beutel, der als Betelbehälter gedient hatte, für ein farbiges Taschentuch. So ist denn das auf dem Wiener Graben erkaufte zarte Batisttüchlein als Schmuck und einziges Kleidungsstück an den Hals einer dunklen Anthropophagin gewandert! Auch mehrere der Herren vom Stab vermochten dem regen Angebote von hölzernen Speeren, Harpunen und Schmuckgegenständen nicht zu widerstehen und gaben dafür allerlei heimatliche Artikel hin, so dass wir mit reich gefüllten Booten endlich an Bord zurückkehrten.

Weniger gut als unserer Expedition war es aber Mallinarich ergangen. Dieser hatte sich mit den ihm beigegebenen zwei Matrosen schon nächst dem Dorfe von uns getrennt und war, indessen wir gegen Osten wanderten, westwärts ausgezogen, um, meinem Wunsch folgend, Korallen und Muscheln zu sammeln.

Alles hatte gemessenen Befehl erhalten, bei Sonnenuntergang an Bord zu sein, doch war dieser Zeitpunkt schon lange verstrichen, ohne dass jemand von der Expedition Mallinarich sich hätte blicken lassen, und Stunde um Stunde verrann, bis endlich allgemeine Aufregung auf der „Elisabeth“ herrschte. Die abenteuerlichsten Vermutungen über das Ausbleiben der Expedition wurden hörbar, da die einen dieselbe in Gefangenschaft geraten sahen, die anderen gar behaupteten, nun werde Mallinarich gewiss schon als Leckerbissen in einem großen Kessel geschmort. Die meisten unter uns jedoch waren, gleich mir, der Ansicht, dass sich die Expedition verirrt habe und vor Anbruch des Morgens nicht an Bord zurück sein könne. Der Kommandant ließ mit den großen elektrischen Projektoren die ganze Küste beleuchten, und ein Boot mit Bewaffneten spähte am Strand aus, aber nichts zeigte sich. Endlich wurde eine größere Abteilung, mit Laternen und Raketen versehen, unter Kommando von Offizieren auf die Suche ausgesandt und wollte eben in das Innere der Insel vordringen, als von einem Cap wiederholt Signalschüsse ertönten. Sofort wurde ein Boot dahin dirigiert, und nach 10 Uhr abends waren Mallinarich sowie die beiden Matrosen ganz ermattet, aber gesund an Bord zurück.

Den Strand absuchend, waren sie im Eifer des Sammeins allzuweit abgekommen, so dass sie vom Einbruch des Abends überrascht und plötzlich, als es eben zu dunkeln begann, etwa fünfzehn Eingeborene gewahr wurden, welche den Weg nach dem Strand hin absperrten. Rasch entschlossen wenden sich die Drei wieder der Richtung zu, aus welcher sie gekommen waren, doch auch auf dieser Seite treten Eingeborene, fünf an der Zahl, aus dem Wald, und so ist unsere Trias von bewaffneten Wilden, die eine immer drohendere Haltung annehmen, förmlich umzingelt. Eine Lücke in dem ihn und die beiden Matrosen umgebenden Kreise erspähend, beschließt Mallinarich hier die Reihe der Feinde zu durchbrechen, feuert einen Schuss gegen dieselben ab, wirft den nächststehenden Wilden zu Boden und entkommt so samt den Matrosen der feindlichen Schar. Da diese jedoch ihren Posten zwischen den Bedrohten sowie den Booten beibehält und daher den Rückzug zu den Fahrzeugen abschneidet, sehen sich unsere Leute genötigt, die Runde um die ganze Insel herum zu machen, wobei natürlich die Mehrzahl der am Strand aufgelesenen Objekte als gefährlicher Ballast zurückgelassen werden muss.

Vielleicht war Mallinarich, da sich möglicherweise die Wilden hätten durch Parlamentieren beschwichtigen lassen, etwas zu energisch vorgegangen; andererseits aber mag die Situation, in welcher er sich befunden hatte, eine recht peinliche und auch der Nachtmarsch nicht eben angenehm gewesen sein. Jedenfalls war Grund genug vorhanden, die Heimgekehrten und uns selbst zu beglückwünschen, dass alles glatt abgelaufen war.

Die Eingeborenen im Dorfe hatten sicherlich rasch Kunde von dem Vorfall erhalten; denn wiewohl sie, als ich am Abend dort eingetroffen war, bestimmt zugesagt hatten, mit neuen Tauschobjekten an Bord zu erscheinen, ließ sich keiner mehr blicken.

Ich benützte den Abend, um in der schönen, ruhigen Bai einen mir ganz neuen Sport, Fischestechen bei Licht, zu versuchen, worin unser braver Bootsmann Zamberlin Meister war. Dieser rüstete mit der vollen Fertigkeit, welche die Bewohner unserer Küste in derlei Übungen auszeichnet, das Jollboot aus, indem er an dessen Spitze den erforderlichen, höchst einfachen Beleuchtungsapparat anbrachte. Letzterer bestand lediglich aus einem pfannenartigen Rost, in welchem mittels Teers und trockenen Fichtenholzes ein so intensiv brennendes Feuer unterhalten wurde, dass die See bis zu beträchtlicher Tiefe hinab hell beleuchtet war.

Langsam fuhren wir über die Korallenbänke hin, niederblickend zu den mannigfaltigen, phantastisch geformten Gebilden, die im Schein unserer Lichtquelle rötlich schimmernd auftauchten. Hier erhoben sich liliputanische Wälder und Blumenbeete, dort starrte ein Koralleninselchen von Stacheln, Spitzen und Armen; dann bildete die kalkige Masse Grotten und Höhlen, in welchen allerlei kleine, lichtrote, himmelblaue, grasgrüne, silberglänzende Fische auf und nieder schossen. Dazwischen lagen träge Seesterne, Seeigel und Holothurien oder Seegurken, und alles das leuchtete, schimmerte, strahlte, sobald das Licht einfiel, in den buntesten Farben, in den zartesten Nuancen, wie sie eben nur das Seewasser mit seinem eigentümlichen Brechungsvermögen hervorzurufen vermag.

Größere Fische sahen wir nur zu Beginn der Fahrt, dann aber waren sie, vom Schalle der Ruder und vom Scheine des Lichtes erschreckt, scheu in die Tiefen entschwunden. Dennoch gelang es unserem Bootsmann, der, Neptun gleichend, mit der Harpune bewehrt am Bug stand, einzelne merkwürdige Stücke zu erbeuten, so einen ganz weißen Rochen, eine Art Mondfisch, mehrere aalähnliche Fische mit reiherartigem Schnabel und spitzen Zähnen, eine selten schöne Languste mit schwarzgelb geränderten Extremitäten und grünen Rückenschildern. Wo die See Wellen warf, wurde geölt, was die Sicherheit des Fischestechens wesentlich erhöhte.

Der Blick in die nächtlichen, jäh erleuchteten Tiefen des Meeres, auf die Korallengebilde und auf all die seltsamen Bewohner der See, das Fischestechen, der eigentümliche Zauber der ganzen Fahrt — alles hat sich meiner Erinnerung lebhaft eingeprägt.

Links

  • Ort: Owa raha, Salomon Inseln
  • ANNO – am 07.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Ein Wintermärchen“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

In See nach den Salomon-Inseln, 5. und 6. Juni 1893

In der Nacht vom 4. auf den 5. Juni hatte die „Elisabeth“ bei den Loyalty-Inseln den östlichsten Punkt ihrer Reise — 167° 36′ östliche Länge von Greenwich — erreicht, und konnte zur selben Zeit in den Kurs auf San Cristoval der Salomon-Gruppe gesetzt werden. Der Wind blieb am 5. ziemlich konstant, so dass wir noch stark rollten, ließ aber am 6. nach. Die Temperatur auf Deck, vor allem aber in den Kabinen verkündete die nahende Tropenregion, und nahm auch das Wetter am 6. entsprechenden Charakter an; der Himmel trübte und umwölkte sich häufig, und Regenböen, die gegen Abend an Intensität zunahmen, gingen nieder.

Während des heftigsten Regens umstrich ein großer Schwarm von Seeschwalben (Hydrochelidon fuliginosa) das Schiff, deren sich einige auf die Raaen des Großmastes setzten und durch ihr Gekreische die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Als ein Matrose emporgeklettert war und trotz der großen Dunkelheit einen dieser Segler der Lüfte ohne Hilfsmittel mit der bloßen Hand gefangen hatte, kreisten die Seeschwalben, hiedurch aufgeschreckt, wieder umher und stießen gegen das Focklicht sowie gegen die beiden Positionslichter. Zwei der Vögel, offenbar sehr ermüdet, ließen sich auf Deck nieder und wurden hier ohne Mühe gefangen.

Wir verwendeten die beiden Tage, so gut dies bei Wind und Wetter eben ging, zur Verpackung unserer Erwerbungen aus Neu-Caledonien sowie zur Ergänzung unserer Tagebücher.

Links

  • Ort: In See nach den Salomon Inseln
  • ANNO – am 05.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.